Sex ist nicht alles, aber alles ist Sex

«Gesamthaft gesehen, wird heute viel zu viel und oft einseitig über Erotik und Sexualität geredet und geschrieben. Als ob das Leben allein aus diesem Bereich bestünde», schreibt eine ältere Leserin.

Lebensfreude ist Sexualenergie

Das Leben besteht tatsächlich nicht nur aus den Bereichen Sexualität und Erotik, aber alles Leben entsteht aus Sexualität. Sexualität ist die Kraft, die uns zum Leben verholfen hat. Sie ist Lebensenergie, und begleitet uns bis ins hohe Alter. Wir alle spüren sie, und können sie auch in der Natur beobachten. Diese Energie ist beim ganz kleinen Kind noch wunderbar zu sehen: Die unbändige Lebensfreude, die unersättliche Hingabe an ein Spiel, das ekstatische Lachen, wenn es von den Eltern durch die Luft gewirbelt wird. Das alles ist Sexualkraft, in ihrer reinen Form. Knaben, die sich im wilden Spiel tummeln, spüren darin die Ahnung ihrer schlummernden Manneskraft. Junge Frauen, die an Konzerten reihenweise in Ohnmacht fallen, erleben hingebungsvolle Ekstase. Und was treibt uns später dazu, uns dauernd nach der neusten Mode einzukleiden, einander zum Nachtessen einzuladen, oder abendelang in Clubs rumzuhocken? Was treibt Menschen dazu, ihre Körper in die momentan moderne Form zu fitten, Diäten zu halten, oder Daueraufgestellt sein zu wollen? Letztlich die Sexualkraft. Wir setzen immer wieder viel daran, auf dem Parkett der Partnersuche ein möglichst gutes Bild abzugeben. Und wie das auszusehen hat, lassen wir uns seltsamerweise vorschreiben.

Es scheint, als wäre in jeder unserer Zellen die Erinnerung an die wunderbare Urkraft gespeichert. Nur ist sie uns etwas abhanden gekommen, auf Äusserliches reduziert, oder zum blossen Geschlechtsakt, zu einer Technik, oder Praktik degradiert. Sie wird als etwas Sensationelles und Spektakuläres dargestellt. Oder verdrängt. Und so wird auch die Sexualität oft nicht von dieser Energie angetrieben, sondern von Bildern, Vorstellungen und Erwartungen, die wir uns angeeignet haben. Das trägt dazu bei, dass Sexualität für viele Menschen tief im Innern unbefriedigt bleibt, oder sich schnell verbraucht.

Glücklicherweise haben wir jedoch jeden Tag die Möglichkeit uns neu zu entscheiden, ob wir uns dieser Energie wieder öffnen wollen. Das kann beispielsweise ein fröhliches, aus tiefem Herzen kommendes Lachen sein, das letztlich viel mehr Sexualenergie versprüht, als jeder gepircte Bauch oder getrimmte Body.

Augenringe vom Onanieren?

Unsicherheit trotz Aufklärung

Ihre Zweifel sind berechtigt. Wenn Jugendliche Augenringe haben, kann das verschiedene Gründe haben, aber sicherlich nicht die Selbstbefriedigung! Masturbation galt vor allem im 18. und 19. Jahrhundert als krankhaftes, unmoralisches, abartiges Verhalten, gegen das fanatisch vorgegangen wurde. Das ging soweit, dass den Jugendlichen nachts die Hände oberhalb der Bettdecke fixiert wurden. Ausserdem drohte man ihnen mit Erkrankungen von Schwindsucht, über Schwachsinn, bis zu Blindheit. Noch in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, haben Ärzte die Masturbation als Problem thematisiert, und Eltern auf die möglichen Symptome hingewiesen: Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, Alpträume, unnatürliche Direktheit, Appetitstörung, Freude an Obszönitäten und perverser Sprache usw. Bei so viel Drohung und Aufruhr wundert es nicht, dass trotz Aufklärung, in Bezug auf die Selbstbefriedigung noch immer Unsicherheiten, Scham oder Ängste bestehen.

