Spitzen allein machen nicht spitz
Schöne Unterwäsche steht schon lange im Ruf, Erloschenes wieder zum Brennen zu bringen. Was früher nur als Geheimtipp aus dem Versandkatalog oder im etwas verrufenen Spezialgeschäft zu bekommen war, wird heute ganz öffentlich überall angeboten, und schon Teenager tragen Dessous, die früher Prostituierten vorbehalten waren.
Genau dieses leicht Verruchte, das Strapsen und Co immer noch anhaftet, macht für viele Männer den Reiz aus. Aber genau dieses Verruchte stösst andere Männer ab, weil sie es nicht mit ihrer Partnerin in Verbindung bringen wollen oder können. Und dieses Verruchte macht es aus, dass längst nicht jede Frau jubelt, wenn sie Dessous geschenkt bekommt, weil sie sich zum Sexobjekt degradiert vorkommt. Anderen Frauen macht genau das Spass, sich ihrem Geliebten einmal in der Rolle der verführerischen Hure zu präsentieren.
Wäsche allein macht das Liebesleben nicht munter. Zuviele Vorstellungen, Bilder und Erwartungen sind damit verknüpft. Mann und Frau müssen über Wünsche und Ängste offen reden. Denn jede Frau, die sich nur dem Mann zuliebe Strapse und Co montiert, kommt sich im Innersten irgendwie blöd und ausgestellt, oder einfach als Objekt vor. Und wenn sie ihren Körper nicht als begehrenswert wahrnehmen kann, wird sie sich auch in hübscher Wäsche nicht begehrenswert fühlen. Und jeder Mann, der in seiner Partnerin nur den Aspekt der zärtlichen Geliebten erkennen kann, wird sich abgestossen fühlen, oder erschrecken, wenn sie sich ihm plötzlich in aufreizender Wäsche und Pose präsentiert.
Aber wenn beide sich getragen fühlen, und wissen, dass auch eine «Wäscheübung» jederzeit abgebrochen werden kann, oder dass auch Strapse mit Humor gewürzt noch sexyer sein können, ist es auch möglich, eine Grenze zu überschreiten, was vielleicht ungeahntes ermöglicht. Ein erstes Mal macht es Sinn, Wäsche gemeinsam einzukaufen, (auch für Männer gibt es sexy Dessous) und dann einen Dessous Abend einzuplanen. Und wenn dann noch alle Erwartungen weggelassen werden, dann kann Spitze durchaus spitz machen.
«Mein Mann weiss einfach nicht wie er mich richtig berühren muss. Am Anfang war das noch nicht so schlimm, und ich dachte, dass es sich ergeben wird. Aber er streichelt und fummelt, und kaum zeige ich ein bisschen Lust, berührt er mich schon heftiger oder will gleich den Akt. Und dann verschwindet meine Lust nullkommaplötzlich, so wie sie aufgeflammt ist», schreibt Gisela (Name geändert) 38.
Die meisten Paare gehen davon aus, dass der oder die andere schon weiss, was zu tun ist im Bett. Und sie gehen davon aus, wenn es am Anfang ganz ok ist, dass das auch so bleibt, und pendeln sich sexuell auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner ein.
Mann und Frau funktionieren in der Sexualität ziemlich gegenteilig. Ich zeichne das hier ein bisschen überspitzt auf. Der Mann mag es in der Regel direkt, er mag eher konkrete Berührung, und er mag es, wenn auch sein Penis schon ganz am Anfang eines Liebesspieles berührt wird. Die Frau hingegen braucht im Alltag Zärtlichkeit und Anteilnahme, damit sie überhaupt bereit ist sich zu öffnen. Sie mag zarte Berührungen am ganzen Körper, und mag es nicht, wenn er sofort ihre Genitalien ansteuert.
