Die versteckte Sprache der Sexualität

Erschienen: Nova 03/06

Erschienen: Spuren 04/06

Die Quellnymphe wecken

Vielleicht ist jetzt die Zeit reif, dass sich Frauen in ihrer Sexualität einen Schritt tiefer wagen. Dass sie ihre Vagina wecken und heilen. Ein möglicher Weg ist das Wissen um die weibliche Prostata, und ihre Erkundung.

 

Von Marlise Santiago

 

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, hie und da meinen ganzen Körper genau zu erforschen. Kindlich, die laufenden Veränderungen wahrzunehmen, anzuschauen, vielleicht auch den fortschreitenden Verlust der Jugend ein bisschen zu betrauern, um mich dann mit diesem immer wieder neuen Körper anzufreunden. Als ich vor ein paar Jahren meine Vagina erkundete, brach plötzlich ein ganz starkes, tiefes Gefühl aus meinem Herzen hervor. Da war auf einmal ein Ja. Einfach ein Ja. Und so wie dieses Ja aus dem Herzen brach, so brach kurz danach ein Schwall von Flüssigkeit aus meiner Vagina heraus. Das damit verbundene Gefühl war tiefe Hingabe. «Endlich weiss ich, was das heisst!», schoss es mir nach einer Zeit durch den Kopf, und ich war erfüllt von grosser Dankbarkeit.

Ich machte mir keine grossen Gedanken um diese Ausschüttung, denn ich wusste, dass es Frauen gibt, die ejakulieren. Aber das damit verbundene Gefühlserlebnis, war ein kostbares Geschenk, das es mir ermöglicht hat, mich immer tiefer zu öffnen, im Wissen: Mir kann dabei nichts passieren. Als mit der Zeit auch beim Lieben, in Momenten der tiefen Verbundenheit, dieser Flüssigkeitsstrom seinen Weg aus meinem Körper fand, wollte ich es genauer wissen. Ich fand jedoch kaum Literatur, die mir meine körperlichen Vorgänge hätte plausibel machen können, und der Kontakt mit Ärzten war auch nicht gerade erhellend: «Eine weibliche Ejakulation gibt es nicht. Das ist Urin.» Mein Freudensaft war aber weder gelb, noch roch er nach Urin, noch fühlte es sich an wie pinkeln. Oder: «Ja, es gibt scheinbar Frauen, die von Ejakulationen berichten. Aber woher die Flüssigkeit kommt, und wo sie austritt ist ungewiss.» Andere Ärzte greifen zum Skalpell, wenn Frauen Aufklärung suchen. «Das ist ein kleiner Eingriff. Danach haben Sie Ruhe», schilderte mir eine Klientin in der Sexualberatung die Reaktion ihres Arztes. So wurde ich auch beruflich damit konfrontiert, und ich hörte viel von Unsicherheit und Scham. Ich emfinde es als skandalös, dass Frauen sich für natürliche Vorgänge schämen und verstümmeln lassen.

 

Als Frau wird man damit konfrontiert, dass die Vagina ein mehr oder weniger leerer, empfindungsloser Schlauch sei, weil hier keine Nerven enden. In unserer Zeit der vermeintlichen sexuellen Freiheit, haben viele Frauen ihr Schatzkästchen jedoch zugeschlossen. Das tiefe Sehnen sich ganz zu öffnen, den Mann ganz aufzunehmen, miteinander zu verschmelzen, ist vielen Frauen abhanden gekommen. Die Angst ist zu gross. Dieser geheimste, intimste Frauen-Ort ist äusserst verletzbar, da er direkt mit dem emotionalen Erleben verknüpft ist. Verantwortlich dafür ist der Beckennerv, so wird vermutet, der auch den vaginalen Orgasmus auslösen kann, im Gegensatz zum Klitorisorgasmus, der vom Pudendusnerv ausgelöst wird.

Unsere Vagina ist äusserst empfindsam. Durch sexuelle Traumata, durch nicht gewollten, aber immer wieder zugelassenen Geschlechtsverkehr, durch Geburten, zu heftige Stösse beim Sex, Abtreibungen, unachtsame Berührungen als Kleinkind, psychische Abwertungen usw., kann die Vagina für tiefe Lustgefühle und Ekstase blind und taub werden. Sie muss von der Frau regelrecht erweckt, und geheilt werden, damit sie lebendig wird, wodurch vielleicht auch die tiefen, berührenden, alles erschütternden vaginalen Orgasmen möglich werden.

 

Durch die emotionale Verknüpfung kann es beim Wecken und Entdecken der Vagina und ihres erweiterten Potenzials, zu heftigem Weinen, Wutanfällen, oder ekstatischer Freude kommen. Zu Gefühlen eben. Auch dafür schämen sich Frauen, davor schützen sich Frauen. Sexualität ist keine Hochglanz-Prospekt-Angelegenheit, wo alles nach bestimmten ästhetischen Mustern abläuft. Sexualität ist zutiefst menschlich und damit auch gefühlsvoll, überraschend, sie kann riechen, tönen, und sie kann «saftig» sein. Es braucht Liebe und Geduld, und einen klaren Entscheid, damit sich Frauen langsam wieder auf ihre Vaginas einlassen können. Wenn ich Frauen, die zu mir in die Sexualberatung kommen, zur sorgfältigen vaginalen Selbstmassage anleite, oder selber eine Intimmassage gebe, darf sich oft mit der Zeit etwas öffnen, was lange eingeschlossen war. So lernt Frau achtsam zu sein, und wirklich Verantwortung für Ihre Vagina zu übernehmen.

 

Als in diesem Frühjahr ein Seminar von Deborah Sundahl* und Devaka Hoffmann* zum Thema G-Punkt und weibliche Ejakulation ausgeschrieben war, hab ich mich sofort angemeldet. Darüber wollte ich mehr wissen. Meine vorgängigen Bedenken waren, dass nun nach dem «Klitoristerror», und dem damit verbundenen «Orgas-Muss» für Frauen, die «Ejakulationspflicht» eingeführt werden könnte. Ich finde es zwar äusserst wichtig in der sexuellen Geschichte der Frauen, dass viele gelernt haben, sich über Klitorisperlenstimulation auch autonom mit Orgasmen zu versorgen. Nur, das ist meines Erachtens weder Sinn noch Ziel der Sexualität, und vor allem auch nicht das Erfüllendste daran, sondern lediglich eine schöne Zugabe.

Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich zum Glück nicht. Es war wohltuend und spannend, einfach zu forschen, und zu diesem Forschen gehört natürlich auch Wissen zur weiblichen Anatomie.:

 

Ich beginne mit dem G-Punkt, oder der G-Zone, wie ich lieber sage. Bei der G-Zone handelt es sich um die weibliche Prostata. Noch immer geistert die Vorstellung in den Köpfen, dass der G-Punkt eine Stelle in der Vagina ist, die einfach gedrückt zu werden brauche, und schon sei die Frau in grösstem Entzücken. Kein Wunder, finden ihn nur wenige. Denn so ein Punkt existiert tatsächlich nicht, jedenfalls nicht in einer schlummernden Vagina.

