Das Leben ist ein Sinneslehrpfad

Sinnesweg, Sinnesparcours, Sinnespfad usw, werden Wegstücke genannt, wo Sinneserfahrungen gemacht werden können. Aber ist nicht das Leben, der Alltag an sich ein reichhaltiger Sinnesparcours?

 

Ich war zwei Wochen in den Bergen. Wanderferien. Draussen sein vom Morgen bis Abend. Bewegung und Natur. Etwas befremdet hab ich eines Tages einen Wegweiser «zum Sinnesparcours» gesehen. Sinnesparcours? Was ist denn eine Wanderung oder ein Spaziergang anderes als ein Sinnesparcours, fragte ich mich Auch letzte Woche bin ich auf einem Spaziergang wieder solchen Sinneswahrnehmungs-Posten begegnet; mit Pilzgeruch der nicht nach Pilz, sondern nach erhitzten Kinderkörpern gerochen hat, mit plastifiziertem Gehörn und einem Tannenzapfen ohne Schuppen.

Mit ein Grund warum die Natur für mich so erholsam und gleichzeitig aufbauend ist, sind die Sinneseindrücke, die sie liefert. Ach, ich weiss gar nicht wo beginnen, so reich ist sie. Vielleicht mit dem Schälchen Waldhimbeeren, das  wir jeden Tag gepflückt und zum Frühstück unter die anderen Früchte gemischt haben. Dieser fruchtigsüsse Duft, und dann erst die Süsse auf der Zunge! Nicht zu vergleichen mit den Himbeeren aus dem Supermarkt. Die eigenwilligen Melodien der Insekten. Summen, surren, brummen. Oder  vom Wind. Haben Sie schon gehört, wie unterschiedlich es tönt, wenn Wind mit Birken- oder Buchenblättern spielt, oder durch Tannenäste und über Felsen bläst? Oder Wasser? Rauschend, plätschernd, tosend, murmelnd, grollend, tropfend. Der Geruch von Moos, Pilz und Harz, morgenfeuchtem Boden, Kuhfladen, Rossbollen begleitet beim Aufstieg. Bei der Rast dann der Geruch von sonnenverbranntem Heuschoberholz, der mich immer sofort an unseren Estrich als Kind erinnert. Dort wo in einem alten Koffer… Dann plötzlich sticht auf der Alp Schnittlauch in die Nase, Ziegenstall, Brennessel und Blakten. Und noch weiter oben riecht es nach trockenem Stein und bemoostem Wasserrinnsal. Bergkette um Bergkette und immer noch eine. Weitsicht. Eine Gämse, zwei Adler, einzelne Steine, einzelne Blumen, Flechten, bis beim Abstieg langsam alles wieder üppiger wird. Alpweide, Eisenhut, Silberdistel, Ziegen, irgendwann wieder hohes verdorrtes Gras, Samenstände, Erlenbüsche, ein blaugrün schillernder Käfer, einzelne Bäume, Wald, Pilze, Moos, Beeren, ein herzförmiger Stein, Ameisenhaufen. Ein Ameisenhaufen tönt und riecht übrigens auch. Der leicht mehligsauere Geschmack der Preiselbeeren, die mit ihren roten Bäckchen locken, und die unreife Unterseite überdecken, bittere Bachkresse, Thymianblättchen, die ich beim Picknick über den auf der Alp gekauften Ziegenkäse streue. Wind und Sonne auf der Haut, glatter kühler Stein, rauhe Borke,  warme Holzbohle über murmelnd mäanderndem Bächlein, feuchtes Gras, eiskaltes Wasser. Undundund.

