Bundesrat begrüsst Strafnorm gegen Genitalverstümmelung

Selbstverständlich ist es begrüssenswert, dass eine separate Strafnorm die Verstümmelung der weiblichen Genitalien in der Schweiz verbieten soll. Nur, was fällt unter den Begriff Genitalverstümmelung? Werden darunter auch die unnötigen genitalen Lifestyle-Eingriffe, die von Gynäkologen und Schönheitschirurginnen ganz legal angeboten werden, fallen?

In der Schweiz bieten viele Gynäkologen und Schönheitschirurginnen auf ihren Homepages auch Korrekturen der Schamlippen usw. an. Oft weisen sie auf ihren Seiten auch darauf hin, dass solche Eingriffe nichts mit den – selbstverständlich verurteilungswürdigen – Genitalverstümmelungen anderer Völker gemein hätten.
Was bitte schön, bedarf bei Schamlippen einer Korrektur? Die Frauen – an intimster Stelle mittlerweile haarlos geworden – schämten sich plötzlich, wenn die inneren Lippen über die äussern ragen, ist zu hören. Warum werden denn diese Häärchen weg gemacht, wenn die erwachsene Frau den Anblick ihres Erwachsenen-Genitales nicht aushält? Warum wird rasiert, wenn die Behaarung offenbar den Zweck hat, eine intime Stelle zu beschützen? Und warum werden die Mädchen von ihren Müttern nicht darüber aufgeklärt, dass jedes Genital so individuell ist wie das Gesicht? Dass es ganz normal ist, dass innere Lippen länger sein können als äussere, und dass mit dem Mädchen alles in Ordnung ist, dass es einmal eine tolle Frau werden wird, und dass Frau sein etwas wunderbares ist. Warum bekommen die Mädchen solches nicht zu hören, und werden statt dessen – gesellschaftlich unterstützt – darin bekräftigt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt?

Mehr Wertschätzung bitte

Lange Lippen – so ein Gehänge (Originalton eines Gynäkologen) – stören beim Geschlechtsverkehr, ist zu hören. Warum werden die Mädchen und Frauen nicht darüber informiert, wie sie mit ihrem Genital umgehen können? Dass lange Lippen sorgsam und liebevoll mit Gleitmittel auseinandergestrichen und gestreichelt werden können.
Lange Lippen störten beim Radfahren. Warum zeigt man den Mädchen und Frauen nicht, dass Sie ihr Genital täglich eincremen, so dass eine allfällige Reizung ausbleibt.
Dass es Frauen gibt, die nach einer Venuslippenverkleinerung kaum mehr beschwerdefrei sitzen und gehen können, interessiert nicht, wenn es nur «schön» aussieht. Wer sagt, wie eine schöne Vulva auszusehen hat? Und; ist die Scham nach einer OP vorbei, oder sitzt sie tiefer?

Warum darf ganz legal die Vorhaut der Klitorisspitze beschnitten werden, obwohl diese Perle bei den meisten Frauen derart berührungsempfindlich ist, dass sie den Schutz dieses Kapüzchens braucht, und gar nicht direkt berührt werden kann, ohne eine Überreizung zu erzielen?

Warum darf ganz legal das weibliche Prostataschwellgewebe (G-Punkt) aufgespritzt werden? Damit die Frau mehr spürt beim Geschlechtsverkehr, ist zu hören. Diese Vagina-Region muss von der Frau jedoch meist zuerst sensibilisiert werden, da viele Frauen keinen Bezug dazu haben und Berührung als eher unangenehm empfinden. Wie der Ausdruck «Schwellgewebe» es nahelegt, füllt sich das Gewebe bei Erregung mit Blut und schwillt von selbst an. Ein aufgespritztes Prostataschwellgewebe kann also mit einer künstlich herbeigeführten Dauererektion beim Mann verglichen werden, und wozu so was gut sein sollte, weiss ich beim besten Willen nicht. Und wenn die Aufspritzung mit körpereigenen Fettgewebe gemacht wird, ist sie in den meisten Fällen irreversibel.

Warum wird nach einer Geburt viel eher eine operative Vaginalverengung empfohlen als Beckenbodentraining? Und warum werden Paare nicht darüber aufgeklärt, dass und wie Genitalien wieder sensibilisiert werden können?

Warum schreit unsere Gesellschaft auf, wenn es um Genitalverstümmelungen anderer Völker geht, aber über die operativen Verletzungen die den Genitalien hierzulande zugefügt werden, regt sich kein öffentlicher Widerstand, auch wenn sie in den meisten Fällen aus medizinischer Sicht unnötig sind. «Das kann man nicht miteinander vergleichen, das ist wie die Vorhautbeschneidung beim Mann, eine kleine Sache.» Und wer sagt, dass es ok ist, die Männer ihrer Vorhaut zu berauben?

Solange Medien diese Themen schön verpackt im Lifestyle-Mäntelchen präsentieren, wird sich auch nichts daran ändern. Oder was soll ein junges Lesepublikum mit unkommentierten Meldungen wie dieser aus «20Minuten» anfangen?: «Weihnachtsgeschenk für Menschen die schon alles haben: Operative Verkleinerung der Schamlippen.»