Es ist hilfreich für die Vorstellung und Bildung des eigenen, vollständigen Körperschemas, wenn die G-Zone als Organ betrachtet wird: Die Prostata liegt um die Harnröhre, eingebettet in Schwellgewebe. Dieses Prostata Schwellgewebe ist als G-Zone an der bauchseitigen Vaginalwand zu spüren. Sie erstreckt sich vom Gebiet rund um die Harnröhrenöffnung bis zu einem Punkt, der nur mit gebogenem Finger erreichbar ist. Die ganze Zone hebt sich vom übrigen, glatten, Vaginal-Gewebe durch Rippen und Rillen ab. Sie ist übrigens auch sichtbar: Wenn ein Spekulum um 45 Grand gedreht wird, ausgehend vom gynäkologischen Untersuch, zeigt sich ein grosser Teil der G-Region in ihrer ganzen Pracht.

 

Wenn die G-Zone stimuliert wird, sei es mit dem Finger, einem Dildo, oder durch Geschlechtsverkehr, schwillt sie an. Das heisst, das Schwellgewebe füllt sich mit Blut und die Drüsen in der Prostata füllensi hmit Flüssigkeit. Das verursacht ein, den meisten Frauen wohlbekanntes, Pinkelgefühl. Aber das ist in der Regel eben nicht die Blase, die sich jetzt meldet, sondern es ist ein Zeichen dafür, dass die Drüsen gefüllt, und zur Ausschüttung bereit sind. Die Gänge der Prostata-Drüsen münden in die Harnröhre. Bei einer Ausschüttung ergiesst sich die Flüssigkeit aus der Harnröhre. Wenn die Frau die Ejakulation unterdrückt, ergiesst sie sich rückwärts in die Blase, und wird beim nächsten urinieren ausgeschieden. Aus diesem Grund ist nach einem Geschlechtsverkehr oft die Blase voll. Die Menge des Freudenflusses variiert von Frau zu Frau, oder je nach Zyklusstand. Aber Sie kann locker ein volles Glas ausmachen. Fliessende Frauen haben entsprechende Unterlagen im Bett, und saugfähige Tücher zur Hand.

 

In der Frauenrunde des Seminars war eine grosse Berührtheit und Betroffenheit wahrzunehmen, als wir mit diesen anatomischen Fakten konfrontiert wurden, die uns immer wieder vorenthalten werden, oder über die sich Journalisten oder Ärzte gedankenlos hinwegsetzen. Die weibliche Prostata ist ein voll funktionsfähiges Organ des Urogenital-Traktes!

Ich selber fühlte mich lebendig in der Muschel, froh im Herzen, und irgendwie ganzer, endlich genau zu wissen, was in meinem Körper vorgeht. Andere Teilnehmerinnen schildern es als ein «wie nach Hause kommen», oder «das kann mir niemand mehr nehmen», oder «ich weiss jetzt endlich was mit der Verbindung zwischen Herz und Vagina gemeint ist. Ich spüre sie!», oder «ich fühle mich ganz.»

 

Es kommt mir vor, als wiederhole sich die Geschichte der Klitoris: erst bestritten, dann anerkannt. Ich betrachte es als eine Verletzung der Integrität des Frauenkörpers, wenn solche Tatsachen, die Frauen an sich selber zu Tausenden wahrnehmen, spüren, erahnen, sehen, zuerst von der gesamten Wissenschaft abgesegnet werden müssen, bevor sie den Frauen als wahr und richtig zugestanden werden. Abgesehen davon wurde die weibliche Prostata und ihr Funktionieren bereits1672 erstmals von einem Anatomen beschrieben.

Eine Teilnehmerin des Seminars drückte es so aus: «Ich bin zum Kurs gefahren mit der Frage, ist ja alles ganz spannend, aber warum sollte es für mich erstrebenswert sein, öfter zu ejakulieren? Ich habe dann entdeckt, dass es nicht darum geht, Flüssigkeit abzusondern - das ist eher nebensächlich. Für mich geht es viel mehr um das Gefühl, das mit einem Erguss einhergeht: Mein Innerstes möchte sich immer noch weiter öffnen, sich sozusagen nach aussen stülpen und sich durch meine Vagina in die Welt verströmen. Das ist ein sehr berührendes Gefühl von Hingabe, tiefer Nähe und Verbundenheit mit dem All-Einen, das ich bisher schon einige Male im Zusammensein mit meinem Partner erleben durfte.»

Ejakulieren soll also nicht etwa als neuen Kitzel, neue Technik oder neuer zu erreichender Irgendwas betrachtet, sondern sie kann als ein Teil der Essenz der weiblichen Sexualität angenommen werden.

 

 

Selbsterfahrung

Vielleicht sind Sie nun neugierig geworden, sich mit dem neuen theoretischen Wissen auf die Suche nach ihrer G-Zone zu machen, oder sie wieder einmal ausgiebig zu begrüssen. Tun Sie das im Wissen darum, dass Sie damit Ihr Körperbild vervollständigen, und Sie es dadurch mit der Zeit in Ihr Erleben integrieren können. Und wie wär’s, wenn Sie sich darüber auch mit ihrer besten Freundin austauschen?

 

 Experiment:

Richten Sie sich einen Platz ein, wo Sie ungestört sind, und wo Sie in Kissen gebettet bequem zurücklehnen können. Legen Sie ein dickes Badetuch bereit, Gleitmittel, einen Spiegel. Überlegen Sie sich, was Sie sonst noch in Ihrem Experiment unterstützen könnte. Musik, schönes Licht, oder was auch immer. Sie sind nackt, oder tragen einen Kimono, was Ihnen angenehmer ist. Setzen Sie sich bequem hin, schliessen die Augen, nehmen ein paar tiefe Atemzüge, versuchen zu entspannen, und richten dann Ihre ganze innere Aufmerksamkeit zur Vulva und in die Vagina. Versuchen Sie sich die einzelnen Fältchen und Blättchen und Furchen vorzustellen. Versuchen Sie sich auch vorzustellen, wie ihre Vagina mit der G-Zone aussieht. Verweilen Sie so einen Moment lang bei dieser Betrachtung.

Legen Sie dann ganz behutsam eine Hand auf ihren Venushügel und die andere Hand auf ihre Brust. Vielleicht genügt das für’s erste Mal auch schon.

Wenn Sie weiter gehen möchten, ölen Sie Vulva und Scheideneingang liebevoll mit Gleitmittel ein, und betrachten dieses zweite Gesicht im Spiegel. Untersuchen Sie ihre Vulva. Suchen und betrachten Sie die Harnröhrenöffnung. Wenn Sie weiter forschen mögen, drehen Sie sich jetzt auf die Knie, so dass Sie Ihren Oberkörper auf dem Bett oder auf Kissen abstützen können. Lassen Sie dann langsam Ihren Zeige- oder Mittelfinger mit der Handinnenfläche nach oben, in sich gleiten. Nicht drücken, nur so weit, und in dem Tempo, wie sich Ihre Vagina für Sie öffnet. Verweilen Sie so, bevor Sie sich auf Entdeckungsreise begeben.

