Die versteckt Sprache der Sexualität (erschienen Nova 03/06

Wir alle sind Expertinnen und Experten rund ums Thema Sexualität. Zumindest, was die eigene Sexualität anbelangt. Da haben wir unsere Bilder und Erwartungen, unsere Normen und Werte. Wenn wir jedoch Menschen betreuen, begleiten oder pflegen, ginge es darum, dieses Wissen zu reflektieren. Denn was für Sie persönlich richtig ist, ist für einen anderen Menschen vielleicht ganz anders.

Da Sexualität meist sehr eng und auf Geschlechtsverkehr reduziert gesehen wird, möchte ich eine Definition dieses Begriffes vorstellen. Mir gefällt das Modell des holländischen Medizinethikers Paul Sporken sehr gut. Er teilt Sexualität in drei Bereiche ein, und benutzt als Symbol drei ineinander liegende Kreise.

Der äusserste, grösste Kreis versinnbildlicht den äusseren Bereich der Sexualität. Das sind Verhaltensweisen in allgemeinen menschlichen Beziehungen. Blicke, Gespräche, Anteilnahme, ein Spaziergang usw.

Der mittlere Kreis, der mittlere Bereich der Sexualität, steht für Zärtlichkeit, Gefühle, Erotik, Sinnlichkeit, streicheln, massieren etc.

Und erst der innerste Kreis, der genitale Bereich, steht für Petting, Geschlechtsverkehr oder genitale Selbstbefriedigung.

Sexualität umfasst alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens und Empfindens. Eine erfüllte genitale Sexualität, wo der Mensch als Ganzes Wesen berührt und gesehen wird, bedingt Erfüllung auch in den beiden äusseren Bereichen. Denn was ist ein Geschlechtsakt ohne Zärtlichkeit im Alltag oder ohne Anteilnahme? Die genitale Befriedigung kommt erst am Schluss der menschlichen Bedürfnisse. Aber wie oft wird sie dafür eingesetzt, um das zu kompensieren was in den äusseren Bereichen fehlt?

Dieses erweiterte Verständnis der Sexualität macht deutlich, dass Sexualität sich wohl während dem ganzen Leben immer wieder verändert, eben, weil alle Lebensbereiche mitspielen. Aber genauso macht es auch deutlich, dass sie nicht irgendwann einfach vorbei ist. Bei Männern und Frauen bleibt das Bedürfnis nach Sexualität im weitesten Sinne bis ins hohe Alter bestehen. Nur, ältere Menschen gestehen sich selber diese Bedürfnisse oft gar nicht ein, und erschleichen sich ein bisschen Nähe manchmal auf Umwegen. Ich habe früher unter anderem auch in der Pflege gearbeitet, und oft wurde meine Hand übermässig lange gedrückt und gehalten, haben alte Hände meinen Arm oder mein Gesicht gestreichelt, hat sich ein Unterleib in eindeutiger Weise dem Waschlappen entgegen gedrückt. Auch Zivildienst Leistende in Altersinstitutionen berichten, dass ältere Frauen sich manchmal handfest an sie heran machen. Sie gelten dann als schamlose Weiber. Grapschen ältere Männer, oder geraten auch nur ob weiblicher Schönheit ins Schwärmen, werden sie als alte Lüstlinge gestempelt. Das oben beschriebene männliche wie das weibliche Verhalten haben gemeinsam, dass es unbewusste Hilfeschreie sind: «Hilfe, ich möchte als sexuelles Wesen gesehen werden, das ich bis zum Tod bin.»

