Nachnähren – Re-Parenting

Ich behaupte, dass kein Mensch unter vollkommen «idealen» Umständen aufgewachsen ist. Eltern haben immer auch ihre Geschichte, und geben ihren Kindern das was sie geben können. Nicht mehr, nicht weniger. Also hundert Prozent.  Aber für das kindliche Erleben ist das oft gnadenlos zu wenig.
Milton Erikson’s Zitat: «Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben», drückt genau das aus, was ich mit Nach-Erleben meine: Das was einst als Kind schmerzlich vermisst wurde, kann ein erwachsener Mensch sozusagen nachholen, oder eben nach-erleben, es kann nachgenährt und als erlebt, neben das alte Erleben gestellt werden. Das was körperlich erlebt und erfahren, was mit den Sinnen aufgenommen wird, kann integriert werden. Hirnforscher haben herausgefunden, dass es keine Rolle spielt, ob es in der Kindheit oder erst später erlebt wird. Erlebt ist erlebt. In der Praxis kann ich für dieses Erleben Impulse setzen, und dazu anleiten, selber damit weiter zu gehen, so dass es sich vertiefen kann.

Was hat die Kindheit mit der Sexualität im Erwachsenenleben zu tun? Sehr viel. Kinder nehmen einerseits mit feinsten Antennen alles – vor allem auch Unausgesprochenes – um sich herum wahr. Das kann sehr prägend sein.

Beispiel: Das kleine Mädchen sieht immer wieder wie die Mutter jedesmal ein leidendes Gesicht aufsetzt, und wie sich ihr Körper versteift, wenn der Vater sie umarmen will. Es kann sein, dass sich das kleine Mädchen schwört: Wenn ich gross bin, will ich nicht wegen Männern leiden. Das tut es natürlich unbewusst, aber die Wirkung ist gewaltig. Wenn dieser Schwur nicht irgendwann erkannt und revidiert wird, kann es sein, dass die erwachsene Frau sich nie wirklich voll auf ihren Partner einlassen kann, weder mit dem Herzen, noch sexuell.

Oder der kleine Junge der beobachtet: Wenn der Vater die Mutter umarmt, dann leidet sie. Er wird sich vielleicht schwören: Ich bin nicht so. Wegen mir muss keine Frau leiden. Er wird als erwachsener Mann seine Männlichkeit nicht voll entfalten können, weil da immer die unbewusste Angst mitschwingt, ein «Täter» zu sein, oder das über den Vater erlebte Wissen «Frauen muss man schonen.»

Das Mädchen wie der Junge müssten von ihren Eltern idealerweise hören und erleben: Es ist schön, ein Mann/eine Frau zu sein, mit allem was dazu gehört, damit sie zu Männern und Frauen heranwachsen, die auch ihre Sexualität voll entfalten können.

Andererseits ist auch die Zeit in der das Kind entdeckt, dass es ein Mädchen, bzw. ein Knabe ist, prägend. In dieser Zeit bildet ein Kind seine sexuelle Identität. Der Knabe wendet sich in diesem Alter von der Mutter ab, dem Vater zu, denn er ist es, der dem Knaben in seinem Mann werden Vorbild ist. Hier liegt eine «Mütterfalle»: Der emotionale Missbrauch des Knaben. Oft fühlen sich Mütter durch dieses Verhalten ihres kleinen Sohnes unbewusst brüskiert, und überhäufen ihn mit unverlangten Zärtlichkeiten. Diese «Emotionalisierung» des kleinen Jungen, kann Verwirrtheit, betreffend seiner Rolle als Mann hinterlassen, denn es ist nicht das, was der Sohn in diesem Alter braucht, jetzt möchte er in seiner Entdeckung, ein Junge zu sein, gespiegelt und unterstützt werden. «Oh ja, du bist ein Junge, ein kleiner Mann, und irgendwann wirst du so ein toller Mann wie dein Vater.»

Ein Junge zeigt in diesem Alter beispielsweise stolz seinen kleinen Pimmel. Wenn er nun in seinem Tun abgelenkt, abgewertet oder wenn dieses kindlich normale Verhalten mit Erwachsenensexualität verknüpft oder quittiert wird, dann ist er nicht gesehen in dem was er entdeckt und empfindet, und es liegt schon in der Luft, dass mit seinem Penis, bzw. mit dem Mann sein etwas nicht in Ordnung ist. Idealerweise müsste er von seinem Vater und von seiner Mutter hören: Ja du bist ein Knabe, ein kleiner Mann, und Knaben und Männer haben einen Penis. Das ist gut und richtig so.

