Hat Mami ein Ei gelegt?

Aufklärung ist ein dauernder Prozess. Für Mütter und Väter genauso wie für Kinder.

Die dreijährige Lara platzt ins Elternschlafzimmer, gerade als sich ihre Eltern lieben. «Aha, Mami Papi gigampfe», ist ihr Kommentar, bevor sie das Zimmer wieder verlässt. Die überrumpelten Eltern wissen nicht recht wie reagieren. Sollen sie Lara ihr «gigampfe» erklären, oder sollen sie abwarten, bis Lara fragt?

Aufklärung geschieht vor allem in Alltag. Es ist nicht nötig zu warten, bis Kinder von sich aus Fragen, denn manche tun das nie. So wäre beispielsweise dieses «Gigampfe» ein Anlass, um in einfachen Worten zu erzählen, wie Kinder entstehen, aber auch, dass es einfach schön ist, und zu einer Liebesbeziehung gehört. Ein weiterer Aufhänger für Aufklärung ist die Körperpflege. Kleine Kinder haben Freude am Körper, und sind neugierig. Eltern erklären beim Waschen oder Baden, Namen und Funktion der einzelnen Körperteile, auch der Geschlechtsorgane, und wo man diese bedenkenlos unbekleidet lassen kann: Im Badezimmer, auf der Toilette, im eigenen Zimmer und manchmal beim Arzt. Auch dass niemand das Recht hat, Penis und Scheide zu berühren, gehört zur Aufklärung. Es empfiehlt sich, für die äusseren Geschlechtsorgane von Anfang an die allgemein gebräuchlichen Wörter wie Penis, Hoden, Klitoris und Scheide zu verwenden, damit Kinder später auch ausserhalb der Familie wissen, wovon die Rede ist.

Wenn Eltern und Kinder gemeinsam das Bad benutzen, bietet sich die Möglichkeit, um über die Unterschiede zwischen Kinder- und Erwachsenenkörper zu reden. Wenn Kinder auf Binden, Tampons oder Präservative stossen, können Menstruation oder Verhütung thematisiert werden. Dabei reicht es für kleine Kinder zu wissen, dass Frauen jeden Monat bluten, damit die Gebärmutter für ein neues Baby bereit ist. Die Wirkweise eines Tampons kann in einem Glas Wasser demonstriert, ein Kondom spielerisch über eine Banane gerollt werden. Eine schwangere Frau, oder ein Neugeborenes in der Nachbarschaft kann Anlass sein zu erzählen, wie Babys gezeugt, und wie sie geboren werden. Auch ein Spaziergang auf dem Land, oder ein Zoobesuch erfüllt den gleichen Zweck: «Diese Kälbchen sind bei der Kuh in der Gebärmutter gewachsen. Das ist bei den Menschen genau so», könnte ein Aufhänger sein.

So gibt es immer wieder Möglichkeiten, das Thema Sexualität in den Alltag zu integrieren. Eine Radiomeldung, Bilder am Kiosk, Fernsehnachrichten, Zeitungsberichte, können Anlass sein, sexuelle Themen in der Familie aufzugreifen. So werden auch die damit verbundenen moralischen und sozialen Aspekte zur Sprache gebracht, und die Kinder können nach ihrer Meinung gefragt werden. Denn schon ganz kleine Kinder machen sich Gedanken. Auch zu Themen der Sexualität. So studierte die vierjährige Ana den Aushang an einem Striplokal, und fragte die Mutter warum diese Frauen nackt sind. Nachdem sie es der Tochter erklärt hat sagte Ana: «Gäll, da gehen nur ganz junge Männer hinein.» Die verblüffte Mutter fragte warum. «Weil die Frauen auch jung sind, und weil junge Männer lernen müssen, wie nackte Frauen aussehen», war Ana’s Logik.

Stellen Kinder Fragen, ist es wichtig genau hinzuhören was sie wissen wollen. Meist ist es nur ein kleiner Aspekt, denn mit der ganzen Ladung wären sie überfordert. Auch gelegentliches Nachfragen, ob Kinder verstanden haben ist wichtig. Die kleine Donja wollte auf einem Spaziergang plötzlich den Inhalt von Vaters Hosentaschen sehen. «Und wo sind jetzt die Sämli?», fragte sie ganz enttäuscht. Es hat sich dann gezeigt, dass für Donja Hosen- und Hodensack das selbe war.