Eigenständige Form der Sexualität

Die heutige Psychologie und Sexualwissenschaft betrachtet Selbstbefriedigung und das Bedürfnis danach als sinnvolle Äusserung eines gesunden Sexualempfindens. (Erst wenn das Onanieren zwanghaft zum zentralen Lebensmittelpunkt wird, kann es ein Hinweis auf unbewältigte psychische Probleme sein). Selbstbefriedigung ist mehr als «Notlösung» in partnerschaftslosen Zeiten, oder jugendliches Dampfablassen. Sie ist eine eigenständige Form der Sexualität, die auch von sexuell zufriedenen Frauen und Männern, die in einer Beziehung leben, praktiziert wird. Jugendlichen dient sie dazu, den Körper und die sexuellen Gefühle, Empfindungen und Reaktionen zu entdecken. Und sie hat keinerlei negative gesundheitliche Auswirkungen.

Selbstbefriedigung kann sorgsam und liebevoll wie ein Ritual ablaufen, kann den ganzen Körper mit einbeziehen, und muss keineswegs auch zum Orgasmus führen, oder sie kann der schnellen Triebbefriedigung dienen. Egal wie, die Sexualität mit sich selber ist Privatsache, und geht weder Eltern noch Partnerin oder Partner etwas an.

«Im Gespräch mit bekannten Eltern, erzählte uns die Mutter, dass ihr 14-Jähriger häufig onaniere. Sie hat ihn schon öfters dabei «ertappt», ohne ihn zu stören. Sie weiss, dass die Jugend in diesem Alter ihren Körper entdeckt und auch die Sexualität, und findet das völlig in Ordnung. Was ihr aber aufgefallen ist, sind die Augenringe am nächsten Morgen. Meine Frau und ich haben nun Zweifel, ob man «davon» Augenringe bekommt», schreibt Herr R.

«Ich möchte mit meinem Mann Analverkehr probieren, worauf müssen wir achten? Oral verwöhnen wir uns bereits, auch Anal, kann man sich damit eigentlich irgendwie anstecken? Und wie ist es mit Aids?», fragt Franca.

Langsamkeit und Sauberkeit

Der Anus besteht aus zwei ringförmigen Muskeln, dem äusseren und dem inneren Schliessmuskel. Der Äussere kann jederzeit entspannt werden, im Gegensatz zum Inneren, der nicht der willentlichen Kontrolle unterliegt. Ist jemand verkrampft, zieht er sich zusammen, und jeder Versuch, etwas einzuführen schmerzt, und kann zu Verletzungen führen. Aus diesem Grund ist Langsamkeit bei analem Sex oberstes Gebot. Weiter ist Sauberkeit eine Voraussetzung für alle analen Spiele. Und da der Anus keine natürliche Feuchte hat, ist es auch ganz wichtig, reichlich Gleitmittel zu verwenden. Am besten ein wasserlösliches, das zusammen mit Latex-Produkten angewendet werden kann.

Saver Sex

In losen Beziehungen birgt ungeschützter Analverkehr ein sehr hohes Risiko für beide Beteiligten, sich mit dem HI-Virus zu infizieren. Also unbedingt mit Kondom! In einer festen Beziehung kann es aus Hygienegründen sinnvoll sein, eins zu benutzen. Denn der Darm ist von Bakterien besiedelt, die ausserhalb nichts zu suchen haben. Auch Darmparasiten und Hepatitis können durch Analverkehr oder oralen Analkontakt übertragen werden. Für oralen Analsex empfiehlt es sich deshalb, Latex Tücher zu verwenden. Notfalls tut’s auch ein aufgeschnittenes Kondom. Und wichtig: Alles was mit dem Anus in Kontakt kommt, sollte gründlich gewaschen, oder weg geworfen werden, bevor es mit dem Mund oder der Vagina in Kontakt kommt.

Exakte Kommunikation

Anale Spielereien beginnen bei der Rosette. Sie wird mit gut geschmiertem, evtl. behandschuhten Finger umkreist und umschmeichelt. Für viele Menschen kann das vorerst schon einmal genug sein, denn die heftigen Gefühle, die in dieser höchst erogenen Zone ausgelöst werden, können anfänglich fast zu viel sein.

Falls das ok kommt, weiter zu machen, ist es wichtig, nichts mit Gewalt zu tun. Der Finger, (oder der Penis oder das Toy) streichelt weiter an der Rosette, und verweilt mit sanftem Druck am Eingang. Am besten ist es, darauf zu warten, dass der Finger quasi «eingesogen» wird. Ist der äussere Schliessmuskel passiert, gilt es wieder zu verweilen, bis die Bereitschaft weiter zu gehen, durch die Entspannung des inneren Schliessmuskels signalisiert wird. Dabei ist die Kommunikation wichtig. «Warte noch, bleib da, geh ein bisschen zurück.» Und es ist klar, dass der oder die Gebende sich genau daran hält.