Sinneseindrücke sind verknüpft mit anderen Seins-Kanälen

Eine Wanderung, ein Spaziergang ist ein Sinnesweg. Oft sind Sinneseindrücke verknüpft mit Erfahrungen und Erlebnissen aus der Kindheit. So wie der Geruch von sonnenverbranntem Holz mich sofort an den Estrich, oder der Geruch von Blaken an eine Geschichte, die meine Mutter erzählt hat, erinnert, so können damit natürlich auch Gefühle oder Bilder verbunden sein. Wenn wir solche Eindrücke jeweils auch noch einen Moment lang auf uns wirken lassen, dann kann Berührung geschehen. Ich kenne sehr wohl auch Tage, wo ich einfach nur sehe, dass die Gegend wohl schön ist, aber ich spüre es nicht, weil ich gerade mit anderem beschäftigt bin. Dann bleibt es trotz dem Wissen um die schöne Landschaft irgendwie leer.  Aber wenn ich mir dann einen Moment Zeit lasse, und die Gegend auf mich wirken lasse und spüre, welche Resonanz sie in meinem Körper hinterlässt, wo ich das spüre, wie ich es spüre, dann wird es reich. Das kann damit gemeint sein, wenn vom viel zitierten Hier und Jetzt die Rede ist. So werden wir berührbar, durchlässig und Sinneseindrücke werden zur Nahrung für unser ganzes Nervensystem. Dazu braucht es keine Sinnespfade, denn es ist nicht verboten auch im Alltag  solche Eindrücke für Momente auf uns wirken und uns damit nähren zu lassen.

Ein sechster Sinn

Damit einher geht oft noch ein anderes Phänomen, ich sage ihm hier mal einen sechsten Sinn: Vielleicht wird eine Verbindung zwischen uns und der Natur spürbar, vielleicht eine tiefe Dankbarkeit leben zu dürfen, vielleicht eine Verbundenheit mit Gott, oder eine Verbundenheit mit dem Partner oder der Partnerin, mit der Freundin oder dem Freund, mit dem das alles erlebt und geteilt werden darf.  Jedenfalls mit etwas, das über unsere fünf  Sinne hinaus geht. Unser Körper, bzw. unser Nervensystem ist  darauf ausgelegt, das alles erfahren und erleben zu können.

Machen wir doch darum unseren Alltag auch immer wieder ganz bewusst zum Sinnesweg. Das lässt uns unsere Ganzheitlichkeit erfahren und macht uns reich.

2 Gedanken zu “Das Leben ist ein Sinneslehrpfad

  1. Die Schilderungen Ihrer Naturerlebnisse in den Ferien weckten ganz viele Sinneseindrücke. Bilder vom Stauen eines Bächleins, die Stille nach starkem Schneefall, wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut usw. Wunderbare Gedanken und Gefühle, unbeschreiblich schön, mir fehlen die Worte um dies alles auszudrücken. Sechster Sinn? Ja warum nicht.
    Mein Arbeitsweg führt über die Bellevue Brücke, jeden Morgen tanke ich Ruhe mit dem Blick auf den See und die Berge. Sommer und Winter geniesse ich diesen kurzen Moment von innerlicher Ruhe, Kraft und Verbundenheit mit der wunderschönen Natur, dies lasse ich mir nicht nehme, weder durch Lesen der 20 Minuten noch von den Handygespräche um mich herum. Auch in der Stadt braucht es keine Sinnesparcours, das tägliche Leben beinhaltet sie.

  2. Ein grossartiger Artikel.
    Sinnvoll scheint mir zu ergänzen, dass das Prinzip der offenen Sinne sich nicht auf Besuche in der Natur beschränkt.
    Wer beispielsweise je als MechanikerIn arbeitete, kennt den Geruch von Bohremulsion und heissen Spänen am Drehbank, kennt das Summen, Röhren und Rattern in unterschiedlichsten Frequenzen bei allerlei Maschinen. Sie oder er hat gelernt, aufgrund ihres blossen Singens die Präzision und Funktionstüchtigkeit einer Maschine zu beurteilen. Sie oder er erinnert sich an die leicht muffig-seifigen Gerüche in den Garderoben der Fabrikhallen, an die ewig alten Risse in den Dutzenden kleiner Industriefensterscheibchen, und an die Tausenden von Spinnweben in den Shedhallen, oben bei den Oblichtern. Sie oder er weiss, wie sich eine Phase anfühlt, wenn man mit dem Daumen darüberstreicht, wie gewolkter Kupfer im Kunstlicht glänzend schimmert und wie viel Bewegung mit welchen Fingern nötig ist, um einen Zehntelsmillimeter vorzuschieben. Und und und.

