Die Quellnymphe wecken (erschienen in Spuren 04/06)

Vielleicht ist jetzt die Zeit reif, dass sich Frauen in ihrer Sexualität einen Schritt tiefer wagen. Dass sie ihre Vagina wecken und heilen. Ein möglicher Weg ist das Wissen um die weibliche Prostata, und ihre Erkundung.

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, hie und da meinen ganzen Körper genau zu erforschen. Kindlich, die laufenden Veränderungen wahrzunehmen, anzuschauen, vielleicht auch den fortschreitenden Verlust der Jugend ein bisschen zu betrauern, um mich dann mit diesem immer wieder neuen Körper anzufreunden. Als ich vor ein paar Jahren meine Vagina erkundete, brach plötzlich ein ganz starkes, tiefes Gefühl aus meinem Herzen hervor. Da war auf einmal ein Ja. Einfach ein Ja. Und so wie dieses Ja aus dem Herzen brach, so brach kurz danach ein Schwall von Flüssigkeit aus meiner Vagina heraus. Das damit verbundene Gefühl war tiefe Hingabe. «Endlich weiss ich, was das heisst!», schoss es mir nach einer Zeit durch den Kopf, und ich war erfüllt von grosser Dankbarkeit.

Ich machte mir keine grossen Gedanken um diese Ausschüttung, denn ich wusste, dass es Frauen gibt, die ejakulieren. Aber das damit verbundene Gefühlserlebnis, war ein kostbares Geschenk, das es mir ermöglicht hat, mich immer tiefer zu öffnen, im Wissen: Mir kann dabei nichts passieren. Als mit der Zeit auch beim Lieben, in Momenten der tiefen Verbundenheit, dieser Flüssigkeitsstrom seinen Weg aus meinem Körper fand, wollte ich es genauer wissen. Ich fand jedoch kaum Literatur, die mir meine körperlichen Vorgänge hätte plausibel machen können, und der Kontakt mit Ärzten war auch nicht gerade erhellend: «Eine weibliche Ejakulation gibt es nicht. Das ist Urin.» Mein Freudensaft war aber weder gelb, noch roch er nach Urin, noch fühlte es sich an wie pinkeln. Oder: «Ja, es gibt scheinbar Frauen, die von Ejakulationen berichten. Aber woher die Flüssigkeit kommt, und wo sie austritt ist ungewiss.» Andere Ärzte greifen zum Skalpell, wenn Frauen Aufklärung suchen. «Das ist ein kleiner Eingriff. Danach haben Sie Ruhe», schilderte mir eine Klientin in der Sexualberatung die Reaktion ihres Arztes. So wurde ich auch beruflich damit konfrontiert, und ich hörte viel von Unsicherheit und Scham. Ich emfinde es als skandalös, dass Frauen sich für natürliche Vorgänge schämen und verstümmeln lassen.

Als Frau wird man damit konfrontiert, dass die Vagina ein mehr oder weniger leerer, empfindungsloser Schlauch sei, weil hier keine Nerven enden. In unserer Zeit der vermeintlichen sexuellen Freiheit, haben viele Frauen ihr Schatzkästchen jedoch zugeschlossen. Das tiefe Sehnen sich ganz zu öffnen, den Mann ganz aufzunehmen, miteinander zu verschmelzen, ist vielen Frauen abhanden gekommen. Die Angst ist zu gross. Dieser geheimste, intimste Frauen-Ort ist äusserst verletzbar, da er direkt mit dem emotionalen Erleben verknüpft ist. Verantwortlich dafür ist der Beckennerv, so wird vermutet, der auch den vaginalen Orgasmus auslösen kann, im Gegensatz zum Klitorisorgasmus, der vom Pudendusnerv ausgelöst wird.

Unsere Vagina ist äusserst empfindsam. Durch sexuelle Traumata, durch nicht gewollten, aber immer wieder zugelassenen Geschlechtsverkehr, durch Geburten, zu heftige Stösse beim Sex, Abtreibungen, unachtsame Berührungen als Kleinkind, psychische Abwertungen usw., kann die Vagina für tiefe Lustgefühle und Ekstase blind und taub werden. Sie muss von der Frau regelrecht erweckt, und geheilt werden, damit sie lebendig wird, wodurch vielleicht auch die tiefen, berührenden, alles erschütternden vaginalen Orgasmen möglich werden.