Kommunikation beginnt im Alltag
Wenn nun beide von sich und ihren Vorlieben aus gehen, kann ein Liebesspiel so aussehen, dass der Mann nun ewig lange aufs zarteste gekrault wird, und das möglichst weit von seinem Penis weg, und die Frau wird reibend an ihrer Venus berührt. Der Mann wird immer heftiger reiben, weil von der Frau nicht die erwartete Reaktion kommt, und die Frau krault verzweifelt immer sanfter, weil ihr die Berührungen des Mannes zu heftig und zu direkt sind. Wenn der Mann erregt ist, wird die Frau sich erst recht hüten, seinen Penis zu berühren, aus Angst, dass er das als Startschuss für den Geschlechtsverkehr auffassen könnte. Und dabei ist ihre leicht aufflammende Lust gerade wieder irgendwohin verschwunden...
Woher soll ein Mann wissen, wie eine Frau gerne berührt werden möchte, wenn nicht von ihr? Und umgekehrt? Es ist reiner Zufall, wenn jemand genau in der richtigen Art und Weise berührt, und das über Jahre hinweg. Kommunikation ist auch in der Sexualität das A und O. Aber damit sind nicht die Kommandos, «tiefer, höher, schneller» gemeint, sondern echte Gespräche über das Empfinden, über sexuelle Reaktionen, über Fantasien, über Schwieriges usw. Und diese Gespräche finden idealerweise schon im Alltag statt, und nicht erst im Bett.
«Ich habe vor zwei Jahren zu Weihnachten eine Corsage mit Strümpfen bekommen. Obwohl sie hübsch aussieht, käme ich mir darin irgendwie billig vor. Mein Mann hat noch nie danach gefragt, und so hab ich sie auch nie angezogen. Vielleicht ist er enttäuscht, denn mit solcher Wäsche müsste ja offenbar die Post abgehen», schreibt Lorena 32 (Name geändert)
Der 50-jährige Walter (Name geändert) schreibt: «Ich bin Bi-Sexuell und verheiratet. Jahrelang unterdrückte ich mein Bedürfnis nach einer intensiven, auch sexuell gelebten Beziehung zu einem Mann, und trotzdem, oder gerade deshalb wurde es immer stärker, und meine allgemeine Unzufriedenheit, auch gegenüber meiner Frau wurde zunehmend grösser. Vor etwa vier Jahren war der Leidensdruck so stark, dass ich meiner Frau meine Bedürfnisse und Wünsche eröffnete. Etwas heimliches wollte ich nicht, da ich ein Mensch bin, der Lügen zu tiefst verabscheut. Klar war ihre erste Reaktion ein kleiner Schock. Sie akzeptierte meine Veranlagung jedoch, ohne gleich unsere Beziehung in Frage zu stellen. Seit dieser Zeit lebe ich gelegentlich auch meine mir von der Natur gegebene zweite Seite aus. Folge davon war, dass sich unsere Ehebeziehung auf allen Ebenen massiv besserte. Meine Liebe zu meiner Frau nahm ich wieder viel stärker wahr, und spürte auch, dass es für mich sehr wohl möglich ist, meine Frau zu lieben und parallel dazu eine Beziehung zu einem Mann zu haben. Ich bin sehr froh, dass ich diese beiden Schritte gewagt habe: Den der Offenheit meiner Frau gegenüber, und den des Auslebens meiner Bi-Sexualität. Ich bin überzeugt, dass viele Frauen, wenn sie sorgfältig über die Gefühle ihres Ehemannes aufgeklärt würden, die neue Situation verstehen lernen und auch akzeptieren könnten.»
Mut zur Ehrlichkeit
Ich möchte auf den wenigen Zeilen, die mir hier noch bleiben, nicht auf das Thema Bi-Sexualität eingehen, sondern den Brief als Beispiel dafür stehen lassen, dass Paare lernen können, die Form ihrer Beziehung ihren Bedürfnissen entsprechend selber zu wählen und zu gestalten. Für viele Menschen mag die herkömmliche Form von Ehe durchaus stimmen. Aber für andere kann sie, wie es Walter schildert, zu Leidensdruck, und letztlich zur Gefährdung der Beziehung führen. Statt stillschweigend davon aus zugehen, dass beide wissen, was Beziehung heisst, und wie sie gelebt wird, braucht es Mut zur Ehrlichkeit. Am besten werden schon von Anfang an auch Themen besprochen, wie: Was für eine Art von Beziehung will ich überhaupt? Was hat darin Platz? Was sind meine sexuellen Bedürfnisse oder Vorlieben? Was heisst für mich Treue?, usw. Dazu gehört, dass ein Paar im Gespräch bleibt, und im Laufe der Jahre auch immer wieder überprüft, ob die einmal gewählte Form noch stimmt.
