Sexualität ist eine wesentliche Bereicherung des Lebens. Das hört, liest und sieht mann und frau überall. In der Werbung, im Kino, in den Medien. Das Bild, das uns dort von der Sexualität vermittelt wird, ist jedoch nach wie vor eindimensional. Es zeichnet den allzeit zur Jagd bereiten Mann und eine Frau, die in einer Mischung aus Pornostar und verwundetem Raubtier ihre Bereitschaft signalisiert, aufs neue gerissen zu werden.

Fast alles wird mit diesen sexualisierten Bildern und Botschaften verkauft. Eis, Autos, Jeans, Telefone. Und sie prägen unsere Vorstellung von Sexualität mit. Eine Berührung verfolgt ein Ziel, und Sex ist erst richtiger Sex, wenn ein Geschlechtsakt erfolgreich, das heisst, Mann mit Erektion und Ejakulation, Frau sehr sehr orgastisch in Bild und Ton, durchgeführt wird, und wenn alle gängigen Techniken, Stellungen und möglichen Vorlieben eingebaut sind. Sexualität und Erotik wird auch kaum einmal als etwas Leichtes, Freudiges und Freies dargestellt, sondern kommt meist etwas verdrückt, aufgesetzt, starr und schwer daher. Und was mit Zärtlichkeit, Berührung und Sinnlichkeit zu tun hat, wird fast mitleidig als Kuschel- oder Blümchensex ettiketiert, der höchstens von unerfahrenen Teenies, hoffnungslosen Romantikern oder Warmduschern praktiziert wird.

Vage Sehnsucht

Mit diesen Bildern im Kopf kommen Mann und Frau bettmässig zusammen. Da muss gar nicht mehr viel geredet werden, da sitzt jeder Griff. Am Anfang zumindest. Hier ein bisschen reiben und die Frau stöhnt, dort ein bisschen rubbeln und der Mann kommt schon gut ins Schnaufen. Dort ein bisschen drücken und in Gottes Namen halt auch streicheln und er wird das Ziel erreichen, und sie gibt alles, um ihm zu zeigen, wie gut er ist. Und dann? Dann fühlen sich Mann und Frau mit der Zeit oft alles andere als bereichert. Da bleiben wohl eher Frust und Leere - und im Inneren eine vage Sehnsucht oder die Gier nach mehr.

 

In der Beratung höre ich manchmal: «Wir sind seit zwei Jahren zusammen und haben im Bett alles gemacht, was man so machen kann. Jetzt sind es nur noch Wiederholungen und es langweilt. Haben Sie Tipps, was wir noch machen könnten? Vielleicht sollten wir mehr Richtung SM gehen oder können Sie uns etwas zu Fetisch und so sagen?». Ja, Sex kann langweilig werden, wenn er gemacht statt erlebt wird. Wenn nur Vorstellungen, Fantasien und Bilder bedient werden statt auch dem Platz zu lassen, was in uns ist.

Loslösen

Ich behaupte, Bereicherung durch die Sexualität beginnt da, wo es gelingt, sich von Bildern und Mustern zu lösen und einfach zu sein. Im Moment. Und ich behaupte, durch achtsame, präsente Berührung, die kein Ziel verfolgt, wird es erst möglich, das zu lernen, zu leben und zu verstehen. Dieses Erleben kann jedoch meilenweit von dem entfernt sein, was uns dauernd als Ideal vor Augen geführt, unter die Nase gerieben oder schmackhaft gemacht wird. Denn eine Berührung trifft nicht nur die Haut. Sie geht weiter ins Gewebe, wo allerhand gespeichert ist, und sie geht noch weiter, sie kann Herz und Seele treffen.

Wie würde Sexualität aussehen, wenn nur das gelebt und zugelassen würde, was im Moment da ist? Das nicht zu wissen, macht offenbar Angst, und wird von Männern so formuliert: Sexualität könnte langweilig und eintönig werden, ich würde nicht mehr als richtiger Mann wahrgenommen oder als schlechter Liebhaber bezeichnet werden. Und Frauen haben Angst, als prüde und kompliziert zu gelten, wenn sie nur auf sich hören würden. Auf der seelischen Ebene werden von Männern und Frauen die Ängste so formuliert: Sexualität könnte zu nahe gehen, könnte etwas auslösen, was nicht mehr unter Kontrolle ist, könnte zu Tränen rühren oder gut gehütete Verletzungen ans Tageslicht bringen. Solche und ähnliche Ängste schlummern offenbar als Ahnungen in uns, was Sexualität auch noch sein könnte.