Anbandeln mit Visitenkarte?

«Ich habe ein Problem mit Frauen, die mich nicht kontaktieren wollen, obwohl ich ihnen nach einem anregenden Gespräch in einem Café meine Visitenkarte hinterlasse. Sie sagen zwar immer zu, mir zu telefonieren, machen es aber danach trotzdem nicht. Bin ich vielleicht zu ungeduldig? Mache ich mir vielleicht ein falsches Bild von einer Beziehung? Ich glaube Beziehung, Erotik und Sexualität gehören zusammen. Also kein Sex ohne eine vorausgehende Beziehung, was das auch immer heissen mag», schreibt der 42-jährige Marcel Schwarz (Name geändert)

Kommunikation statt Visitenkarte

Wenn Sie von einer Frau derart angetan sind, dass Sie sie gerne näher kennen lernen möchten, bitten Sie sie doch einfach um eine Fortsetzung des Gespräches, und schlagen ein erneutes Treffen vor. Sie spüren dann auch gleich, ob Ihre Sympathie auf Gegenseitigkeit beruht. Je klarer Ihre eigene Kommunikation, desto klarer auch die Reaktion darauf.

Der Umgang mit einer Visitenkarte ist in der Berufswelt klar, aber im privaten Bereich trifft sie nicht immer den angebrachten Ton. Nach einem angeregten persönlichen Gespräch kann es zu geschäftlich und unverbindlich wirken, wenn Sie einfach Ihre Visitenkarte hinterlassen. Auch wenn es vielleicht rücksichtsvoll gemeint ist, weil Sie eine Frau auf keinen Fall bedrängen, und darum lieber ihr die weitere Initiative überlassen möchten.

Erwartungen wirken bedrängend

Mit der Visitenkarte geben Sie Ihre Verantwortung aus der Hand, und signalisieren nicht gerade ein rasendes Interesse am Gegenüber. Emanzipation hin oder her, biologisch gesehen ist es auch heute noch das Spermium, das sich zum Ei durchkämpft, und nicht umgekehrt. Vielleicht ist es auch im sozialen Verhalten immer noch tief in uns drin, dass eher der Mann den ersten Schritt machen bzw. ein bisschen kämpfen soll. Vielleicht möchte die Frau nach wie vor ein bisschen erobert werden, bzw. zumindest ein deutliches Interesse an ihrer Person spüren, bevor sie ihrerseits Schritte unternimmt.

Aus Ihren Zeilen geht nicht hervor, was Sie sich für ein Bild von Beziehung machen. Dafür schimmert die Erwartung durch, dass sich nach einem angeregten Gespräch eine solche ergeben müsste, und das kann bedrängend wirken. Ich bin mit Ihnen einverstanden: Beziehung und Sexualität gehören zusammen, zumindest in dem Sinne, dass es, ohne miteinander in irgend einer Form in Bezug zu treten, auch keinen Sex zu zweit geben kann. Wie weit gehend und wie tief gehend dieser Bezug, oder eben diese Beziehung sein muss, das bestimmen die beiden beteiligten Menschen.

«Immer wieder deuten Sie an, dass es noch so etwas wie eine andere Art der Sexualität gibt. Letztes Mal war es der Orgasmus der aus Stille entstehen kann, ein anderes Mal ging es um zielloses Geniessen, oder Sie reden vom ureigenen Empfinden. Können Sie dazu mehr sagen?», fragt Michael Reber (Name geändert)

Bilder verunmöglichen das Erleben

Glauben wir dem, wie Sexualität in der Öffentlichkeit dargestellt wird, ist sie etwas Exhibitionistisches und Sensationelles, ist Lifestyle-Objekt, und besteht aus Techniken, Stellungen und Praktiken. Kurz: Sie soll ein dauerndes Feuerwerk sein, das in allen Farben sicht- und hörbar sprüht und knallt. Nur, diesem Anspruch wird kaum jemand auf die Dauer gerecht, bzw. mit diesem Anspruch wird man der Sexualität nicht gerecht.