Es geht nicht um mich, aber die hauptsächlich Betroffene weigert sich, psychologischen Rat in Anspruch zu nehmen. Die Frau ist 30, und hat einige wenige Geschlechtsakte erlebt, wobei sie zwar zum Höhepunkt kam, sich aber nicht entspannen, geschweige denn richtig los lassen und geniessen konnte. Am liebsten ist ihr eine Beziehung ohne Intimität. Besteht in ihrem Alter überhaupt noch eine Möglichkeit, ein entkrampftes, lustvolles, begehrendes Verhältnis zu entwickeln, und kann eine «therapeutisch» begonnene Beziehung nach dem Gesunden erspriesslich fortgesetzt werden? Ändert sich ein Partner, fällt doch ein Magnet weg und die Beziehung fällt auseinander», schreibt Marcel (Name geändert)
Hingabe ist ein Geschenk
Kann es sein, dass ihre Freundin zufrieden ist, so wie es ist, und dass sie deshalb keine Hilfe braucht und möchte? Dann wäre es vielleicht an Ihnen, eigene Bilder zu hinterfragen. Zum Beispiel: Wie benimmt sich eine entspannte, lustvolle Frau, oder wie sieht Hingabe aus? Solange Sie eigene Bilder bestätigt sehen wollen, verpassen Sie die Hingabe, zu der Ihre Freundin momentan fähig ist. Wirkliche Hingabe kommt aus tiefstem Inneren, und ist ein Geschenk, das nicht eingefordert werden kann.
Und zu Ihren Fragen: Sexualität ist bis ins hohe Alter lern- und gestaltbar. Viele Menschen berichten, dass sie ihre lustvollen sexuellen Fähigkeiten erst in der zweiten oder dritten Lebenshälfte voll entdeckt haben. Sexualität ist also nicht einfach gegeben, aber sie kann ebenso wenig losgelöst betrachtet werden. Sexualität ist mitgeprägt von allem was im Leben geschieht.
Selber Verantwortung übernehmen
Ändert sich ein Partner, bzw. sein Verhalten, entsteht eine neue Paardynamik, so dass sich das Verhalten des anderen mit verändern kann. Es bringt nicht viel, herumerziehen, stell- vertretend Hilfe holen, oder das Gegenüber verändern zu wollen. Am meisten bringt es, sein eigenes Verhalten zu hinterfragen, und gegebenenfalls zu verändern, oder Konsequenzen zu ziehen.
Wenn Sie sich dafür entschieden haben, eine Beziehung einzugehen in der keine Intimität, ich nehme an Sie meinen kein Geschlechtsverkehr, stattfindet, dann müssten Sie Ihr Verhalten entsprechend anpassen. Das heisst, dass Sie ihrer Freundin andere Formen der Sexualität anbieten. Das können Massagen sein, das kann Berührung ohne Ziel sein, das kann ein zärtlicher, achtsamer Umgang im Alltag sein. Und wenn das alles ohne Erwartung geschieht, kann es sogar sein, dass ihre Freundin mit der Zeit noch besser loslassen kann.
«Ich lese immer wieder, dass man Fantasien haben soll, während man miteinander schläft oder Petting hat oder so. Ich finde das irgendwie komisch, das ist doch wie betrügen», schreibt die 15jährige Corina (Name geändert)
Offene Sinne statt Kopfkino
Ja, ich finde es auch komisch, mir in einem Moment etwas vorzustellen was nicht ist, während ich mit einem realen Menschen etwas Reales erleben könnte. Wenn beide im Kopf in ihren Fantasien schwelgen, während sich die Körper miteinander beschäftigen, kann nicht wirklich das wahrgenommen werden, was im Moment gerade abläuft. So betrügst du dich selber, und zwar um das, was du mit dem Gegenüber jetzt gerade wirklich erleben könntest.