Sexualität die tiefer geht als bis zu Haut und Genital, konfrontiert einem mit sich selber, macht verletzlich und weich. Das sind Qualitäten, die nicht gerade als «männlich» gelten. Aber auf der anderen Seite erlebe ich auch immer wieder die Sehnsucht nach einer ganzheitlichen Männlichkeit, die auch die so genannt «weiblichen» Seiten mit einschliesst. Und ich erlebe, dass es oft ein langes Suchen braucht, bis ein Mann bereit ist, sich dieser Art von Männlichkeit auch zu öffnen.

Ziellos berührt

Dabei kann der Körper eine ganz zentrale Rolle spielen. Beispielsweise durch das passive Erfahren von ziellosen, achtsamen und präsenten Berührungen. Dadurch können sich einem Mann ganz neue Dimensionen des Erlebens und Seins eröffnen. Es kann zunehmend zu einer Reise hin zu ihm selber werden. Hin zu seinen ureigenen Empfindungen und Regungen, zu seiner ureigenen Sexualität.

Ermöglicht wird das nebst den Berührungen unter anderem durch das Ausschliessen der visuellen Reize, über die der Mann in der Regel seine Sexualität nährt, und dadurch, dass er nichts tun und sein (und schon gar nichts Bestimmtes spüren und empfinden) muss. Heilsam ist auch, wenn in diese ziellosen Berührungen auch seine Genitalien mit einbezogen sind. Und zwar in der genau gleichen Qualität. Berührungen, die nichts erreichen wollen, weder eine Erektion noch eine Ejakulation. Wenn da Hände sind, die einfach so berühren wie es der Moment verlangt.

Schön, wenn ein Mann das auch in seiner Beziehung erleben kann. Aber da Frauen genauso ihre Prägungen haben und das ziellose Berühren ebenso wenig erlebt und gelernt haben, kann es Sinn machen, sich diese Erfahrung von Aussen zu holen. Gemeinsam oder allein. Aber wenn in einer Beziehung dieser Wunsch erst einmal formuliert ist, kann sich ein Paar auch gemeinsam auf die Suche nach diesen heilsamen, nährenden und bereichernden Berührungen machen.

Bereicherung durch Berührung

Erschienen: Männerzeitung

Gesunder Männer-Sex: aus Frauensicht

Rammeln oder Schmusen?

Meine These ist, dass Männer ihre wilde sexuelle Kraft oft zurückhalten, aus der Vorstellung heraus, dass Frauen zerbrechliche Wesen sind, die zart, wie rohe Eier angefasst werden müssen. Natürlich brauchen Frauen Zärtlichkeit. Genauso wie Männer auch. Aber manchmal sind Frauen auch einfach geil. Genauso wie Männer auch.

«Wenn ich so richtig giggerig bin, möchte ich einfach nur bumsen», sagt die 43-jährige Rike. «Hart und wild». Sie hat oft erlebt, dass Männer ob dieser weiblichen Urkraft schlichtweg erschrocken sind, und darauf mit einem Erektionsrückgang reagiert haben. «Viele haben mir gesagt, dass sie selten wild bumsen, obwohl sie manchmal so richtig Lust dazu hätten», erzählt Rike. «Aber sie tun’s nicht, weil sie glauben, Frauen damit zu erschrecken, oder gar auszunutzen. Und mit der Partnerin kommt’s erst recht nicht in Frage». Auch Rike hat sich früher oft zurückgehalten, weil sie dachte, es gehöre sich nicht, als Frau so richtig geil zu sein. Und wenn sie es gezeigt hat, hat sie die Angst der Männer erlebt, und auch, dass sie oft ihre Achtung vor ihr verloren haben.

Warum genau da, wo Lebenskraft und –freude fliessen könnte, Zurückhaltung geübt wird, und die Achtung verschwindet, ist eigentlich nicht wirklich nachvollziehbar. Wilde, kraftvolle Sexualität, und Achtung und Zärtlichkeit, schliessen sich keineswegs aus. Im Gegenteil. Wenn Männer und Frauen gelernt haben, sich selber zu achten, mit all den Facetten, die einen Menschen ausmachen, dann gehört auch ungebändigte sexuelle Lust, als eine dieser Facetten selbstverständlich mit dazu.

