Annabelle, ach Annabelle

 

Fremdscham, Eigenscham – wenn es um den Frauenkörper geht ist die Scham noch längst nicht vorbei, ganz im Gegenteil.

Je älter die Frau, desto dunkler hat der Badeanzug zu sein, und desto weniger Haut – ähm pardon, Problemzone – darf sichtbar sein, entnehme ich der neusten Annabelle (Schweizer Frauenzeitschrift). Annabelle, ach Annabelle, Du bist so herrlich intellektuell, Du bist so wunderbar negativ, Und so erfrischend destruktiv, hiess einst ein Song von Reinhard Mey. Ja Annabelle, indem du solches verbreitest, handelst du sehr intellektuell, ja und negativ und absolut destruktiv, aber weder wunderbar noch erfrischend.

Annabelle, findest du nicht auch, dass es anno 2011 so laaaangsam an der Zeit sein könnte, solche frauenverachtenden Zwänge zu verabschieden? Oder dann müsstest du ganz ganz konsequent sein, und für die Frau jenseits der 40 den Burkini oder noch besser gleich die Burka fürs Schwimmbad propagieren. (So wäre das lästige Problem mit den Falten im Gesicht auch gleich gelöst). Aber das findest du ja dann wieder frauenverachtend. Frauen  sollen frei sein dürfen.

Frei wovon?

Und aus welchem Blickwinkel gesehen ist  Freiheit wirklich Freiheit?

Die Ästhetik des Herzens pflegen

«Voll krass, da kannst du dir glatt die Kugel geben», entsetzen sich letzthin zwei Teenie-Frauen über die Beine einer 70-jährigen Frau im Schwimmbad. Sie wissen es nicht besser, sie sind noch jung und können sich nicht vorstellen, dass auch alte Beine Sonne mögen, dass auch alte Beine durchs Leben tragen, das auch alte Haut gerne gestreichelt wird, und dass sich alte Haut ganz zart und fein gefältelt anfühlt, und dass auch alte Frauen nicht nur aus Problemzone bestehen. Aber du Annabelle? Immerhin beschäftigst du dich schon seit 1938 mit dem Thema Frau. Und ich verstehe nicht, dass auch du als Mittsiebzigerin  es immer noch nicht besser weißt. Wäre es nicht laaaaangsam angebracht, die Frauen mit dem zu unterstützen was sie sind, und dazu können mit der Zeit durchaus ein paar Speckröllchen, schlaffes Gewebe, Zellulite und Falten gehören. Aber nein, das alles gilt es zu bekämpfen oder dann zu verstecken, damit es vorteilhaft präsentiert werden kann. Und was als vorteilhaft gilt, das verbreitest du 22 Mal im Jahr mit. Wenn ich dich so durchblättere kann ich mir nicht vorstellen, dass du an die ganz jungen Frauen denkst, so kostspielig wie deine Inhalte meist sind. Aber fast in jeder Ausgabe beleidigst du die reifen Frauen, indem sie nicht sein dürfen wie sie auch noch sind. Die Scham ist nicht vorbei. Im Gegenteil, die Scham wird geschürt. Z.B. vor dir Annabelle: Frauen, schämt euch für eure reifen Körper, tragt nur noch dunkle Farben und zeigt um Himmels Willen keine reife Haut», ist deine Botschaft.

Wir sind Menschen und keine Ausstellungsobjekte

Und dann massiere ich die Frau, deren Beine so dünn sind wie meine Handgelenke, ich halte ihre sich spastisch verkrampfenden Hände, und sehe ihre lebendig strahlenden Augen, ja und ich sehe und spüre es; dieser Körper lebt, er ist genauso ein Wunder wie es jeder Körper ist, und er ist schön, so wie er ist. Oder ich sehe den Rücken, der aussieht wie eine Kraterlandschaft, die eine uralte Geschichte erzählt. Ich halte einen Moment inne und höre dieser Geschichte zu, und plötzlich verliert dieser Rücken seinen Schrecken, und ich kann ihn berühren. Die Ästhetik des Herzens ist eine andere, als die der Frauenzeitschriften. Sie ist menschlich.

Frauen, (und Männer) freut euch fröhlich über die sonnigen Tage, die eure Speckröllchen und Herzen wärmen. Die Scham soll vorbei sein, denn wir sind Menschen und keine Ausstellungsobjekte.