Rund um die Harnröhrenöffnung, dieses knubelige Gewebe, ist der Kopf der G-Zone. Umkreisen Sie diesem Kopf. Machen Sie ganz langsame Bewegungen, oder verharren Sie, oder geben Druck. Bleiben Sie mit Ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei den Empfindungen, und atmen Sie. Lassen Sie dann den Finger tiefer gleiten, immer noch auf dem gerippten, gerillten Gewebe. Das ist der Körper dieses Organs. Tun Sie das selbe wie beim Kopf. Der G-Punkt mag keine schnellen, oder vibrierenden Bewegungen. In der Langsamkeit liegt der Schlüssel zum Empfinden. Dann krümmen Sie den Finger, wie wenn Sie deuten würden «komm», und fahren auf dem gerippten Gewebe weiter, bis ans Ende. Das ist der Schwanz der G-Zone. Nun fahren und streichen Sie die ganzen Konturen ab, verweilen, kreisen, oder geben Druck. Denken Sie daran, es geht um nichts weiter als darum, ein Gefühl, ein Bild für Ihre G-Fläche zu bekommen. Sie müssen nichts bestimmtes spüren, es geht nur ums entdecken, und Sie haben Zeit! Dann können Sie die Entdeckungsreise langsam ausklingen lassen.

Falls Sie vor dem Experiment auf der Toilette waren, jetzt aber ein starkes Pinkelgefühl wahrnehmen, können Sie das Tuch mehrmals gefaltet unter und vor sich legen, ganz in dieses Empfinden hineinatmen, und einfach laufen lassen. Manchmal funktioniert das Ejakulieren einfach so. Aber wie gesagt, das ist nicht das Ziel dieser Übung, sondern kann sich daraus bei einigen Frauen so ergeben.

Reflexion: Wie hat sich die Region des G-Zonen-Kopfes angefühlt? Wie die Region des Körpers, oder des Schwanzes? Hat es Stellen gegeben, die Sie nicht gespürt haben? Hat es Stellen gegeben, die sich lustvoll angefühlt haben? Welche Arten der Berührung waren an welcher Stelle am besten? Haben Sie Gefühle wahrgenommen, oder ist ein Bild aufgetaucht? Gibt es Stellen, wo Berührung unangenehm war? Oder Stellen, die ambivalente Wahrnehmungen offenbarten? Ist ihre G-Zone während der Erkundungen grösser geworden?

 

Wenn Sie sich ihrer Vagina, und den dazugehörenden Gefühlen, wie Wut, Trauer, Ekel, Freude, immer wieder liebevoll zuwenden, kann auf diese Art mit der Zeit die ursprüngliche Lebendigkeit und Empfindsamkeit wieder geweckt werden

 

 

 

* Deborah Sundahl, Expertin und Buchautorin. www.deborahsundahl.com

* Buch: Weibliche Ejakulation und der G-Punkt, Hans-Nietsch-Verlag, ISBN 3-934647-95-2

* Devaka Hoffmann, Tantralehrerin. www.sinnliche-wege.de

* Marlise Santiago, Sexualberaterin. www.beraten-und-beruehren.ch

Grenzen berühren

Erschienen: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik Dez 06

 

Mit welchen Grenzen werden BerühreInnen konfrontiert? Sind es eigene? Ist es die Gesellschaft, sind es Betreuende und Pflegende, oder KlientInnen die Grenzen schaffen? Eine Annäherung.

 

Ein Sturm wirbelte durch die Schweizer Presse, als Pro Infirmis ihr Berührerinnenprojekt lancierte. Ein erstes Grenzerlebnis für die Menschen, die sich dieser Ausbildung stellen wollten. Plötzlich war da in der Öffentlichkeit die Rede von Prostitution. Ist es Prostitution, wenn ich einen Menschen liebevoll umarme, ihn liebevoll berühre, seinen ganzen Körper, oder vielleicht auch nur die Hände streichle? Bin ich ProstituierteR, wenn ich einen Penis berühre, eine Vulva oder Vagina berühre? Liebevoll und mit Achtung, und in den meisten Fällen nicht mit einer Befriedigungsabsicht berühre. Hat es nicht sehr viel mit der Betrachtungsweise, mit der Einstellung, mit Norm- und Wertvorstellungen des Betrachters, der Betrachterin zu tun, was als Prostitution gesehen wird? Hat es nicht sehr viel damit zu tun, wie sich eine Gesellschaft dem Thema Sexualität stellt? Hat es nicht sehr viel damit zu tun, was wir unter Liebe und Anteilnahme verstehen? Die wenigsten Menschen haben selber die Erfahrung gemacht, dass berühren, auch sinnlich berühren, auch wenn es bezahlt ist, von Herzen kommen kann. Es passt nicht ins Weltbild, also wird es abgelehnt. Die wenigsten Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass der Sinn und das Wesen der Sexualität nicht die genitale Befriedigung ist, sondern etwas viel Grösseres.

 

Ich staune immer wieder: alles ist sexualisiert. Locker wird vom Auto bis zur Zahnbürste alles mit Sex verkauft, in den Medien wird hemmungslos über die krankhaftesten Sexpraktiken berichtet, im Sommerloch werden Pornofilme besprochen, als wären es Studiofilme usw., man ist ja schliesslich nicht prüde. Aber dann kommt ein Thema, ganz menschlich, ganz simpel ganz unspektakulär: Menschen und ihre sexuellen Bedürfnisse, genauer gesagt, Menschen mit Behinderung und ihre sexuellen Bedürfnisse. Haben die das? Dürfen die das? Wie dürfen die das? Sollen die mit Streichelsex abgespiesen werden? Sollen die in die Prostitution getrieben werden? Schlafende Hunde wecken, oder Menschenrecht? Wer soll das bezahlen? Ob dieser ganzen Polemik ist das eigentliche Thema beinahe unter gegangen

 

Anerkennen statt urteilen

Nun, zehn Menschen haben die Ausbildung abgeschlossen. Wann gibt es endlich News? Wann gibt es die ersten Bilder: Krüppel mit Berührerin? Die Sexualität von Menschen mit Behinderung soll in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Darüber muss informiert werden. Warum? Reicht es nicht, zu wissen, und es auch hören und anerkennen zu wollen, dass die biologisch/sexuelle Entwicklung von Menschen mit Behinderung die gleiche ist, wie die von Nichtbehinderten? Und dass aus diesem Grund die Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit, Anteilnahme, also Sexualität im weitesten Sinne die selben sein müssen? Dass aus diesem Grund das Bedürfnis nach Genitalsexualität auch das selbe sein kann? Nein das reicht offenbar nicht, und es wird munter weiter diskutiert, über etwas was die wenigsten Menschen beurteilen können, weil sie es nicht kennen – wollen.

