Die Schönheit der weiblichen Blüte

«Ich habe ein Problem, das ich schon Jahre mit mir herumtrage: Meine kleinen Schamlippen sind grösser als die Grossen. Sie ragen richtig über die äusseren heraus. Das sollte ja nicht so sein, und ich geniere mich. Es stört auch beim Geschlechtsverkehr. Was halten Sie von einer chirurgischen Korrektur?», fragt die 37-jährige Martina Weiser (Name geändert)

Es gibt nichts zu korrigieren

Was gibt Ihnen das Gefühl, dass Ihre Vulva nicht so aussieht, wie sie aussehen sollte? Ich gebe Ihnen zu bedenken, dass es zig Varianten von Formen, Farben, Härchen, Lippenausprägung, Geruch, Geschmack, Feuchte usw. gibt. Das ist individuell und erbbedingt. Es ist durchaus normal, dass die inneren Venuslippen bei sehr vielen Frauen über die äusseren herausragen. Anstatt einer Korrektur - denn hier gibt es nichts zu korrigieren - rate ich Ihnen von Herzen, sich mit Ihrer Vulva auseinander zusetzen. Berühren Sie sich, schauen Sie sich an. Nehmen Sie einen Spiegel und lernen Sie die individuelle Schönheit Ihrer Blüte kennen. Oder sieht Ihre Vulva vielleicht eher aus wie Schmetterlingsflügel, oder die Knospe einer Kastanie kurz vor dem Erblühen, oder wie eine fest verschlossene Muschel, oder das Gehäuse einer seltenen Meeresschnecke, oder das Kerngehäuse eines Apfels, oder wie ein tausendgefälteltes samtenes Blütenblatt? Vielleicht finden Sie mit der Zeit auch einen Namen, ein persönliches Kosewort für Ihr Intimstes.

Beobachten Sie auch, wie sich die Blüte bei Berührung verändert, wie sie bei leichter Erregung die Farbe wechselt, wie die Blättchen praller werden, und sich diese verborgene Blume langsam öffnen kann. Während Sie sich so anschauen und entdecken, beobachten Sie auch Ihre Gefühle dabei. Ist Ihnen schwer ums Herz? Erfüllt sie dieser Anblick mit Freude? Mit Trauer? Ist da Scham? Was auch immer an Gefühlen da ist, ist gut so. Lassen Sie das einfach so sein, sich auf das einzulassen was jetzt ist, anstatt dem nachzutrauern was früher war.

Gleitmittel kann hilfreich sein

Sie sagen, dass Ihre Lippen beim Geschlechtsverkehr störend sind. Kann es sein, dass Sie jeweils noch gar nicht ganz bereit sind, den Mann in sich aufzunehmen? Bei Erregung füllen sich die Lippen mit Blut, sie werden praller und öffnen sich. Und wenn Sie dann auch von Herzen bereit sind, den Mann aufzunehmen, sollte der Geschlechtsverkehr kein Problem sein. Damit sich grosse, faltige innere Lippen beim Verkehr nicht einrollen, kann ein Gleitmittel hilfreich sein. Das muss doch nicht störend sein, ganz im Gegenteil, aber es muss kommuniziert werden!

«Was tun, wenn der Eisprung als natürlicher Lustauslöser ausfällt und die Hormonproduktion stetig zurückgeht (Klimakterium) und damit auch die Libido? Was hat frau für Quellen der Stimulanz? Und, ist die eigene Sexualität entwicklungsfähig? Manchmal möchte ich einen Startknopf drücken können! So ähnlich funktioniert es nämlich bei meinem Mann. Ich vermisse die Quickies!», schreibt Annemarie Schmider, 55. (Name geändert)

Sexualität dem Moment anpassen

Bezüglich Sexualität sind Mann und Frau bis ins hohe Alter Lern- und Entwicklungsfähig. Das ist auch notwendig, wie Sie momentan deutlich spüren. Denn Sexualität, bzw. Empfindungen, Ausdrucksformen, Libido usw. sind in stetem Wandel. Sie vermissen einen Teil der Sexualität, so wie Sie ihn früher gelebt haben: Die Quickies. Das ist einerseits schmerzlich, birgt andererseits die Chance, etwas Neues zu entdecken.