Sexuelles Empfinden und Erleben ist ein innerer Vorgang und keineswegs spektakulär. Indem wir jedoch um die Ohren gehauen bekommen, wie Lust und Begehren auszusehen haben, halten wir uns an diese äusseren Bilder. Dabei geht das innere Erleben unter, und Sexualität spielt sich noch mehr oder weniger im Kopf ab. Das gilt heute als Normalzustand. Dieses Fixiert sein auf Äusseres, und das Sichvergleichen, schafft viel Druck. Das eigene Erleben und Empfinden wird als nicht richtig, zu unspektakulär, zu wenig leidenschaftlich usw. eingestuft, und zudem hinkt die eigene Libido in der Regel, ausser bei akuter Verliebtheit, der in Umfragen angegebenen Sex-Frequenz, meilenweit hinterher.

Überraschendes Erleben

Liesse man nun die Bilder, Vergleiche, und alles was man je über Sex gehört hat, weg, bliebe das ureigene sexuelle Empfinden und Erleben. Es könnte spannend sein, sich auf die Suche danach zu machen. Das könnte beispielsweise heissen, dass Lust ganz still daherkommt, und aus dieser Stille heraus eine ungeahnte Fülle entsteht, und dass die durch die übliche Reibung beim Geschlechtsakt abgestumpften Genitalien mit der Zeit zu viel tieferen Empfindungen fähig werden. Es könnte heissen, dass das Erzielen eines herkömmlichen Orgasmus nicht mehr im Vordergrund steht, sondern das Erleben dessen, was es in diesem Moment gerade zu erleben gibt. Ohne Ziel. Es könnte sein, dass das Gegenüber plötzlich auf einer tieferen Ebene erkannt wird. Es könnte heissen, dass Sex nur noch aus einer echten Bereitschaft heraus gelebt, und nicht kompensatorisch eingesetzt wird. Es könnte sein, dass ein Paar sich fast immer in der selben Stellung liebt, ohne dass es langweilig wird, usw. Auf dem Weg vom Aussen- zum Innenerleben der Sexualität könnte sich Überraschendes ereignen.

Sexualität ist unspektakulär

«In letzter Zeit habe ich den Begriff «Metrosexualität» ein paar Mal gelesen. Das letzte Mal im Zusammenhang mit der Lancierung einer neuen Pflegelinie für den Mann, wo eine Crème für den «metrosexuellen» Mann unter 25 angepriesen wurde. So viel mir bewusst ist, wurde dieser Begriff vom Fussballer David Beckham geprägt. Aber ich wäre doch froh um Aufklärung, was es mit diesem Begriff auf sich hat», fragt Matthias Brunner (Name geändert)

Nur ein Lifestyle-Ausdruck

Der Begriff «Metrosexuell» ist die Erfindung eines Journalisten, und ist aus den beiden englischen Wörtern «metropolitan» und «heterosexual» zusammengesetzt. Damit werden in den Medien neuerdings heterosexuelle Männer, die Wert auf ein trendiges Äusseres legen bezeichnet. Männer, die sich die Brust rasieren beispielsweise, die ihre Nägel maniküren, eine teure Gesichtscrème benutzen, sich modisch kleiden, gewagte Frisuren tragen usw. Also Verhaltensweisen, die man alllgemein eher dem urbanen Schwulen nachsagt. Als Beispiel für den metrosexuellen Typ Mann, bzw. für dieses Verhalten, wird immer wieder der Fussballer Beckham aufgeführt: Schwul leben, heterosexuell lieben.

Metrosexuell ist also keine Bezeichnung für eine neue sexuelle Ausrichtung, und auch nicht für Sex in der U-Bahn, sondern steht für einen extravaganten Lebensstil heterosexueller Männer. Und selbstverständlich sind Kosmetik-, Schönheits-, Bekleidungs- und wie die Industrien alle heissen mögen, auch auf diesen Zug aufgesprungen. Drum gibt’s nun eben beispielsweise die Crème speziell für den metrosexuellen Mann unter 25. Um stagnierende Märkte anzukurbeln, kommt so ein Lifestyle-Ausdruck offenbar wie gerufen.

