Heilen und Entdecken (erschienen in procap 4/2007)

Ihre Sexualberatungen und Berührungen wollen als therapeutische Massnahmen verstanden werden. Es geht um Anteilnahme, Nähe und Heilung. Die Sexualtherapeutin Marlise Santiago über ihre Erfahrungen aus der Praxis – mit Menschen mit Behinderungen.

Die Finger der Frau streichen im Versuch, zärtlich zu sein, ganz steif über den Arm ihrer Freundin, um sich dann plötzlich in die Haut zu krallen, und blutige Striemen zu hinterlassen.

Der Mann ist verzweifelt. Er möchte mit seiner Freundin Geschlechtsverkehr haben. Sie kann das nicht, weil sie ihre Hose nie ausziehen darf. Das hat sie so gelernt. Auch sie ist verzweifelt, weil sie ihm nahe sein möchte.

Diese beiden Beispiele waren Schlüsselerlebnisse für mich, und ich begann zu überlegen, wie ich die Sexualberatung – die ich bis dahin anbot – durch Berührung ergänzen könnte. Ich stellte mir damals vor, wie meine Hand die Hand der Frau hätte begleiten, und mit ihr zusammen die Wellen der Verkrampfung hätte aushalten können. Mit der Zeit hätte die Frau gelernt, sich zu entspannen, und die Zärtlichkeit, die sie für ihre Freundin empfindet, auch adäquat auszudrücken. Dem Mann und der Frau hätte ich gerne gezeigt, wie sie sich massieren könnten, damit die Frau mehr Sicherheit im körperlichen Zusammensein mit ihrem Freund bekommt, und sich langsam an ihre Gefühle hätte annähern können. Aber auch in der Beratung von nichtbehinderten Menschen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass mir eine Dimension, ein Werkzeug fehlt, mit dem ich ganz direkt erfahrbar machen könnte, was sonst lange schön geredet oder gar nicht erfasst werden kann. Auf jeden Fall war da ein Same gesät, der in den Jahren darauf zur klaren Vision reifte. Als dann Pro Infirmis das Berührerinnenprojekt lancierte, war mir sofort klar: Jetzt ist es so weit!

Einordnen von Empfindungen

Nun sind es mehr als drei Jahre her, dass ich meine Praxis für Sexualberatung mit sinnlicher Berührung erweitert habe. «Sinnlich» meint die Sinne betreffend. Denn offene, wache Sinne sind das wichtigste, um sich selber und seinen Körper wahrzunehmen, und natürlich auch, um mit einem Gegenüber in Kontakt zu treten. Die ganze Pressehysterie um die Frage der Prostitution hat mich persönlich eher kalt gelassen. Ich ordne mich selber als Therapeutin ein, denn bei mir geht es vor allem um sexuelle Heilung. Es geht um Nähe und Anteilnahme, um das Kennen lernen und Erfahren des eigenen Körpers, um das Einordnen von Empfindungen und um Entspannung. Unter Spannung stehen fast alle Menschen. Menschen mit geistiger Behinderung stehen zusätzlich im Spannungsfeld, dass sie ihr körperlich-sexuelles Erleben und Empfinden oft nicht einordnen können, und es schon gar nicht mit all den pornografisierten Bildern von Aussen verbinden können. Für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen kann es ein Schlüsselerlebnis sein, für Momente in die Entspannung zu tauchen, und dort gehalten zu werden.

Berufung

Meine Arbeit ist nur in ganz seltenen Fällen sexuelle Dienstleistung. Wenn ich den Mann, der aufgrund seiner Behinderung seinen Penis nicht selber streicheln kann, oder die Frau, die ihre Klitoris nicht mehr erreicht, seit sie aus Sicherheitsgründen ein neues Bett bekommen hat, in einem Orgasmus begleite, dann mag ich in den Augen einiger Menschen auch Hure sein. Ich selber kann darin nichts Anstössiges erkennen, denn was ich tue, geschieht immer auf respektvolle, liebevolle, selbstverständliche und nicht sexualisierte Art.

Menschen mit Behinderungen sind sexuelle Wesen, entstanden aus der Kraft der Sexualität. Dieser Aspekt des Menschseins ist in der Pressepolemik rund um die Berührerinnen untergegangen. Da gibt es tatsächlich Menschen – Eltern, Journalisten, Betreuende – die anderen Menschen das Recht auf Sexualität absprechen. Die ganze Diskussion hat mir einmal mehr auch deutlich gezeigt, wie sehr das Thema Sexualität von den eigenen Normen und Werten, von den eigenen Bildern, Erlebnissen und Erfahrungen, vom eigenen Vorstellungshorizont, den eigenen Verletzungen usw. geprägt ist. Sie hat auch gezeigt wie wichtig diesbezügliche Schulung wäre.