Wenn du in deinem Kopf irgendwo anders bist, ist es schwierig genau zu spüren was du erlebst, und deinem Freund oder deiner Freundin zu sagen, wie sich eine Berührung anfühlt, ob du sie gerne hast oder nicht, ob du noch mehr davon möchtest oder nicht usw. Du verpasst vielleicht auch den Geruch und die Geräusche, und siehst nicht, wie dein Gegenüber im Moment der Hingabe oder Zärtlichkeit aussieht, während du in deinem Kopfkino weilst.
Und die Bilder deines Kopffilmes sind nicht mal deine ureigenen Bilder. Sie sind von Aussen beeinflusst, und sind eine Mischung aus Szenen die du irgendwo gelesen, gesehen oder gehört hast, vermischt mit dem was du dir vorstellst, oder schon erlebt hast.
Über sexuelle Fantasien reden
Viele Menschen brauchen eine Fantasie, um Lust empfinden, oder einen Orgasmus erleben zu können. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht das zulassen, was im Moment gerade ist, sondern etwas erleben möchten, von dem sie glauben, dass es erstrebenswert ist. Ohne Fantasie käme die Lust vielleicht tatsächlich langsamer, oder vielleicht ganz anders als erwartet, oder vielleicht auch gar nicht. Wenn wir in so einem Moment eine Fantasie zu Hilfe nehmen, spielen wir uns selber etwas vor. Sexualität ist dann etwas Gemachtes, und es geht vergessen, dass sie ein Fliessen, gespiesen aus der Quelle des Moments, und damit immer wieder voller Überraschungen sein könnte.
Im Alltag haben fast alle Menschen sexuelle Fantasien. Es ist wichtig diese wahrzunehmen und darüber zu reden, weil sie sonst quälend werden können. Das gemeinsame Ausprobieren solcher Fantasien kann eine lustvolle Spielerei sein. Aber auch dann gilt: Mit offenen Sinnen im Moment zu sein, um zu spüren, ob es wirklich so toll ist wie in der Fantasie.
«Ich bin oft eifersüchtig», schreibt die 31 jährige Sereina (Name geändert). «Die Momente der Eifersucht finde ich zwar nicht gerade schön, aber Eifersucht ist doch Ausdruck leidenschaftlicher Liebe, und ein Grundgefühl der Menschen. Aber meinen Freund stresst es total. Er findet ich hätte keinen Grund dazu, und ich enge ihn damit ein.»
Eifersucht verdeckt die wahren Gefühle
Eifersucht ist kein Grundgefühl der Menschen, sie ist eine Emotion, welche die echten Gefühle verschleiert und überdeckt. Angst kann in diesem Zusammenhang so ein Gefühl sein. Angst vor Liebesverlust, Angst nicht zu genügen, Angst vor tiefer Bindung, Angst die Kontrolle zu verlieren usw. Aber statt sich selber und dem Gegenüber diese Angst einzugestehen, und sie auszuhalten, verdeckt Mann oder Frau sie gerne unter dem Mantel der Eifersucht. Alle die sich der Eifersucht schon hingegeben haben, wissen, wie zerstörerisch sie ist, wie sie die Brust eng macht, den Magen verkrampft, die Gedanken rasend. Und trotzdem scheint es oft einfacher, den Partner oder die Partnerin, für die eigene Befindlichkeit verantwortlich zu machen, oder sich in Phantasien zu suhlen, als diesen Deckmantel zu lüften, und zu schauen, was sich darunter wirklich verbirgt. Denn das könnte sehr schmerzlich sein.