Zementiert überholte Klischees

Schade nur, dass mit solchen Ausdrücken Klischees geschaffen und zementiert werden. Das Bild des schwulen Mannes in der Öffentlichkeit wird einmal mehr auf Äusserlichkeiten reduziert. Auf einen Lebensstil. Diejenigen, die man als homosexuell bezeichnet, haben jedoch unter Umständen ausser dieser Kennzeichnung nur wenig gemeinsam. Ausserdem ist «Homosexuell» ja auch kein besonderes Merkmal eines Menschen, sondern ein Status, der ihnen in der Regel von anderen zugewiesen wird. Es sollte doch langsam allen die Freiheit zugestanden sein, die eigene sexuelle Fähigkeit zu entwickeln, wo immer die liegen mag, und dazu braucht’s keine Etiketten und Schubladen. Aber solche unreflektierten, etikettierenden Lifestyle-Ausdrücke sind dafür alles andere als förderlich. Ganz im Gegenteil.

(Un)Lust in langen Beziehungen

«In langjährigen Beziehungen soll es normal sein, dass die Lust abnimmt. In meinem Inneren ist aber etwas, das mir sagt, es könnte auch anders sein. Es müsste doch gerade in der Vertrautheit einer langen Beziehung möglich sein, dass Lust und Liebe bleiben. Was meinen Sie?», fragt Klaus Meier, 36, (Name geändert)

Kleinster gemeinsamer Nenner der Sexualität

Das Fremde, Ungewisse, Unverbindliche, einer neuen Begegnung, verhilft zu einer Unbeschwertheit. Es ist die Zeit, wo zwei sich ohne Worte verstanden fühlen, und in diesem «verstanden sein Kokon», begegnen sie sich auch sexuell. Entweder sagen sie einander nun haargenau was sie wollen, so dass keine wirklichen Überraschungen und Entdeckungen möglich sind, und die Sexualität sich schnell abnützt, weil sie auf Mach-Ebene stattfindet. Oder man nimmt die eigenen Bedürfnisse nicht ganz ernst, sagt nicht viel, in der Annnahme, dass sich das mit der Zeit von selbst ergibt. So entstehen die ersten sexuellen Geheimnisse, und der meist übliche «kleinste gemeinsame Nenner der Sexualität».

Ausgesprochen oder auch nicht: die Begegnung wird langsam zur Beziehung, wird verbindlicher, und damit kommt etwas neues ins Spiel. In der Sexualität geht es unter anderem um Bedürftigkeiten wie Anteilnahme, Nähe, Zärtlichkeit usw. Und damit erwachen unbewusst auch tiefe Ängste. Beispielsweise, dass man erkannt werden könnte in dieser Bedürftigkeit, oder die Angst vor Abhängigkeit. Und so nimmt das Kultivieren kleiner Geheimnisse seinen Lauf. Sie kann nicht sagen, dass sie Zärtlichkeit braucht, er kann nicht sagen, dass er einfach nur ganz lange an ihrer Brust liegen möchte. Er kann ihr nicht anvertrauen, dass es ihn oft erregt, wenn er Frauen auf der Strasse sieht, sie kann ihm nicht von ihrer wilden Phantasie mit einem derben unbekannten Mann erzählen. Mit der Zeit wiegen diese Geheimnisse immer schwerer, und beide fühlen sich zunehmend unverstanden, und sind verstrickt in gegenseitigen Annahmen, Vorstellungen und Vorwürfen. Die Trennung oder der Sprung nach aussen liegt nun nahe.

Sich einfühlbar machen

Meiner Meinung nach geht es darum, wahrhaftig zu sein, sich im Gespräch gegenseitig einfühlbar zu machen, und sich auch schwach und bedürftig zu zeigen. Dieses sich zeigen auf einer tieferen Ebene, schafft Mitgefühl - nicht zu verwechseln mit Mitleid - und aus diesem Mitgefühl entsteht Intimität. Und aus dieser Intimität entsteht Begehren. In dieser Reihenfolge. Nun neigen wir jedoch dazu, direkt auf das Begehren loszusteuern, und wundern uns, wenn es nicht mehr da ist.

Querschnittlähmung und Sexualität

«Ich bin seit drei Jahren Querschnittgelähmt. Reha, Umschulung und alles, hat viel Energie in Anspruch genommen, so dass Sexualität nie mehr gross ein Thema war. Jetzt wünsche ich mir langsam wieder etwas Sexuelles, aber ich weiss nicht wie. An Geschlechtsverkehr ist wohl nicht mehr zu denken. Mit einer Spritze wäre zwar Erektion möglich, aber was bringt es schon, wenn ich nichts spüre?», fragt Matthias (Name geändert) 32-jährig.

