Alles zu seiner Zeit

«Ach, wenn er nur schon vorbei wäre, dieser Winter», höre ich im Postauto. «Für dieses Jahr hab ich die Nase voll, vom Winter», mailt eine Freundin, während ich mich über das neuerliche Weiss, das die Landschaft umhüllt,  freue. Dieser Beitrag ist all denen gewidmet, die das nächste Sommererwachen kaum erwarten können. 

 

Ganz ganz laang-saam, Millimeter für Millimeter. Provozierend langsam, denkt sie, und hält es fast nicht aus. Den Impuls, es weg zu wischen unterdrückend, hält sie still und verfolgt seinen Weg mit wollüstiger Aufmerksamkeit. Eine lange nicht mehr gefühlte Empfindung auf ihrer Haut. Schlagartig die Erinnerung an sinnliche Nächte, an Zärtlichkeit, Begehren, Lust, Erfüllung.

Lange her.

Ach, manchmal flackert sie auf, die Sehnsucht nach wissenden, liebevollen Händen. Händen die ihre pergamenten fein gefältelte Haut berühren. Atem, der sich mit ihrem mischt, Augen, die sich erkennend verbinden.

Eine warme Windböe reisst sie aus ihren Gedanken. Sie geniesst ihre Kosung im weissen Haar. Träge lässt sie den Blick schweifen. Hinunter ins Tal, hinüber zu den Hängen, hinauf zu den Bergen, rund um sich herum von Blume zu Blume. Bergfrühlingsblumen. Am liebsten sind ihr die filigranen Elfenglöckchen der Soldanellen. Die blühen zu dieser Jahreszeit nur noch vereinzelt im Tobel unten, da wo erst vor Tagen der Schnee geschmolzen, wie sie beim Aufstieg festgestellt hat.

Schon wieder kullert ein Schweissperlchen laang-saam aus ihrer Achselhöhle in Richtung Hüfte. Sinnliche Empfindungen weckend.

Die Wärme des Tages, die reifen Düfte, das Summbrummen der Insekten, das zupfende Gesäusel des Windes schicken sie schon wieder  auf Gedankenreisen. An Zeiten, wo auch sie in voller Blüte – doch schon das Vergehen in sich barg. So wie unter dem Schnee bereits die Krokusse und Soldanellen darauf warten sich blühend ans Licht zu recken um dann alsbald den Enzianen, Primeln und Trollblumen Platz zu machen. Die dann ihrerseits von den nächsten in der Runde, vielleicht den hellblauen Glockenblumen mit den dicken, behaarten Stängeln, und diese von den Herbstzeitlosen verdrängt werden. Bis alles Blühen, Recken und Stossen, Treiben und Keimen irgendwann wieder ruht.

Alles zu seiner Zeit.

Die Alte streckt ihre Beine aus. Gras und Krabbelndes kitzelt die blossen Waden. Die wärmenden Sonnenstrahlen tun der alten Haut gut. Sie legt sich auf dem Rücken. Das Duften, Gesäusel, Gezupfe, Gebrummsummen nun noch unmittelbarer, schier direkt in den Körper schlüpfend.

Ach, es ist die Jahreszeit der Trägheit, der Sinnlichkeit, der Üppigkeit, des sich Ausbreitens, Umhüllens. Wie lange noch für sie?

Sie ist bald bereit, sich auch dem unausweichlichen hinzugeben.

Doch noch atmet sie, hört, sieht, spürt. Geniesst. Es fühlt sich lebendig an in ihrem Körper. Fliessend pulsierend. Warm.

Und noch ein Schweissperlchen aus Ihrer Achselhöhle, laang-saam im üppigen Gras versiegend.

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 Der nächste Sommer kommt bestimmt – ich wünsche allen eine gute restliche Winterzeit!

 

 

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