Eifersucht ist pures Gift für die Liebe. Es braucht sie nicht, denn sie ist nebst der Ablehnung der Eigenverantwortlichkeit auch ein Disziplinierungsversuch des Partners oder der Partnerin. Eifersüchtige versuchen mit ihrem Verhalten das Gegenüber zu erpressen: Wenn du dich so und so verhältst, dann bin ich glücklich. Das ist nicht Ausdruck von leidenschaftlicher Liebe, sondern von kindlicher Hilflosigkeit.
Der Versuch kann sich lohnen, immer wieder bewusst innezuhalten, wenn sich Eifersucht anschleicht. Und statt die ganze Wucht der quälenden Gedanken auf den Partner oder die Partnerin zu stülpen, tief zu atmen, und einfach einmal wahrzunehmen, was im eigenen Körper abgeht. Das kann sehr heilsam sein, denn das Gegenüber hat in den wenigsten Fällen wirklich etwas mit dem zu tun, was in diesem Moment passiert, es ist nur Auslöser, sozusagen Werkzeug, damit wir die Möglichkeit bekommen, uns unseren wirklichen Gefühlen zu nähren. Zu sagen: «Ich habe Angst, dass ich dir nicht genüge», und das dann auszuhalten, hat eine ganz andere Qualität, als eine Eifersuchtsszene zu inszenieren.
«Ich bin 69 und mein Freund ist 76. Wir hatten bis letztes Jahr ein glückliches Intimleben. Nun klappt es seit Monaten nicht mehr. Mein Freund hatte und hat kein Problem mit der Prostata, und geht regelmässig zur Arztkontrolle. Meine Fragen: Ist es normal, dass man mit dem Alter keine Erektion mehr hat? Und gibt es Mittel ausser Viagra usw.? Ich bin überzeugt, dass mein Freund auch darunter leidet, denn er ist oft irritiert und unzufrieden, obwohl wir noch Zärtlichkeiten zusammen haben. Ausserdem ist es oft schwer darüber zu reden», schreibt Yvonne Berg. (Name geändert)
Zärtlichkeit als Ressource
Das kann ich mir gut vorstellen. Aber das Gespräch über die sich verändernde Sexualität ist Voraussetzung dafür, dass Sie miteinander neue Wege beschreiten können, dass Sie sich mit dem auseinandersetzen können was ist, dass Sie auch von dem Abschied nehmen können, was war. Sexualität verändert sich während dem ganzen Leben, auch im Alter. Ihre Ressource ist, dass Sie nach wie vor Zärtlichkeit leben. Knüpfen Sie da an, denn dieses Bedürfnis und diese Fähigkeit bleibt bis ins hohe Alter bestehen. Pflegen Sie das. Geniessen Sie das. Sexualität ist viel mehr als Geschlechtsverkehr. Sexualität ist auch Anteilnahme, Sinnlichkeit, Erotik, Stille und Berührung in ihrer ganzen Bandbreite.
Neue Wege finden
Erektion die nachlässt oder wegbleibt kann bedingen, sich von den Bildern zu verabschieden, was Mann sein heisst, oder was Sexualität ist. Und da sind auch Sie als Frau gefordert. Was ist Ihr Bild der Sexualität, oder des Mann-Seins? Es wäre spannend, sich darüber mit Ihrem Freund auszutauschen. Eine gute Form dafür ist das Zwiegespräch
Natürlich ist da auch noch die Sehnsucht nach der Art Nähe, die der Geschlechtsverkehr bietet. Das Ineinander-Sein. Das geht auch ohne Erektion. Man nennt das die weiche Penetration. Gut beschrieben, wenn auch etwas gar absolut, im unten aufgeführten Buch. > Diana Richardson, Zeit für Liebe, Edition Innenwelt, chf 34.30
Pflanzen für die Liebe
Dann noch zu pflanzlichen Mitteln: Erhältlich in Apotheken, die auf Natur spezialisiert sind. Die Wirkungsstärke dieser Präparate ist im Vergleich zu Viagra um einiges geringer, aber es gibt Paare, die darauf schwören. Z.B.: Die Blätter der Damianapflanze verbessern die sexuelle Erlebnisfähigkeit. Maca hat eine hormonelle Wirkung. Yohimbin-Wurzel (nur auf ärztliches Rezept) führt zu Gefässerweiterung. Schizandra-Früchte wirken anregend auf Frau und Mann.