Aufklärung ist ein dauernder Prozess. Informationen werden altersgerecht immer wieder neu aufgegriffen und vertieft. Reicht es für eine Vierjährige noch, wenn sie weiss, dass sie im Bauch ihrer Mutter gewachsen ist, möchte ein Zehnjähriger vielleicht wissen, wo denn die Spermien wachsen, und mit Zwölfjährigen ist es höchste Zeit, um über Verhütungsmittel, und wie sie wirken, zu reden. Damit Jugendliche diese Zusammenhänge verstehen, sind alle vorausgegangenen Informationen notwendig. Das heisst, dass Eltern sich informieren, wenn sie unsicher sind, oder zusammen mit den Kindern geeignete Literatur anschauen.

Oft haben Eltern Hemmungen, Sexuelles zu bereden. Dazu dürfen sie stehen: «Ich bin ein bisschen verlegen. Meine Eltern haben nie mit mir über Sex geredet, aber ich möchte diese Dinge gerne mit dir besprechen», ist eine Möglichkeit. Somit übernehmen Mütter und Väter die Verantwortung für ihre Hemmungen, und vermitteln nicht die Botschaft, dass man «darüber» nicht redet. Es macht auch Sinn, bei sich selber zu überprüfen, welche Themen gerne besprochen, und welche lieber weg gelassen werden. Es reicht, diese Gedanken und Gefühle einfach zur Kenntnis zu nehmen, und es sich selber nicht zu verübeln, dass es in der Sexualität Themenbereiche gibt, wo man befangen ist. Das geht fast allen so!

Aufklärung heisst aber nicht nur «darüber» zu reden. Aufklärung beginnt bereits mit der Geburt des Kindes, und läuft vor allem auf der nicht sprachlichen Ebene. Das geschieht durch die Art der Säuglingspflege, den körperlichen Umgang mit dem Säugling, oder den Umgang der Eltern miteinander. Eltern vermitteln bereits dem Säugling Informationen und Wertvorstellungen. Dazu gehören beispielsweise Mitteilungen über den Körper, das Geschlecht, den sexuellen Ausdruck, die Kommunikation, die Fortpflanzung, die Beziehungen, die Achtung des Körpers der anderen. Die Mutter beispielsweise, die ihre eigene Sexualität nicht lustvoll und lebendig erlebt, wird ihrer kleinen Tochter kaum ein freudiges Bild davon vermitteln, oder der Vater, der für alles Sexuelle nur zotige Ausdrücke über die Lippen bringt, wird seinem Sohn kaum die notwendige Achtung rüberbringen können.

So spielen Eltern nach wie vor die wichtigste Rolle in der Aufklärung. Auch wenn Kinder heute schon früh, auch ausserhalb der Familie, mit dem Thema Sexualität in Kontakt kommen, ist es vor allem das Elternhaus, das die sexuelle Identität der Kinder im Wesentlichen prägt. Für Kinder ist es wichtig zu spüren, dass Sexualität ein Thema ist, über das die Eltern auch gerne sprechen. Je früher sie damit beginnen, desto besser. Die Kinder haben dann noch keine negativen Botschaften und irreführenden Informationen erhalten, und sie fassen das Thema auf, wie andere Dinge auch, die sie zu lernen haben.

Was Kinder wann wissen müssen

  • Bis zum dritten Lebensjahr: Unterschied zwischen Mädchen und Knaben. Wenn die Erziehung innerhalb der Familie körperfreundlich ist, wird das Kind den Unterschied bemerken, und Fragen stellen.
  • Bis zum fünften Lebensjahr: Geschlechtsverkehr / Geburt. Spermien des Vaters treffen auf eine Eizelle der Mutter, und dann wächst in der Gebärmutter der Mutter ein Baby heran, das aus ihrer Scheide heraus auf die Welt kommt. Kinder sollten wissen, dass Geschlechtsverkehr nicht nur der Zeugung von Babys dient, sondern Teil einer Liebesbeziehung zwischen Erwachsenen ist.
  • Selbstbefriedigung. Kinder sollten wissen, dass es etwas Schönes ist, sich selber zu streicheln, auch an den Geschlechtsorganen, und dass es hilft, den eigenen Körper kennen zu lernen. Aber auch, dass es niemanden etwas angeht, und dass sie es tun, wenn sie alleine und ungestört sind.
  • Körperhygiene. Knaben anweisen, die Vorhaut beim Waschen des Penis zurückzuziehen. Mädchen, den Anus von hinten, und die Scheide von vorne zu waschen. Da bei Mädchen durch die Nähe von Anus und Scheide schnell der Eindruck entstehen kann, dass ihre Scheide schmutzig ist, können Eltern dem Säugling beim Wickeln sagen: Jetzt putzen wir das Fudi, Klitoris und Scheide sind ja sauber
  • Erwachsen. In diesem Alter sollten Kinder wissen, dass sie selber später Erwachsen werden, und dass sich ihr Körper verändern wird, wenn sie grösser werden. So wie sie jetzt ja auch nicht mehr den Babykörper haben.