Gehen Sie ein paar Schritte zurück und fragen Sie sich, was an den Quickies so reizvoll war, in welchen Situationen sie stattfanden, oder ob Ihre Sexualität fast ausschliesslich aus Quickies bestand, usw. Nun, vieles hat sich in der Zwischenzeit verändert in Ihrem Leben, im Körper, in der Beziehung usw. Es könnte darum gehen, sich auf das einzulassen was jetzt ist, anstatt dem nachzutrauern was früher war.

Libido, nicht nur eine Frage der Hormone

Die Libido ist nicht in erster Linie hormonell gesteuert, sondern muss im Alltag genährt werden. Frauen brauchen tendenziell eher Stimulanzen, die das Herz berühren, damit sie wirklich bereit sind, den Mann in sich aufzunehmen. Im übrigen ist alles möglich, was Sie anspricht. Von Literatur, über Filme, hin zu Fantasien oder Aphrodisiaka. Es fragt sich nur, ob Sie Ihre Libido von Aussen speisen, oder ob Sie auf die Weisheit Ihres Körpers vertrauen möchten. Denn da scheint etwas zu sein, das sagt: «Moment, ich möchte meine eigene Lust finden. Moment, ich brauche jetzt viel mehr Zeit, bis ich meinen Mann aufnehmen möchte.» Wenn das nicht so funktioniert wie früher, heisst das nicht dass Ihre Libido abhanden gekommen ist! Sondern, dass da vielleicht eine andere Art der Lust entsteht, die sich entfalten und ausbreiten möchte. Eine Lust, die nicht mehr so explosiv daherkommt, sondern die mehr auf geniessen ausgerichtet ist. Auch wenn es Ihnen vielleicht so scheint, als könnte Ihr Mann nur einen Startknopf drücken, kann das vielleicht auch ganz anders sein. Da ist wohl eine Erektion, aber warum muss es dann ganz schnell gehen? Hat er unterschwellig Angst, dass sie sonst wieder verschwindet?

Es gäbe jetzt viel Neues miteinander auszutauschen, zu entdecken, und zu geniessen.

Fallschirmsprung oder Wellenreiten

«Ich lebe mein Liebesleben je «reifer» (35-jährig) desto schöner, entspannter und befriedigender. Dennoch komme ich in Beziehungen immer wieder zu dem Punkt, wo der Partner wissen möchte, wie er mich zu einem Orgasmus führen könne. Und es ist so, dass ich den Orgasmus nicht kenne. Weder in der Selbstbefriedigung noch im Sexualakt. Ich kenne Wellen der Lust, und erlebe diese total schön und intensiv, jedoch nicht dass ich zu einem bestimmten Höhepunkt komme. Ansonsten bin ich fest erregt und  feucht, erkläre meinen Männern dass ich die Lust so erlebe wie ich sie erlebe. Ich frage mich dennoch manchmal, ob es da vielleicht noch etwas gibt (Orgasmus) was ich nicht kenne, und wie ich es denn kennen lernen könnte», fragt Martina Meier (Name geändert)

Verschiedene Orgasmen

Was Sie beschreiben ist Ihr Orgasmus! Befriedigend, entspannt, Wellen der Lust, schön, intensiv. Es gibt nicht nur eine Art von Orgasmus. Wie auch, bei all den unterschiedlichen Menschen. So wie Orgasmus in der Regel definiert wird, geht es um das rein körperlich messbare. In der Sexualität geht es jedoch um mehr, nämlich um das persönliche Erleben und Empfinden, und das ist nicht messbar.