«Mein Mann hatte vor zwei Jahren eine grosse Prostata Krebs Operation. Glücklicherweise ist er jetzt wieder gesund. Letztes Jahr waren wir sexuell zwei mal zusammen, und er sagte mir, er spüre auch etwas. Nur, seither herrscht Funkstille. Keine Berührungen, keine Gespräche, kein Interesse, keine Emotionen. Ich komme mir abgeschrieben vor, wertlos, allein gelassen. Ich suche immer wieder das Gespräch mit ihm, kämpfe um ihn. Und für das Sexuelle gäbe es Hilfsmittel wie Spritzen, Viagra etc. und er könnte sogar einen Orgasmus erleben, einfach auf eine andere Art. Aber Spritzen will er nicht, und Viagra hat er Angst zu nehmen», schreibt die 57 jährige Magdalena. (Name geändert)
Was Sie schildern berührt mich. Hat auch Ihr Mann von Ihnen gehört, wie Sie sich fühlen? Weiss er, dass Sie sich abgeschrieben, wertlos, allein gelassen vorkommen? Weiss er, wie sehr Sie sich Zärtlichkeit wünschen, Anteilnahme, eine Gefühlsäusserung? Öffnung im Gespräch geschieht am ehesten, wenn man von sich selber, vom eigenen Empfinden usw. redet, und gar nicht so sehr in den anderen eindringen will, oder gar mit versteckten Vorwürfen kommt. Wichtig auch, dass Sie gut für sich selber und Ihre Seelennahrung sorgen.
Nachdem Ihr Mann von Ihnen weiss, wo Sie stehen, fällt es ihm vielleicht auch leichter, zu schildern, was in ihm vorgeht. Vielleicht fühlt er sich nicht mehr als Mann, wenn Geschlechtsverkehr nur noch mit Hilfsmitteln möglich ist, und die Ejakulation nicht mehr nach aussen tritt, sondern in die Blase. Vielleicht schämt er sich derart, dass er sich Ihnen nicht mehr zumuten will, sich nicht mehr annähren kann. Eine Möglichkeit, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen wäre, bewusst Abschied zu nehmen von den Bildern, was ein Mann sein und können muss, um als Mann zu gelten. Die sexuelle Potenz ist nur ein Teil des Mann seins. Entdecken Sie zusammen, alle anderen Aspekte. Zärtlichkeit, Sinnlichkeit, Anteilnahme, Ehrlichkeit; auch das sind männliche Qualitäten.
Es wäre ein bewusster Entscheid fällig, die Beziehung wieder aufzunehmen. Bewusst wieder Gemeinsamkeiten auszutauschen, intensive Gespräche zu führen, wieder zärtlich und erotisch zu sein, auch wenn es dabei nicht zum Geschlechtsverkehr kommt. Regen Sie beispielsweise einen wöchentlichen Liebesabend an. Und nach einer Zeit der Wiederannäherung ist vielleicht auch ein gemeinsamer Besuch bei einem Urologen möglich, der Hilfsmittel kennt, die Ihrem Mann vielleicht weniger suspekt sind als Spritze und Viagra.
«Ich (74) bin unbeabsichtigt in diese Situation geraten: Habe auf ein Inserat geantwortet, in dem ein sportlicher CH-Mann eine Frau zwischen 65 und 75 suchte. Mein Erstaunen war gross, als ich einen 34 jährigen Mann traf. Ich hätte mich nie auf dieses Inserat gemeldet, wenn ich sein Alter gekannt hätte. Einige Treffen, an denen wir uns gegenseitig befragten, brachten uns dann näher, und wir sind nun ein Paar. Wir verstehen uns eben auch intellektuell sehr gut, können diskutieren, machen Ausflüge, und können zusammen lachen. Ich sehe viel jünger aus, und mein Freund sieht etwas älter aus. Trotzdem ist natürlich der Altersunterschied enorm und eben auch ungewöhnlich. Uns beide stört es (vorläufig!) überhaupt nicht, und wir wissen auch, dass unsere Beziehung keine Zukunftsgedanken zulässt», schreibt Janine Schärer (Name geändert)
Als erstes stolpere ich über den Satz «unbeabsichtigt in diese Situation geraten». Ich nehme nicht an, dass Sie dazu gezwungen wurden, diesen Mann nach dem ersten Treffen erneut zu sehen. Das war doch wohl Ihr bewusster Entscheid. Sie sind kein Opfer einer Situation, sondern eine erwachsene Frau, die fähig ist, zu entscheiden, was für sie stimmig ist, auch wenn es nicht der Norm entspricht.
