Porno kann traumatisieren (erschienen in der Männerzeitung)

Die Sexualberaterin Marlise Santiago beobachtet in ihrer Praxis, dass Partnerinnen von Freiern und Pornokonsumenten Anzeichen von Traumatisierung aufweisen.

Sie haben bestimmt schon Haut berührt. Warm, lebendig, empfänglich. Wissen Sie auch wie sich traumatisiertes Gewebe anfühlt? Starr, kühl, einsam, traurig, unnahbar.

Dahinter ein Mensch, der aus irgend einem Grund buchstäblich nichts mehr an sich heran lässt. Auch nicht das, was er am meisten brauchen würde: Zuwendung, Anteilnahme, Zärtlichkeit. «Mein Körper ist wie tot. Gefühllos. Ich spüre nichts mehr, wenn ich ihn berühre. Wenn ich mit meinem Ex-Mann Sex hatte, schwebte ich über mir und konnte zuschauen, was mein Körper über sich ergehen liess», erzählt eine Frau in den Dreissigern, die mit einem Sexsüchtigen Mann (Internet / Prostitution) verheiratet war. «Da ist nur noch Ekel, wenn mein Mann mich berühren will. Mein Körper erstarrt. Ich bin nicht gemeint mit diesen Berührungen», erzählt eine andere Frau, deren Mann regelmässig Prostituierte besucht. «Überall diese Weiber, und mein Mann geifert denen nächtelang nach. Mein Körper ekelt mich, ich fühle mich als Frau abgewertet durch dieses zur Schau stellen alles Intimen», erzählt eine Frau Mitte Vierzig, deren Mann nächtelang im Internet verbringt. Eine 60jährige: «Mein Mann hat die Realität verloren. Auf der Strasse oder im Tram schaut er Frauen an, wie wenn er vor dem Computer hocken, und sich von Frau zu Frau klicken würde. Er ist dann auch kaum ansprechbar, denn ich störe seinen Film. Aber zu Hause fällt er über mich her. Mein Körper ist tot. Kein Empfinden, nur Starre.» Auch ihr Mann besucht Salons und surft nächtelang.

Vier Beispiele aus meiner Praxis. Trend dank Internet rasant zunehmend! Auch wenn eine Frau vom Treiben Ihres Partners lange keine Ahnung hat, ihr Körper – oder ihre Seele? – scheint es zu wissen, und darauf zu reagieren. Eine Realität, über die in der heutigen Pornogesellschaft kaum jemand spricht: Porno kann traumatisieren. Männer machen sich etwas vor, wenn sie glauben, ihr Porno- und Prostituiertenkonsum liesse sich problemlos vom Sexualverhalten zu Hause trennen.

Zu wissen, dass über 90 Prozent der Frauen, die sich prostituieren, Gewalt- und oder Missbraucherfahrungen haben, macht die Sache auch nicht besser. Ihre oft angepriesene «Naturgeilheit», ist also keineswegs natürlich, sondern da wurden irgendwann subtil oder auch ganz brutal Grenzen niedergetrampelt. Ausserdem orientiert sich ihr Arbeits- Verhalten an der Pornografie. Männer lernen also bei traumatisierten und «pornografisierten» Frauen ein sexuelles Verhalten, das sie selber traumatisiert.

Mich erschüttert es immer wieder, wie fahrlässig unsere Gesellschaft mit dem Phänomen Porno und Prostitution umgeht. Vergewaltigungsszenen als Modewerbung, Werbung für Swingerclubs auf öffentlichen Plakaten, die verfügbare Frau auf dem Spielcasinotisch – das gilt inzwischen als normal.

Wenn wir uns jedoch vor Augen halten, was Sexualität denn überhaupt ist, und was sich zwischen Mann und Frau abspielen könnte, werden wir verstehen, dass Pornografie kein anzustrebender Lifestyle ist, denn Mann und Frau reagieren darauf mit Anzeichen von Taumatisierung. Oder was ist es denn anderes, wenn Körperempfindungen und Gefühle nicht mehr wahrgenommen werden können?