Alte Sexualität verabschieden

Es heisst Abschied nehmen von der Sexualität, die Sie früher gelebt haben, und von Bildern und Vorstellungen, was «richtige» Sexualität ist. Es geht jetzt darum, dass Sie Ihre ureigene Form der Sexualität entdecken.

Selbstliebe kann ein Schlüssel dafür sein. Das beginnt mit dem Anschauen und Aushalten des eigenen veränderten Spiegelbildes, geht weiter mit dem Berühren des Körpers. Sie werden staunen, was für Empfindungen sich entfalten, wenn Sie das ganz bewusst tun, und Ihre ganze Aufmerksamkeit darauf legen. Wer sagt denn wo die sensitiven Zonen sein müssen? Durch die volle Präsenz einer Berührung kann sich ein Körpergefühl mit der Zeit ausdehnen und verstärken. Versuchen Sie auch verschiedene Materialien. Wie fühlt sich eine Feder an, ein Stück Seide, die Zahnbürste, ein Eiswürfel? Berühren Sie aber auch Körperstellen, wo sie nichts mehr spüren, denn die gehören nach wie vor zu Ihrem Körper. Und wer sagt denn, dass nur das was man spüren kann, auf Resonanz trifft? Stärken und wecken Sie auch Ihre Sinne, denn die sind ein Tor zum Moment. Wenn Sie ganz in einer Sinneswahrnehmung aufgehen, schweigt der Kopf für einen Moment. Und das ist eine ganz wesentliche Voraussetzung für das Entdecken Ihrer Körperempfindungen und Sexualität.

Restempfindungen ausdehnen und geniessen

Wenn Sie die Spielarten der Sinnlichkeit beherrschen, ist der grösste Teil der Sexualität abgedeckt. Sei es mit sich selber, aber auch mit einem Gegenüber. Befriedigung entsteht nicht in erster Linie durch den körperlichen Orgasmus, sondern durch Anteilnahme, Nähe, Zärtlichkeit, Berührung usw. Und was spräche dagegen, ausser gesundheitlichen Gefahren, wenn Sie hie und da medikamentös eine Erektion herstellen, wenn eine Partnerin Ihren erigierten Penis in sich spüren möchte? In der Paarsexualität ist das Gespräch das wichtigste. Ein Gegenüber kann durch eine körperliche Behinderung verunsichert sein. Was geht, wie geht es, was darf ich, was spürst du, welche Vorkehrungen sind nötig, was könnte passieren?, usw. Reden Sie darüber, und leben Sie Lust statt Leistung.

«Ich habe seit gut zwei Monaten sms-, Mail-, Telefonkontakt mit einem Mann, der in Deutschland lebt. Es ist ein intensiver Kontakt. Ich habe mich noch nie auf so etwas eingelassen, weil das ohne sich zu sehen eine Projektions- und Fantasiefläche ist. Im Oktober kommt er für einen Workshop in die Schweiz und wir werden uns treffen. Mich schlägt es hin und her. Wenn es nicht stimmt, ist es eine derbe Enttäuschung und dann ist es vorbei. Aber was ist wenn es stimmig ist? Gibt es eine Fernbeziehung? Ich suche Nähe, Verbindlichkeit, Spiritualität, Sinnlichkeit. Ich weiss, man kann nichts kontrollieren, und Sicherheit gibt es nicht. Was raten Sie mir?», schreibt Stefania B., 43j (Name geändert)

Zuhören statt fantasieren

Ich kann Ihnen keinen Rat geben. Höchstens ein paar Fragen aufwerfen. Ja, Sicherheit gibt es nicht. Aber eine gewisse Kontrolle über Ihr Leben haben Sie schon. Zumindest indem Sie bewusst Entscheide treffen. Auch wenn es nur der ist, dass Sie sich ganz bewusst auf eine Unsicherheit einlassen. Genauso gut können Sie sich auch ganz bewusst dagegen entscheiden.

Warum möchten Sie diesen Mann treffen? Was ist dagegen einzuwenden, dass die Beziehung so bleibt wie sie ist, nämlich eine intensive sms, Mail- und Telefonbeziehung?

Und wie kommen Sie darauf, dass eine Beziehung wo man sich nicht sieht, die grössere Projektionsfläche bietet, als wenn man sich sieht? Ich denke es kommt in beiden Fällen eher darauf an, dass die Worte in aller Wahrhaftigkeit gesagt, bzw. gehört werden. Wenn es Ihnen gelingt, nur zu hören, ohne Bilder und Wünsche usw. beizumischen, fällt die Projektion weg. Im übertragenen Sinn heisst das, im Moment zu sein, ohne gedanklich voraus zu eilen, was auch noch sein könnte, oder was sein müsste, wenn man sich doch so gut versteht.