Peter Schröter, Psychologe FSP, der in seiner «MännerBande» mit Männern unter anderem genau an diesen Themen arbeitet, sagt dazu: «Männer sind mittlerweile kompetente Liebhaber geworden, aber sie reagieren nicht mehr spontan. Sie sind eher in der Beobachterrolle, und leben ihre Lust dadurch durch die Frau.» Diese Entwicklung mag für Frauen einerseits ganz erfreulich sein, und auch die Männer haben dadurch gelernt, ihre Körper besser wahrzunehmen. Aber anderseits, fehlt mit der verlorenen Wildheit, ein wesentlicher Teil des Mannes.

Wenn nun Frauen vermehrt offen zu ihrer sexuellen Wildheit stehen, bekommen es Männer mit der Angst zu tun. «Angst vor Kontrollverlust. Angst vor den aggressiven Teilen in sich. Angst, dass diese in Gewalt ausarten können», beobachtet Peter Schröter in seinen Männergruppen immer wieder.

Der nächste Schritt wäre nun, dass Männer zu einer Genitalität finden, die Körper und Seele gleichermassen umfasst. Das geschieht, indem sie lernen, ihre Leiblichkeit und Körperwahrnehmung zu entwickeln. Das werde noch immer dem Weiblichen zugeordnet, sagt Schröter. Dann ist es natürlich auch wichtig, dass Männer stolz darauf sind, Männer zu sein. Und zum Mannsein gehört eben auch die Wildheit und die Aggressivität.

Wie wäre es, wenn Männer und Frauen ehrlich über ihre Erwartungen, ihre sexuellen Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen reden würden? Aber ums Himmelswillen nicht in der Erwartung, dass Partner oder Partnerin diese auch erfüllen muss. Dafür ist man(n) ganz alleine zuständig. Aber vielleicht merken Mann und Frau dabei, dass erfüllende, nährende Sexualität nicht einfach gegeben, sondern lernbar ist.

Und wie wäre es, wenn Männer und Frauen sich darüber unterhalten würden, wie sie ihr Zusammensein gestalten möchten? Aber sich dabei ums Himmelswillen so wenig wie möglich an den gesellschaftlich herrschenden Vorstellungen von Beziehung orientieren, sondern ganz ganz tief und ehrlich in sich hineinhören würden?

Ich glaube, dann könnte der Sex, und damit auch die Liebe, viel eher einfach fliessen. In sich selber, und auch von Mensch zu Mensch. Dann müssten keine Staudämme aus Vorstellungen, Bildern und Rollenmustern aufgerichtet werden. Und was passiert, wenn Stauseen voll sind, und Dämme brechen, das ist ja leider nur allzu bekannt.

  • für Andy, 52, wenn er als aufbauende Lebenskraft, statt als frustrierter Triebabbau erlebt werden kann. Aber dabei stehen ihm manchmal gesellschaftliche Moralvorstellungen im Wege, und er muss immer wieder lernen, seine Lust auszuleben, und auch ehrlich zu sagen: «Ich bin geil und lüstern und ich geniesse das.» Treu ist er eher den Frauen zuliebe. Oder er versucht es zumindest. Dieser Preis ist hoch, und nur o.k., wenn die Beziehung auch o.k. ist. Sonst lebt er heimlich Affären.
  • für Peter, 49, eine gute Mischung aus abwechslungsreichem Sex, von zärtlich und ausdauernd bis zum Quicky im Wald. Zum Thema Treue fragt er sich: Werden mir in der Beziehung gewisse Bedürfnisse nicht erfüllt, muss ich mir selber etwas bestätigen, oder ergibt sich aus einer speziellen, erotischen Situation ein Abenteuer? Je nach Antwort fällt dann die Handlung aus, denn es heisst auch, seine Energie vor unnötigen Abenteuern zu schützen.
  • für Daniel, 31, wenn er mit einer Partnerin alles leben kann, von obergeil bis oberkuschelig. Gesund heisst für ihn vor allem, wenn die Liebe frei bleibt von einengender Beziehung, Eifersucht, Besitzdenken, und verlogener Treuevorstellung. Das ist nicht einfach lebbar, aber für ihn erstrebenswert.