    Wer je als InformatikerIn arbeitete, kennt das charakteristischen Rauschen und Summen in Serverkellern, kennt die süsslichen Gerüche isolierter Kabel und von Kunststoffen aller Art, fühlt das Kleben statischer Folien beim Auspacken von Rechnerlieferungen auf der Haut. Sie oder er erkennt das charakteristische, hauchzarte Klicken von mechanischen Harddisks und kann aufgrund des Zuhörens über normale Arbeit, über einen Hänger oder einen Lesekopfcrash entscheiden. Sie oder er hat irgendwann einmal gestaunt über die vollkommen absolut blitzblank glitzernden Magnetscheiben aus defekten Harddisks. Sie oder er kennt das feine Klappern unterschiedlicher Tastaturen, wie anders sie alle sind, den weichen Gegendruck unter den Fingerspitzen, die Markierungen auf F und J, fühlt in den Augen das feine Leuchten von Flachbildschirmen. Sie oder er kennt den muffigen Geruch alter Serveranlagen mit gelb-schwarz oder grün-schwarzer Konsole – und fühlt, je nachdem, alte Erinnerungen und tiefe Verbundenheit aufleben beim Betrachten von The Matrix (1999), nur schon aufgrund des Grünstichs und der grünen Zeichen. Sie oder er kennt den leisen Ekel, wenn PCs mal wieder gesaugt werden und sich vom Lüfter Zentimeterdicker Staub klebrig löst und im Saugrohr verschwindet. Sie oder er kennt das Klappern unterschiedlichster schneller und langsamer Drucker. Sie oder er ahnt die Komplexität beim Betrachten einer 700MB grossen Oracle Installations-Tarballs, fühlt die Enge des Labyrinths, wenn ein Prozess nicht wie vorgesehen läuft, kennt die Winkel, wo gestöbert und konfiguriert werden muss, damit es läuft. Kennt die Verzweiflung, wenn alles fünf Mal länger dauert als geplant. Und und und.

    Wer je als MusikerIn gearbeitet hat, kennt den unbeschreiblich tiefen Geruch des eigenen Instrumentes – nachdem man es ausgepackt hat, nachdem man es eine Stunde lang gebraucht hat. Wie riecht Silber? Wie riecht fein lackiertes Holz? Sie oder er verbindet den eigenen Körper mit dem Klangideal und dem Schaffen von Ästhetik. Sie oder er kennt das Gewicht von Mikrofonkabeln. Sie oder er geniesst in den Augen immer wieder die Spiegelungen auf dem Instrument. Sie oder er liebt das sanfte Vibrieren der Klänge, die beim Musizieren den ganzen Körper durchziehen. Sie oder er kennt Dutzende von Bewegungsmustern, in den Fingern, im Bauch, in den Schultern, überall, und kann sie abrufen; sie oder er riecht die Druckerschwärze neuer Noten, das Alter vergilbter und verlesener Noten, geniesst das feine, gerippte Schimmern alter Langspielplatten und das Glänzen von CDs. Sie oder er fühlt Rhythmen im ganzen Körper pulsieren, hört Tonhöhenschwankungen mit beeindruckender Präzision, führt den Klang bewusst und ist – hoffentlich – immer wieder beglückt von den erzeugten Tönen. Und und und.
    Sogar in einer schwierigen Zeit… spüren wir in uns ein Brennen, oder ein Stechen, oder ein Drücken… das sich anfühlt wie ein glühender Draht, oder eine rote Nadel, oder eine schwarze Faust… oder wir spüren eine Freude, die sich wie goldener Jubel anfühlt… in unserem Körper. Und der Körper des Partners oder der Partnerin? Und die Wärme und die Gerüche der eigenen Kinder? Und und und…

    Wenn wir wach sind, wenn wir einfach ohne zu Denken das wahrnehmen, was gerade ist, haben wir gewonnen, respektive dann sind wir gerade am Gewinnen. Auch wenn es für uns oft ganz anders ausschaut.

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