Woraus werden Männer bei Frauen nicht schlau? (erschienen in der Männerzeitung)

Wo tappen Frauen bei Männern im Dunkel? Was behalten Mann und Frau für sich? Die kleine Umfrage zeigt: Ohne echte Kommunikation bleibt‘s dunkel.

Schon Sigmund Freud tappte im Dunkeln, was das Wesen der Frau betrifft. Auch die Schriftstellerin Rebecca West musste einsehen: «Ich habe noch keinen Ort gefunden, an dem die Männer so waren, wie ich sie mir in meinen kindlichen Erwartungen vorgestellt habe.»

So ist denn Urs die absolute Ausnahme bei meiner Umfrage. Für den 58 Jährigen scheint alles klar, wenn es um Frauen geht: «Ich habe das Gefühl, ich checke die Frauen. Eigentlich. Ich selber lasse sie ja auch nicht im Dunkeln, was mich betrifft».

Anders Anita, 39. Sie versteht einfach nicht, warum Männer «sich extrem schwer damit tun, über sich selber zu reden. Sie lenken ab, weichen aus, reden einen Abend lang, ohne wirklich etwas zu sagen. Über die Gründe dafür tappe ich im Dunkeln. Ich selber bin in einer Beziehung sehr offen. Anders im flüchtigen Kontakt mit Männern, da geniesse ich das Spiel, sie darüber im Ungewissen zu lassen, wer ich bin.»

Auch Doris Christinger, Sexualtherapeutin und Buchautorin, hört in ihren Seminaren für Frauen immer wieder Fragen wie: «Warum sprechen Männer wichtige Themen nicht an, können nicht reden, sich nicht zeigen, ihre Gefühle so schlecht ausdrücken? Oder weshalb entzieht sich der Mann nach Momenten grosser Nähe? Warum braucht er emotionale Distanz, nachdem wir einander körperlich so nahe waren?»

Während Frauen offenbar eher erleben, dass Männer nicht gut über sich selber reden können, empfinden Männer die Frauen oft als unklar. Der 34jährige Julio seufzt: «Die Gedankenwelt der Frau ist für mich oftmals ein Mysterium. Wenn ich beispielsweise etwas frage, bekomme ich häufig keine Antwort. Ich weiss dann nicht, ob die Frau etwas anderes verstanden hat, eine Antwort überflüssig findet, meine Frage daneben war oder was auch immer.» Dieses unklare Verhalten verunsichert ihn, denn er sieht sich selber als relativ mitteilsam und gefühlsvoll. Auch der 31jährige Nico erlebt Frauen als unklar. Nicht so sehr in dem was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. «Ich spüre schnell, wenn irgendetwas nicht stimmt, komme aber selber natürlich nicht drauf, was es ist. Ich verstehe nicht, warum Frauen fast ein Spiel draus machen, Essenzielles für sich zu behalten. Sie können dann ja nie wirklich authentisch sein, weder im Gespräch noch in der Beziehung. Es geht nicht um kleine Geheimnisse. Die haben ja alle. Ich lasse beispielsweise manchmal lieber etwas im Dunkeln, als weh zu tun», sagt Nico.

«Männer behalten die dunklen Seiten eher für sich. Das können wilde Phantasien von Aussenbeziehungen sein, aber auch Fantasien und Taten mit aggressivem Potenzial», sagt Raphael Romano, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und Buchautor. In seiner Praxis beobachtet er oft, dass Männer dazu neigen, Schwieriges nicht zu Ende zu diskutieren oder es für sich zu behalten und selbst lösen zu wollen. Romano stellt auch fest, wie die Selbstwahrnehmung der Männer oft eingeschränkt ist.

So tasten sich die Frauen im Dunkel zum unbekannten Wesen Mann vor, belehren und belagern es, anstatt ihm klare Informationen zu geben – unter anderem darüber, was sie sich in der Sexualität wünschen. Gerade letzteres ist nicht immer ganz einfach, denn «das männliche Ego ist oft sehr verletzlich und kann solche Informationen nicht immer annehmen. Der Mann hat schnell das Gefühl, dass er nicht gut ist, wenn ihm die Frau klare Anweisungen gibt», so Romano.

Aber die Frau unterlässt es oft auch deshalb, weil sie irgendwann resigniert hat und denkt, dass der Mann eben schon weiss wie «es» geht. Entsprechend gross ist die Enttäuschung, wenn sie mit der Zeit feststellen muss, dass er «es» nicht immer weiss. Woher auch, wenn sie ihn im Dunkeln darüber lässt?

