Rammeln oder Schmusen? – (erschienen in der Männerzeitung)

Meine These ist, dass Männer ihre wilde sexuelle Kraft oft zurückhalten, aus der Vorstellung heraus, dass Frauen zerbrechliche Wesen sind, die zart, wie rohe Eier angefasst werden müssen. Natürlich brauchen Frauen Zärtlichkeit. Genauso wie Männer auch. Aber manchmal sind Frauen auch einfach geil. Genauso wie Männer auch.

«Wenn ich so richtig giggerig bin, möchte ich einfach nur bumsen», sagt die 43-jährige Rike. «Hart und wild». Sie hat oft erlebt, dass Männer ob dieser weiblichen Urkraft schlichtweg erschrocken sind, und darauf mit einem Erektionsrückgang reagiert haben. «Viele haben mir gesagt, dass sie selten wild bumsen, obwohl sie manchmal so richtig Lust dazu hätten», erzählt Rike. «Aber sie tun’s nicht, weil sie glauben, Frauen damit zu erschrecken, oder gar auszunutzen. Und mit der Partnerin kommt’s erst recht nicht in Frage». Auch Rike hat sich früher oft zurückgehalten, weil sie dachte, es gehöre sich nicht, als Frau so richtig geil zu sein. Und wenn sie es gezeigt hat, hat sie die Angst der Männer erlebt, und auch, dass sie oft ihre Achtung vor ihr verloren haben.

Warum genau da, wo Lebenskraft und –freude fliessen könnte, Zurückhaltung geübt wird, und die Achtung verschwindet, ist eigentlich nicht wirklich nachvollziehbar. Wilde, kraftvolle Sexualität, und Achtung und Zärtlichkeit, schliessen sich keineswegs aus. Im Gegenteil. Wenn Männer und Frauen gelernt haben, sich selber zu achten, mit all den Facetten, die einen Menschen ausmachen, dann gehört auch ungebändigte sexuelle Lust, als eine dieser Facetten selbstverständlich mit dazu.

Peter Schröter, Psychologe FSP, der in seiner «MännerBande» mit Männern unter anderem genau an diesen Themen arbeitet, sagt dazu: «Männer sind mittlerweile kompetente Liebhaber geworden, aber sie reagieren nicht mehr spontan. Sie sind eher in der Beobachterrolle, und leben ihre Lust dadurch durch die Frau.» Diese Entwicklung mag für Frauen einerseits ganz erfreulich sein, und auch die Männer haben dadurch gelernt, ihre Körper besser wahrzunehmen. Aber anderseits, fehlt mit der verlorenen Wildheit, ein wesentlicher Teil des Mannes.

Wenn nun Frauen vermehrt offen zu ihrer sexuellen Wildheit stehen, bekommen es Männer mit der Angst zu tun. «Angst vor Kontrollverlust. Angst vor den aggressiven Teilen in sich. Angst, dass diese in Gewalt ausarten können», beobachtet Peter Schröter in seinen Männergruppen immer wieder.

Der nächste Schritt wäre nun, dass Männer zu einer Genitalität finden, die Körper und Seele gleichermassen umfasst. Das geschieht, indem sie lernen, ihre Leiblichkeit und Körperwahrnehmung zu entwickeln. Das werde noch immer dem Weiblichen zugeordnet, sagt Schröter. Dann ist es natürlich auch wichtig, dass Männer stolz darauf sind, Männer zu sein. Und zum Mannsein gehört eben auch die Wildheit und die Aggressivität.

Wie wäre es, wenn Männer und Frauen ehrlich über ihre Erwartungen, ihre sexuellen Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen reden würden? Aber ums Himmelswillen nicht in der Erwartung, dass Partner oder Partnerin diese auch erfüllen muss. Dafür ist man(n) ganz alleine zuständig. Aber vielleicht merken Mann und Frau dabei, dass erfüllende, nährende Sexualität nicht einfach gegeben, sondern lernbar ist.

Und wie wäre es, wenn Männer und Frauen sich darüber unterhalten würden, wie sie ihr Zusammensein gestalten möchten? Aber sich dabei ums Himmelswillen so wenig wie möglich an den gesellschaftlich herrschenden Vorstellungen von Beziehung orientieren, sondern ganz ganz tief und ehrlich in sich hineinhören würden?

Ich glaube, dann könnte der Sex, und damit auch die Liebe, viel eher einfach fliessen. In sich selber, und auch von Mensch zu Mensch. Dann müssten keine Staudämme aus Vorstellungen, Bildern und Rollenmustern aufgerichtet werden. Und was passiert, wenn Stauseen voll sind, und Dämme brechen, das ist ja leider nur allzu bekannt.

Gesunder Sex aus Männersicht:

  • für Andy, 52, wenn er als aufbauende Lebenskraft, statt als frustrierter Triebabbau erlebt werden kann. Aber dabei stehen ihm manchmal gesellschaftliche Moralvorstellungen im Wege, und er muss immer wieder lernen, seine Lust auszuleben, und auch ehrlich zu sagen: «Ich bin geil und lüstern und ich geniesse das.» Treu ist er eher den Frauen zuliebe. Oder er versucht es zumindest. Dieser Preis ist hoch, und nur o.k., wenn die Beziehung auch o.k. ist. Sonst lebt er heimlich Affären.
  • für Peter, 49, eine gute Mischung aus abwechslungsreichem Sex, von zärtlich und ausdauernd bis zum Quicky im Wald. Zum Thema Treue fragt er sich: Werden mir in der Beziehung gewisse Bedürfnisse nicht erfüllt, muss ich mir selber etwas bestätigen, oder ergibt sich aus einer speziellen, erotischen Situation ein Abenteuer? Je nach Antwort fällt dann die Handlung aus, denn es heisst auch, seine Energie vor unnötigen Abenteuern zu schützen.
  • für Daniel, 31, wenn er mit einer Partnerin alles leben kann, von obergeil bis oberkuschelig. Gesund heisst für ihn vor allem, wenn die Liebe frei bleibt von einengender Beziehung, Eifersucht, Besitzdenken, und verlogener Treuevorstellung. Das ist nicht einfach lebbar, aber für ihn erstrebenswert.