Begehren oder Fantasie

Sich zu Beginn einer Beziehung auch über Sexualität auszutauschen, ist das A und O der Paarsexualität.

Meine Freundin, nennen wir sie hier A., ist eine aktive, sportliche und lebenslustige Frau. Sie ist 65 und hat sich vor kurzem wieder auf einer Dating-Plattform eingeschrieben. Sie erzählte mir, wie «locker» Männer heutzutags über Sex reden. Schon in der zweiten Mail wollten einige von ihr wissen, was und wie sie es im Bett möge und was sie diesbezüglich so zu bieten habe.  Meine Freundin, alles andere als auf dem Mund gefallen, fand das eher seltsam.

 Mir scheint, dass über Sexuelles zu reden oft missverstanden wird. Klar, wenn ein Gegenüber gesucht wird, um einmalig eine bestimmte Fantasie oder Praktik zu erleben, dann mag dieser Weg angebracht sein. Aber auf dieser Dating-Plattform oder doch oft im Leben geht es darum, Liebesbeziehungen anzuknüpfen. Also Beziehungen in denen idealerweise der ganze Mensch gesehen wird. Selbstverständlich gehört dazu auch das Gespräch über Sexualität.

Nur, das könnte viel mehr umfassen, als dieses «was kennst du so?» Es wären  echte Gespräche über das eigene Empfinden und Erleben, über sexuelle Reaktionen, über Fantasien usw. Erzählt einander eure ungeschönte sexuelle Geschichte, erzählt von Scham und Freude, erzählt wie ihr in eurem Körper lebt, wie sich eure Genitalien anfühlen, usw. Das ist sexuelles Sehen und Gesehen werden. Das schafft Mitgefühl. Und mitfühlendes Handeln ist nicht das Selbe wie übernommenes Handeln. Daraus entsteht Intimität. Und aus dieser Intimität entsteht Begehren. In dieser Reihenfolge. Nur neigen wir dazu, direkt auf das Begehren loszusteuern – «was findsch geil?»

Es kommt oft vor, dass zu Beginn einer Beziehung beide sexuell das tun was man so tun kann und vermeintlich auch tun muss, satt dass sie sich Zeit lassen um herauszufinden was zwischen den beiden möglich ist. Da wird also, noch bevor eine reelle Begegnung stattgefunden hat, bevor er erfahren hat wie die Nähe des Gegenübers auf ihn wirkt, ob er sie überhaupt riechen mag, ob er ihre Haut gerne berührt, ob sie einen anschmiegsamen und beweglichen Körper hat, oder eher einen distanzierten, unberührbaren,  wie es ist, sich in ihren Augen gespiegelt zu sehen oder eben auch nicht, usw.  – da wird also bereits eine Art Handlungsablauf festgelegt, zuerst so und so, dann das und das. Oh ja, geil.

Aber Sexualität kann auch ganzheitlich gelebt werden. Ganzheitlich gelebte Sexualität heisst, dass alle Ebenen des menschlichen Seins miteinbezogen sind. Die Körperwahrnehmung, die Gefühlsebene, die kognitive Ebene, und vielleicht auch die spirituelle Ebene. Ganzheitlich nährende Sexualität braucht wie gesagt Mitgefühl für einander, eben dieses Sehen und Gesehen werden, sie braucht Orte der Intimität, also ohne Ablenkung, und Zeit. Zeit sich auszutauschen, einzulassen, Zeit sich zu wärmen, Zeit zum Geniessen. Sie ist ein bewusster Akt.

Ganzheitlich erfahrene Sexualität lebt von Präsenz im Körper, inklusive der Genitalien, vom Bewegungsfluss, von einem flexiblem Rhythmus, von bewusster Atmung, von der Verbindung über die Augen, also auch der Präsenz beim Gegenüber.

Wir sind sehr differenziert erlebende und empfindende Wesen, und ich finde es schade, wenn Sexualität abgespalten und mechanisch gelebt wird. Wenn sie mehr oder weniger nur vom Kopf her – womöglich noch mit Bildern aus zweiter Hand – gesteuert wird, dann fehlen die anderen auch noch möglichen Aspekte. Dann wird man nie ganz satt, eben, weil immer etwas unberührt bliebt. Und so suchen wir weiter und wollen noch dies ausleben und jenes ausprobieren. Aber solange nicht das ganze Wesen beteiligt ist, wird die Suche ewig weiter gehen, denn wir streben nach Erfüllung. Nach einer Erfüllung, die zumindest als Ahnung in den meisten Menschen schlummert.

Ein Gedanke zu “Begehren oder Fantasie

  1. Wir oder ich kann über alles reden wird so oft geäussert. Auch ich war überzeugt, ich kann über alles reden. Auch über Sexualität obwohl da das meiste eher dick aufgetragen war. Heute muss man vermeintlich beim Thema Sexualität sich offen geben, cool und erfahren tun.
    Seit ich wirklich darauf achte, wie fühle ich mich unter Menschen/Freunden/Bekannten mit denen ich spreche. Stelle ich fest, mit dem „über alles Sprechen“ funktioniert es schon, aber wie oft ist das Herz und die Gefühle nicht dabei. Ein kalter Austausch von Worten, ab und zu sogar völlig aneinander vorbei gesprochen.

    Ich bin sehr froh, habe ich Dank Ihnen gelernt, wie sich vertrauter, wohlwollender Austausch anfühlt. Wie wohltuend und bereichernd ein wirkliches Gespräch sein kann, das den Menschen miteinschliesst – nicht nur über ein Thema gesprochen wird, sei es über Sexualität, Freundschaft oder alltägliche Sachen usw.

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