Gruusig reden ist nicht geil

Kinder schnappen schon früh Wörter auf, die Eltern aus ihrem Mund lieber nicht hören wollen. Wertfreie, sachliche Aufklärung gibt Gegensteuer. (erschienen in Kiddy swiss family 15/04)

Der knapp fünfjährige Sandro stürmt atemlos in die Küche, und ruft seiner Mutter begeistert zu: «Was gibt’s zum Zvieri, du fuzze nutte Mami?» Der Mutter fällt beinahe das Messer aus der Hand, mit dem sie gerade Äpfel in Schnitze schneidet. Fassungslos starrt sie ihren Sohn an. Aber der ist wie immer, und erzählt sprudelnd, dass er heute mit dem Rollbrett zum ersten Mal eine Treppenstufe geschafft hat. Dann merkt er, dass etwas nicht stimmt, und verstummt. Die Mutter setzt sich zu ihm, und sagt feststellend: «Aha, ich höre, dass du neue Wörter kennst.» Sandro schaut sie unsicher an, und erzählt dann, dass er die neuen Wörter von den grösseren Jungen beim Rollbrettfahren gehört hat, und dass sie das immer dann sagen, wenn Mädchen oder Frauen vorbei gehen. Die Mutter fragt ruhig: «Weißt du, was die Wörter heissen?». Sandro vermutet, es sei etwas Liebes für Frauen, «aber etwas, was ihnen doch nicht so richtig Freude macht», fügt er nach einigem Nachdenken an.

Solche und ähnliche Szenen spielen sich in vielen Familien, Kindergärten, Horten, und Schulen, oder auf Schulweg und Pausenplatz ab. In der Sprache von Kindern wimmelt es von sexuellen Anspielungen und Ausdrücken, und Schimpfwörter mit sexueller Bedeutung oder ebensolche Witze zeigen, dass Körper und Sexualität Themen von höchster Aktualität sind. Für Kinder sind es meist geheimnisvolle Themen, denn kaum jemand ist bereit, wertfrei und offen Antworten zu geben. So ist die sexualisierte Sprache eine Möglichkeit, sich diesen Themen zu nähern.

Wenn sich Kinder einer sexualisierten Sprache bedienen, gilt es zwischen aufschnappen und provozieren zu unterscheiden. Kinder im Kindergartenalter schnappen neue Wörter auf, und probieren deren Wirkung aus. Reagieren Eltern nur mit Verärgerung, oder der Aufforderung, dieses Wort nicht mehr zu benutzen, spüren die Kinder, dass mit diesen Wörtern etwas nicht gut ist. Aber sie wissen nicht was, und auch nicht warum. Werden Kinder damit allein gelassen, benutzen sie die Wörter dann zur Provokation und als Schimpfworte. Der Ausstieg aus dieser Art zu reden wird zunehmend schwieriger. Deshalb ist es wichtig, Kindern von Anfang an die Bedeutung der Ausdrücke zu erklären. Geschieht dies wertfrei und sachlich, kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass die Ausdrücke nicht mehr ausserhalb der eigentlichen Bedeutung verwendet werden.

Im Zusammenhang mit dieser Aufklärung sollen Kinder beispielsweise auch erfahren, dass es für die Geschlechtsteile verschiedene Wörter gibt, und dass manche Kinder und Erwachsene sie auch als Schimpfwörter benutzen. Vielleicht weil sie Hemmungen haben über Sexuelles zu reden, oder sich gar nicht bewusst sind, wie sie eigentlich reden. Obszöne Bezeichnungen für die weiblichen Genitalien z.B. gelten ja als schlimme Beleidigungen, und Kinder sollen wissen, dass das für Frauen und ihre Sexualität sehr abwertend und verletzend ist.

Wenn vulgäre Worte für Geschlechtsteile, Geschlechtsverkehr oder die sexuelle Ausrichtung als Provokation und Schimpfwörter gebraucht werden, können Eltern den Kontext und das Kind beobachten. Wenn sie sofort intervenieren, verpassen sie es möglicherweise herauszufinden, was hinter dieser Art zu reden steckt. Es kann besser sein, das später aufzugreifen, als im Moment der Provokation. «Ich höre, dass du mich provozieren willst, und frage mich, was du damit sagen willst», ist eine mögliche Bemerkung dazu.