Die dunklen Seiten von Mars und Venus oder - Woraus werden Männer bei Frauen nicht schlau?

Wo tappen Frauen bei Männern im Dunkel? Was behalten Mann und Frau für sich? Die kleine Umfrage zeigt: Ohne echte Kommunikation bleibt‘s dunkel.

Schon Sigmund Freud tappte im Dunkeln, was das Wesen der Frau betrifft. Auch die Schriftstellerin Rebecca West musste einsehen: «Ich habe noch keinen Ort gefunden, an dem die Männer so waren, wie ich sie mir in meinen kindlichen Erwartungen vorgestellt habe.»

So ist denn Urs die absolute Ausnahme bei meiner Umfrage. Für den 58 Jährigen scheint alles klar, wenn es um Frauen geht: «Ich habe das Gefühl, ich checke die Frauen. Eigentlich. Ich selber lasse sie ja auch nicht im Dunkeln, was mich betrifft».

Anders Anita, 39. Sie versteht einfach nicht, warum Männer «sich extrem schwer damit tun, über sich selber zu reden. Sie lenken ab, weichen aus, reden einen Abend lang, ohne wirklich etwas zu sagen. Über die Gründe dafür tappe ich im Dunkeln. Ich selber bin in einer Beziehung sehr offen. Anders im flüchtigen Kontakt mit Männern, da geniesse ich das Spiel, sie darüber im Ungewissen zu lassen, wer ich bin.»

Auch Doris Christinger, Sexualtherapeutin und Buchautorin, hört in ihren Seminaren für Frauen immer wieder Fragen wie: «Warum sprechen Männer wichtige Themen nicht an, können nicht reden, sich nicht zeigen, ihre Gefühle so schlecht ausdrücken? Oder weshalb entzieht sich der Mann nach Momenten grosser Nähe? Warum braucht er emotionale Distanz, nachdem wir einander körperlich so nahe waren?»

Während Frauen offenbar eher erleben, dass Männer nicht gut über sich selber reden können, empfinden Männer die Frauen oft als unklar. Der 34jährige Julio seufzt: «Die Gedankenwelt der Frau ist für mich oftmals ein Mysterium. Wenn ich beispielsweise etwas frage, bekomme ich häufig keine Antwort. Ich weiss dann nicht, ob die Frau etwas anderes verstanden hat, eine Antwort überflüssig findet, meine Frage daneben war oder was auch immer.» Dieses unklare Verhalten verunsichert ihn, denn er sieht sich selber als relativ mitteilsam und gefühlsvoll. Auch der 31jährige Nico erlebt Frauen als unklar. Nicht so sehr in dem was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. «Ich spüre schnell, wenn irgendetwas nicht stimmt, komme aber selber natürlich nicht drauf, was es ist. Ich verstehe nicht, warum Frauen fast ein Spiel draus machen, Essenzielles für sich zu behalten. Sie können dann ja nie wirklich authentisch sein, weder im Gespräch noch in der Beziehung. Es geht nicht um kleine Geheimnisse. Die haben ja alle. Ich lasse beispielsweise manchmal lieber etwas im Dunkeln, als weh zu tun», sagt Nico.

«Männer behalten die dunklen Seiten eher für sich. Das können wilde Phantasien von Aussenbeziehungen sein, aber auch Fantasien und Taten mit aggressivem Potenzial», sagt Raphael Romano, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und Buchautor. In seiner Praxis beobachtet er oft, dass Männer dazu neigen, Schwieriges nicht zu Ende zu diskutieren oder es für sich zu behalten und selbst lösen zu wollen. Romano stellt auch fest, wie die Selbstwahrnehmung der Männer oft eingeschränkt ist.

So tasten sich die Frauen im Dunkel zum unbekannten Wesen Mann vor, belehren und belagern es, anstatt ihm klare Informationen zu geben – unter anderem darüber, was sie sich in der Sexualität wünschen. Gerade letzteres ist nicht immer ganz einfach, denn «das männliche Ego ist oft sehr verletzlich und kann solche Informationen nicht immer annehmen. Der Mann hat schnell das Gefühl, dass er nicht gut ist, wenn ihm die Frau klare Anweisungen gibt», so Romano.