Buchtipps

  • Für Eltern: Wendy Darvill / Kelsey Powell: Wie kläre ich mein Kind auf? Beust - Fr. 27.-
  • Zum erzählen für Kinder: Silvia Schneider / Mathias Weber: Mama, woher kommen die Babys? Anette Belz - Fr. 18.50

Gruusig reden ist nicht geil

Kinder schnappen schon früh Wörter auf, die Eltern aus ihrem Mund lieber nicht hören wollen. Wertfreie, sachliche Aufklärung gibt Gegensteuer.

 

Der knapp fünfjährige Sandro stürmt atemlos in die Küche, und ruft seiner Mutter begeistert zu: «Was gibt’s zum Zvieri, du fuzze nutte Mami?» Der Mutter fällt beinahe das Messer aus der Hand, mit dem sie gerade Äpfel in Schnitze schneidet. Fassungslos starrt sie ihren Sohn an. Aber der ist wie immer, und erzählt sprudelnd, dass er heute mit dem Rollbrett zum ersten Mal eine Treppenstufe geschafft hat. Dann merkt er, dass etwas nicht stimmt, und verstummt. Die Mutter setzt sich zu ihm, und sagt feststellend: «Aha, ich höre, dass du neue Wörter kennst.» Sandro schaut sie unsicher an, und erzählt dann, dass er die neuen Wörter von den grösseren Jungen beim Rollbrettfahren gehört hat, und dass sie das immer dann sagen, wenn Mädchen oder Frauen vorbei gehen. Die Mutter fragt ruhig: «Weißt du, was die Wörter heissen?». Sandro vermutet, es sei etwas Liebes für Frauen, «aber etwas, was ihnen doch nicht so richtig Freude macht», fügt er nach einigem Nachdenken an.

Solche und ähnliche Szenen spielen sich in vielen Familien, Kindergärten, Horten, und Schulen, oder auf Schulweg und Pausenplatz ab. In der Sprache von Kindern wimmelt es von sexuellen Anspielungen und Ausdrücken, und Schimpfwörter mit sexueller Bedeutung oder ebensolche Witze zeigen, dass Körper und Sexualität Themen von höchster Aktualität sind. Für Kinder sind es meist geheimnisvolle Themen, denn kaum jemand ist bereit, wertfrei und offen Antworten zu geben. So ist die sexualisierte Sprache eine Möglichkeit, sich diesen Themen zu nähern.

Wenn sich Kinder einer sexualisierten Sprache bedienen, gilt es zwischen aufschnappen und provozieren zu unterscheiden. Kinder im Kindergartenalter schnappen neue Wörter auf, und probieren deren Wirkung aus. Reagieren Eltern nur mit Verärgerung, oder der Aufforderung, dieses Wort nicht mehr zu benutzen, spüren die Kinder, dass mit diesen Wörtern etwas nicht gut ist. Aber sie wissen nicht was, und auch nicht warum. Werden Kinder damit allein gelassen, benutzen sie die Wörter dann zur Provokation und als Schimpfworte. Der Ausstieg aus dieser Art zu reden wird zunehmend schwieriger. Deshalb ist es wichtig, Kindern von Anfang an die Bedeutung der Ausdrücke zu erklären. Geschieht dies wertfrei und sachlich, kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass die Ausdrücke nicht mehr ausserhalb der eigentlichen Bedeutung verwendet werden.

Im Zusammenhang mit dieser Aufklärung sollen Kinder beispielsweise auch erfahren, dass es für die Geschlechtsteile verschiedene Wörter gibt, und dass manche Kinder und Erwachsene sie auch als Schimpfwörter benutzen. Vielleicht weil sie Hemmungen haben über Sexuelles zu reden, oder sich gar nicht bewusst sind, wie sie eigentlich reden. Obszöne Bezeichnungen für die weiblichen Genitalien z.B. gelten ja als schlimme Beleidigungen, und Kinder sollen wissen, dass das für Frauen und ihre Sexualität sehr abwertend und verletzend ist.