Oft werden die Wörter aber auch gedankenlos benutzt, weil «alle» so reden. Es schadet nichts, den Kindern die Bedeutung von Fuck und Co hie und da wieder in Erinnerung zu rufen: «Ich nehme zwar an, dass du die Bedeutung dieses Wortes kennst, aber ich sage dir noch einmal, was ich darunter verstehe.» So wird das Kind nicht bloss gestellt, und hat die Chance selber zu entscheiden, ob es mit seinen Kollegen, Eltern oder Geschwistern tatsächlich so reden will.

Etwas anders ist es bei Witzen und Reimen. Die meisten Kinder haben eine diebische Freude an anzüglichen Witzen und Reimen. Es sind Ventile, um in der Gruppe über all das Geheimnisvolle lachen zu können. Auf dieser Ebene ist es schade, wenn Sprüche auseinandergepflückt und erklärt werden. Eltern können das stehen lassen und beobachten, ob allenfalls mehr dahinter steckt, und ob ihr Kind eventuell gezielte Fragen in Bezug auf die Sexualität hat.

Damit schaffen sich Kinder auch einen Bereich, zu dem Erwachsenen der Zutritt verboten ist, eine Art «Kinder-Unterwelt». Die meisten Eltern werden sich noch an Sprüche aus ihrer eigenen Kinderzeit erinnern, die sie sich damals kichernd weiter erzählt haben. «Oh ja, diesen Spruch kenne ich noch, den haben wir als Kinder auch schon gesagt», entlastet die Kinder, und zeigt, dass es grundsätzlich in Ordnung ist, über Sexuelles zu reden und auch einmal darüber zu lachen.

Tipps für Eltern

  • Überprüfen: Wie rede ich selber?
  • Reflektieren: Wie ist mein eigenes Verhältnis zu sexuellen Themen?
  • Fragen: Wie sind die Themen Körper und Sexualität in unseren Familienalltag eingebunden?
  • Feststellen: «Ich höre, dass du ein neues Wort kennengelernt hast.»
  • Nachdenken: Die Kinder selber einem Wort und dessen Inhalt nachspüren lassen.
  • Erklären: Ein aufgeklärtes Kind versteht die Zusammenhänge besser, und hat weniger Interesse daran, so zu reden.
  • Grenzen setzen: Z.b. «Ich will nicht, dass du hier so redest.» «Dieser Ausdruck verletzt meine Würde als Frau.» «Damit fühle ich mich als Mann auf Sexuelles reduziert.»
  • Nachfragen: Woher und aus welchem Zusammenhang kennt das Kind ein anstössiges Wort.
  • Aufzeigen: Der Gebrauch von Wörtern ist an Alltagssituationen gebunden. (Begriffe anderer Menschen nicht einfach be- oder verurteilen. Es gibt keine gesamt – gesellschaftliche Sprache für Sexualität)
  • Hinweisen: Sexuell gefärbte Wörter verletzen andere Menschen, und entwerten die Sexualität.
  • Spielen: Kleine Kinder die Themen mit schlüpfrigen Fingerfersli, Sprüchen und Witzen ausagieren lassen.

Wer hat recht?

Sprache ist im steten Wandel. Beispielsweise das Wort «Geil». Was früher geschlechtlich erregt hiess, heisst heute grossartig. Wer hat recht? Beide natürlich! Auch andere Wörter wie «mich scheisst’s an», «mich kackt’s an», «willst du mich verarschen», und so weiter, sind neuere Wörter, die die ältere Generation noch nicht in den Mund nehmen durfte. Wo es keine Übereinstimmung für den Gebrauch gibt, sagen Eltern immer wieder klar, welche Wörter sie nicht mehr hören wollen, weil sie sich persönlich daran stören. Allenfalls handeln sie mit ihren Kindern aus, dass sie nur im Umfeld mit Kolleginnen und Kollegen benutzt werden.

Grundsätzlich: Bei der sexualisierten Sprache geht es nicht darum, die Sprache der Kinder zu verurteilen, sondern Eltern können sie als Hinweis auf die damit geäusserten Interessen entgegen nehmen, und darauf eingehen.