 

Das sind Grenzen von aussen, die mit der eigentlichen Arbeit noch nichts zu tun haben. Damit haben sich BerührerInnen herumzuschlagen, und es braucht eine grosse Portion Sicherheit, und die Überzeugung, dass unsere Arbeit wichtig und richtig ist, egal unter welchem Etikett sie nun betrachtet wird.

 

Die nächsten Grenzen sind dann die persönlichen. Wo ziehe ich die Grenzen meines Angebotes? Darf Mann und Frau mich auch berühren? Arbeite ich überhaupt mit Mann und Frau, oder nur mit gleich- oder nur mit andersgeschlechtlichen? Bin ich nackt? Wie bin ich nackt? Einfach nackt, oder will ich reizen? Trage ich Reizwäsche? Wie sollen meine Berührungen sein? Sollen sie Orgasmusorientiert, oder einfach berührend sein? Bin ich Assistentin oder Berührerin? Führe ich aus, was mir aufgetragen wird, oder bringe ich meine Intuition ein, und begleite? Bin ich bereit, Bilder und Erwartungen zu befriedigen, oder möchte ich Menschen zur eigenen Quelle führen dürfen?

 

Einig sind sich die BerüherInnen, die bereit waren, für diesen Artikel über Grenzerfahrungen zu reden, darin, dass die meisten Grenzen mit uns selber zu tun haben, und einer dauernden Reflexion bedürfen.

 

Sexualität emanzipieren

Erich Hassler zum Beispiel findet für sich die Übergänge von Grenzen spannend. «Im Privaten ist es so, dass mich das Überschreiten von Grenzen weiter bringt. Das macht mir Mut, auch in der Arbeit meine einmal gesetzten Grenzen zu erweitern», sagt er. Seine Grenzen sind also flexibel. Angst, damit selber bei anderen Grenzen zu überschreiten hat er nicht: «Ein erwachsener Mensch ist idealerweise Selbstreguliert, das heisst, er holt sich seine Nahrung nicht vom Gegenüber. Ich sehe mich selber so, dadurch kann ich mich auch stark einbringen.» Wo ist für ihn die Grenze zwischen Sexualassistenz und Sexualbegleitung, wie Hassler seine Arbeit nennt? «Als Sexualassistent bin ich verpflichtet genau das auszuführen, was gewünscht ist. Da kann ich mich nicht gelöst einbringen, dann kommt eine Berührung mehr vom Kopf, ist vielleicht mechanischer. Hingegen wenn ich begleite, kann ich mich einbringen. Dann fliesst es auch mehr vom Herzen, und meine Erfahrung ist, dass das für ein Gegenüber stimmiger ist.» Er erlebte einmal eine Assistenzsituation: Eine Frau mit Spasmen, bat ihn darum, ihn massieren zu dürfen. Sie wollte für sich herausfinden, ob sie fähig ist, einen Mann liebevoll zu berühren. Darauf konnte er sich einlassen. Auf den Wunsch einer anderen Frau nach Geschlechtsverkehr konnte er sich hingegen nicht einlassen. Diese Grenze ist klar mit seiner Frau abgesprochen.

Eine Grenze hat Hassler neulich gesprengt: «Wenn ich von meiner Arbeit erzählte, hatte ich oft das Gefühl mich gleichzeitig auch rechtfertigen zu müssen. Z.B. bei der Frage, ob es Prostitution ist. Jetzt kann ich sagen, ja vielleicht. Das ist halt heute noch so. Alle verstehen wohl, dass Sexualität Leben, Freude, Kraft etc. bedeutet, aber trotzdem denken alle immer nur an Geschlechtsverkehr. Mein Wunsch ist es, mit meiner Arbeit die Sexualität von Zwang zu befreien und zu emanzipieren.»

 

Grenzverschiebung

Bei Heidi Gregor haben sich die Grenzen langsam verlagert. Zu Beginn waren es eher physische Grenzen. Da war vielleicht eine Berührung, die sie nicht wollte. «Ich war ständig präsent in Verteidigungshaltung, war am Reagieren statt am Agieren. Das war richtig stressig. Durch das genaue Wahrnehmen, was ist für mich die richtige Nähe, wurden die Grenzsituationen mit der Zeit immer subtiler. Es waren keine körperlichen, sondern nun mehr emotionale Grenzsituationen. Eine übergrosse Begeisterung für mich, oder Vereinnahmung. Situationen wo die Gegenseite nicht mehr erkennen konnte, dass ich auch eine Persönlichkeit mit Gefühlen bin, wo nur noch ihre Wahrnehmung als Massstab galt.» Natürlich könne sie diese Bedürftigkeit und Verzweiflung nachvollziehen, die so stark sein müsse, dass ihre Signale nicht gesehen werden.

«Wenn ich das alles genau wahrnehme, ist es wie ein Spiegel der mir vorgehalten wird. Hier bist du. Das sind blinde Flecken, die man oft selber nicht kennt», reflektiert sie. Wichtig sei, dass sie sich dessen bewusst sei, und dass sie auch grosszügig mit sich selber umgehe. Heute sei es so, dass sie am ehesten selber ihre Grenzen missachte. Beispielsweise, als es darum ging, Öffentlichkeitsarbeit für diese Arbeit zu machen. «Dazu fühlte ich mich fast genötigt.» Heidi Gregor grenzt sich mittlerweile auch gegen Sexualassistenz ab. Sie sieht sich nur noch als Berührerin. «Ich mag keine Erwartungen erfüllen.»

 

BerührerIn oder SexualassistentIn? Das ist ein Thema, das für fast alle brisant ist. Gesucht wurden BerührerInnen, im Laufe der Ausbildung wurde die offizielle Bezeichnung dann «Sexualassistenz.» Je nach persönlicher Auffassung der Sexualität, je nach Ausrichtung und Gewichtung des persönlichen Angebotes, stimmt diese Bezeichnung für die meisten der bis jetzt ausgebildeten nicht.

In meinen Augen funktioniert Sexualassistenz nicht. In meinem Augen ist es eine Abwertung der Sexualität, wenn eine solche Dienstleistung mit Anziehen, Haushalt oder Körperpflege gleichgesetzt wird. Sexualität ist zwar ein Grundbedürfnis, aber sie ist eng verknüpft mit dem sehr verletzlichen ureigenen Erleben und Empfinden, und sollte aus dem Moment heraus entstehen können, damit sie auch nährend, und nicht bloss befriedigend sein kann. Abgesehen davon haben die wenigsten Menschen gelernt, bezüglich Sexualität genaue Anweisungen zu geben. Und ich würde sagen: zum Glück! Denn sonst bliebe davon nur noch die Hülle. Das, womit wir tagtäglich via Medien bombardiert werden, das Spektakuläre. Aber Sexualität ist nicht spektakulär.

 

Andere Sinneskanäle benutzen

Lorenzo Fumagalli bezeichnet sich als Sexualassistenten. Wenn er erklären muss, dass er nebst seiner Tätigkeit als medizinischer Masseur und Dorntherapeut, auch als Berührer für Menschen mit Behinderungen arbeitet, dann schaffe das Verwirrung. Als Masseur berührt er ja auch. Sexualassistent umreisse diese Arbeit klarer. Aber letztlich gehe es um den Inhalt der Arbeit und nicht um die Verpackung.

