Wann ist Mann ein Mann? (erschienen Sprechstunde Doktor Stutz,  2010 )

Im Bett soll «er» stehen, im  Alltag gefälligst unsichtbar bleiben. Körpersexualtherapeutin  und Buchautorin Marlise Santiago macht sich Gedanken zum Thema ErektionI

Männer sind einer dauernden Abwertung ausgesetzt, wenn es um ihren Penis geht. Schlappschwanz, Schwanzorientiert, Lüstling, wird der Mann etikettiert, je nach dem ob und wo «er» steht oder nicht steht. Das ist eine Verletzung auf einer tieferen Ebene, denn der Penis gehört zum Mann, genauso wie die Vagina zur Frau.

Eine Frau beispielsweise, die auch den Penis ihres Partners mit Wertschätzung sieht, achtet und wertschätzt damit auch seine sexuelle Identität, also einen wichtigen Aspekt des Mann-Seins.

Mit dem Penis verknüpft wird auch die männliche Potenz. In der öffentlichen Wahrnehmung heisst das, «er» muss standhaft sein. Damit wird dem Mann auch gleich die Rolle als sexueller «Dienstleister» zugewiesen, dessen Aufgabe es ist, seine Partnerin zu befriedigen. Und das bitte schön mit seinem steifen Penis, obwohl die meisten Frauen auf diese Art gar nicht so viel orgasmisches Empfinden erleben können.

Ein bisschen wenig Potenz, finden Sie nicht auch? Diese möglichst stehenden Zentimeter sollen bestimmen über das Potenzial des ganzen Mannes?

Nun, ganz unwichtig ist die Erektionsfähigkeit für einen Mann natürlich nicht. Ein Selbsttest im Internet zeigt auch gleich, was diesbezüglich von ihm erwartet wird: «Wie oft waren Ihre Erektionen hart genug für die Penetration?» «Wie oft waren Sie bei Geschlechtsverkehr in der Lage, Ihre Erektion aufrecht zu erhalten, nachdem Sie Ihre Partnerin penetriert hatten?» «Wie schwierig ist es, beim Geschlechtsverkehr Ihre Erektion bis zur Vollendung des Geschlechtsverkehrs aufrecht zu erhalten?»

Wenn die Punktezahl zu niedrig ausfällt, muss dem medikamentös abgeholfen werden. Ausgeblendet wird mit solchen Fragen, dass auch ein Eindringen mit weichen Penis möglich ist, dass nicht der Mann einfach penetriert, sondern dass die Frau auch einlässt und aufnimmt. Ausgeblendet wird, dass Lust und Erregung wellenförmig ist, also kommt und geht, dass somit eine Erektion auch kommen und gehen kann, und das absolut keinen Stress auslösen muss. Auch eine Ejakulation ist nicht zwingende Voraussetzung zur sexuellen Erfüllung. Aber das alles können sich viele Männer – und Frauen – gar nicht vorstellen, weil sie nur den oben suggerierten zielgerichteten Geschlechtsverkehr kennen.

Oder: Wie schnell muss eine Erektion da sein? «Wenn ich gestreichelt werde, wird er leider nur sehr langsam steif». Dieser Satz berührt mich, und das Bild taucht auf, wie sich der ganze Mann langsam entspannt, sich den zärtlichen Händen seiner Geliebten hingibt, und wie dann auch der Penis langsam bereit ist, sich zu erheben. Das ist doch ein wunderbares Bild!

Wann wird etwas zu einem Problem? Hat es nicht auch mit der Sicht, dem Blickwinkel zu tun?

Wenn der Mann alle Aspekte und Spielarten der Sexualität kennt und annimmt, wird eine schwächer werdende oder ausbleibende Erektion kein wirkliches Problem sein.  Er wird es irgendwann als das sehen können, was es sein kann: Nämlich als eine Reaktion auf etwas von Aussen oder in seinem Inneren. Ein Mann, der hingegen nur den zielgerichteten Geschlechtsverkehr als Sexualität und Legitimation für liebevoll sinnliche körperliche Annäherung kennt, bekommt tatsächlich ein Problemen, wenn seine Erektion nicht mehr ist wie früher.

Ich möchte Männer dazu ermutigen, ihren Penis auch anders einsetzen und wahrnehmen zu lernen, wenn er phasenweise, oder gar nicht mehr so will, wie es das herkömmliche Bild vermittelt. Denn Mann-Sein heisst in erster Linie Mensch-Sein. Und ein Mensch besteht glücklicherweise aus mehr als seinem erregten Genital. Ein Mensch möchte gesehen werden, möchte geachtet werden und möchte seine zärtlichen Energien austauschen. So dürfen sich Männer ruhig hie und da etwas Zeit nehmen, und einfach einmal hinhören, was ihr Penis ihnen sagen möchte. Er ist auch ein sehr präziser Seismograf!

Achtung: Wenn Sie regelmässig und über längere Zeit hinweg keine Erektion haben, weder eine Morgenerektion, noch bei der Sexualität mit sich selber, noch beim Paarsex, dann ist eine medizinische Abklärung angebracht, denn das könnte auf das Vorhanden sein einer Krankheit hinweisen.