Ich fordere, dass den weiblichen –und männlichen – Genitalien mehr Achtung und Wertschätzung entgegengebracht wird. Wertschätzung die diesem «Tor ins Leben», durch das fast alle einst geflutscht sind, wohl gebührt.

Wie sehen Sie das?

2 Gedanken zu “Bundesrat begrüsst Strafnorm gegen Genitalverstümmelung

  1. Ich finde den Artikel sehr spannend und die lerne noch etwas dabei. Sicher ist ein Vergleich möglich und macht uns erst den Missbrauch der modernen Medizin bewusst. Ich bin erschrocken, wie weit unser neuer Körperkult geht und zu welcher Körperverstümmelung Menschen fähig sind.
    Trotzdem denke ich, ist es wichtig zu unterscheiden, ob der Mensch volljährig ist und weiss welche Folgen der Eingriff hat oder ob Mütter, Grossmütter und Männer darüber entscheiden.
    Zumal die Beschneidung meisst unhygienisch ausgeführt wird von Frauen oder Männern ohne medizinische Ausbildung. Auch findet teilweise keine Blutstillung statt. Es sterben viele Mädchen daran, wenn die Beine danach für Stunden einfach zusammen gebunden werden.
    Was ist das für ein Trauma und das über Generationen??? Ohnmächtig, Menschen sein.

  2. Achtung und Wertschätzung der weiblichen und männlichen Genitalien!
    In letzter Zeit mache ich mir Gedanken über die w. und m. Genitalien und stellte fest, ich habe seit klein auf nur „Verteuflungen“ über die Geschlechtsorgane erfahren, nie Achtung und Wertschätzung. Von klein auf wurde mir beigebracht, dass man sich nicht zwischen die Beine greift oder schaut. Unanständige Kinder „Dökterlen“ aber anständige Kinder machen das nicht. Später wurde klar geäussert, dass böse Knaben sich selber befriedigen, für diese habe Gott Verständnis, da es für Männer schwieriger sei der Sünde zu widerstehen, als den Frauen. Sich selber berühren sei bei Frauen eine Todsünde, beim Jüngsten Gericht würden allen Frauen, die sich selber befriedigt haben die Hände abgehackt und somit können alle sehen wer gesündigt hatte.
    Ich hatte enorme Angst vor dem Sündigen, ab und zu überwiegte die Neugierde und ich schaute beim Wasserlösen zwischen die Beine, natürlich nicht in Ruhe und mit Gelassenheit. Angst, Scham und Unruhe war immer mit dabei, ich wusste auch, dass Gott Alles sah, sicher scchaute er mir zu,was ich da Sündiges anstellte. Mit der Pubertät kam die Menstruation, was mir starke Schmerzen bereitet und das Blut ekelte mich. Nun kam die Warnung vor unehelicher Schwangerschaft, es wurde einem geraten sich von den Männern fernzuhalten. Benützung von Tampons war unanständig, weil man sich dabei berühren musste.
    Im Kopf hatte ich als erwachsene Frau noch mein Kindergenital, vom heimlichen „Gucken“ her. Als ich vor kurzem Ihr Buch „Schluss mit Secondhand-Sex“ las, zum ersten Mal hörte, wie natürlich und schön der Umgang mit den Genitalen gelernt werden kann, machte ich ein Experiment aus dem Buch, ich schaute mein Genital mit dem Spiegel an. Über den Anblick war ich erschrocken, nichts stimmte, es entsprach nicht dem Bildmodell vom Anatomieunterreicht und auch nicht meiner Vorstellung vom Kindergenital. Ich dachte sofort, dass mit mir etwas nicht stimmte, ich ein missgebildetes Genital habe usw. Wieder Angst und Schrecken, wie damals in der Kindheit, war es Strafe wegen dem Sündigen, viele Fragen, Ängste und Nöte hatte ich. Zum Glück konnte ich mit Frau Santiago über alles sprechen und im Buch nachlesen. Sie zeigte mir eine Internetseite, auf der man in aller Ruhe Fotos von m. und w. Genitalien anschauen kann.

    Schön wäre es, wenn wir von klein auf die Genitalien schätzen und annehmen lernten, einen ganz natürlichen Umgang. Wie Sie schreiben, die Genitalien unterschliedlich sind wie unsere Gesichter, mehr oder weniger symmetrisch ist, aber auf seine Art schön. So würden wir nicht auf die Idee kommen unsere gesunden Genitalien zu verstümmeln. Ich weiss nicht ob viele Frauen und Männer so viel „Blödsinn“ (Entschuldigung für den Ausdruck) über die Genitalien vermittelt bekommen haben und somit Mühe und Angst mit ihren Geschlechtsorganen haben.
    Die Medien schreiben so viel Unwahres über die Sexualität,oder wenn man im Kino einen ruhigen Film schauen möchte, kommen zwei Vorfilme mi brutalen Sexszenen, aber ein natürliches Genital ohne sexuelle Anspielung wird nie gezeigt. Natürlichkeit ist tabu. Schade!

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