Bei seiner Arbeit als Sexualassistent unterscheidet er zwischen Grenzen, die er nicht überschreiten will, oder solchen die er nicht überschreiten kann. «Der Kunde ist König, ist das Motto für einen Sexualassistenten, und wenn ich nicht dienen kann, komme ich an meine Grenzen. Ich arbeite beispielsweise mit einem Mann, der sich verbal nicht ausdrücken kann, sich aber oft ans Ohr schlägt. Niemand weiss, was das bedeutet, aber weil sich diese Geste immer wiederholt, gehe ich davon aus, dass er damit etwas mitteilen will.» Fumagalli findet es ganz zentral, dass er zu seinem Unvermögen steht, und dass er das diesem Mann auch mitteilt. «Aber es gibt ja noch andere Sinneskanäle, auf die ich mich verlassen kann. Ich beobachte ganz genau, wie der Mann auf meine Berührungen reagiert.» Und wenn die beiden dann zusammen lachen, was immer öfter geschehe, weiss Fumagalli jeweils, dass er auf dem richtigen Weg ist.

 

 

...noch Erfüllen von Erwartungen

Und meine Grenzen? Ich grenze mich ab zur Sexualassistenz.

Ich sehe mich ganz klar als Berührerin. Sexualität hat für mich eine andere Bedeutung, als Befriedigung von Wünschen, Bildern oder Trieben. Sexualität ist für mich ein kostbares Geschenk, das wir mit Weisheit, Achtung und Liebe entgegen nehmen und verwalten dürfen. Und so möchte ich meine Arbeit als Berührerin ausführen. Ich bin nicht dazu da, Wünsche, Erwartungen oder Bilder zu erfüllen, ich bin dazu da, Menschen zum ureigenen Erleben und Empfinden zu führen. Darauf muss sich jemand natürlich einlassen wollen. Selbstverständlich verhelfe ich einem Menschen, der dies nicht selber kann, auch zu einem Orgasmus. Das mag dann als Prostitution gesehen werden. Damit habe ich keine Mühe. Ich selber sehe meine Arbeit in einem anderen Licht. Ich weiss und erlebe, wie andächtig, und getragen von Stille und tiefem Erleben so eine Berührungsstunde abläuft.

Ich stosse manchmal an Grenzen, wenn ich zuwenig über eine Krankheit oder Behinderung weiss. Ich war mir zum Beispiel zu wenig bewusst, wie sehr sich nach einer Hirnverletzung das Verhalten einer Person verändern kann. Ich erlebte einen Mann als absolut unanständig. Ich vergass die Hirnverletzung, und nahm das Verhalten persönlich. Oder bei Menschen mit geistiger Behinderung ist mir aufgefallen, dass ihr Körpertonus und ihre Mimik anders sind. Ich kann mich also nicht auf die gewohnten Signale verlassen, die mir sagen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ich kann mich auch nicht darauf verlassen, dass ein Ja wirklich ein Ja ist. Auch da muss ich mich auf ein anderes Gespür verlassen. Aber wer sagt mir, ob das richtig ist? Ich finde manchmal auch den Umgang mit Betreuenden schwierig, Wie viel über eine Berührungsstunde kann ich mitteilen, ohne die Integrität eines Klienten oder einer Klientin zu verletzen? Ich erlebe wohl viel guten Willen, aber ebenso grosse Hilflosigkeit im Umgang mit dem Thema. Die eigenen Bilder und Vorstellungen von Sexualität sind immer prägend. Und ich denke, es ist zentral, dass sich Pflegende, Betreuende, Begleitende, immer wieder auch mit der eigenen Sexualität auseinander setzen, und ihre eigenen Norm- und Wertvorstellungen reflektieren. Nur so können sie Menschen in dieser Thematik auch gut unterstützen.

 

 

Marlise Santiago, www.beraten-und-beruehren.ch

Heidi Gregor, www.beruehrungen.ch

Wir alle sind Expertinnen und Experten rund ums Thema Sexualität. Zumindest, was die eigene Sexualität anbelangt. Da haben wir unsere Bilder und Erwartungen, unsere Normen und Werte. Wenn wir jedoch Menschen betreuen, begleiten oder pflegen, ginge es darum, dieses Wissen zu reflektieren. Denn was für Sie persönlich richtig ist, ist für einen anderen Menschen vielleicht ganz anders.

 

Da Sexualität meist sehr eng und auf Geschlechtsverkehr reduziert gesehen wird, möchte ich eine Definition dieses Begriffes vorstellen. Mir gefällt das Modell des holländischen Medizinethikers Paul Sporken sehr gut. Er teilt Sexualität in drei Bereiche ein, und benutzt als Symbol drei ineinander liegende Kreise.

Der äusserste, grösste Kreis versinnbildlicht den äusseren Bereich der Sexualität. Das sind Verhaltensweisen in allgemeinen menschlichen Beziehungen. Blicke, Gespräche, Anteilnahme, ein Spaziergang usw.

Der mittlere Kreis, der mittlere Bereich der Sexualität, steht für Zärtlichkeit, Gefühle, Erotik, Sinnlichkeit, streicheln, massieren etc.

Und erst der innerste Kreis, der genitale Bereich, steht für Petting, Geschlechtsverkehr oder genitale Selbstbefriedigung.

 

Sexualität umfasst alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens und Empfindens. Eine erfüllte genitale Sexualität, wo der Mensch als Ganzes Wesen berührt und gesehen wird, bedingt Erfüllung auch in den beiden äusseren Bereichen. Denn was ist ein Geschlechtsakt ohne Zärtlichkeit im Alltag oder ohne Anteilnahme? Die genitale Befriedigung kommt erst am Schluss der menschlichen Bedürfnisse. Aber wie oft wird sie dafür eingesetzt, um das zu kompensieren was in den äusseren Bereichen fehlt?

 

Dieses erweiterte Verständnis der Sexualität macht deutlich, dass Sexualität sich wohl während dem ganzen Leben immer wieder verändert, eben, weil alle Lebensbereiche mitspielen. Aber genauso macht es auch deutlich, dass sie nicht irgendwann einfach vorbei ist. Bei Männern und Frauen bleibt das Bedürfnis nach Sexualität im weitesten Sinne bis ins hohe Alter bestehen. Nur, ältere Menschen gestehen sich selber diese Bedürfnisse oft gar nicht ein, und erschleichen sich ein bisschen Nähe manchmal auf Umwegen. Ich habe früher unter anderem auch in der Pflege gearbeitet, und oft wurde meine Hand übermässig lange gedrückt und gehalten, haben alte Hände meinen Arm oder mein Gesicht gestreichelt, hat sich ein Unterleib in eindeutiger Weise dem Waschlappen entgegen gedrückt. Auch Zivildienst Leistende in Altersinstitutionen berichten, dass ältere Frauen sich manchmal handfest an sie heran machen. Sie gelten dann als schamlose Weiber. Grapschen ältere Männer, oder geraten auch nur ob weiblicher Schönheit ins Schwärmen, werden sie als alte Lüstlinge gestempelt. Das oben beschriebene männliche wie das weibliche Verhalten haben gemeinsam, dass es unbewusste Hilfeschreie sind: «Hilfe, ich möchte als sexuelles Wesen gesehen werden, das ich bis zum Tod bin.»

