Bereicherung durch Berührung- (Erschienen in der Männerzeitung)

Sexualität ist eine wesentliche Bereicherung des Lebens. Das hört, liest und sieht mann und frau überall. In der Werbung, im Kino, in den Medien. Das Bild, das uns dort von der Sexualität vermittelt wird, ist jedoch nach wie vor eindimensional. Es zeichnet den allzeit zur Jagd bereiten Mann und eine Frau, die in einer Mischung aus Pornostar und verwundetem Raubtier ihre Bereitschaft signalisiert, aufs neue gerissen zu werden.

Fast alles wird mit diesen sexualisierten Bildern und Botschaften verkauft. Eis, Autos, Jeans, Telefone. Und sie prägen unsere Vorstellung von Sexualität mit. Eine Berührung verfolgt ein Ziel, und Sex ist erst richtiger Sex, wenn ein Geschlechtsakt erfolgreich, das heisst, Mann mit Erektion und Ejakulation, Frau sehr sehr orgastisch in Bild und Ton, durchgeführt wird, und wenn alle gängigen Techniken, Stellungen und möglichen Vorlieben eingebaut sind. Sexualität und Erotik wird auch kaum einmal als etwas Leichtes, Freudiges und Freies dargestellt, sondern kommt meist etwas verdrückt, aufgesetzt, starr und schwer daher. Und was mit Zärtlichkeit, Berührung und Sinnlichkeit zu tun hat, wird fast mitleidig als Kuschel- oder Blümchensex ettiketiert, der höchstens von unerfahrenen Teenies, hoffnungslosen Romantikern oder Warmduschern praktiziert wird.

Vage Sehnsucht

Mit diesen Bildern im Kopf kommen Mann und Frau bettmässig zusammen. Da muss gar nicht mehr viel geredet werden, da sitzt jeder Griff. Am Anfang zumindest. Hier ein bisschen reiben und die Frau stöhnt, dort ein bisschen rubbeln und der Mann kommt schon gut ins Schnaufen. Dort ein bisschen drücken und in Gottes Namen halt auch streicheln und er wird das Ziel erreichen, und sie gibt alles, um ihm zu zeigen, wie gut er ist. Und dann? Dann fühlen sich Mann und Frau mit der Zeit oft alles andere als bereichert. Da bleiben wohl eher Frust und Leere – und im Inneren eine vage Sehnsucht oder die Gier nach mehr.

In der Beratung höre ich manchmal: «Wir sind seit zwei Jahren zusammen und haben im Bett alles gemacht, was man so machen kann. Jetzt sind es nur noch Wiederholungen und es langweilt. Haben Sie Tipps, was wir noch machen könnten? Vielleicht sollten wir mehr Richtung SM gehen oder können Sie uns etwas zu Fetisch und so sagen?». Ja, Sex kann langweilig werden, wenn er gemacht statt erlebt wird. Wenn nur Vorstellungen, Fantasien und Bilder bedient werden statt auch dem Platz zu lassen, was in uns ist.

Loslösen

Ich behaupte, Bereicherung durch die Sexualität beginnt da, wo es gelingt, sich von Bildern und Mustern zu lösen und einfach zu sein. Im Moment. Und ich behaupte, durch achtsame, präsente Berührung, die kein Ziel verfolgt, wird es erst möglich, das zu lernen, zu leben und zu verstehen. Dieses Erleben kann jedoch meilenweit von dem entfernt sein, was uns dauernd als Ideal vor Augen geführt, unter die Nase gerieben oder schmackhaft gemacht wird. Denn eine Berührung trifft nicht nur die Haut. Sie geht weiter ins Gewebe, wo allerhand gespeichert ist, und sie geht noch weiter, sie kann Herz und Seele treffen.

Wie würde Sexualität aussehen, wenn nur das gelebt und zugelassen würde, was im Moment da ist? Das nicht zu wissen, macht offenbar Angst, und wird von Männern so formuliert: Sexualität könnte langweilig und eintönig werden, ich würde nicht mehr als richtiger Mann wahrgenommen oder als schlechter Liebhaber bezeichnet werden. Und Frauen haben Angst, als prüde und kompliziert zu gelten, wenn sie nur auf sich hören würden. Auf der seelischen Ebene werden von Männern und Frauen die Ängste so formuliert: Sexualität könnte zu nahe gehen, könnte etwas auslösen, was nicht mehr unter Kontrolle ist, könnte zu Tränen rühren oder gut gehütete Verletzungen ans Tageslicht bringen. Solche und ähnliche Ängste schlummern offenbar als Ahnungen in uns, was Sexualität auch noch sein könnte.

Sexualität die tiefer geht als bis zu Haut und Genital, konfrontiert einem mit sich selber, macht verletzlich und weich. Das sind Qualitäten, die nicht gerade als «männlich» gelten. Aber auf der anderen Seite erlebe ich auch immer wieder die Sehnsucht nach einer ganzheitlichen Männlichkeit, die auch die so genannt «weiblichen» Seiten mit einschliesst. Und ich erlebe, dass es oft ein langes Suchen braucht, bis ein Mann bereit ist, sich dieser Art von Männlichkeit auch zu öffnen.

Ziellos berührt

Dabei kann der Körper eine ganz zentrale Rolle spielen. Beispielsweise durch das passive Erfahren von ziellosen, achtsamen und präsenten Berührungen. Dadurch können sich einem Mann ganz neue Dimensionen des Erlebens und Seins eröffnen. Es kann zunehmend zu einer Reise hin zu ihm selber werden. Hin zu seinen ureigenen Empfindungen und Regungen, zu seiner ureigenen Sexualität.

Ermöglicht wird das nebst den Berührungen unter anderem durch das Ausschliessen der visuellen Reize, über die der Mann in der Regel seine Sexualität nährt, und dadurch, dass er nichts tun und sein (und schon gar nichts Bestimmtes spüren und empfinden) muss. Heilsam ist auch, wenn in diese ziellosen Berührungen auch seine Genitalien mit einbezogen sind. Und zwar in der genau gleichen Qualität. Berührungen, die nichts erreichen wollen, weder eine Erektion noch eine Ejakulation. Wenn da Hände sind, die einfach so berühren wie es der Moment verlangt.

Schön, wenn ein Mann das auch in seiner Beziehung erleben kann. Aber da Frauen genauso ihre Prägungen haben und das ziellose Berühren ebenso wenig erlebt und gelernt haben, kann es Sinn machen, sich diese Erfahrung von Aussen zu holen. Gemeinsam oder allein. Aber wenn in einer Beziehung dieser Wunsch erst einmal formuliert ist, kann sich ein Paar auch gemeinsam auf die Suche nach diesen heilsamen, nährenden und bereichernden Berührungen machen.