5 Gedanken zu “Annabelle, ach Annabelle

  1. Humorvoll und witzig schreiben Sie über ein wahres und trauriges Thema. Super, mir gefällt das sehr und es hilft mir weiter, regt mich zum Nachdenken und Umdenken an.
    Kürzlich cremte ich meine Beine ein. Traurig stellte ich fest, nun habe ich endlich die religiöse und körperfeindliche Erziehung etwas überwunden, kann mich jetzt nackt betrachten und eincremen. Aber in der Zwischenzeit wurde meine Haut älter und Besenreisser zeigen sich an den Knien, Cellulitis und leicht schlaffe Haut an den Oberschenkel. Eine neue Scham wechselt die alte ab, jetzt wegen dem Älterwerden keine kurzen Sachen tragen und weiterhin nicht in die Badi gehen, sich höchstens den Oberkörper massieren lassen. Ich war deprimiert.
    Da ist Ihr Artikel eine Wohltat, genau zur richtigen Zeit, ich musste schmunzeln und spürte Mut die neue Scham anzugehen. Ich will wirklich nicht dazu beitragen, dass nur Ausstellungsmodelle die Sonne, Massagen usw. geniessen dürfen, jede Frau und Mann hat doch das Recht die Sonnenwärme, Bikini, Shorts oder Massagen zu geniessen.
    Danke für Ihre hilfreichen und menschlichen Texte.

  2. Liebe Marlise, wie wunderbar Du wieder schreibst! Ich liebe Deinen Stil :))

    Und so wahr, so wahr! Dieses ganze nach außen gerichtete Sein unserer Zeit, „schönheits“wahnsinniges Gleichgemache, nur noch das Äußere zählt – doch von der Einsamkeit, von der Gefühllosigkeit im Inneren wird nur abgelenkt und nicht gesprochen.

    Mach weiter so, meine Liebe, ich mag Deine Schreibe wirklich sehr :))

    Herzensgrüße von Nhanga

  3. Ich rede jetzt nicht vom eigenen Garten und von der Badi (wo sind die Frauenbadis geblieben?), da gehört Sonne auf nackte Haut,soweit es ihr gut tut, je älter leider je weniger. Und ein knallbunter Bikini darfs auch sein! Spaghettiträger und Minis in der Öffentlichkeit im Grossmutteralter: tun wir damit unseren Töchtern einen Gefallen? Und wo ist ist die Grenze zur Lächerlichkeit? Wollen wir um jeden Preis – ja was denn? Ich beantworte diese Fragen für mich jeden Sommer neu und immer wieder anders.

  4. Liebe Marlise

    und wie du wieder einmal den Nagel genau auf den Kopf getroffen hast 🙂 als auch Frau kannst du das – genau richtig – FRAU entscheidet selber wie – und wieviel – sie in der Öffentlichkeit von sich zeigen will, sie kann sie zu sich stehen und muss nicht einem (Männer?)-Ideal entsprechen.
    solche Frauenzeitschriften wie die Annabelle etc sind etwas veraltet – haben sie noch keine passende Faltencrème entdeckt? und wohl „man“ipuliert – durch die teuren Inserate gesteuert…??? und deshalb für mich nicht mehr lesenswert!

    ja liebe Marlise mach weiterso – ich wünsche dir viel Spass auf deiner sommerlichen Entdeckungsreise!herzlich Regina

  5. Liebe Marlise

    Schön dass Du diese Texte schreibst.

    Liebe Frauen
    Ich möchte hier meine Gedanken aus der Sicht eines Mannes (mitte 30) einfliessen lassen.Ich finde es höchst bedenklich und despektierlich dass in Zeitschriften die für die Frau ist solche Texte publiziert werden.Es zeugt auch von einer gewissen Dekadenz.Diese Zeitschrift ist ihr Geld nicht wert und der Schreiber/In seinen Lohn so leid es mir tut ebenfalls nicht.
    Es darf nicht sein dass sich Frauen aufgrund ihres Aeusseren nicht mehr an die Sonne oder eine Massage getrauen, was mitunter etwas vom Schönsten was es gibt ist.Denn es fördert den Bezug und die Selbstliebe zum eigenen Körper.Wenn dies zum vornherein durch destruktive Texte wie dieser abgeblockt wird ist dies doch mehr wie himmeltraurig.
    Mein Idealbild ist es jedenfalls nicht dass ältere Frauen sich jede Falte wegspritzen lassen müssen.Wenn es zum Thema wird habe ich Frauen auch schon gesagt dass es auch Männer gibt die es nicht für nötig erachten dass sie etwas wegmachen lassen oder sonstwie operieren lassen.Wenn dann muss es der ganz persöhnliche Wille einer Frau sein.
    Ob dass Männerideal sich wirklich bei der Mehrheit der Männer so darstellt wie es uns immer wieder suggeriert wird? Ich weiss es nicht hoffe zumindest dass es nicht so ist,obwohl ich natürlich weiss dass über Frauen auch immer wieder mal despektierlich gesprochen wird, was auch eine Realität ist.
    Ich möchte den Frauen Mut für sich zusprechen und wünsche ihnen dass sie einen positiven Bezug zu ihrem Körper finden unabhängig in welchem Alter er ist.

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