«Frauen sprechen ungern über ihre Schwierigkeiten mit dem Orgasmus, was sie brauchen, wie sie stimuliert werden wollen usw.», stellt Doris Christinger fest. Auch ihre sexuellen Fantasien teile die Frau dem Mann selten mit, und halte das Biest in sich zurück, den Teil, wo Frau fordernd, wild, heftig und geil ist. «Ausserdem verstecken Frauen ihre vermeintlichen körperlichen Mängel vor den Männern, jene Körperteile und Stellen, die sie nicht mögen, und für die sie sich schämen», beobachtet Christinger.

Im Gegenzug fragen sie sich, warum Männer derart auf ihre Eroberungsrolle fixiert sind. Verstehen nicht, warum es Männern oftmals schwer fällt, Sex mit Beziehung zusammenzubringen. Oder warum sie im Sex so zielorientiert, orgasmusfixiert und auf die Penetration ausgerichtet sind. «Auch die immer wieder spürbare Angst des Mannes, einer Frau nicht zu genügen, verstehen Frauen nicht wirklich», sagt Christinger, und «was Männer im ganzen Pornogebiet und Sexgewerbe ausleben möchten, ist Frauen schlichtweg ein Rätsel.

Für die 56-jährige Christine ist ein dunkler Punkt «das Selbstverständnis, mit dem viele Männer denken, ihre Partnerin müsste sexuell nur ein bisschen entgegenkommender sein und schon wäre alles gut in der Beziehung.» Sie staunt, wie wenig sich Männer für das Wesen Frau neben sich interessieren und nachfragen, warum sich eine Frau beispielsweise sexuell zurückziehe oder verweigere.

Der 55-jährige Fredi hat es aufgegeben, Verhalten und Logik der Frauen verstehen zu wollen. «Etwas was ganz klar ist, können Frauen im Gespräch kompliziert machen. Oft noch gepaart mit grundlosem Misstrauen. Das verstehe ich einfach nicht. So behalte ich Probleme beruflicher Natur oder allfällige Aussenbeziehungen lieber für mich. Denn ich habe keine Lust, dauernd Probleme zu wälzen. Vieles verdränge ich auch ganz einfach.»

Männer zerbrechen sich manchmal den Kopf, weil sie Denkstrukturen oder Verhaltensweisen der Frauen weder durchschauen noch verstehen können. Raphael Romano appeliert an die Männer, dieses andere Denken nicht als unlogisch, hysterisch oder kompliziert abzutun, sondern als gleichwertig zu achten und Bereitschaft zu signalisieren, sich mit diesem Denken auseinander zu setzen.

Ums klare Kommunizieren kommen weder Mann noch Frau herum. Aber wie? Eine Hilfe aus dem Dunkel von Vorstellungen, Vorurteilen, Erwartungen, Verallgemeinerungen usw. kann das Zwiegespräch sein. Diese Gesprächsart ist überall dort angebracht, wo Menschen einander begegnen, also nicht nur in einer Liebesbeziehung. Bei der von Michael Lukas Moeller entwickelten Dialog-Methode geht es um wertschätzendes Zuhören und das Mitteilen von eigenen Empfindungen. Vorwürfe, Bohren, Erwartungshaltungen und Co. haben im Zwiegespräch keinen Platz.

Und so geht‘s: Wöchentlich anderthalb Stunden ungestörte Zeit reservieren. Dann setzt man sich einander gegenüber, ohne sich zu berühren. Jede Partei hat drei Mal eine Viertelstunde Redezeit. In der Redezeit des einen hört die andere nur zu. Wenn während der Redezeit kein Thema kommt, wird einfach geschwiegen. Das ist nicht immer ganz einfach, kann jedoch sehr beglückend sein. Oft kommen durch die Stille auch lang verdrängte wichtige Themen ins Bewusstsein. Wichtig: Es darf nur den eigenen Wahnehmungen und Empfindungen – was man spürt, was schwierig ist, was man denkt, wofür man sich schämt, was man am anderen wunderschön findet usw. – geredet werden.

(Wer es genauer wissen will: Michael Lukas Moeller, Die Wahrheit beginnt zu zweit,

ISBN 3-499-60379-9.)