Grenzen berühren (erschienen in Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik Dez 06)

Mit welchen Grenzen werden BerühreInnen konfrontiert? Sind es eigene? Ist es die Gesellschaft, sind es Betreuende und Pflegende, oder KlientInnen die Grenzen schaffen? Eine Annäherung.

Ein Sturm wirbelte durch die Schweizer Presse, als Pro Infirmis ihr Berührerinnenprojekt lancierte. Ein erstes Grenzerlebnis für die Menschen, die sich dieser Ausbildung stellen wollten. Plötzlich war da in der Öffentlichkeit die Rede von Prostitution. Ist es Prostitution, wenn ich einen Menschen liebevoll umarme, ihn liebevoll berühre, seinen ganzen Körper, oder vielleicht auch nur die Hände streichle? Bin ich ProstituierteR, wenn ich einen Penis berühre, eine Vulva oder Vagina berühre? Liebevoll und mit Achtung, und in den meisten Fällen nicht mit einer Befriedigungsabsicht berühre. Hat es nicht sehr viel mit der Betrachtungsweise, mit der Einstellung, mit Norm- und Wertvorstellungen des Betrachters, der Betrachterin zu tun, was als Prostitution gesehen wird? Hat es nicht sehr viel damit zu tun, wie sich eine Gesellschaft dem Thema Sexualität stellt? Hat es nicht sehr viel damit zu tun, was wir unter Liebe und Anteilnahme verstehen? Die wenigsten Menschen haben selber die Erfahrung gemacht, dass berühren, auch sinnlich berühren, auch wenn es bezahlt ist, von Herzen kommen kann. Es passt nicht ins Weltbild, also wird es abgelehnt. Die wenigsten Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass der Sinn und das Wesen der Sexualität nicht die genitale Befriedigung ist, sondern etwas viel Grösseres.

Ich staune immer wieder: alles ist sexualisiert. Locker wird vom Auto bis zur Zahnbürste alles mit Sex verkauft, in den Medien wird hemmungslos über die krankhaftesten Sexpraktiken berichtet, im Sommerloch werden Pornofilme besprochen, als wären es Studiofilme usw., man ist ja schliesslich nicht prüde. Aber dann kommt ein Thema, ganz menschlich, ganz simpel ganz unspektakulär: Menschen und ihre sexuellen Bedürfnisse, genauer gesagt, Menschen mit Behinderung und ihre sexuellen Bedürfnisse. Haben die das? Dürfen die das? Wie dürfen die das? Sollen die mit Streichelsex abgespiesen werden? Sollen die in die Prostitution getrieben werden? Schlafende Hunde wecken, oder Menschenrecht? Wer soll das bezahlen? Ob dieser ganzen Polemik ist das eigentliche Thema beinahe unter gegangen

Anerkennen statt urteilen

Nun, zehn Menschen haben die Ausbildung abgeschlossen. Wann gibt es endlich News? Wann gibt es die ersten Bilder: Krüppel mit Berührerin? Die Sexualität von Menschen mit Behinderung soll in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Darüber muss informiert werden. Warum? Reicht es nicht, zu wissen, und es auch hören und anerkennen zu wollen, dass die biologisch/sexuelle Entwicklung von Menschen mit Behinderung die gleiche ist, wie die von Nichtbehinderten? Und dass aus diesem Grund die Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit, Anteilnahme, also Sexualität im weitesten Sinne die selben sein müssen? Dass aus diesem Grund das Bedürfnis nach Genitalsexualität auch das selbe sein kann? Nein das reicht offenbar nicht, und es wird munter weiter diskutiert, über etwas was die wenigsten Menschen beurteilen können, weil sie es nicht kennen – wollen.

Das sind Grenzen von aussen, die mit der eigentlichen Arbeit noch nichts zu tun haben. Damit haben sich BerührerInnen herumzuschlagen, und es braucht eine grosse Portion Sicherheit, und die Überzeugung, dass unsere Arbeit wichtig und richtig ist, egal unter welchem Etikett sie nun betrachtet wird.

Die nächsten Grenzen sind dann die persönlichen. Wo ziehe ich die Grenzen meines Angebotes? Darf Mann und Frau mich auch berühren? Arbeite ich überhaupt mit Mann und Frau, oder nur mit gleich- oder nur mit andersgeschlechtlichen? Bin ich nackt? Wie bin ich nackt? Einfach nackt, oder will ich reizen? Trage ich Reizwäsche? Wie sollen meine Berührungen sein? Sollen sie Orgasmusorientiert, oder einfach berührend sein? Bin ich Assistentin oder Berührerin? Führe ich aus, was mir aufgetragen wird, oder bringe ich meine Intuition ein, und begleite? Bin ich bereit, Bilder und Erwartungen zu befriedigen, oder möchte ich Menschen zur eigenen Quelle führen dürfen?