 

Für Pflegende ginge es darum, diese Sprache verstehen zu lernen. Da wären Heimleitungen gefragt, die Sexualität als Lebensenergie anerkennen, und die auch bewusst eine Atmosphäre schaffen, die es erlaubt, liebevoll und körperlich zu sein. So eine Öffnung setzt jedoch voraus, dass sie und die Angestellten sich auch mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen. Aber hier sind Widerstände. «Wo denken Sie hin, wir haben Angestellte aus vierzehn Nationen, das geht doch nicht», oder «bei und ist das kein Bedürfnis, wir haben noch nie etwas entsprechendes gehört.» Nur, wie kann eine Betreuerin einen alten Mann, der von der Schönheit der Frauen schwärmt, liebevoll darin unterstützen, wenn sie mit ihrem eigenen Körper nicht versöhnt ist? Sie wird in ihrer Haltung den Mann als Lüstling abtun, der eh nur noch in der Fantasie lebt. Oder wie kann ein Heimleiter sich von Herzen über die Zärtlichkeit eines Paares freuen, wenn er selber seine Sexualität als nicht nährend erlebt? Oder die Pflegerin, die aus religiösen Motiven, alles Sexuelle ausserhalb der Ehe ablehnt, wird die Pensionärin im Mehrbettzimmer kaum liebevoll darin unterstützen, dass sie sich ungestört selber befriedigen kann. Auch wenn Selbstbefriedigung in ihren Augen Sünde ist, muss sie sich im Klaren darüber sein, dass es für eine Pensionärin sehr wohl ein Bedürfnis sein kann. Sie wird aus ihrer Überzeugung heraus, vielleicht nicht selber für diesen ungestörten Rahmen sorgen wol- len, aber sie hat die Pflicht, es zu delegieren. «Wissen Sie, das ist nicht so mein Thema, besprechen Sie das mit Frau sowieso», könnte sie beispielsweise sagen.

 

In der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität geht es darum, sich der eigenen Empfindungen, Normen und Werte bewusst zu werden. Es geht nicht darum, diese über den Haufen zu werfen. Und jemand, der sich mit diesem Thema nicht wohl fühlt, sollte sich wohl im Team damit auseinander setzten, jedoch weder dazu verknurrt werden damit zu arbeiten, noch als hinterwäldlerisch gestempelt sein. Eine Auseinandersetzung die getragen ist von gegenseitigem Respekt, ermöglicht eine Atmosphäre der Offenheit, wo alles seinen Platz haben darf. Aber es muss ausgesprochen und klar sein. Dabei sollten sich Institutionen auch nicht scheuen, wenn nötig Hilfe von Aussen zu beanspruchen.

 

Ich frage mich, warum das Bedürfnis nach Zuneigung, Zärtlichkeit, und Körperkontakt entweder verdrängt und versteckt, oder die Erfüllung quasi erschlichen wird. Oder warum diese Gefühle oft gedankenlos ins Lächerliche gezogen werden, «ach wie herzig, sind wir wieder einmal am Händchenhalten?» Wie schön wäre es, wenn zwei sich getragen fühlen könnten, indem Ihrer Liebe mit Achtung begegnet wird.«Ich freue mich jedes Mal wenn ich Sie beide sehe. Das macht mir Mut für mein eigenes älter werden. Danke, dass Sie mir das so wunderbar vorleben.» Oder das bösartige, aber eigentlich lüsterne Getratsche, (weil die eigene Fantasie Blüten treibt) wenn sich im Altersheim ein Paar gefunden hat. Wie wäre es, wenn eine Pflegende sagen könnte: «Ja ich weiss, das tut weh, wenn man die beiden so sieht. Das wünschen wir uns halt alle auch.» Das eingestehen von solchen Gefühlen, und das betrauern macht es einfacher. Eine «chilfli» Frau wird weicher, wenn sie mit einem Seufzer sagen kann, «ja, das tut weh». Und damit ist die Chance viel grösser, dass auch sie wieder einmal in den Arm genommen wird. In einer Atmosphäre der Offenheit könnte das auch so aussehen, dass statt dieses kompensatorischen Getratsches, die Frauen einander die Hände massieren. So käme die sexuelle Energie, die sich in diesem Beispiel in Form von Eifersucht äussert, in die richtige Bahn. Nämlich Anteilnahme, Nähe, Körperlichkeit.

 

Diese Unbeholfenheit im Umgang mit dem Thema hat wohl auch mit dem Bild zu tun, dass Sexualität und Zärtlichkeit etwas für die Jungen ist. Und ist da vielleicht ein Schamgefühl, wenn Menschen auch im Alter solche Gefühle wahrnehmen, im Alter, wo Zeugung nicht mehr der Grund für sexuelle Betätigung sein kann? Auch solche Bilder gilt es zu hinterfragen, und solche Gefühle zu reflektieren. Aber zu wissen, dass Sexualität im weitesten Sinne, ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen ist, kann mithelfen, dass sie auch im Alter gelebt werden darf. Ohne Scham.

 

Pflegende könnten alte Menschen auch begleiten, indem Sie Ihnen helfen, alte Glaubenssätze zu hinterfragen. Eine 81-jährige Frau erzählte mir, sie habe seit ihrer Scheidung vor 30 Jahren nie mehr einen Mann an sich herangelassen. Sie brauche «es» auch gar nicht. Nach einer Zeit des Schweigens sagte sie dann zögernd: «Es wäre wohl schön, wenn jemand einmal ein bisschen lieb mit mir wäre. Aber die Männer können das ja sowieso nicht.» Eine Aussage, die ich so oder ähnlich oft höre. Und zwar auch von Männern, die einfach nur zärtlich sein möchten, und sich im Gegenzug beschweren, dass die Frauen das gar nicht zulassen können. Hier könnten Betreuende wertvolle Vermittlungsarbeit leisten. Aber auch das geht nur, wenn sie ihr eigenes Männerbild hinterfragt haben.

 

Eigentlich wurde ja die ganze Thematik bereits erkannt, aber sie wird kaum als das ausgesprochen. In den letzten Jahren ist man vermehrt dazu übergegangen, in Alters- und Pflegeheimen Tiere anzuschaffen, denn man hat beobachtet, dass der Kontakt mit einem lebendigen, warmen, atmenden Wesen, die Menschen ruhiger und zufriedener macht. Das Streicheln des weichen Felles einer Katze ist ein höchst sinnlicher Akt. Aber warum muss es ein Tier sein? Warum sind nicht die Menschen etwas zärtlicher und liebevoller im Umgang mit einander? Ich denke, es hängt damit zusammen, dass eben alles was sinnlich oder erotisch ist, als anrüchig gilt, und sozusagen als Vorspiel für einen Geschlechtsakt angeschaut, und deshalb weg geschoben wird. Das macht es schwierig, dass Menschen einander solcherart begegnen können.

