Sensate Focus/ Körperwahnehmung

Den eigenen Körper wahrzunehmen, ist eine Grundvoraussetzung für ein gelebtes Leben und gut erlebte Sexualität. Gefühle, Gedanken/Fantasien und Körperwahrnehmungen können oftmals weder unterschieden noch wirklich wahrgenommen werden. Durch gezieltes fokussieren der einzelnen Seins-Ebenen verändert und vertieft sich dieses Erleben und trägt wesentlich dazu bei, sich als ein in sich sowie auch nach Aussen verbundener Organismus wahrzunehmen. Damit werden Ihre Handlungen/Ihr Verhalten in Beziehungen und Sexualität befreiter und authentischer.

Nebst der direkten Körperwahrnehmung wie beispielsweise kalt, kitzelig, Schmerz, fliessen, pulsieren etc., ist der Körper auch das «Gefäss» der Gefühle. Wie sonst können Sie wahrnehmen dass Sie traurig oder glücklich sind? Diese und alle anderen Gefühle sind irgendwo im Körper spürbar. Aber viele Menschen haben die Fähigkeit zu fühlen verloren, und Sie denken die Gefühle. «Ich denke, ich bin traurig», oder «ich glaube, es geht mir gut», sind Sätze, die ich oft höre.
Machen Sie ein kleines Experiment: Setzen Sie sich entspannt hin, und hören dem Singen der Vögel zu, oder betrachten Sie einen Sonnenuntergang. Die meisten Menschen empfinden dabei Ruhe oder ein Glücksgefühl. Spüren Sie in Ihren Körper hinein, bzw. scannen Sie Ihren Körper, wo und wie Sie das wahrnehmen können. Ist es ein Kitzeln in der Brust, ein Kreisen auf dem Brustbein, ein Erleben von Weite in der Magengegend, oder etwas anders?

Unser freies, bzw. freiwilliges Handeln im Leben und in der Sexualität, ist oft nicht wirklich frei, sondern eben gesteuert von unbewussten Ängsten und Traumata, und wir machen ein momentanes Gegenüber für Dinge verantwortlich, die weit zurückliegen. Wenn es gelingt, zu einem ursprünglichen Gefühl zu gelangen, es wirklich zu fühlen, statt andere Gefühle darüber zu stülpen, wird unser Handeln und Sein immer authentischer und freier.

Ich nehme hier das Beispiel einer Frau, die in der Jugend sexuellen Missbrauch erlebt hat. (aber der Mechanismus ist auch bei kleinen alltäglichen Dingen der selbe) Damals wurde die körperliche Nähe als Schmerz, als schamvoll, als ekelhaft usw. erlebt. Im heutigen Zusammensein, kann körperliche Nähe genau das selbe  Erleben auslösen. Der geliebte Partner, mit dem sie eigentlich Nähe erleben möchte, wird zum Auslöser, dieses alten Erlebens. Es wird sozusagen auf ihn übertragen, und erfüllende Nähe und Sexualität ist nicht möglich. Sich in der heutigen Realität zu verankern, das Reagieren auf die heute ausgelösten Empfindungen zu überprüfen usw. ist ein wichtiger Bestandteil von Körperwahrnehmung.

Oder das weit verbreitete Erleben «Eifersucht». Das ist meines Erachtens weder ein Gefühl, noch ein Liebesbeweis, sondern immer Ausdruck von etwas viel tiefer Liegendem, meist Ängsten, und hat mit dem auslösenden Gegenüber nichts zu tun. Es steht Ihnen natürlich frei, eifersüchtig zu sein und daran fest zu halten, dass Eifersucht zur Liebe gehört. Aber vielleicht mögen Sie auch diesbezüglich ein kleines Experiment wagen, falls Sie das nächste Mal gerade von diesem «Gefühl» heimgesucht werden. Statt sich dann wie gewohnt von diesem «Gefühl» zu Kurzschlusshandlungen oder heftigen Reaktionen hinreissen zu lassen, nehmen Sie einen tiefen Atemzug, und scannen Ihren Körper, wo und wie ihre Eifersucht spürbar wird. Vielleicht ist es eine Empfindung als würde sich eine Faust tief in Ihren Magen bohren, oder vielleicht wie ein Korsett, das immer enger geschnürt, Ihre Luft abwürgt, vielleicht eine Unruhe im ganzen Körper, eine aufschiessende Hitze usw., die Sie zu Handlungen antreibt, die Sie normalerweise nicht tun.
Durch dieses Beobachten der eigenen Körperwahrnehmung bekommen Sie die Möglichkeit kurz innezuhalten, statt auf dieses «Gefühl» zu reagieren. Das kann dazu beitragen, dass Sie nach und nach lernen, etwas genauer hinzuhören. Worum geht es denn wirklich, wenn ich eifersüchtig bin? Vielleicht nehmen Sie irgendwann ein Gefühl der Trauer wahr, der Wut, der Einsamkeit etc. Körperempfindungen verknüpfen sich mit irgendwann erlebtem, so dass unbewusstes ins Bewusstsein befördert wird, und Sie nicht länger auf unangebrachte Art reagieren müssen.

Ebenso ist es spannend, sozusagen in den Kopf hinein zu schauen. Gedanken, Bilder, Fantasien. Denn wenn nur auf das Kognitive abgestützt wird, sind Beziehungen und Sexualität sehr eindimensional.