Einig sind sich die BerüherInnen, die bereit waren, für diesen Artikel über Grenzerfahrungen zu reden, darin, dass die meisten Grenzen mit uns selber zu tun haben, und einer dauernden Reflexion bedürfen.

Sexualität emanzipieren

Erich Hassler zum Beispiel findet für sich die Übergänge von Grenzen spannend. «Im Privaten ist es so, dass mich das Überschreiten von Grenzen weiter bringt. Das macht mir Mut, auch in der Arbeit meine einmal gesetzten Grenzen zu erweitern», sagt er. Seine Grenzen sind also flexibel. Angst, damit selber bei anderen Grenzen zu überschreiten hat er nicht: «Ein erwachsener Mensch ist idealerweise Selbstreguliert, das heisst, er holt sich seine Nahrung nicht vom Gegenüber. Ich sehe mich selber so, dadurch kann ich mich auch stark einbringen.» Wo ist für ihn die Grenze zwischen Sexualassistenz und Sexualbegleitung, wie Hassler seine Arbeit nennt? «Als Sexualassistent bin ich verpflichtet genau das auszuführen, was gewünscht ist. Da kann ich mich nicht gelöst einbringen, dann kommt eine Berührung mehr vom Kopf, ist vielleicht mechanischer. Hingegen wenn ich begleite, kann ich mich einbringen. Dann fliesst es auch mehr vom Herzen, und meine Erfahrung ist, dass das für ein Gegenüber stimmiger ist.» Er erlebte einmal eine Assistenzsituation: Eine Frau mit Spasmen, bat ihn darum, ihn massieren zu dürfen. Sie wollte für sich herausfinden, ob sie fähig ist, einen Mann liebevoll zu berühren. Darauf konnte er sich einlassen. Auf den Wunsch einer anderen Frau nach Geschlechtsverkehr konnte er sich hingegen nicht einlassen. Diese Grenze ist klar mit seiner Frau abgesprochen.

Eine Grenze hat Hassler neulich gesprengt: «Wenn ich von meiner Arbeit erzählte, hatte ich oft das Gefühl mich gleichzeitig auch rechtfertigen zu müssen. Z.B. bei der Frage, ob es Prostitution ist. Jetzt kann ich sagen, ja vielleicht. Das ist halt heute noch so. Alle verstehen wohl, dass Sexualität Leben, Freude, Kraft etc. bedeutet, aber trotzdem denken alle immer nur an Geschlechtsverkehr. Mein Wunsch ist es, mit meiner Arbeit die Sexualität von Zwang zu befreien und zu emanzipieren.»

Grenzverschiebung

Bei Heidi Gregor haben sich die Grenzen langsam verlagert. Zu Beginn waren es eher physische Grenzen. Da war vielleicht eine Berührung, die sie nicht wollte. «Ich war ständig präsent in Verteidigungshaltung, war am Reagieren statt am Agieren. Das war richtig stressig. Durch das genaue Wahrnehmen, was ist für mich die richtige Nähe, wurden die Grenzsituationen mit der Zeit immer subtiler. Es waren keine körperlichen, sondern nun mehr emotionale Grenzsituationen. Eine übergrosse Begeisterung für mich, oder Vereinnahmung. Situationen wo die Gegenseite nicht mehr erkennen konnte, dass ich auch eine Persönlichkeit mit Gefühlen bin, wo nur noch ihre Wahrnehmung als Massstab galt.» Natürlich könne sie diese Bedürftigkeit und Verzweiflung nachvollziehen, die so stark sein müsse, dass ihre Signale nicht gesehen werden.

«Wenn ich das alles genau wahrnehme, ist es wie ein Spiegel der mir vorgehalten wird. Hier bist du. Das sind blinde Flecken, die man oft selber nicht kennt», reflektiert sie. Wichtig sei, dass sie sich dessen bewusst sei, und dass sie auch grosszügig mit sich selber umgehe. Heute sei es so, dass sie am ehesten selber ihre Grenzen missachte. Beispielsweise, als es darum ging, Öffentlichkeitsarbeit für diese Arbeit zu machen. «Dazu fühlte ich mich fast genötigt.» Heidi Gregor grenzt sich mittlerweile auch gegen Sexualassistenz ab. Sie sieht sich nur noch als Berührerin. «Ich mag keine Erwartungen erfüllen.»

BerührerIn oder SexualassistentIn? Das ist ein Thema, das für fast alle brisant ist. Gesucht wurden BerührerInnen, im Laufe der Ausbildung wurde die offizielle Bezeichnung dann «Sexualassistenz.» Je nach persönlicher Auffassung der Sexualität, je nach Ausrichtung und Gewichtung des persönlichen Angebotes, stimmt diese Bezeichnung für die meisten der bis jetzt ausgebildeten nicht.