Ich persönlich bin eher skeptisch, bei so grossen Altersunterschieden. Sie beide wurden nicht in der selben Zeit sozialisiert, und stehen jetzt auch nicht in der gleichen Lebensphase, bzw. es sind ganz andere Lebensthemen aktuell. Bei einem Menschen über 70 ist beispielsweise eines der Lebensthemen die Vorbereitung auf den Tod. Bei einem Menschen Mitte dreissig können es Familiengründung, berufliche Neuorientierung, oder andere, eher in die Zukunft gerichtete Themen sein.
Es ist auch oft zu beobachten, dass bei grossen Altersunterschieden beide nicht ihrem Alter entsprechend leben. Der ältere Teil macht sich jünger, der jüngere älter. Das heisst auf einer tieferen Ebene, dass beide Wichtiges verleugnen.
Es fragt sich, was Sie für eine Art von Beziehung leben möchten. Lachen, Ausflüge, diskutieren, oder auch Sexualität, kann man mit erwachsenen Menschen jeden Alters teilen, aber wenn es auch tiefere Ebenen betreffen und nähren soll, dann ist es wichtig, dass die oben beschriebenen Mechanismen und Gesetzmässigkeiten beachtet werden. Und ich denke, dass eine solche Beziehung noch viel stärker vom Moment, von Loslassen, echter Freiheit und dem Einfach-fliessen-Lassen der Liebe geprägt sein muss.
«Ich bin über Sechzig und verheiratet. Nach der Operation einer gutartigen Prostataerweiterung funktioniert bei meinem Mann nicht mehr alles wie es sollte. Damit könnte ich schon umgehen. Nun rät aber der Arzt meinem Mann, er müsse halt immer wieder probieren, dann werde es schon wieder klappen. Das ist für mich ein Horror. Ich fühle mich als Versuchskaninchen missbraucht, und hasse die ewige Probiererei», schreibt Charlotte Markus (Name geändert)
Kann es sein, dass Sie und Ihr Mann das «Probieren» etwas zu wörtlich nehmen? Aus Ihren Zeilen schliesse ich, dass Ihr Mann nicht mehr ganz zuverlässige Erektionen hat. Und wenn er eine hat, kommt es zum Geschlechtsverkehr, und der ist beendet, sobald seine Erektion zurückgeht.
Wenn das so abläuft, ist zu viel Druck auf ihrem körperlichen Zusammensein, und es dreht sich mehr oder weniger um die Standhaftigkeit des Penis. Alles andere bleibt auf der Strecke. Wenn Ihr Mann eine Erektionen hat, muss es schnell zur Penetration kommen, aus Angst, dass sie wieder verschwindet. Aber Angst macht eng, und das was fliessen könnte, fliesst nicht mehr. Und bei Ihnen läuft ähnliches ab: Sie sehen die Erektion des Mannes, und unterschwellig ist auch bei Ihnen die Befürchtung, dass die wieder weg geht. Dann nehmen Sie den Mann sofort auf, obwohl Sie noch gar nicht wirklich dafür bereit sind. Dann schrumpft der Penis schon bald wieder, und Sie gehen erst recht leer aus. Das gibt mit der Zeit einen regelrechten Widerwillen, gegen das körperliche Zusammensein. Haben Sie das Ihrem Mann schon gesagt?