Durch die emotionale Verknüpfung kann es beim Wecken und Entdecken der Vagina und ihres erweiterten Potenzials, zu heftigem Weinen, Wutanfällen, oder ekstatischer Freude kommen. Zu Gefühlen eben. Auch dafür schämen sich Frauen, davor schützen sich Frauen. Sexualität ist keine Hochglanz-Prospekt-Angelegenheit, wo alles nach bestimmten ästhetischen Mustern abläuft. Sexualität ist zutiefst menschlich und damit auch gefühlsvoll, überraschend, sie kann riechen, tönen, und sie kann «saftig» sein. Es braucht Liebe und Geduld, und einen klaren Entscheid, damit sich Frauen langsam wieder auf ihre Vaginas einlassen können. Wenn ich Frauen, die zu mir in die Sexualberatung kommen, zur sorgfältigen vaginalen Selbstmassage anleite, oder selber eine Intimmassage gebe, darf sich oft mit der Zeit etwas öffnen, was lange eingeschlossen war. So lernt Frau achtsam zu sein, und wirklich Verantwortung für Ihre Vagina zu übernehmen.

Als in diesem Frühjahr ein Seminar von Deborah Sundahl* und Devaka Hoffmann* zum Thema G-Punkt und weibliche Ejakulation ausgeschrieben war, hab ich mich sofort angemeldet. Darüber wollte ich mehr wissen. Meine vorgängigen Bedenken waren, dass nun nach dem «Klitoristerror», und dem damit verbundenen «Orgas-Muss» für Frauen, die «Ejakulationspflicht» eingeführt werden könnte. Ich finde es zwar äusserst wichtig in der sexuellen Geschichte der Frauen, dass viele gelernt haben, sich über Klitorisperlenstimulation auch autonom mit Orgasmen zu versorgen. Nur, das ist meines Erachtens weder Sinn noch Ziel der Sexualität, und vor allem auch nicht das Erfüllendste daran, sondern lediglich eine schöne Zugabe.

Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich zum Glück nicht. Es war wohltuend und spannend, einfach zu forschen, und zu diesem Forschen gehört natürlich auch Wissen zur weiblichen Anatomie.:

Ich beginne mit dem G-Punkt, oder der G-Zone, wie ich lieber sage. Bei der G-Zone handelt es sich um die weibliche Prostata. Noch immer geistert die Vorstellung in den Köpfen, dass der G-Punkt eine Stelle in der Vagina ist, die einfach gedrückt zu werden brauche, und schon sei die Frau in grösstem Entzücken. Kein Wunder, finden ihn nur wenige. Denn so ein Punkt existiert tatsächlich nicht, jedenfalls nicht in einer schlummernden Vagina.

Es ist hilfreich für die Vorstellung und Bildung des eigenen, vollständigen Körperschemas, wenn die G-Zone als Organ betrachtet wird: Die Prostata liegt um die Harnröhre, eingebettet in Schwellgewebe. Dieses Prostata Schwellgewebe ist als G-Zone an der bauchseitigen Vaginalwand zu spüren. Sie erstreckt sich vom Gebiet rund um die Harnröhrenöffnung bis zu einem Punkt, der nur mit gebogenem Finger erreichbar ist. Die ganze Zone hebt sich vom übrigen, glatten, Vaginal-Gewebe durch Rippen und Rillen ab. Sie ist übrigens auch sichtbar: Wenn ein Spekulum um 45 Grand gedreht wird, ausgehend vom gynäkologischen Untersuch, zeigt sich ein grosser Teil der G-Region in ihrer ganzen Pracht.