Tatsache ist, dass ein grosser Teil der alten Menschen ohne Partner oder Partnerin lebt. Aber muss es denn Partner oder Partnerin sein, die Zärtlichkeit schenken? Oder könnte das auch eine Freundin sein, die einem regelmässig liebevoll den Rücken massiert? Und zwar ohne dass sie von Aussen deswegen als Lesbe eingestuft wird. Oder ein entfernter Bekannter, der einem einfach ganz lange umarmt hält? Und zwar ohne dass er als Lüstling angeschaut wird. Oder ein Mitpensionär, der sanft über die Wange streichelt? Und zwar ohne dass er als Grapscher tituliert wird. Das könnte ganz ohne Hintergedanken geschehen, ganz einfach weil es wunderschön ist, für einander da zu sein. Oder eine Berührerin wie ich, die umarmt und streichelt und massiert, die dafür zwar Geld bekommt, aber es genauso von Herzen tut?

 

In meine Praxis kommen Menschen zwischen 19 und 85. Bis jetzt sind es in der Altersgruppe ab 60 nur Männer. Für ältere Frauen ist die Vorstellung, einfach liebevoll berührt zu werden, und das gegen Geld, wohl noch etwas fremd. Ich massiere und streichle liebevoll und mit Achtung den ganzen Körper, ohne etwas erreichen zu wollen. Und je nach dem lege ich mich nach der Massage noch ein bisschen in den Arm des massierten Menschen, oder halte ganz fest seine Hand. Da ist so viel Liebe und Zärtlichkeit zu spüren, und so viel Bedürftigkeit auch. Und es ist für mich eine grosse Freude, auch alten Menschen zu ein bisschen Zärtlichkeit verhelfen zu dürfen.

 

Zusammengefasst: Der erste Schritt ist sicher, sich selber das Bedürfnis einzugestehen. Ein nächster Schritt ist, Sexualität als das zu betrachten, was sie ist: Unsere Lebenskraft, die alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens und Empfindens betrifft! Das macht es möglich, eine für sich selber angebrachte und vertretbare Form zu entdecken und zu leben, ohne das als «Notlösung» zu sehen. Auf dieser Reise könnten betagte Menschen von Ihnen unterstützt und begleitet werden.

 

(1) Sporken 1974

 

Die Autorin

Marlise Santiago. Sexualberaterin/Berührerin. In eigener Praxis für Sexualberatung und sinnliche Berührung tätig, sowie als Radioexpertin, Autorin, Kursleiterin und Referentin zu verschiedenen Themen der Sexualität. Tel. 043 244 95 09 www.beraten-und-beruehren.ch

Heilen und entdecken

Ihre Sexualberatungen und Berührungen wollen als therapeutische Massnahmen verstanden werden. Es geht um Anteilnahme, Nähe und Heilung. Die Sexualtherapeutin Marlise Santiago über ihre Erfahrungen aus der Praxis - mit Menschen mit Behinderungen.

 

Die Finger der Frau streichen im Versuch, zärtlich zu sein, ganz steif über den Arm ihrer Freundin, um sich dann plötzlich in die Haut zu krallen, und blutige Striemen zu hinterlassen.

Der Mann ist verzweifelt. Er möchte mit seiner Freundin Geschlechtsverkehr haben. Sie kann das nicht, weil sie ihre Hose nie ausziehen darf. Das hat sie so gelernt. Auch sie ist verzweifelt, weil sie ihm nahe sein möchte.

Diese beiden Beispiele waren Schlüsselerlebnisse für mich, und ich begann zu überlegen, wie ich die Sexualberatung - die ich bis dahin anbot - durch Berührung ergänzen könnte. Ich stellte mir damals vor, wie meine Hand die Hand der Frau hätte begleiten, und mit ihr zusammen die Wellen der Verkrampfung hätte aushalten können. Mit der Zeit hätte die Frau gelernt, sich zu entspannen, und die Zärtlichkeit, die sie für ihre Freundin empfindet, auch adäquat auszudrücken. Dem Mann und der Frau hätte ich gerne gezeigt, wie sie sich massieren könnten, damit die Frau mehr Sicherheit im körperlichen Zusammensein mit ihrem Freund bekommt, und sich langsam an ihre Gefühle hätte annähern können. Aber auch in der Beratung von nichtbehinderten Menschen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass mir eine Dimension, ein Werkzeug fehlt, mit dem ich ganz direkt erfahrbar machen könnte, was sonst lange schön geredet oder gar nicht erfasst werden kann. Auf jeden Fall war da ein Same gesät, der in den Jahren darauf zur klaren Vision reifte. Als dann Pro Infirmis das Berührerinnenprojekt lancierte, war mir sofort klar: Jetzt ist es so weit!

 

Einordnen von Empfindungen

 

Nun sind es mehr als drei Jahre her, dass ich meine Praxis für Sexualberatung mit sinnlicher Berührung erweitert habe. «Sinnlich» meint die Sinne betreffend. Denn offene, wache Sinne sind das wichtigste, um sich selber und seinen Körper wahrzunehmen, und natürlich auch, um mit einem Gegenüber in Kontakt zu treten. Die ganze Pressehysterie um die Frage der Prostitution hat mich persönlich eher kalt gelassen. Ich ordne mich selber als Therapeutin ein, denn bei mir geht es vor allem um sexuelle Heilung. Es geht um Nähe und Anteilnahme, um das Kennen lernen und Erfahren des eigenen Körpers, um das Einordnen von Empfindungen und um Entspannung. Unter Spannung stehen fast alle Menschen. Menschen mit geistiger Behinderung stehen zusätzlich im Spannungsfeld, dass sie ihr körperlich-sexuelles Erleben und Empfinden oft nicht einordnen können, und es schon gar nicht mit all den pornografisierten Bildern von Aussen verbinden können. Für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen kann es ein Schlüsselerlebnis sein, für Momente in die Entspannung zu tauchen, und dort gehalten zu werden.

 

Berufung

 

Meine Arbeit ist nur in ganz seltenen Fällen sexuelle Dienstleistung. Wenn ich den Mann, der aufgrund seiner Behinderung seinen Penis nicht selber streicheln kann, oder die Frau, die ihre Klitoris nicht mehr erreicht, seit sie aus Sicherheitsgründen ein neues Bett bekommen hat, in einem Orgasmus begleite, dann mag ich in den Augen einiger Menschen auch Hure sein. Ich selber kann darin nichts Anstössiges erkennen, denn was ich tue, geschieht immer auf respektvolle, liebevolle, selbstverständliche und nicht sexualisierte Art.