Für Pflegende ginge es darum, diese Sprache verstehen zu lernen. Da wären Heimleitungen gefragt, die Sexualität als Lebensenergie anerkennen, und die auch bewusst eine Atmosphäre schaffen, die es erlaubt, liebevoll und körperlich zu sein. So eine Öffnung setzt jedoch voraus, dass sie und die Angestellten sich auch mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen. Aber hier sind Widerstände. «Wo denken Sie hin, wir haben Angestellte aus vierzehn Nationen, das geht doch nicht», oder «bei und ist das kein Bedürfnis, wir haben noch nie etwas entsprechendes gehört.» Nur, wie kann eine Betreuerin einen alten Mann, der von der Schönheit der Frauen schwärmt, liebevoll darin unterstützen, wenn sie mit ihrem eigenen Körper nicht versöhnt ist? Sie wird in ihrer Haltung den Mann als Lüstling abtun, der eh nur noch in der Fantasie lebt. Oder wie kann ein Heimleiter sich von Herzen über die Zärtlichkeit eines Paares freuen, wenn er selber seine Sexualität als nicht nährend erlebt? Oder die Pflegerin, die aus religiösen Motiven, alles Sexuelle ausserhalb der Ehe ablehnt, wird die Pensionärin im Mehrbettzimmer kaum liebevoll darin unterstützen, dass sie sich ungestört selber befriedigen kann. Auch wenn Selbstbefriedigung in ihren Augen Sünde ist, muss sie sich im Klaren darüber sein, dass es für eine Pensionärin sehr wohl ein Bedürfnis sein kann. Sie wird aus ihrer Überzeugung heraus, vielleicht nicht selber für diesen ungestörten Rahmen sorgen wol- len, aber sie hat die Pflicht, es zu delegieren. «Wissen Sie, das ist nicht so mein Thema, besprechen Sie das mit Frau sowieso», könnte sie beispielsweise sagen.

In der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität geht es darum, sich der eigenen Empfindungen, Normen und Werte bewusst zu werden. Es geht nicht darum, diese über den Haufen zu werfen. Und jemand, der sich mit diesem Thema nicht wohl fühlt, sollte sich wohl im Team damit auseinander setzten, jedoch weder dazu verknurrt werden damit zu arbeiten, noch als hinterwäldlerisch gestempelt sein. Eine Auseinandersetzung die getragen ist von gegenseitigem Respekt, ermöglicht eine Atmosphäre der Offenheit, wo alles seinen Platz haben darf. Aber es muss ausgesprochen und klar sein. Dabei sollten sich Institutionen auch nicht scheuen, wenn nötig Hilfe von Aussen zu beanspruchen.

Ich frage mich, warum das Bedürfnis nach Zuneigung, Zärtlichkeit, und Körperkontakt entweder verdrängt und versteckt, oder die Erfüllung quasi erschlichen wird. Oder warum diese Gefühle oft gedankenlos ins Lächerliche gezogen werden, «ach wie herzig, sind wir wieder einmal am Händchenhalten?» Wie schön wäre es, wenn zwei sich getragen fühlen könnten, indem Ihrer Liebe mit Achtung begegnet wird.«Ich freue mich jedes Mal wenn ich Sie beide sehe. Das macht mir Mut für mein eigenes älter werden. Danke, dass Sie mir das so wunderbar vorleben.» Oder das bösartige, aber eigentlich lüsterne Getratsche, (weil die eigene Fantasie Blüten treibt) wenn sich im Altersheim ein Paar gefunden hat. Wie wäre es, wenn eine Pflegende sagen könnte: «Ja ich weiss, das tut weh, wenn man die beiden so sieht. Das wünschen wir uns halt alle auch.» Das eingestehen von solchen Gefühlen, und das betrauern macht es einfacher. Eine «chilfli» Frau wird weicher, wenn sie mit einem Seufzer sagen kann, «ja, das tut weh». Und damit ist die Chance viel grösser, dass auch sie wieder einmal in den Arm genommen wird. In einer Atmosphäre der Offenheit könnte das auch so aussehen, dass statt dieses kompensatorischen Getratsches, die Frauen einander die Hände massieren. So käme die sexuelle Energie, die sich in diesem Beispiel in Form von Eifersucht äussert, in die richtige Bahn. Nämlich Anteilnahme, Nähe, Körperlichkeit.

Diese Unbeholfenheit im Umgang mit dem Thema hat wohl auch mit dem Bild zu tun, dass Sexualität und Zärtlichkeit etwas für die Jungen ist. Und ist da vielleicht ein Schamgefühl, wenn Menschen auch im Alter solche Gefühle wahrnehmen, im Alter, wo Zeugung nicht mehr der Grund für sexuelle Betätigung sein kann? Auch solche Bilder gilt es zu hinterfragen, und solche Gefühle zu reflektieren. Aber zu wissen, dass Sexualität im weitesten Sinne, ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen ist, kann mithelfen, dass sie auch im Alter gelebt werden darf. Ohne Scham.