Mit dem Thema Sexualität sind immer auch die eigenen Fantasien verknüpft. Eine Begegnung mit jemandem der sich in der Öffentlichkeit immer wieder negativ über die Berührerinnen äussert, zeigt das deutlich: «Und wer sagt mir, das Sie nicht doch Geschlechtsverkehr anbieten?», wirft er mir an den Kopf, nachdem ich von meiner Arbeit erzählte. Da ist nichts zu machen. Dieser Mensch will ganz einfach an seiner eigenen Vorstellung festhalten. Aus diesem Grund darf mich nicht beeindrucken, was alles geschrieben und gesagt wird, sondern ich gehe meinen Weg, und tue, was ich zu tun habe. Denn klar ist: Dieser Beruf ist meine Berufung.

Präsent sein

Für mich ist das allerwichtigste, dass ich meine Arbeit absichtslos tue. Wenn ich berühre, trage ich eine grosse Verantwortung. Denn, wenn ich eine Absicht damit verfolgen würde, kann der Mensch nicht heil werden, oder nicht erfahren was ihm sein Körper oder seine Seele zu sagen hat. Ich würde ihn so in eine bestimmte Ecke drängen. Ich bin sozusagen einfach präsent, und dann darf geschehen, was geschieht. Das tönt vielleicht ein bisschen unvorstellbar.

Dazu das Beispiel eines Klienten, der sich zeitlebens die Umarmung seiner Mutter gewünscht hat. Es war erschütternd, dieses verzweifelte Klammern, dieses unterdrückte Schluchzen, die Wellen der Verzweiflung an meinem Körper zu spüren. Das einfach auszuhalten, mit ihm zu atmen und mitzuschwingen, war meine Aufgabe. Mit der Zeit hat sich das verändert, und mittlerweile ist aus dem bedürftigen, verlassenen Kleinkind ein leicht übermütiger Teenager geworden. Das ist in der Umarmung deutlich spürbar. Auch gibt es immer wieder lange Phasen der tiefen Stille und Ruhe, und er formuliert es so: «In mir ist einfach Freude eingekehrt.» Sogar die Medikamente konnten ein bisschen gesenkt werden.

Oder der Mann, aufgewachsen mit fünf Schwestern, und als Junge für seinen Penis gehänselt. Er schämt sich zutiefst dafür, ein Mann zu sein. In mehreren Sitzungen nähere ich mich langsam seinem Körper. Er lernt sich zu entspannen, und irgendwann darf ich meine Hand auch auf seinen Penis legen. Eine Welle der Verzweiflung durchströmt ihn. Ich lasse die Hand einfach ruhig auf seinem Penis, atme mit ihm, und sage ihm, dass es gut ist, dass er ein Mann ist. Männer haben einen Penis. Das ist richtig so. Was man ihm wahrscheinlich auch schon gesagt hat, konnte er erst durch die nicht sexualisierte Berührung einer Frau wirklich verinnerlichen. Also etwas, was eine grosse Last war, wurde geheilt.

Oder die Frau, die sich bei Versuchen, sich selber zu befriedigen immer wieder verletzt, weil sie alle möglichen Gegenstände in die Vagina einführt. Ihr zeige ich ganz konkret, wie sie sich berühren kann. Zusammen cremen wir unsere Beine und Arme ein. Wir machen schnelle und langsame Bewegungen, stärkere oder feinere, und ich ermutige sie hinzuspüren, was sie denn am liebsten mag. Bei einer anderen Sitzung nähern wir uns dem Intimbereich, indem wir uns im Spiegel anschauen, und sie alles fragen darf, was sie wissen will. In einer nächsten Sitzung zeige ich ihr einen Dildo und einen Vibrator. Sie findet heraus, was sie lieber mag.

Nahrung für Körper und Geist

Bei meiner Arbeit trage ich meist Trainerhose und T-Shirt, denn es geht nicht um mich, sondern nur um die Menschen, die ich begleiten darf. Aber es gibt Ausnahmen. Dazu zwei weitere Beispiele: Ein Mann hat immer wieder verlangt, ich solle mich doch oben ausziehen, das würde ihn erregen. Eine solche Bitte schlage ich ganz klar aus, denn ich bin nicht dazu da, jemanden zu erregen. Im Gegensatz der junge Mann, der gerne einmal spüren wollte, wie sich ein Busen anfühlt. Ich hab seine spastische Hand an meine Brust geführt, und ihn einfach fühlen lassen. Er hat sich sehr dafür bedankt, dass ich das auf so selbstverständliche Art möglich machte. In seiner Bitte war nichts Sexuelles, ich war nicht Objekt, um ihn aufzugeilen, sondern ich habe ihm den Frauenkörper erfahrbar gemacht. Da ist nichts Anrüchiges, wenn ich mir meiner Haltung ganz klar bewusst bin, und so verletze ich weder ein Gegenüber noch mich selber.

Ich verstehe Sexualität als ein Geschenk des Lebens, als unsere Lebenskraft, als etwas Kostbares, als etwas, womit wir uns selber erfahren und ausdrücken können. Sexualität ist nicht einfach etwas Genitales, sondern sie betrifft alle Bereiche des menschlichen Erlebens und Empfindens. Das möchte ich mit meiner Arbeit weitergeben. Denn so können Körper, Seele und Geist gleichermassen genährt werden. Aber letztlich entscheidet jeder Mensch selber, welche Aspekte der Sexualität, er im Rahmen des möglichen entdecken, heilen oder leben möchte.