Aber die Frau unterlässt es oft auch deshalb, weil sie irgendwann resigniert hat und denkt, dass der Mann eben schon weiss wie «es» geht. Entsprechend gross ist die Enttäuschung, wenn sie mit der Zeit feststellen muss, dass er «es» nicht immer weiss. Woher auch, wenn sie ihn im Dunkeln darüber lässt?

«Frauen sprechen ungern über ihre Schwierigkeiten mit dem Orgasmus, was sie brauchen, wie sie stimuliert werden wollen usw.», stellt Doris Christinger fest. Auch ihre sexuellen Fantasien teile die Frau dem Mann selten mit, und halte das Biest in sich zurück, den Teil, wo Frau fordernd, wild, heftig und geil ist. «Ausserdem verstecken Frauen ihre vermeintlichen körperlichen Mängel vor den Männern, jene Körperteile und Stellen, die sie nicht mögen, und für die sie sich schämen», beobachtet Christinger.

Im Gegenzug fragen sie sich, warum Männer derart auf ihre Eroberungsrolle fixiert sind. Verstehen nicht, warum es Männern oftmals schwer fällt, Sex mit Beziehung zusammenzubringen. Oder warum sie im Sex so zielorientiert, orgasmusfixiert und auf die Penetration ausgerichtet sind. «Auch die immer wieder spürbare Angst des Mannes, einer Frau nicht zu genügen, verstehen Frauen nicht wirklich», sagt Christinger, und «was Männer im ganzen Pornogebiet und Sexgewerbe ausleben möchten, ist Frauen schlichtweg ein Rätsel.

Für die 56-jährige Christine ist ein dunkler Punkt «das Selbstverständnis, mit dem viele Männer denken, ihre Partnerin müsste sexuell nur ein bisschen entgegenkommender sein und schon wäre alles gut in der Beziehung.» Sie staunt, wie wenig sich Männer für das Wesen Frau neben sich interessieren und nachfragen, warum sich eine Frau beispielsweise sexuell zurückziehe oder verweigere.

Der 55-jährige Fredi hat es aufgegeben, Verhalten und Logik der Frauen verstehen zu wollen. «Etwas was ganz klar ist, können Frauen im Gespräch kompliziert machen. Oft noch gepaart mit grundlosem Misstrauen. Das verstehe ich einfach nicht. So behalte ich Probleme beruflicher Natur oder allfällige Aussenbeziehungen lieber für mich. Denn ich habe keine Lust, dauernd Probleme zu wälzen. Vieles verdränge ich auch ganz einfach.»

Männer zerbrechen sich manchmal den Kopf, weil sie Denkstrukturen oder Verhaltensweisen der Frauen weder durchschauen noch verstehen können. Raphael Romano appeliert an die Männer, dieses andere Denken nicht als unlogisch, hysterisch oder kompliziert abzutun, sondern als gleichwertig zu achten und Bereitschaft zu signalisieren, sich mit diesem Denken auseinander zu setzen.

Ums klare Kommunizieren kommen weder Mann noch Frau herum. Aber wie? Eine Hilfe aus dem Dunkel von Vorstellungen, Vorurteilen, Erwartungen, Verallgemeinerungen usw. kann das Zwiegespräch sein. Diese Gesprächsart ist überall dort angebracht, wo Menschen einander begegnen, also nicht nur in einer Liebesbeziehung. Bei der von Michael Lukas Moeller entwickelten Dialog-Methode geht es um wertschätzendes Zuhören und das Mitteilen von eigenen Empfindungen. Vorwürfe, Bohren, Erwartungshaltungen und Co. haben im Zwiegespräch keinen Platz.

Und so geht‘s: Wöchentlich anderthalb Stunden ungestörte Zeit reservieren. Dann setzt man sich einander gegenüber, ohne sich zu berühren. Jede Partei hat drei Mal eine Viertelstunde Redezeit. In der Redezeit des einen hört die andere nur zu. Wenn während der Redezeit kein Thema kommt, wird einfach geschwiegen. Das ist nicht immer ganz einfach, kann jedoch sehr beglückend sein. Oft kommen durch die Stille auch lang verdrängte wichtige Themen ins Bewusstsein. Wichtig: Es darf nur den eigenen Wahnehmungen und Empfindungen - was man spürt, was schwierig ist, was man denkt, wofür man sich schämt, was man am anderen wunderschön findet usw. - geredet werden.

