Die Berührung (erschienen Sprechstunde Doktor Stutz,  2010 )

Am Anfang war das Gespräch, und als Erkenntnis daraus ist Berührung entstanden. Körpersexualtherapeutin und Buchautorin Marlise Santiago scheut sich nicht, die Menschen zu berühren.

Ganz so neu wäre der Weg an sich nicht, denn wir alle tragen sie in uns: Die Fähigkeit, den Körper zu spüren. Das Körperwissen teilt uns sehr genau mit, wie es uns geht, was wir brauchen, was wir mögen und was nicht. Eine wichtige Voraussetzung, um ein auf allen Ebenen gesundes Leben zu führen, aber auch, um eine Sexualität leben zu können, die unser ganzes Wesen nährt und berührt. Nur, die Körperwahrnehmung ist uns leider ziemlich abhanden gekommen.

Zum ersten Mal wurde mir das richtig bewusst, als ein Paar mit geistiger Behinderung in meiner Sexualberatung war. Ich hatte den Eindruck, dass das, worüber wir sprachen, nicht wirklich ankam. Ich hatte das Gefühl, dass ich ganz konkret erfahrbar machen müsste, was ich den beiden sagen wollte. Vielleicht sollte ich sie berühren oder ihre Hand führen. Ich war damals noch unsicher und habe nichts dergleichen getan. Aber dieses Erlebnis hat mir die Augen dafür geöffnet, dass nicht nur bei diesem Paar, sondern auch bei vielen anderen Menschen die Körperwahrnehmung fehlt. Das verunmöglicht es, eine ganzheitlich erfüllende und selbstverantwortliche Sexualität leben zu können.

So ist mit den Jahren Berührung meine wichtigste Arbeit geworden. Wer lernt, Sinneseindrücke wie Berührung wirklich aufzunehmen, kann sich die Körperwahrnehmung wieder zu eigen machen. Zudem kann in der Sicherheit des achtsamen Berührt- und Gehaltenseins tiefe Entspannung und Stille geschehen, und oft kann erst aus dieser Sicherheit heraus Belastendes ausgesprochen werden. So können auf ganz unspektakuläre Weise lange Vermisstes nachgeholt, und Versöhnung mit alten Lebensthemen oder Schritte hin zu Neuem möglich werden.

Ich überschütte die Menschen nicht mit vermeintlich gutgemeinter Nähe und hole nichts für mich selber aus den Sitzungen heraus. Das ist mir sehr wichtig. Ich bin nur ein Werkzeug, das Raum bietet, um etwas erfahren zu können. Ich bin einfach da, präsent beim Gegenüber und bei meinen Körperwahrnehmungen und sorge für eine sichere und angenehme Umgebung.

Menschen, die zu mir kommen, wissen meist, was sie von mir erwarten können und was nicht, weil sie sich vorgängig damit auseinander setzen. Anders die Öffentlichkeit. Ich bin immer wieder erschüttert darüber, wie sehr Berührung und Nähe in den Köpfen mit Sex verbunden sind. So wie letzthin, als ich in einer Zeitschrift für ältere Menschen ein Inserat «Kuscheln für Frauen» aufgeben wollte. Es wurde abgelehnt. Und das in einer Zeit, in der Tageszeitungen täglich Inserate für die absonderlichsten Sexpraktiken veröffentlichen. Aber das ganz grundlegende menschliche Bedürfnis nach nicht sexuell motivierter Nähe darf nicht sichtbar sein. Schade.

Für galoppierende Fantasien kann auch sorgen, dass ich bei meinen Massagen manchmal die Genitalien berühre. Auch das tue ich nicht sexuell motiviert, sondern genauso wie die Berührung anderer Körperstellen auch, um etwas erfahrbar zu machen. Nehmen Sie zum Beispiel das Bild des dreijährigen Jungen, wie er voller Stolz seinen kleinen Pimmel zeigt. Idealerweise müsste ihm gespiegelt werden: «Ja du bist ein richtiger kleiner Mann, und der hat einen Penis.» Wenn das nicht so geschieht, kann eine tiefe Verunsicherung entstehen. Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie wohltuend es viele Jahre später sein kann, wenn ich nach einer Massage noch für einen Moment die Hand auf den Penis des Mannes lege – wenn er das möchte – einfach, um erfahrbar zu machen: «Sie sind Mann, haben einen Penis und das ist ganz richtig so.» In dem Moment ist er endlich gesehen und etwas tief im Innern darf sich entspannen. Auch Frauen formulieren es manchmal so: «Ich fühle mich ganz und gesehen.»

Wer wünscht es sich nicht, gesehen zu sein? Einfach als Mensch. Und Mensch-Sein heisst auch ein sexuelles Wesen zu sein. Aber gerade dieser menschliche Aspekt erfährt so selten Segnung und Wertschätzung.

Ich wünsche mir sehr, dass Berührung und Nähe aus der unseligen Verknüpfung mit Sex gelöst werden können, denn wertschätzende Berührung, die von Herzen kommt – auch wenn dafür bezahlt wird – ist auch Seelennahrung, Immunsystem stärkend, verbindend, entspannend, schmerzstillend, versöhnend und kann tief berührend sein.