Was heisst denn schon das viel zitierte «sich sexuell ausleben»? Wenn man genauer hinschaut heisst das doch «Porno nachspielen». Die allgegenwärtigen Bilder prägen die Vorstellung von Sexualität. Hier muss der Freier auch nicht freien, nur bezahlen. Verlockend, wenn das Gegenüber dann auch noch reagiert wie das Gegenüber im Film. Partnerinnen tun das meist nur am Anfang. So fallen mit der Zeit innere Grenzen. Die Grenze des Mitgefühls, der Anteilnahme beispielsweise. Wie möchte denn meine Frau wirklich berührt werden? Was braucht meine Frau wirklich, um in ihre Lust zu kommen? Was muss sein, damit meine Frau mich wirklich ganz und auch ganz bewusst in sich aufnehmen kann, so dass ich als Mann auch wirklich und ganz bewusst geben kann? Die Antworten darauf werden im Porno, bzw. in den pornografisierten Bildern der Sexualität gesucht, statt miteinander erkundet. Aber Pornografie berücksichtigt nur einen winzigen Teil des Menschseins, darum vermag sie auch nur eine temporäre Geilheit zu stillen, aber nicht nachhaltig zu sättigen.

Meine Erfahrung und Beobachtung zeigt, dass Berührungen und sexuelle Handlungen mit der Zeit die Qualität von sexuellem Missbrauch bekommen können, wenn damit nicht wirklich das Gegenüber gemeint ist. Das heisst, wenn das Begehren dem Kopf entspriesst, statt dem Herzen. Wenn das Gegenüber dazu benutzt wird, sich sexuell abzureagieren. Wenn der Kopf in Fantasien, Bildern und Szenen schwelgt, während der Körper gleichzeitig etwas mit einem realen Gegenüber tut. Wenn die Berührungen und Handlungen nur noch Ziel gerichtet sind.

Ein Teufelskreis entsteht: Da ist die Frau, deren Körper sich zunehmend verschliesst, starr und empfindungslos wird, weil sie missbraucht wird. Und da ist der Mann mit seiner Bedürftigkeit, seinem Getriebensein, seiner Verzweiflung darüber, dass er den Zugang zur Frau nicht mehr findet. Er lebt fast nur noch in der Fantasie, und auch er nimmt seinen Körper und seine wirklichen Bedürfnisse immer weniger wahr. Auch die Frau leidet, weil sie ihren Mann nicht mehr erreicht, und auch sie sucht die Antworten im Porno. Immer wieder versucht sie Lust zu empfinden, sich ihm hinzugeben, sie will tabulos sein, sie ist oft auch bereit ihn an Erotikwochenenden und ähnliche Anlässe zu begleiten. Aber es geschieht immer noch nichts. Ausser Scham und noch grösserer Verzweiflung, die sie ihm aber nicht zumuten will, denn sie versteckt das, was ihm vermeintlich nicht gefallen könnte. Aber ihre und auch seine tiefste Sehnsucht ist es doch, gesehen und geliebt zu werden so wie sie sind. Also auch mit Scham, mit Lustlosigkeit, mit grenzenloser Geilheit, absurden Fantasien usw.

Die Trümmerlandschaft, welche die konsumierte Sexualität hinterlassen kann, wird normalerweise schön geredet. Aber in meiner Arbeit wird sie ganz schnell sicht- bzw. spürbar, weil ich die Menschen auch berühre. Meiner Ansicht nach ist das auch ein guter Weg, um Erstarrung aufzulösen und verlorenes Empfinden wieder zu wecken.

Mann und Frau müssten in erster Linie lernen sich einander zu offenbaren, auch mit ihren vermeintlich unzumutbaren Aspekten. Mann und Frau müssten lernen bei sich selber hinzusehen, he was tu ich da überhaupt, ist das wirklich das was ich will. Frauen müssten selbstverantwortlich handeln und sich nicht mehr missbrauchen lassen. Männer müssten lernen, ihren Körper und ihre Empfindungen zu erforschen, so dass sie von Herzen geben, und ihre Frauen für deren Hingabe achten und lieben können.