Schluss mit Secondhand-Sex- Erfüllende Sexualität braucht den Boden der Intimität

Drei  wichtige Bausteine für Paar- und Familienintimität sind gemeinsame Zeit, gegenseitige Wertschätzung im Alltag, sowie Nähe und Zärtlichkeit. (erschienen Dezember 2010-49, Kiddy swissfamily)

 

«Bist du mit Kevin endlich intim geworden?», bohrt Susanna bei ihrer Freundin nach. Meint sie «das erste Mal», oder zählen all die Momente, die ich mit Kevin erlebt habe, auch zur Intimität?, fragt sich die 17-Jährige Ramona. Erinnerungen an  gemeinsam Erlebtes tauchen auf: Er hört zu, wenn sie ihm von sich erzählt, der bewegende Moment, als er ihr vom zermürbenden Familienalltag mit seinem alkoholkranken Vater berichtete, oder die endlosen Küsse, ersten Zärtlichkeiten und entdeckenden Berührungen. All das hinterlässt bei Ramona ein Gefühl des Vertrauens, und diese geteilte Intimität war es denn auch, dass sie vor kurzem für’s «erste Mal» bereit war.

Intimität heisst Wertschätzen

Intimität umfasst verschiedene Bereiche: Den individuellen, im Sinne von «geheim», den Beziehungsbereich im Sinne von vertraut oder eng befreundet sein, und die Sexualität betreffend. Vasumati, eine international tätige Körpertherapeutin, definiert Intimität so: «Indem wir Gefühle zulassen, kommen wir in Kontakt mit und selbst, und können das was wir erleben, mit anderen teilen.» Also ist das Zulassen von Gefühlen, ein wichtiger Baustein der Intimität. Der nächste Baustein wäre dann das wahrhaftige Gespräch. Das Gespräch, wo man sich bedingungslos offenbart und einander wirklich zuhört. Das heisst, die Wahrheit, oder das persönliche Erleben des Gegenübers stehen lässt. Denn sobald zwei Menschen zusammen sind, gibt es auch zwei Wahrheiten. Das Recht-Haben-Wollen, das Beharren darauf, dass die eigene Wahrheit auch für die Liebsten gelten muss, ist verantwortlich für einen grossen Teil der Paarstreitereien und untergräbt das Entstehen von Intimität.

Intimität heisst Zeit

Ein wichtiger Faktor, damit Intimität sich auf allen Ebenen entwickeln kann ist Zeit. Etwas was in unserer heutigen Gesellschaft Mangelware ist. Einerseits durch die Zunahme von unmenschlichen und familienfeindlichen Arbeitsbedingungen, andererseits durch die unbedachte Nutzung der vielen «modernen Spielzeuge» wie Fernseher, Internet, Mobiltelefone. Es wird täglich ein Vielfaches mehr Zeit in diese «Spielereien» investiert, als in Intimität. Und wozu? Haben Sie schon einmal genau hingespürt, wie es Ihnen damit wirklich geht?

Über mangelnde Zeit klagt auch Sereina*, Mutter einer dreieinhalbjährigen Tochter und eines elf Monate alten Sohnes. Sie erzählt: «Wenn Renato* von der Arbeit nach Hause kommt, bleibt eine gute Stunde gemeinsame Familienzeit, bis die Kinder ins Bett müssen. Der Kleine ist dann manchmal schon ein bisschen quengelig und Renato noch nicht heruntergefahren von der Arbeit.» Das sei dann oft eine turbulente Stunde, wo die Kinder die rare Zeit mit dem Vater verbringen möchten, aber Renato eigentlich lieber zuerst ankommen und ihr von seinem Tag erzählen würde. «Wenn die Kinder dann endlich im Bett sind, ist erst mal ausatmen angesagt, und wenn wir dann langsam entspannt sind, sind wir oft nur noch müde.» Sie erinnert sich an die Zeit mit nur einem Kind: «Da war alles ruhiger, und wir hatten mehr Zeit für einander.» Die Momente, wo die beiden wieder mal unbeschwert Paar sein können, sollten eindeutig öfter vorkommen, findet Sereina. «Manchmal denke ich, wir sollten das in die Agenda eintragen».

Geplante Paar-Zeit

Das empfehlen auch Paar-und Familientherapeuten, denn der Alltag ist gnadenlos. Wenn ein Paar sich nicht ganz bewusst Freiräume, bzw. gemeinsame, unverplante Zeit einbaut, dann versandet das mit der Zeit. Das ist schade, denn: «Wenn wir beispielsweise miteinander essen gehen», erzählt Sereina verschmitzt lächelnd, «dann fühle ich mich wieder so richtig verliebt. Da kommen dann auch andere Themen zur Sprache, als nur Kinder und Alltagsorganisation». Sie geniesse es aber auch, einfach mal mit Renato auf dem Sofa zu sitzen, und zu reden. Denn wenn ihr Mann Stress im Beruf habe, stünde auch die Lust auf erotisch/sexuelles Zusammensein nicht grad im Vordergrund, gesteht sie.