Wenn die G-Zone stimuliert wird, sei es mit dem Finger, einem Dildo, oder durch Geschlechtsverkehr, schwillt sie an. Das heisst, das Schwellgewebe füllt sich mit Blut und die Drüsen in der Prostata füllensi hmit Flüssigkeit. Das verursacht ein, den meisten Frauen wohlbekanntes, Pinkelgefühl. Aber das ist in der Regel eben nicht die Blase, die sich jetzt meldet, sondern es ist ein Zeichen dafür, dass die Drüsen gefüllt, und zur Ausschüttung bereit sind. Die Gänge der Prostata-Drüsen münden in die Harnröhre. Bei einer Ausschüttung ergiesst sich die Flüssigkeit aus der Harnröhre. Wenn die Frau die Ejakulation unterdrückt, ergiesst sie sich rückwärts in die Blase, und wird beim nächsten urinieren ausgeschieden. Aus diesem Grund ist nach einem Geschlechtsverkehr oft die Blase voll. Die Menge des Freudenflusses variiert von Frau zu Frau, oder je nach Zyklusstand. Aber Sie kann locker ein volles Glas ausmachen. Fliessende Frauen haben entsprechende Unterlagen im Bett, und saugfähige Tücher zur Hand.

In der Frauenrunde des Seminars war eine grosse Berührtheit und Betroffenheit wahrzunehmen, als wir mit diesen anatomischen Fakten konfrontiert wurden, die uns immer wieder vorenthalten werden, oder über die sich Journalisten oder Ärzte gedankenlos hinwegsetzen. Die weibliche Prostata ist ein voll funktionsfähiges Organ des Urogenital-Traktes!

Ich selber fühlte mich lebendig in der Muschel, froh im Herzen, und irgendwie ganzer, endlich genau zu wissen, was in meinem Körper vorgeht. Andere Teilnehmerinnen schildern es als ein «wie nach Hause kommen», oder «das kann mir niemand mehr nehmen», oder «ich weiss jetzt endlich was mit der Verbindung zwischen Herz und Vagina gemeint ist. Ich spüre sie!», oder «ich fühle mich ganz.»

Es kommt mir vor, als wiederhole sich die Geschichte der Klitoris: erst bestritten, dann anerkannt. Ich betrachte es als eine Verletzung der Integrität des Frauenkörpers, wenn solche Tatsachen, die Frauen an sich selber zu Tausenden wahrnehmen, spüren, erahnen, sehen, zuerst von der gesamten Wissenschaft abgesegnet werden müssen, bevor sie den Frauen als wahr und richtig zugestanden werden. Abgesehen davon wurde die weibliche Prostata und ihr Funktionieren bereits1672 erstmals von einem Anatomen beschrieben.

Eine Teilnehmerin des Seminars drückte es so aus: «Ich bin zum Kurs gefahren mit der Frage, ist ja alles ganz spannend, aber warum sollte es für mich erstrebenswert sein, öfter zu ejakulieren? Ich habe dann entdeckt, dass es nicht darum geht, Flüssigkeit abzusondern – das ist eher nebensächlich. Für mich geht es viel mehr um das Gefühl, das mit einem Erguss einhergeht: Mein Innerstes möchte sich immer noch weiter öffnen, sich sozusagen nach aussen stülpen und sich durch meine Vagina in die Welt verströmen. Das ist ein sehr berührendes Gefühl von Hingabe, tiefer Nähe und Verbundenheit mit dem All-Einen, das ich bisher schon einige Male im Zusammensein mit meinem Partner erleben durfte.»

Ejakulieren soll also nicht etwa als neuen Kitzel, neue Technik oder neuer zu erreichender Irgendwas betrachtet, sondern sie kann als ein Teil der Essenz der weiblichen Sexualität angenommen werden.

Selbsterfahrung

Vielleicht sind Sie nun neugierig geworden, sich mit dem neuen theoretischen Wissen auf die Suche nach ihrer G-Zone zu machen, oder sie wieder einmal ausgiebig zu begrüssen. Tun Sie das im Wissen darum, dass Sie damit Ihr Körperbild vervollständigen, und Sie es dadurch mit der Zeit in Ihr Erleben integrieren können. Und wie wär’s, wenn Sie sich darüber auch mit ihrer besten Freundin austauschen?