Stimmige Beziehungsformen kreieren

Verbindlichkeit ist eine Frage von Abmachungen, und keine Frage der Beziehungsform. Sie wünschen sich Nähe. Meinen Sie räumliche Nähe? Dann ist eine Fern- oder Mailbeziehung wohl nicht das richtige für Sie. Geht es jedoch um innere Nähe, um Austausch usw., spielt die Kilometerdistanz keine Rolle. Auch für einen spirituellen Austausch nicht. Sogar eine genitale Vereinigung kann, wenn man das miteinander abmacht, mittels Visualisierung auf einer energetischen Ebene stattfinden, und wird von geübten Menschen als befriedigend und nährend beschrieben. Es gibt nicht nur eine Form von Beziehung, sondern es kann darum gehen, sich die stimmige Form, oder stimmige Formen zu kreieren, auch wenn sie von der allgemein üblichen abweichen.

Mut zur eigenen Beziehungsform

Die sexuelle Biografie erzählen

Ich bekomme immer wieder Zuschriften, die keine konkrete Frage beinhalten, sondern wo ein Mann oder eine Frau mir ihre sexuelle Biografie erzählen. Da muss einmal die ganze Leichtigkeit der Sexualität, aber auch deren zerstörerischen Abgründe ausgesprochen werden. Vielleicht zum ersten Mal im Leben.

Sex ist Leben

Da ist die Frau, die in ihrem Leben viele Schicksalsschläge erfahren hat, in der Kindheit missbraucht wurde, und später die Sexualität nie als erfüllend erlebt, und dem Mann zuliebe «mitgemacht» hat. Seit vielen Jahren verwitwet, war sie froh, dass das Sexuelle endlich vorbei war. Und nun hat die über 70-jährige einen Mann kennen gelernt, mit dem sie zum ersten Mal im Leben einfach von Herzen gerne Sexualität leben möchte. Sie schildert die Gefühle der Trauer, der Scham, der Freude, die das auslöst, die Ängste die sie erlebt, die Lust die sie plötzlich spürt. Es ist tief berührend.

Oder da ist der Mann, der von den ersten Entdeckungen seines Penis, über seine Jugendliebe, den ersten Geschlechtsverkehr mit 20, seine vorzeitigen Ergüsse in der Hitze der Jugend, und wie er lernt, diese Hitze langsam zu kontrollieren, Erkrankung der Frau, Affären, ein Erlebnis mit einem Mann, ganz minutiös erzählt, und am Schluss anfügt: «Vögeln ist und bleibt schön, auch mit 85 Jahren. Sex ist Leben!»

Hinter der Fassade

Jede Frau, und jeder Mann hat eine sexuelle Biografie. Ich möchte Sie dazu anregen, diese Geschichte zu erzählen; in der Beziehung genauso wie im Freundes- und Familienkreis. Die langen Winterabende bieten sich doch geradezu an dafür. Wie war das, als Sie die ersten sexuellen Gefühle wahrnahmen? Wie ging man in Ihrer Familie mit dem Thema um? Wie erlebten Sie Teenagerlieben? Gab es überhaupt welche? Wie ging es weiter? Was ist jetzt? Erzählen Sie einander diese Geschichte. Und zwar nicht nur äussere Aspekte, wie Erfahrungen, Techniken, Praktiken, sondern vor allem über das Innenerleben dabei. Wissen Sie von Ihrem Mann, dass seine Ejakulation oft nicht befriedigend ist? Wissen Sie von Ihrer Frau, wofür sie sich zutiefst schämt? Sie wissen von Ihrer besten Freundin, dass sie sich tabulos benimmt, aber ob sie sich wirklich befriedigt fühlt, wissen Sie wahrscheinlich nicht. Sie bewundern Ihren besten Freund, der jeden Samstag eine Frau abschleppt, aber dass er jedesmal unter vorzeitigem Erguss leidet, das wissen Sie wahrscheinlich nicht. Diese Geschichten hinter der Fassade wären es, die dazu beitragen könnten, einander in der Sexualität mit mehr liebevoller Anteilnahme zu begegnen.

Anale Spielereien

Was ist Metrosexualität?