In meinen Augen funktioniert Sexualassistenz nicht. In meinem Augen ist es eine Abwertung der Sexualität, wenn eine solche Dienstleistung mit Anziehen, Haushalt oder Körperpflege gleichgesetzt wird. Sexualität ist zwar ein Grundbedürfnis, aber sie ist eng verknüpft mit dem sehr verletzlichen ureigenen Erleben und Empfinden, und sollte aus dem Moment heraus entstehen können, damit sie auch nährend, und nicht bloss befriedigend sein kann. Abgesehen davon haben die wenigsten Menschen gelernt, bezüglich Sexualität genaue Anweisungen zu geben. Und ich würde sagen: zum Glück! Denn sonst bliebe davon nur noch die Hülle. Das, womit wir tagtäglich via Medien bombardiert werden, das Spektakuläre. Aber Sexualität ist nicht spektakulär.

Andere Sinneskanäle benutzen

Lorenzo Fumagalli bezeichnet sich als Sexualassistenten. Wenn er erklären muss, dass er nebst seiner Tätigkeit als medizinischer Masseur und Dorntherapeut, auch als Berührer für Menschen mit Behinderungen arbeitet, dann schaffe das Verwirrung. Als Masseur berührt er ja auch. Sexualassistent umreisse diese Arbeit klarer. Aber letztlich gehe es um den Inhalt der Arbeit und nicht um die Verpackung.

Bei seiner Arbeit als Sexualassistent unterscheidet er zwischen Grenzen, die er nicht überschreiten will, oder solchen die er nicht überschreiten kann. «Der Kunde ist König, ist das Motto für einen Sexualassistenten, und wenn ich nicht dienen kann, komme ich an meine Grenzen. Ich arbeite beispielsweise mit einem Mann, der sich verbal nicht ausdrücken kann, sich aber oft ans Ohr schlägt. Niemand weiss, was das bedeutet, aber weil sich diese Geste immer wiederholt, gehe ich davon aus, dass er damit etwas mitteilen will.» Fumagalli findet es ganz zentral, dass er zu seinem Unvermögen steht, und dass er das diesem Mann auch mitteilt. «Aber es gibt ja noch andere Sinneskanäle, auf die ich mich verlassen kann. Ich beobachte ganz genau, wie der Mann auf meine Berührungen reagiert.» Und wenn die beiden dann zusammen lachen, was immer öfter geschehe, weiss Fumagalli jeweils, dass er auf dem richtigen Weg ist.

…noch Erfüllen von Erwartungen

Und meine Grenzen? Ich grenze mich ab zur Sexualassistenz.

Ich sehe mich ganz klar als Berührerin. Sexualität hat für mich eine andere Bedeutung, als Befriedigung von Wünschen, Bildern oder Trieben. Sexualität ist für mich ein kostbares Geschenk, das wir mit Weisheit, Achtung und Liebe entgegen nehmen und verwalten dürfen. Und so möchte ich meine Arbeit als Berührerin ausführen. Ich bin nicht dazu da, Wünsche, Erwartungen oder Bilder zu erfüllen, ich bin dazu da, Menschen zum ureigenen Erleben und Empfinden zu führen. Darauf muss sich jemand natürlich einlassen wollen. Selbstverständlich verhelfe ich einem Menschen, der dies nicht selber kann, auch zu einem Orgasmus. Das mag dann als Prostitution gesehen werden. Damit habe ich keine Mühe. Ich selber sehe meine Arbeit in einem anderen Licht. Ich weiss und erlebe, wie andächtig, und getragen von Stille und tiefem Erleben so eine Berührungsstunde abläuft.

Ich stosse manchmal an Grenzen, wenn ich zuwenig über eine Krankheit oder Behinderung weiss. Ich war mir zum Beispiel zu wenig bewusst, wie sehr sich nach einer Hirnverletzung das Verhalten einer Person verändern kann. Ich erlebte einen Mann als absolut unanständig. Ich vergass die Hirnverletzung, und nahm das Verhalten persönlich. Oder bei Menschen mit geistiger Behinderung ist mir aufgefallen, dass ihr Körpertonus und ihre Mimik anders sind. Ich kann mich also nicht auf die gewohnten Signale verlassen, die mir sagen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ich kann mich auch nicht darauf verlassen, dass ein Ja wirklich ein Ja ist. Auch da muss ich mich auf ein anderes Gespür verlassen. Aber wer sagt mir, ob das richtig ist? Ich finde manchmal auch den Umgang mit Betreuenden schwierig, Wie viel über eine Berührungsstunde kann ich mitteilen, ohne die Integrität eines Klienten oder einer Klientin zu verletzen? Ich erlebe wohl viel guten Willen, aber ebenso grosse Hilflosigkeit im Umgang mit dem Thema. Die eigenen Bilder und Vorstellungen von Sexualität sind immer prägend. Und ich denke, es ist zentral, dass sich Pflegende, Betreuende, Begleitende, immer wieder auch mit der eigenen Sexualität auseinander setzen, und ihre eigenen Norm- und Wertvorstellungen reflektieren. Nur so können sie Menschen in dieser Thematik auch gut unterstützen.