Gipfel oder Tal

Im tantrischen Verständnis von Sexualität beispielsweise, unterscheidet man zwischen dem Gipfelorgasmus und dem Talorgasmus. Der Gipfelorgasmus wird allgemein als DER Orgasmus bezeichnet. Es wird Spannung aufgebaut, die sich dann auf dem Gipfel der Spannung abrupt entlädt. Sie schreiben jedoch, dass Sie beim Lieben entspannt sind. Und das ist die Voraussetzung für den Talorgasmus. Das heisst, Sie brauchen keine Spannung, um orgasmische Gefühle erwecken zu können. Spannung braucht Entladung, Entspannung ermöglicht fliessen. Sie müssen diesen Gipfel gar nicht erklimmen, sondern surfen im Tal entspannt auf Ihren Wellen der Lust. Als Bild: Der Gipfelorgasmus ist vergleichbar mit einem Fallschirmsprung, kann für einen Moment lang vielleicht etwas spektakulärer sein, ist jedoch schnell vorbei. Der Talorgasmus ist vergleichbar mit Wellenreiten, das fast endlos dauern kann. Selbstverständlich gibt es Mischformen, Variationen in der Intensität, erfüllende oder rein mechanische Orgasmen, solche die im Herz spürbar sind, andere die sich aufs Genital beschränken usw.

Wenn Sie ganz persönlich - und nicht weil Ihr Partner es möchte -  neugierig sind, auch ihren Gipfelorgasmus kennen zu lernen, können Sie für sich selber mit Erregung und Spannung experimentieren, und dann entscheiden, was ihnen mehr Freude bereitet.

Quickies vermisst!

Zärtliche Männer

«Ich bin 46, und leide darunter, dass ich zu wenig Zärtlichkeit bekomme. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es den Männern fast immer nur um das Eine geht, und dass Männer schnell ein bisschen an den «strategischen Körperstellen» fummeln, um dann zur Sache zu kommen. Was kann ich als Frau machen, wenn die Männer so anders ticken?» fragt Andrea Müller (Name geändert)

Glaubensätze verhindern neue Erfahrungen

Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass Männer derart anders ticken? Aus Zuschriften, und auch in meiner Praxis, erlebe ich es so, dass sich etwa gleich viele Frauen über die unzärtlichen Männer beklagen, wie Männer über Frauen, die ihre Zärtlichkeit gar nicht wirklich annehmen können. Und beide leiden darunter. So wäre also statistisch gesehen das Bedürfnis Zärtlichkeit zu leben bei Männern und Frauen etwa gleich hoch.

Generationen von Frauen und Männer sind mit dem Glaubenssatz aufgewachsen: «Männer wollen nur das Eine». Solche Sätze sind prägend. Für Männer, indem sie ihre zärtlichen Energien oft nicht wirklich entwickelt haben, weil ihnen nur das Eine zugestanden wird. Für Frauen, indem sie eine Art Schicksalsergebenheit ent- wickelten, und das halt so hinnahmen. Gleichzeitig prägte sich das Bild ein, nur ein Mann der so richtig zügig zur Sache geht, ist ein richtiger Mann. Dann kam die Zeit, wo auch Frauen ihre genitale Befriedigung forderten und Männer lernten, dass sie eine Frau vor dem Eindringen stimulieren müssen. Nach dem Motto: «Stimulation, Lubrikation, Penetration.» Bei vielen Paaren blieb in der Folge Berührung bzw. Zärtlichkeit solcherart reduziert. Solche Ziel gerichteten Berührungen mögen im besten Fall wohl erregen, gehen jedoch am Wesen der Zärtlichkeit vorbei.