Pflegende könnten alte Menschen auch begleiten, indem Sie Ihnen helfen, alte Glaubenssätze zu hinterfragen. Eine 81-jährige Frau erzählte mir, sie habe seit ihrer Scheidung vor 30 Jahren nie mehr einen Mann an sich herangelassen. Sie brauche «es» auch gar nicht. Nach einer Zeit des Schweigens sagte sie dann zögernd: «Es wäre wohl schön, wenn jemand einmal ein bisschen lieb mit mir wäre. Aber die Männer können das ja sowieso nicht.» Eine Aussage, die ich so oder ähnlich oft höre. Und zwar auch von Männern, die einfach nur zärtlich sein möchten, und sich im Gegenzug beschweren, dass die Frauen das gar nicht zulassen können. Hier könnten Betreuende wertvolle Vermittlungsarbeit leisten. Aber auch das geht nur, wenn sie ihr eigenes Männerbild hinterfragt haben.

Eigentlich wurde ja die ganze Thematik bereits erkannt, aber sie wird kaum als das ausgesprochen. In den letzten Jahren ist man vermehrt dazu übergegangen, in Alters- und Pflegeheimen Tiere anzuschaffen, denn man hat beobachtet, dass der Kontakt mit einem lebendigen, warmen, atmenden Wesen, die Menschen ruhiger und zufriedener macht. Das Streicheln des weichen Felles einer Katze ist ein höchst sinnlicher Akt. Aber warum muss es ein Tier sein? Warum sind nicht die Menschen etwas zärtlicher und liebevoller im Umgang mit einander? Ich denke, es hängt damit zusammen, dass eben alles was sinnlich oder erotisch ist, als anrüchig gilt, und sozusagen als Vorspiel für einen Geschlechtsakt angeschaut, und deshalb weg geschoben wird. Das macht es schwierig, dass Menschen einander solcherart begegnen können.

Tatsache ist, dass ein grosser Teil der alten Menschen ohne Partner oder Partnerin lebt. Aber muss es denn Partner oder Partnerin sein, die Zärtlichkeit schenken? Oder könnte das auch eine Freundin sein, die einem regelmässig liebevoll den Rücken massiert? Und zwar ohne dass sie von Aussen deswegen als Lesbe eingestuft wird. Oder ein entfernter Bekannter, der einem einfach ganz lange umarmt hält? Und zwar ohne dass er als Lüstling angeschaut wird. Oder ein Mitpensionär, der sanft über die Wange streichelt? Und zwar ohne dass er als Grapscher tituliert wird. Das könnte ganz ohne Hintergedanken geschehen, ganz einfach weil es wunderschön ist, für einander da zu sein. Oder eine Berührerin wie ich, die umarmt und streichelt und massiert, die dafür zwar Geld bekommt, aber es genauso von Herzen tut?

In meine Praxis kommen Menschen zwischen 19 und 85. Bis jetzt sind es in der Altersgruppe ab 60 nur Männer. Für ältere Frauen ist die Vorstellung, einfach liebevoll berührt zu werden, und das gegen Geld, wohl noch etwas fremd. Ich massiere und streichle liebevoll und mit Achtung den ganzen Körper, ohne etwas erreichen zu wollen. Und je nach dem lege ich mich nach der Massage noch ein bisschen in den Arm des massierten Menschen, oder halte ganz fest seine Hand. Da ist so viel Liebe und Zärtlichkeit zu spüren, und so viel Bedürftigkeit auch. Und es ist für mich eine grosse Freude, auch alten Menschen zu ein bisschen Zärtlichkeit verhelfen zu dürfen.

Zusammengefasst: Der erste Schritt ist sicher, sich selber das Bedürfnis einzugestehen. Ein nächster Schritt ist, Sexualität als das zu betrachten, was sie ist: Unsere Lebenskraft, die alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens und Empfindens betrifft! Das macht es möglich, eine für sich selber angebrachte und vertretbare Form zu entdecken und zu leben, ohne das als «Notlösung» zu sehen. Auf dieser Reise könnten betagte Menschen von Ihnen unterstützt und begleitet werden.