 

(Wer es genauer wissen will: Michael Lukas Moeller, Die Wahrheit beginnt zu zweit,

ISBN 3-499-60379-9.)

 

Erschienen: Männerzeitung

Erschienen: Männerzeitung

Gesunder Sex ist...

Porno kann traumatisieren

Die Sexualberaterin Marlise Santiago beobachtet in ihrer Praxis, dass Partnerinnen von Freiern und Pornokonsumenten Anzeichen von Traumatisierung aufweisen.

 

 

Sie haben bestimmt schon Haut berührt. Warm, lebendig, empfänglich. Wissen Sie auch wie sich traumatisiertes Gewebe anfühlt? Starr, kühl, einsam, traurig, unnahbar.

Dahinter ein Mensch, der aus irgend einem Grund buchstäblich nichts mehr an sich heran lässt. Auch nicht das, was er am meisten brauchen würde: Zuwendung, Anteilnahme, Zärtlichkeit. «Mein Körper ist wie tot. Gefühllos. Ich spüre nichts mehr, wenn ich ihn berühre. Wenn ich mit meinem Ex-Mann Sex hatte, schwebte ich über mir und konnte zuschauen, was mein Körper über sich ergehen liess», erzählt eine Frau in den Dreissigern, die mit einem Sexsüchtigen Mann (Internet / Prostitution) verheiratet war. «Da ist nur noch Ekel, wenn mein Mann mich berühren will. Mein Körper erstarrt. Ich bin nicht gemeint mit diesen Berührungen», erzählt eine andere Frau, deren Mann regelmässig Prostituierte besucht. «Überall diese Weiber, und mein Mann geifert denen nächtelang nach. Mein Körper ekelt mich, ich fühle mich als Frau abgewertet durch dieses zur Schau stellen alles Intimen», erzählt eine Frau Mitte Vierzig, deren Mann nächtelang im Internet verbringt. Eine 60jährige: «Mein Mann hat die Realität verloren. Auf der Strasse oder im Tram schaut er Frauen an, wie wenn er vor dem Computer hocken, und sich von Frau zu Frau klicken würde. Er ist dann auch kaum ansprechbar, denn ich störe seinen Film. Aber zu Hause fällt er über mich her. Mein Körper ist tot. Kein Empfinden, nur Starre.» Auch ihr Mann besucht Salons und surft nächtelang.

 

Vier Beispiele aus meiner Praxis. Trend dank Internet rasant zunehmend! Auch wenn eine Frau vom Treiben Ihres Partners lange keine Ahnung hat, ihr Körper - oder ihre Seele? - scheint es zu wissen, und darauf zu reagieren. Eine Realität, über die in der heutigen Pornogesellschaft kaum jemand spricht: Porno kann traumatisieren. Männer machen sich etwas vor, wenn sie glauben, ihr Porno- und Prostituiertenkonsum liesse sich problemlos vom Sexualverhalten zu Hause trennen.

 

Zu wissen, dass über 90 Prozent der Frauen, die sich prostituieren, Gewalt- und oder Missbraucherfahrungen haben, macht die Sache auch nicht besser. Ihre oft angepriesene «Naturgeilheit», ist also keineswegs natürlich, sondern da wurden irgendwann subtil oder auch ganz brutal Grenzen niedergetrampelt. Ausserdem orientiert sich ihr Arbeits- Verhalten an der Pornografie. Männer lernen also bei traumatisierten und «pornografisierten» Frauen ein sexuelles Verhalten, das sie selber traumatisiert.

Mich erschüttert es immer wieder, wie fahrlässig unsere Gesellschaft mit dem Phänomen Porno und Prostitution umgeht. Vergewaltigungsszenen als Modewerbung, Werbung für Swingerclubs auf öffentlichen Plakaten, die verfügbare Frau auf dem Spielcasinotisch – das gilt inzwischen als normal.

 

Wenn wir uns jedoch vor Augen halten, was Sexualität denn überhaupt ist, und was sich zwischen Mann und Frau abspielen könnte, werden wir verstehen, dass Pornografie kein anzustrebender Lifestyle ist, denn Mann und Frau reagieren darauf mit Anzeichen von Taumatisierung. Oder was ist es denn anderes, wenn Körperempfindungen und Gefühle nicht mehr wahrgenommen werden können?

