Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1
Was ist Sexualität?

Sex ist nicht alles, aber alles ist Sex

«Es gibt weiss Gott noch anderes auf der Welt als Sexualität. Es ist, als ob heutzutage das Leben allein daraus bestehen würde», bekomme ich hie und da zu hören. Ja ja, das Leben besteht tatsächlich nicht nur aus Sexualität, aber andererseits: Alles Leben entsteht aus Sexualität!

Sexualität ist die Kraft, die uns zum Leben verholfen hat. Sie ist Lebensenergie, und begleitet uns bis ins hohe Alter. Ja sie scheint uns auch in den Tod zu begleiten. Wenn wir beobachten, dass betagte Menschen vor Ihrem Tod sehr oft noch einmal so richtig aufblühen, dass ihre Sinne geschärft sind, dann heisst das für mich nichts anderes, als dass die Sexualenergie auch Kraftquelle ist für den Übergang in eine andere Dimension. Menschen die Sterbende begleiten sind manchmal mit dem Wunsch konfrontiert, doch noch einmal eine Geschlechtliche Vereinigung erleben zu dürfen. Ganz berührend war für mich in diesem Zusammenhang die Aussage eines betagten Klienten, der zeitlebens keine Erektionen haben, und aus diesem Grund noch nie in einer Frau sein konnte: «Wissen Sie ich habe Angst, dass ich dereinst nicht sterben kann, dass ich nicht werde loslassen können. Ich habe es nie erlebt in einer Frau zu sein. Mir geht es nicht um Geilheit oder so etwas. Es ist etwas ganz anderes. Ich kann es Ihnen nicht genau sagen». Dieser Mann scheint von dieser Kraft etwas geahnt zu haben, und wollte sich damit auseinander setzen.

Wir alle spüren diese Kraft, und können sie auch in der Natur beobachten. Diese Energie ist beim ganz kleinen Kind noch wunderbar zu sehen: Die unbändige Lebensfreude, die unersättliche Hingabe an ein Spiel, das ekstatische Lachen, wenn es von den Eltern durch die Luft gewirbelt wird. Das alles ist Sexualkraft in ihrer reinen Form. Knaben, die sich im wilden Spiel tummeln spüren darin die Ahnung ihrer schlummernden Manneskraft. Junge Frauen, die an Konzerten reihenweise in Ohnmacht fallen erleben hingebungsvolle Ekstase. Und was treibt uns später dazu, uns dauernd nach der neusten Mode einzukleiden oder abendlang in Clubs rumzuhocken? Was treibt Menschen dazu, ihre Körper in die momentan moderne Form zu fitten, Diäten zu halten, oder Daueraufgestellt sein zu wollen? Was ist es, wenn ein alter Mann von der Schönheit der Frauen schwärmt, oder eine alte Frau selbstvergessen das Fell einer Katze streichelt?

Letztlich ist es die Sexualkraft. Es scheint, als wäre in jeder unserer Zellen die Erinnerung an diese wunderbare Urkraft gespeichert. Nur ist sie uns in der Zwischenzeit etwas abhanden gekommen. Sie wird auf Äußerliches reduziert, oder zum blossen Geschlechtsakt, zu einer Technik oder Praktik degradiert. Sie wird als etwas Sensationelles und Spektakuläres dargestellt, oder andererseits nach wie vor verdrängt. Und so wird auch das Ausleben von Sexualität oft nicht von dieser Energie angetrieben, sondern von Bildern, Vorstellungen und Erwartungen, die wir uns irgendwann angeeignet haben. Das trägt dazu bei, dass Sexuelles für viele Menschen tief im Innern unbefriedigt bleibt, sich schnell verbraucht, oder nicht sein darf.

Glücklicherweise haben wir jedoch jeden Tag die Möglichkeit uns neu zu entscheiden, ob wir uns dieser Energie wieder öffnen wollen. Das kann beispielsweise ein fröhliches, aus tiefem Herzen kommendes Lachen sein, das letztlich viel mehr Sexualenergie versprüht, als jeder gepircte Bauch oder getrimmte Körper.

Eine Definition von Sexualität
Darüber was Sexualität ist, haben sich schon viele Menschen Gedanken gemacht, und Modelle und Definitionen erarbeitet. Wenn ich in eine Schulklasse komme, und die Mädchen und Jungen formulieren lasse, was denn Sexualität ist, verstehen sie darunter den Geschlechtsverkehr, die genitale Penetration. Alles andere ist keine richtige Sexualität, kein richtiger Sex. Dieses Verständnis entsteht offenbar bereits irgendwann im Laufe der Kindheit, um dann sehr oft für den Rest des Lebens so zu bleiben. Im Verständnis der meisten Menschen ist Sexualität gleich Geschlechtsverkehr, und der beginnt mit dem Eindringen des steifen Penis, und endet mit der Ejakulation des Mannes. Diese Sicht ist sehr eng, ausschliesslich Mann-orientiert, und verunmöglicht zärtliches, absichtsloses Verweilen, Geniessen, und Wahrnehmen.