Experiment:

Richten Sie sich einen Platz ein, wo Sie ungestört sind, und wo Sie in Kissen gebettet bequem zurücklehnen können. Legen Sie ein dickes Badetuch bereit, Gleitmittel, einen Spiegel. Überlegen Sie sich, was Sie sonst noch in Ihrem Experiment unterstützen könnte. Musik, schönes Licht, oder was auch immer. Sie sind nackt, oder tragen einen Kimono, was Ihnen angenehmer ist. Setzen Sie sich bequem hin, schliessen die Augen, nehmen ein paar tiefe Atemzüge, versuchen zu entspannen, und richten dann Ihre ganze innere Aufmerksamkeit zur Vulva und in die Vagina. Versuchen Sie sich die einzelnen Fältchen und Blättchen und Furchen vorzustellen. Versuchen Sie sich auch vorzustellen, wie ihre Vagina mit der G-Zone aussieht. Verweilen Sie so einen Moment lang bei dieser Betrachtung.

Legen Sie dann ganz behutsam eine Hand auf ihren Venushügel und die andere Hand auf ihre Brust. Vielleicht genügt das für’s erste Mal auch schon.

Wenn Sie weiter gehen möchten, ölen Sie Vulva und Scheideneingang liebevoll mit Gleitmittel ein, und betrachten dieses zweite Gesicht im Spiegel. Untersuchen Sie ihre Vulva. Suchen und betrachten Sie die Harnröhrenöffnung. Wenn Sie weiter forschen mögen, drehen Sie sich jetzt auf die Knie, so dass Sie Ihren Oberkörper auf dem Bett oder auf Kissen abstützen können. Lassen Sie dann langsam Ihren Zeige- oder Mittelfinger mit der Handinnenfläche nach oben, in sich gleiten. Nicht drücken, nur so weit, und in dem Tempo, wie sich Ihre Vagina für Sie öffnet. Verweilen Sie so, bevor Sie sich auf Entdeckungsreise begeben.

Rund um die Harnröhrenöffnung, dieses knubelige Gewebe, ist der Kopf der G-Zone. Umkreisen Sie diesem Kopf. Machen Sie ganz langsame Bewegungen, oder verharren Sie, oder geben Druck. Bleiben Sie mit Ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei den Empfindungen, und atmen Sie. Lassen Sie dann den Finger tiefer gleiten, immer noch auf dem gerippten, gerillten Gewebe. Das ist der Körper dieses Organs. Tun Sie das selbe wie beim Kopf. Der G-Punkt mag keine schnellen, oder vibrierenden Bewegungen. In der Langsamkeit liegt der Schlüssel zum Empfinden. Dann krümmen Sie den Finger, wie wenn Sie deuten würden «komm», und fahren auf dem gerippten Gewebe weiter, bis ans Ende. Das ist der Schwanz der G-Zone. Nun fahren und streichen Sie die ganzen Konturen ab, verweilen, kreisen, oder geben Druck. Denken Sie daran, es geht um nichts weiter als darum, ein Gefühl, ein Bild für Ihre G-Fläche zu bekommen. Sie müssen nichts bestimmtes spüren, es geht nur ums entdecken, und Sie haben Zeit! Dann können Sie die Entdeckungsreise langsam ausklingen lassen.

Falls Sie vor dem Experiment auf der Toilette waren, jetzt aber ein starkes Pinkelgefühl wahrnehmen, können Sie das Tuch mehrmals gefaltet unter und vor sich legen, ganz in dieses Empfinden hineinatmen, und einfach laufen lassen. Manchmal funktioniert das Ejakulieren einfach so. Aber wie gesagt, das ist nicht das Ziel dieser Übung, sondern kann sich daraus bei einigen Frauen so ergeben.

Reflexion: Wie hat sich die Region des G-Zonen-Kopfes angefühlt? Wie die Region des Körpers, oder des Schwanzes? Hat es Stellen gegeben, die Sie nicht gespürt haben? Hat es Stellen gegeben, die sich lustvoll angefühlt haben? Welche Arten der Berührung waren an welcher Stelle am besten? Haben Sie Gefühle wahrgenommen, oder ist ein Bild aufgetaucht? Gibt es Stellen, wo Berührung unangenehm war? Oder Stellen, die ambivalente Wahrnehmungen offenbarten? Ist ihre G-Zone während der Erkundungen grösser geworden?

Wenn Sie sich ihrer Vagina, und den dazugehörenden Gefühlen, wie Wut, Trauer, Ekel, Freude, immer wieder liebevoll zuwenden, kann auf diese Art mit der Zeit die ursprüngliche Lebendigkeit und Empfindsamkeit wieder geweckt werden