Verzichten Sie eine Zeit lang ganz auf den Geschlechtsakt. Sprechen Sie das aus, machen Sie das miteinander ab. Begegnen Sie sich statt dessen, regelmässig mit Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und Erotik, die nicht auf die Genitalien beschränkt ist. So kann sich der ganze Mensch sexuell erwärmen und ausdehnen. Wenn Ihr Mann bei diesem Zusammensein eine Erektion hat, heisst das nicht, dass er jetzt in sie eindringen muss, sondern dass er sich entspannt, und wahrnimmt, wie seine Lust kommt und geht. Umgekehrt, wenn Sie genügend gewärmt sind, so dass Sie wirklich bereit sind, Ihren Mann in sich aufzunehmen, spielt es auch keine Rolle, wenn seine Erektion kommt und geht. Dann werden Sie mit miteinander auf dieser Welle der Lust - die kommt und geht - schwimmen können. Dann ist keine Eile geboten, dann geht es nicht darum ein Ziel zu erreichen, sondern darum, einander von Herzen zu geniessen, und sich aneinander und miteinander zu freuen. Voraussetzung dafür ist jedoch das ehrliche, offene Gespräch.
Meinen Freund kenne ich seit bald drei Monaten. Am Anfang war der Sex noch geil, aber jetzt brauche ich immer sehr lange, bis ich überhaupt spitz werde. Ich finde mich kompliziert. Ich habe einfach immer zu wenig Lust, und mag seine Berührungen gar nicht mehr besonders. Und irgendwie ist es auch langweilig, wenn man vieles schon probiert hat. Gibt es einen Tipp?», fragt Natascha, 17-jährig (Name geändert).
Mindestens fünf Gänge langsamer schalten, ist mein Tipp. Sexualität heisst nicht, alle Stellungen und Praktiken in möglichst kurzer Zeit abzuspulen. Dieses machen und tun wird tatsächlich langweilig. Sexualität betrifft nicht nur den Körper, sondern schliesst dein ganzes Wesen mit ein. Kann es sein, dass du eine «gute Frau» sein willst, und dass du Sexualität so lebst, wie du glaubst, dass sie sein muss, und dabei gar nicht auf deine wirklichen Bedürfnisse achtest? Du magst seine Berührungen plötzlich nicht mehr, findest dich kompliziert, hast immer weniger Lust. Das alles heisst nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Ich würde sogar sagen, mit dir stimmt ganz viel, denn dein Körper schickt dir subito Signale, und du spürst sie erst noch! Jetzt geht es darum, dass du die Sprache deines Körpers beachtest und lernst, sie zu verstehen.
Woran misst du die Menge deiner Lust, oder dein kompliziert sein? Es ist ganz normal, dass jede Frau ihre Zeit braucht, bis sie wirklich bereit ist, den Mann in sich aufzunehmen, oder eine Praktik auszuprobieren usw. Wer das nicht beachtet übergeht die seelisch / emotionale Ebene, und dann meldet sich eben der Körper mit Abneigung oder Unlust.
Wenn ich deinen Brief lese, habe ich das Gefühl, dass es euch hauptsächlich darum geht, vieles auszuprobieren und zu zeigen, was ihr schon alles kennt. Das mag in eurem Alter durchaus in Ordnung sein.
Aber habt ihr denn auch intime, kuschelige Momente, wo ihr euch alle Zeit der Welt lässt um eure Körper zu entdecken, zu liebkosen und anzuschauen? Wo ihr herausfindet, was sich wirklich gut anfühlt, auch wenn es von aussen gesehen noch so unspektakulär ist? Gibt es Momente, wo ihr einander anvertraut, was schwierig ist, wo Hemmungen sind, oder wofür ihr euch vielleicht auch schämt? Erst auf solchen intimen Momenten kann sich eine Sexualität aufbauen, die dein ganzes Wesen umfasst. In eurem Schnellzug braust ihr aber ganz offensichtlich an den blühenden Gärten vorbei. Zieht die Bremse, steigt aus, und lasst euch von der ungewohnten Stille und Schönheit berühren.