So möchte ich hier eine mögliche Definition davon geben, wie Sexualität auch gesehen werden kann: Als etwas Ganzheitliches, wo das gesamte menschliche Leben und Empfinden mit eingeschlossen ist. Denn so wie Sexualität meist dargestellt wird, könnte man annehmen, sie sei etwas völlig losgelöstes, isoliertes.

Eine Definition, die ich immer gerne aufgreife, ist Paul Sporken’s Kreismodell. Er hat es zum Verständnis der Sexualität von Menschen mit geistigen Behinderungen entwickelt. Ich bin der Ansicht, dass es jedoch auch sehr schön eine erweiterte Sicht auf die Sexualität nichtbehinderter Menschen ermöglicht. Das Modell versinnbildlicht die Sexualität mit drei ineinander liegenden Kreisen.

• Der äussere Kreis ist der äussere Bereich der Sexualität. Er steht für Verhaltensweisen im allgemeinen menschlichen Zusammenleben, für Blicke, für Gespräche, für einen Spaziergang usw.

• Der mittlere Kreis, der mittlere Bereich der Sexualität, steht für alles Zärtliche, Sinnliche, Erotische, wie streicheln, kuscheln, massieren, umarmen, küssen usw. Es steht auch für den Gefühlsbereich.

• Der innere Kreis, der genitale Bereich, steht für die genitale Sexualität, wie Petting, genitale Selbstbefriedigunng, genitale Penetration.

Wenn ich von diesem Modell ausgehe und es weiterentwickle, wird nur schon durch die Grösse der Kreise sichtbar, wie verschoben die Wahrnehmung von Sexualität im Allgemeinen ist. Der grösste Kreis, das was im menschlichen Zusammenleben am häufigsten vorkommt, hat in der öffentlichen Meinung von Sexualität den kleinsten Stellenwert, und die genitale Sexualität, die in der Regel mit wenigen Menschen geteilt wird, wird gross aufgeblasen und an erste Stelle gerückt. Der ganze mittlere Bereich, wird im allgemeinen Verständnis zu «Blümchensex» degradiert, der bestenfalls von Weicheiern oder Teenies gelebt wird, oder dann als Vorspiel deklariert, dem wortgemäss noch etwas folgen muss.

Obiges Modell macht aber auch sichtbar, wie sehr die einzelnen Bereiche zusammenhängen. Ich würde sogar sagen, dass sie einander bedingen, um genitale Sexualität leben zu können, die mehr als blosse Triebabfuhr ist. Was ist ein Geschlechtsakt ohne Sinnlichkeit? Was ist eine sinnliche Begegnung ohne das Gespräch?

Ganzheitliche Sexualität ist mehr, sie kann das ganze Wesen eines Menschen berühren und nähren.

Befriedigende Sexualität muss also nicht unbedingt genitale Sexualität sein, und auch nicht zwingend Paarsexualität. Wenn das ganze menschliche Wesen mitberührt, mitgenährt ist, wirkt sie nachhaltig, ganz egal in welchem der drei Bereiche sie stattfindet. Damit das jedoch geschehen kann, müssen all die Bilder und Vorstellungen, welche die Sexualität begrenzen, sich auflösen. Sexualität ist nicht nur körperliche Befriedigung, wenn sie ganzheitlich wird, ist sie genauso auch Seelen- und Herzensnahrung. Dann kann beispielsweise ein tiefes Gespräch Nahrung genug sein, so dass die genitale Sexualität gar nicht ins Spiel kommen muss. Man fühlt sich nach so einer Begegnung satt und zufrieden. Andererseits, kann so ein Gespräch aber auch den Anstoss geben, dass zwei sich aus diesem Berührtsein im Gespräch auch körperlich näher kommen möchten. Auch das kann dann wiederum so stehen bleiben. Dieses Entdecken und Staunen kann Nahrung genug sein für den Moment und jedes Mehr könnte zuviel sein. Aber genauso kann das sinnliche zärtliche Zusammensein auch die Lust auf eine genitale Vereinigung wecken. Aber wie gesagt: Es muss nicht! Jeder Bereich der Sexualität kann für sich Nahrung genug sein, und es ist eine Frage der Definition, was denn nun «richtige Sexualität» ist und was nicht. Sind es die eigenen Empfindungen, oder ist es das Bild wie Sexualität ablaufen müsste?

Ich stelle hier die These auf, dass die genitale Befriedigung eigentlich so etwa an letzter Stelle der menschlichen Bedürfnisse und Bedürftigkeiten steht. Dass der genitale Orgasmus oft kompensatorisch für ganz andere Bedürftigkeiten hinhalten muss.