Männer sind auch zärtliche Wesen

Meines Erachtens ginge es darum, dass Männer und Frauen absichtsloses, zärtliches Verweilen lernen. Dass auch Männer sagen: «Es ist wunderschön, in deinem Arm zu liegen und nichts tun und sein zu müssen» Dass Frauen sagen: «Ich wünsche mir, dass du meinen ganzen Körper streichelst.» Dass Männer nachfragen, wenn sie unsicher sind. Dass Frauen den Männern immer wieder liebevoll zeigen, wie sie berührt werden möchten. Dass Männer sagen können: «Ich habe wohl ein Erektion, aber ich geniesse es, dich einfach anschauen und kosen zu dürfen.» Aber das geht natürlich nur, wenn Frauen das auch glauben, und zulassen. Männer sind genauso auch zärtliche Wesen, wie Frauen auch ekstatische, lustvolle Wesen sind. Und wenn beide auch all diese Aspekte im anderen anerkennen und wertschätzen, und gut miteinander im Gespräch sind, sollte einer auch sehr zärtlichen Sexualität nichts im Wege stehen.

Mann im Strumpf

«Seit zwei Jahren bin ich mit einem attraktiven Mann liiert. Er ist gross, athletisch gebaut, intelligent und äusserst vielseitig. Wir haben nicht allzu viele sexuelle Kontakte, da er viel beansprucht ist und wir in zwei verschiedenen Städten leben. Nun ruft er mich letzthin an und sagt, er möchte zu mir kommen, mich fühlen und ganz nahe bei mir sein. Ich freute mich. Und jetzt, bitte nicht lachen: Der Mann kam, wir schmusten. Ich wollte ihn ausziehen und er sagte: Ein Moment, ich muss noch rasch auf die Toilette. Er kam zurück, ich befreite ihn von Hemd und Krawatte, öffnete seine Hosen, zog das wenige, das ich noch anhatte bei mir weg und dachte: Was kratzt mich so am Bauch? In diesem Moment sagte er zu mir: Siehst Du, ich habe Strümpfe an. Ich riss die Augen auf! Und tatsächlich, stand der 1.90m Mann vor mir mit einem Strumpfgürtel aus Spitze (kratzt) mit Strumpfhaltern und Spitzenstrümpfen. Ich war völlig von der Rolle. Wir hatten dann sehr schönen Sex, es war Klasse. Nur, was soll ich davon halten? Was ist das für eine Neigung bei einem sonst so maskulinen Mann?», fragt die 62-jährige Andrea Spindler (Name geändert)

Reden statt überrumpeln
So wie Sie Ihr Erlebnis schildern, kann es sich um eine Form von Transvestismus handeln. Dabei geht es um das Bedürfnis, mittels Kleidung, Schminke oder Gestik, die Rolle des anderen Geschlechtes einzunehmen. Solcherart tritt es, entgegen der landläufigen Meinung, vorwiegend bei heterosexuellen Männern in Erscheinung. In der Regel werden damit nicht in erster Linie sexuelle Ziele verfolgt, sondern eher die Verwandlung an sich als lustvoll erlebt. Eher fetischistische Züge würde so eine Verkleidung annehmen, wenn der Mann die gegengeschlechtliche Kostümierung braucht, um überhaupt Lust empfinden zu können.

Eigenes Empfinden statt Vorurteil
Ob es die feine Art ist, ein Gegenüber solcherart zu überraschen, sei dahingestellt. Ich rate eher dazu, einander von Neigungen jedwelcher Art zu erzählen, und dann in kleinen Schritten auszuprobieren, was für beide stimmig sein kann und was nicht. Ich möchte Sie auf jeden Fall dazu ermutigen, an der Neigung Ihres Partners Anteil zu nehmen, indem Sie ihn alles fragen, was Sie darüber wissen möchten, und dass Sie Ihre Zweifel und Ängste formulieren, genauso wie Sie auch das schildern, was Sie offensichtlich auch erregt hat. Besprechen Sie auch, wie Sie diese Neigung in Zukunft in Ihr gemeinsames Sexualleben einbeziehen wollen und können, und hören Sie dabei auf Ihr eigenes Empfinden, und weniger auf gesellschaftliche Vorstellungen.