Immer wieder bekomme ich Anrufe oder Zuschriften von älteren Menschen, die mir einfach erzählen möchten, wie schön es sein kann, sich im Alter noch einmal so richtig von Herzen zu verlieben, und dass im Alter auch Sexuelles keineswegs Tabu sein muss. Ich habe hier mit Absicht zwei Beispiele von Frauen gewählt. Denn gerade ältere Frauen sind oft verzweifelt, weil sie denken, nie mehr einen Partner zu finden. Sie sind in der Überzahl, haben die Befürchtung, nicht mehr schön genug zu sein, oder glauben, alle Männer wollen sowieso nur jüngere Frauen. Aber anhand der Zuschriften erfahre ich immer wieder, dass es auch für ältere Frauen sehr wohl möglich ist, einen Partner oder Geliebten zu finden. Die beiden Berichte sollen Mut machen, den eigenen Möglichkeiten und Interessen entsprechend aktiv zu werden. Andere Menschen zu treffen, sich ohne Erwartungen auf ein Gespräch einzulassen, einen Kurs zu besuchen, einen Lesezirkel zu initiieren usw. Und immer wieder Tabus zu brechen, das heisst, kleine und grössere Dinge zu tun, die Sie noch nie getan haben. Denn, zu verlieren gibt es nichts. Oder?

 

Wunderbar, das zu erleben

Die 82 jährige Agnes Zubler (Name geändert) erzählt:

«Ich war über 50 Jahre glücklich verheiratet. Acht Jahre nach dem Tod meines Mannes habe ich mich in einen Jugendfreund verliebt. Ich hätte nie geglaubt, und es eigentlich auch nicht erwartet, dass es so etwas noch einmal geben könnte. Früher habe ich das sogar belächelt, ich dachte immer, das ist doch einmal vorbei, und wenn ich ein altes Paar sah dachte ich, wie kann man nur in diesem Alter noch so schmusen und küssen. Ich stellte mir zwar manchmal vor, dass es schon schön wäre, wenn mir mal jemand ein Kompliment macht, oder mir sagt, du bist ein Liebes. Ja und nun hat es voll eingeschlagen. Am Anfang hat es mich grosse Überwindung gekostet, mich auch körperlich einzulassen. Ich meine, der Körper ist nicht mehr jung. Aber jetzt geniessen wir es in vollen Zügen. Es ist alles so unbeschwert. Da sind keine kleinen Kinder, keine Probleme mit der Arbeit, Gesundheitlich geht es uns soweit gut, und wir haben keine finanziellen Sorgen. Wir sind aber nicht dauernd zusammen. Wir haben beide unsere eigene Wohnung, und das ist gut so. Ich finde es einfach wunderbar, dass ich das noch erleben darf in meinem Alter, und ich hoffe, dass wir noch eine schöne Zeit zusammen erleben dürfen.»

 

Oder die 75 jährige Petra Friedrich (Name geändert), seit sieben Jahren verwitwet, hat einen jüngeren Mann getroffen, mit dem sie wunderbaren Sex leben darf. «Ich bin einfach überglücklich, dass ich das endlich so erleben darf», schreibt sie.

Verliebt im Alter

«Ich lebte anderthalb Jahre in Brasilien. Was mir dort aufgefallen ist: Die Frauen strahlen etwas aus, hier würde man es wohl Erotic nennen, dort ist es etwas ganz anderes. Ich kann es nicht in Worten schreiben. Ein Blick genügt manchmal. So etwas sehe ich in Zürich nicht. Und noch etwas, die Frauen dort haben keine Scheu ihre Formen zu zeigen. Sei es etwas mehr Bauch oder Po. Ich finde es herrlich, solche Frauen nur zu sehen. Natürlich, meine Freundin beklagt sich, ich sei nicht normal, «hast du eigentlich nie genug». Aber das weibliche Wesen ist für mich das schönste was es auf der Welt gibt», schreibt der 70 jährige Franz Lauper (Name geändert)

 

Eigene Lustquelle

Sie sprechen etwas an, was viele Frauen nicht verstehen können. Einerseits haben viele Männer es verlernt, diese Anziehung, oder die weibliche Schönheit ganz einfach anzuerkennen, und dann auch wieder ziehen zu lassen. Vielmehr bewerten sie Frauen, und benutzen sie, um an ihre eigenen sexuellen Gefühle zu kommen, bzw. sie geilen sich an der Frau auf. Das ist für viele Frauen unangenehm, denn dazu sind sie nicht da. Es könnte darum gehen, dass Männer lernen, an ihre ureigenen Lustquellen zu gelangen, statt Frauen dafür zu gebrauchen.