 

Was heisst denn schon das viel zitierte «sich sexuell ausleben»? Wenn man genauer hinschaut heisst das doch «Porno nachspielen». Die allgegenwärtigen Bilder prägen die Vorstellung von Sexualität. Hier muss der Freier auch nicht freien, nur bezahlen. Verlockend, wenn das Gegenüber dann auch noch reagiert wie das Gegenüber im Film. Partnerinnen tun das meist nur am Anfang. So fallen mit der Zeit innere Grenzen. Die Grenze des Mitgefühls, der Anteilnahme beispielsweise. Wie möchte denn meine Frau wirklich berührt werden? Was braucht meine Frau wirklich, um in ihre Lust zu kommen? Was muss sein, damit meine Frau mich wirklich ganz und auch ganz bewusst in sich aufnehmen kann, so dass ich als Mann auch wirklich und ganz bewusst geben kann? Die Antworten darauf werden im Porno, bzw. in den pornografisierten Bildern der Sexualität gesucht, statt miteinander erkundet. Aber Pornografie berücksichtigt nur einen winzigen Teil des Menschseins, darum vermag sie auch nur eine temporäre Geilheit zu stillen, aber nicht nachhaltig zu sättigen.

 

Meine Erfahrung und Beobachtung zeigt, dass Berührungen und sexuelle Handlungen mit der Zeit die Qualität von sexuellem Missbrauch bekommen können, wenn damit nicht wirklich das Gegenüber gemeint ist. Das heisst, wenn das Begehren dem Kopf entspriesst, statt dem Herzen. Wenn das Gegenüber dazu benutzt wird, sich sexuell abzureagieren. Wenn der Kopf in Fantasien, Bildern und Szenen schwelgt, während der Körper gleichzeitig etwas mit einem realen Gegenüber tut. Wenn die Berührungen und Handlungen nur noch Ziel gerichtet sind.

 

Ein Teufelskreis entsteht: Da ist die Frau, deren Körper sich zunehmend verschliesst, starr und empfindungslos wird, weil sie missbraucht wird. Und da ist der Mann mit seiner Bedürftigkeit, seinem Getriebensein, seiner Verzweiflung darüber, dass er den Zugang zur Frau nicht mehr findet. Er lebt fast nur noch in der Fantasie, und auch er nimmt seinen Körper und seine wirklichen Bedürfnisse immer weniger wahr. Auch die Frau leidet, weil sie ihren Mann nicht mehr erreicht, und auch sie sucht die Antworten im Porno. Immer wieder versucht sie Lust zu empfinden, sich ihm hinzugeben, sie will tabulos sein, sie ist oft auch bereit ihn an Erotikwochenenden und ähnliche Anlässe zu begleiten. Aber es geschieht immer noch nichts. Ausser Scham und noch grösserer Verzweiflung, die sie ihm aber nicht zumuten will, denn sie versteckt das, was ihm vermeintlich nicht gefallen könnte. Aber ihre und auch seine tiefste Sehnsucht ist es doch, gesehen und geliebt zu werden so wie sie sind. Also auch mit Scham, mit Lustlosigkeit, mit grenzenloser Geilheit, absurden Fantasien usw.

 

Die Trümmerlandschaft, welche die konsumierte Sexualität hinterlassen kann, wird normalerweise schön geredet. Aber in meiner Arbeit wird sie ganz schnell sicht- bzw. spürbar, weil ich die Menschen auch berühre. Meiner Ansicht nach ist das auch ein guter Weg, um Erstarrung aufzulösen und verlorenes Empfinden wieder zu wecken.

 

Mann und Frau müssten in erster Linie lernen sich einander zu offenbaren, auch mit ihren vermeintlich unzumutbaren Aspekten. Mann und Frau müssten lernen bei sich selber hinzusehen, he was tu ich da überhaupt, ist das wirklich das was ich will. Frauen müssten selbstverantwortlich handeln und sich nicht mehr missbrauchen lassen. Männer müssten lernen, ihren Körper und ihre Empfindungen zu erforschen, so dass sie von Herzen geben, und ihre Frauen für deren Hingabe achten und lieben können.