Wenn vulgäre Worte für Geschlechtsteile, Geschlechtsverkehr oder die sexuelle Ausrichtung als Provokation und Schimpfwörter gebraucht werden, können Eltern den Kontext und das Kind beobachten. Wenn sie sofort intervenieren, verpassen sie es möglicherweise herauszufinden, was hinter dieser Art zu reden steckt. Es kann besser sein, das später aufzugreifen, als im Moment der Provokation. «Ich höre, dass du mich provozieren willst, und frage mich, was du damit sagen willst», ist eine mögliche Bemerkung dazu.

Oft werden die Wörter aber auch gedankenlos benutzt, weil «alle» so reden. Es schadet nichts, den Kindern die Bedeutung von Fuck und Co hie und da wieder in Erinnerung zu rufen: «Ich nehme zwar an, dass du die Bedeutung dieses Wortes kennst, aber ich sage dir noch einmal, was ich darunter verstehe.» So wird das Kind nicht bloss gestellt, und hat die Chance selber zu entscheiden, ob es mit seinen Kollegen, Eltern oder Geschwistern tatsächlich so reden will.

Etwas anders ist es bei Witzen und Reimen. Die meisten Kinder haben eine diebische Freude an anzüglichen Witzen und Reimen. Es sind Ventile, um in der Gruppe über all das Geheimnisvolle lachen zu können. Auf dieser Ebene ist es schade, wenn Sprüche auseinandergepflückt und erklärt werden. Eltern können das stehen lassen und beobachten, ob allenfalls mehr dahinter steckt, und ob ihr Kind eventuell gezielte Fragen in Bezug auf die Sexualität hat.

Damit schaffen sich Kinder auch einen Bereich, zu dem Erwachsenen der Zutritt verboten ist, eine Art «Kinder-Unterwelt». Die meisten Eltern werden sich noch an Sprüche aus ihrer eigenen Kinderzeit erinnern, die sie sich damals kichernd weiter erzählt haben. «Oh ja, diesen Spruch kenne ich noch, den haben wir als Kinder auch schon gesagt», entlastet die Kinder, und zeigt, dass es grundsätzlich in Ordnung ist, über Sexuelles zu reden und auch einmal darüber zu lachen.

Tipps für Eltern

  • Überprüfen: Wie rede ich selber?
  • Reflektieren: Wie ist mein eigenes Verhältnis zu sexuellen Themen?
  • Fragen: Wie sind die Themen Körper und Sexualität in unseren Familienalltag eingebunden?
  • Feststellen: «Ich höre, dass du ein neues Wort kennengelernt hast.»
  • Nachdenken: Die Kinder selber einem Wort und dessen Inhalt nachspüren lassen.
  • Erklären: Ein aufgeklärtes Kind versteht die Zusammenhänge besser, und hat weniger Interesse daran, so zu reden.
  • Grenzen setzen: Z.b. «Ich will nicht, dass du hier so redest.» «Dieser Ausdruck verletzt meine Würde als Frau.» «Damit fühle ich mich als Mann auf Sexuelles reduziert.»
  • Nachfragen: Woher und aus welchem Zusammenhang kennt das Kind ein anstössiges Wort.
  • Aufzeigen: Der Gebrauch von Wörtern ist an Alltagssituationen gebunden. (Begriffe anderer Menschen nicht einfach be- oder verurteilen. Es gibt keine gesamt - gesellschaftliche Sprache für Sexualität)
  • Hinweisen: Sexuell gefärbte Wörter verletzen andere Menschen, und entwerten die Sexualität.
  • Spielen: Kleine Kinder die Themen mit schlüpfrigen Fingerfersli, Sprüchen und Witzen ausagieren lassen.

Wer hat recht?

Sprache ist im steten Wandel. Beispielsweise das Wort «Geil». Was früher geschlechtlich erregt hiess, heisst heute grossartig. Wer hat recht? Beide natürlich! Auch andere Wörter wie «mich scheisst’s an», «mich kackt’s an», «willst du mich verarschen», und so weiter, sind neuere Wörter, die die ältere Generation noch nicht in den Mund nehmen durfte. Wo es keine Übereinstimmung für den Gebrauch gibt, sagen Eltern immer wieder klar, welche Wörter sie nicht mehr hören wollen, weil sie sich persönlich daran stören. Allenfalls handeln sie mit ihren Kindern aus, dass sie nur im Umfeld mit Kolleginnen und Kollegen benutzt werden.

Grundsätzlich: Bei der sexualisierten Sprache geht es nicht darum, die Sprache der Kinder zu verurteilen, sondern Eltern können sie als Hinweis auf die damit geäusserten Interessen entgegen nehmen, und darauf eingehen.

Erschienen: Kidy 08/02

Erschienen: Kidy 15/04