Andererseits gibt es natürlich Frauen, die ihr Selbstwertgefühl, einzig aus der Aufmerk- samkeit des Mannes nähren. Aber vor lauter Diäten und Modestylings bleibt dann oft nicht mehr viel von ihrer wirklichen Weiblichkeit übrig, so dass sie auch nicht nachvollziehen können, dass sie für Männer, auch mit ein paar Kilos zu viel, nicht mehr ganz junger Haut, einer hängenden Brust usw., schön und begehrenswert sein könnten Und gilt dann seine Aufmerksamkeit mal für Momente einer anderen Frau, kann das schnell zur Bedrohung werden.

 

An anderen Quellen nähren

Anders sieht es aus, wenn eine Frau in ihrer Kraft ist. Sie wird einen Männerblick mit einem inneren Wissen erwidern. Das ist es wahrscheinlich, was Sie nicht in Worten beschreiben können. Die Frau wird wissen, dass dieser Blick keine Abwertung ihres Körpers sein muss, und auch keine Bedrohung ihrer Integrität. Sie wird wissen, dass sie nicht ausgeliefert ist, sondern dass sie selber bestimmt. Und weil sie ihr Selbstwertgefühl an anderen Quellen speist, ist sie von diesen Blicken auch nicht abhängig. Wenn Frauen und Männer wieder vermehrt zur ursprünglichen Anziehung zurückfinden könnten, wäre einiges im alltäglichen Umgang einfacher und freudiger.

Vertrackte Anziehnung

Sexualisierte Welt

«Sex, Sex und noch einmal Sex. Wo soll denn das noch hinführen? Und Sie wissen auch nichts besseres als noch dauernd darüber zu schreiben. Heutzutage wissen ja auch die Schulkinder nicht mehr was sich gehört, wie man in Seebach gesehen hat», von anonym.

 

Porno ist nicht Sexualität

Diese Besorgnis haben wir gemeinsam. Ich beobachte in den letzten zwei Jahren eine rasante Zunahme von Sexsucht, ausgelöst durch die immer leichtere Zugänglichkeit von Pornografischem, und unterstützt durch den «wir sind doch alle so unverklemmt» -Ton in den Medien. Pornografie ist schon längst zum Lifestyle erklärt, aber dabei geht vergessen, dass die menschliche Sexualität viel mehr ist als Spektakel, Triebabfuhr und Technik. Der Mensch besteht aus Körper, Seele und Geist, und ganzheitliche Sexualität nährt alle drei Bereiche. Wenn da nun dauernd Bilder sind, die nur das Körperliche zeigen, und das erst noch auf unrealistische bis widerwärtige Weise, dann bleibt der Mensch auf der Strecke. Wenn Sexualität nicht ganzheitlich gelebt wird, wird sie mit der Zeit unbefriedigend, und dann müssen immer stärkere äussere Reize her: Neuer Partner, abwegigere Bilder, schmerzhaftere Inszenierungen usw.

Da sitzen dann Männer, die mit Ihren Fantasien nicht mehr klar kommen. Die Angst davor haben, dass die ihnen entgleiten. Da sitzen Frauen, die sich von Ihren Partnern zu tiefst gedemütigt fühlen, weil sie sich beim Sex nur noch benutzt fühlen.

 

Toleranz ist Gleichgültigkeit

Wenn nun schon Erwachsene mit all den Bildern immer weniger gut umgehen können, wie sollen denn erst Kinder und Jugendliche einordnen können, was nicht für sie gedacht ist, aber sich, überall präsent, trotzdem gnadenlos in ihre Seelen frisst? Diese Entwicklung ist wohl kaum mehr rückgängig zu machen, umso mehr braucht es Gegenstimmen und Gegenbilder zu diesem zerstörerischen Schrott.

Erwachsene Menschen, die Kindern und Jugendlichen aufzeigen, was Sexualität auch noch ist. Eltern, die ihren Kindern zugestehen, den eigenen Körper zu entdecken. Schulen, die im Sexualkundeunterricht lehren, wie Knaben und Mädchen miteinander ins Gespräch kommen können. Väter, die ihren Töchtern das Frau sein spiegeln, so dass diese nicht in der Öffentlichkeit halb nackt diese Bestätigung suchen müssen. Mütter, die Mütter sind, und ihre Töchter nicht als Freundinnen missbrauchen. Väter die dem Sohn das Mann sein zeigen. Mütter die ihre Söhne nicht mit Weibchenspielen verwirren. Und nicht zuletzt eine Gesellschaft, die Sexualität als Lebenskraft anerkennt, und sie nicht weiterhin tabuisiert, oder bei Auswüchsen tolerant, bzw. gleichgültig wegschaut.