Auch das ist weit verbreitet. Stress ist einer der grössten Lustkiller. Um so wichtiger, sind Entspannung und solche intimen Sofa-Momente, wo Eltern über Individual- und Paarbelange reden, sich darüber austauschen wo sie persönlich stehen im Leben, wie es ihnen in der Beziehung geht usw.  Solch intimer verbaler Austausch, gepaart mit Zärtlichkeit und Nähe sind wichtige Bausteine auch für ein erfülltes Sexualleben. Aber damit Erotik und Sexualität in einer längeren Beziehung auch lustvoll bleibt, braucht es darüber hinaus den klaren Entscheid, nicht nur ein Eltern-, sondern auch ein sexuelles Paar bleiben zu wollen.

Sexualität braucht eine Entscheidung

Sereina erzählt, dass sie vor dem «ersten Mal», nach der zweiten Geburt fast ein bisschen Angst hatte. Sie fragte sich vorgängig beispielsweise, ob es wohl weh tun, wie es sich anfühlen, ob sie wieder Lust empfinden wird. Fragen, die sich viele Frauen stellen, und weil sie die Antwort darauf nicht kennen, «sicherheitshalber» dem Sex aus dem Weg gehen, und lieber darauf warten, bis «alles stimmt». Darauf muss aber in der Regel lange gewartet werden, denn der Alltag ist kein Rosa-Wölkchengebilde, und irgend etwas wird wohl meist nicht «ganz stimmen». Mit diesem abwartenden Verhalten schneiden sich Frauen selber vom lustvollen Zusammensein mit ihrem Partner ab. Sereina hat sich anders entschieden. Sie hat sich einfach darauf eingelassen. Das erste Mal nach der zweiten Geburt sei dann zwar nicht gerade «der Märchensex» gewesen, wie sie lachend erzählt, aber er habe ihr und Renato gut getan. Durch dieses sich einlassen, und auch mal miteinander blödeln und lachen, haben Sereina und Renato auch nach der zweiten Geburt den körperlichen Zugang zueinander wieder gefunden.

Nähe schafft Vertrauen

Nebst den intimen Paarmomenten gibt es auch Familienintimität, oder Intimität mit den Kindern. Dazu gehört gelebte Körperlichkeit und Zärtlichkeit, so dass sich Vertrauen und Geborgenheit entwickeln und festigen kann. Dazu gehört auch, die individuelle Privatsphäre der einzelnen Familienmitglieder zu respektieren, denn eine Familie ist nicht nur eine Einheit, sondern besteht aus Individuen, die unterschiedlich erleben und empfinden. Diese Wertschätzung ist wichtige Voraussetzung, dass Kinder lernen können, ihren Gefühlen zu trauen, und sie auch auszudrücken.

Intime Kindermomente erlebt Sereina momentan vorwiegend mit der Tochter. «Wenn sie sich am Abend lange ganz fest an mich ankuschelt, habe ich das Gefühl, dass sie sich sehr geborgen fühlt. Das ist ein schöner, intimer Moment, und ich freue mich darüber, dass ich ihr das geben kann», so Sereina ruhig.

Sex aus erster Hand

In der Öffentlichkeit wird eine Art Secondhand-Sexualität verbreitet und nachgeplappert. Intimität, Zärtlichkeit und Gefühle kommen kaum vor, oder wenn doch, werden sie belächelt oder dann romantisch verzerrt dargestellt. Auch die Mär von der Sexualität die ein dauerndes Feuerwerk sein sollte, wenn der oder die «Richtige» gefunden ist, kann als solche entlarvt werden. Sexualität ist manchmal schlicht weg auch ein bisschen fade, und solange sie dazwischen auch immer wieder «Märchenhaft» ist, ist das ganz ok so.  Auch die ausgefallensten Stellungen und Praktiken, die tollsten Spitzen und Spielzeuge usw. können höchstens für Momente hübsches Beigemüse sein, wenn ein Paar sich nicht ganz bewusst dafür entscheidet, immer wieder neu einen Boden der Intimität zu schaffen, das heisst, einander bewusst gemeinsame Zeit zu schenken und sich auszutauschen. Denn gerade in der Sexualität gäbe es ja viele Geheimnisse zu teilen. Nebst lustigen, freudigen, geilen, fantasievollen, auch schwierigere wie Schmerzen, Scham, Verletzungen, Ängste. Und wer solches im Verborgenen mit sich herumträgt, dem oder der vergeht mit der Zeit die Lust auf Intimität.

* Namen geändert

Wie Intimität gelingt

• Als Eltern-Paar:

Gezielt Zeit einplanen, ohne Ablenkung von aussen

Sich regelmässig im Zwiegespräch darüber austauschen, was bewegt, freut, schwierig ist etc

Bewusste Fernseh-, Internet-, Handyfreie Zeiten und Zonen schaffen

 • Mit den Kindern:

Kuschelstunden mit den Kindern

Die Wahrheit der Kinder als solche respektieren

Intimsphäre der Kinder respektieren

Die eigene Intimsphäre klar deklarieren, und auch dafür sorgen, dass sie respektiert wird

Kindergeheimnisse nicht gedankenlos als Anekdoten ausplaudern

• Im Alltag:

einander zuhören/ausreden lassen