Menschen mit Behinderungen sind sexuelle Wesen, entstanden aus der Kraft der Sexualität. Dieser Aspekt des Menschseins ist in der Pressepolemik rund um die Berührerinnen untergegangen. Da gibt es tatsächlich Menschen - Eltern, Journalisten, Betreuende - die anderen Menschen das Recht auf Sexualität absprechen. Die ganze Diskussion hat mir einmal mehr auch deutlich gezeigt, wie sehr das Thema Sexualität von den eigenen Normen und Werten, von den eigenen Bildern, Erlebnissen und Erfahrungen, vom eigenen Vorstellungshorizont, den eigenen Verletzungen usw. geprägt ist. Sie hat auch gezeigt wie wichtig diesbezügliche Schulung wäre.

Mit dem Thema Sexualität sind immer auch die eigenen Fantasien verknüpft. Eine Begegnung mit jemandem der sich in der Öffentlichkeit immer wieder negativ über die Berührerinnen äussert, zeigt das deutlich: «Und wer sagt mir, das Sie nicht doch Geschlechtsverkehr anbieten?», wirft er mir an den Kopf, nachdem ich von meiner Arbeit erzählte. Da ist nichts zu machen. Dieser Mensch will ganz einfach an seiner eigenen Vorstellung festhalten. Aus diesem Grund darf mich nicht beeindrucken, was alles geschrieben und gesagt wird, sondern ich gehe meinen Weg, und tue, was ich zu tun habe. Denn klar ist: Dieser Beruf ist meine Berufung.

 

Präsent sein

 

Für mich ist das allerwichtigste, dass ich meine Arbeit absichtslos tue. Wenn ich berühre, trage ich eine grosse Verantwortung. Denn, wenn ich eine Absicht damit verfolgen würde, kann der Mensch nicht heil werden, oder nicht erfahren was ihm sein Körper oder seine Seele zu sagen hat. Ich würde ihn so in eine bestimmte Ecke drängen. Ich bin sozusagen einfach präsent, und dann darf geschehen, was geschieht. Das tönt vielleicht ein bisschen unvorstellbar.

Dazu das Beispiel eines Klienten, der sich zeitlebens die Umarmung seiner Mutter gewünscht hat. Es war erschütternd, dieses verzweifelte Klammern, dieses unterdrückte Schluchzen, die Wellen der Verzweiflung an meinem Körper zu spüren. Das einfach auszuhalten, mit ihm zu atmen und mitzuschwingen, war meine Aufgabe. Mit der Zeit hat sich das verändert, und mittlerweile ist aus dem bedürftigen, verlassenen Kleinkind ein leicht übermütiger Teenager geworden. Das ist in der Umarmung deutlich spürbar. Auch gibt es immer wieder lange Phasen der tiefen Stille und Ruhe, und er formuliert es so: «In mir ist einfach Freude eingekehrt.» Sogar die Medikamente konnten ein bisschen gesenkt werden.

Oder der Mann, aufgewachsen mit fünf Schwestern, und als Junge für seinen Penis gehänselt. Er schämt sich zutiefst dafür, ein Mann zu sein. In mehreren Sitzungen nähere ich mich langsam seinem Körper. Er lernt sich zu entspannen, und irgendwann darf ich meine Hand auch auf seinen Penis legen. Eine Welle der Verzweiflung durchströmt ihn. Ich lasse die Hand einfach ruhig auf seinem Penis, atme mit ihm, und sage ihm, dass es gut ist, dass er ein Mann ist. Männer haben einen Penis. Das ist richtig so. Was man ihm wahrscheinlich auch schon gesagt hat, konnte er erst durch die nicht sexualisierte Berührung einer Frau wirklich verinnerlichen. Also etwas, was eine grosse Last war, wurde geheilt.

Oder die Frau, die sich bei Versuchen, sich selber zu befriedigen immer wieder verletzt, weil sie alle möglichen Gegenstände in die Vagina einführt. Ihr zeige ich ganz konkret, wie sie sich berühren kann. Zusammen cremen wir unsere Beine und Arme ein. Wir machen schnelle und langsame Bewegungen, stärkere oder feinere, und ich ermutige sie hinzuspüren, was sie denn am liebsten mag. Bei einer anderen Sitzung nähern wir uns dem Intimbereich, indem wir uns im Spiegel anschauen, und sie alles fragen darf, was sie wissen will. In einer nächsten Sitzung zeige ich ihr einen Dildo und einen Vibrator. Sie findet heraus, was sie lieber mag.

 

Nahrung für Körper und Geist

Bei meiner Arbeit trage ich meist Trainerhose und T-Shirt, denn es geht nicht um mich, sondern nur um die Menschen, die ich begleiten darf. Aber es gibt Ausnahmen. Dazu zwei weitere Beispiele: Ein Mann hat immer wieder verlangt, ich solle mich doch oben ausziehen, das würde ihn erregen. Eine solche Bitte schlage ich ganz klar aus, denn ich bin nicht dazu da, jemanden zu erregen. Im Gegensatz der junge Mann, der gerne einmal spüren wollte, wie sich ein Busen anfühlt. Ich hab seine spastische Hand an meine Brust geführt, und ihn einfach fühlen lassen. Er hat sich sehr dafür bedankt, dass ich das auf so selbstverständliche Art möglich machte. In seiner Bitte war nichts Sexuelles, ich war nicht Objekt, um ihn aufzugeilen, sondern ich habe ihm den Frauenkörper erfahrbar gemacht. Da ist nichts Anrüchiges, wenn ich mir meiner Haltung ganz klar bewusst bin, und so verletze ich weder ein Gegenüber noch mich selber.

Ich verstehe Sexualität als ein Geschenk des Lebens, als unsere Lebenskraft, als etwas Kostbares, als etwas, womit wir uns selber erfahren und ausdrücken können. Sexualität ist nicht einfach etwas Genitales, sondern sie betrifft alle Bereiche des menschlichen Erlebens und Empfindens. Das möchte ich mit meiner Arbeit weitergeben. Denn so können Körper, Seele und Geist gleichermassen genährt werden. Aber letztlich entscheidet jeder Mensch selber, welche Aspekte der Sexualität, er im Rahmen des möglichen entdecken, heilen oder leben möchte.

 

Autorin: Marlise Santiago arbeitet in eigener Praxis für Sexualberatung und sinnliche Berührung in Zürich, ist Beraterin bei Schweizer Radio DRS 1 zu Sexualität im Alter, hält Vorträge und Schulungen in sozialen und pflegerischen Institutionen zum Umgang mit Themen der Sexualität. Mit ihrer Arbeit möchte sie Menschen darin begleiten, ihre ureigene Sexualität zu entdecken und den eigenen sexuellen Kräften und Gegebenheiten zu vertrauen, statt Antworten in der pornografisierten Gesellschaft zu suchen.

Ihre beiden Töchter sind bereits ausgeflogen, sie lebt mit ihrem Partner und hat die Vision, eines Tages ein kleines Seminarzentrum auf dem Land aufzubauen…

Erschienen: procap 4/2007