Im Unterschied zu den Knaben, müssen sich Mädchen in diesem Alter nicht von der Mutter abwenden, denn sie ist es, die das Mädchen im Finden der sexuellen Identität spiegelt. Das Mädchen wird sich zuerst bei ihr vergewissern, dass alles in Ordnung ist wie es ist, dass sie ein Mädchen ist, dass sie wie die Mutter auch eine Muschi hat, dass es schön ist, eine Frau zu sein, und es wird sich bei der Mutter die Sicherheit holen, in diesem neuen Wissen, «ich bin ein Mädchen», die ersten Schritte auf dem Vater zuzugehen. Anders als ein Knabe, wird sie den Fokus nicht so stark aufs Genital ausrichten, sondern beim Vater eher ein «Prinzesschenverhalten» an den Tag legen, es tänzelt, lockt und flirtet regelrecht mit seinem Vater.

Von der Mutter müsste das Mädchen idealerweise hören: «Ja geh nur zum Papi, das ist in Ordnung so. Ich bin seine liebste Frau, du seine liebste Tochter.» Und der Vater spiegelt idealerweise: Ja du bist meine kleine Prinzessin, du wirst irgendwann einmal so eine tolle Frau wie deine Mutter. Hier liegt eine «Väterfalle»: Wenn das Mädchen in kindlich reizender Art auf den Vater zugeht, auf ihm herumreitet und – klettert, dass der Vater seine genitalen Gefühle auf die kleine Tochter richtet. Auch das ist eine Form von Missbrauch, denn wie reizend sich ein Mädchen auch verhält, das hat nichts mit der erwachsenen Sexualität zu tun, sondern es ist ein wichtiges kindliches Verhalten, auf dem Weg zum Frau werden. Das Mädchen möchte als Prinzessin gesehen werden, der Vater sieht es als sexuelle Frau. Wird ein Mädchen solcherart Sexualisiert, kann das eine tiefe Verwirrung hinterlassen.

So hat jede Altersstufe ganz bestimmte Gesetzmässigkeiten, die idealerweise berücksichtigt werden müssten. Aber auch andere einschneidende Situationen und Erfahrungen wie das Verhalten der Eltern nach einer Scheidung, körperliche Gewalt, sexualisierte Gewalt usw., hinterlassen ihre Spuren. Das Nach-Erleben von «Idealsituationen», kann sehr viel dazu beitragen, dass alte – auch unbewusste – Verletzungen heil werden können.

Das Nach-Erleben findet statt, indem ich die Rolle einer Idealmutter oder eines Idealvaters übernehme, und Sie das erleben lasse, was das damalige Kind im jeweiligen Alter oder in der jeweiligen Situation gebraucht hätte. Wichtig dabei ist, dass nicht ich Sie mit irgendetwas überschütte, sondern dass Sie in der Rolle des Kindes sich das holen was Sie brauchen, auch sehr Körperliches.

Diese Art Arbeit setzt jedoch voraus, dass Sie bereit sind, sich darauf einzulassen, Vermisstes nun zu erleben, und dass Sie bereit sind anzuerkennen, dass Eltern ihre eigene Geschichte haben und nur das geben konnten, was sie zu geben hatten. Das mag von aussen gesehen oft nicht gerade viel gewesen sein, aber bedenken Sie; es war alles was Ihre Eltern geben konnten. Und dann wiederum wird es viel!

Es geht nicht darum, bestimmtes «Fehlverhalten» der Eltern zu entschuldigen – es gibt Verhalten das nicht entschuldbar ist – sondern darum, jetzt als erwachsener Mensch selber das Heft in die Hand zu nehmen, und nicht unbewusst immer weiter als verletztes «mangelernährtes» Kind zu reagieren.

Wenn Sie noch sehr mit ihrer Geschichte und Ihren realen Eltern hadern, dann eignet sich diese Methode nicht besonders. Sie setzt voraus, dass Sie Altes zurücklassen möchten, und heute bereit sind, neue er-lebte ideale Erfahrungen (Körperwahrnehmung, Gefühl, Bild) neben die alten Erfahrungen hinzustellen. So werden Sie immer mehr die Wahl haben, auf welche Erfahrung sie Ihr Handeln abstützen möchten.