Die Unlust des Mannes

In «Das Magazin» wurde letzthin die neue Unlust des Mannes thematisiert. Befragt wurden, wie bei solchen Themen üblich, vorwiegend Sexualmediziner und Hormonspezialisten. Sexualität in einer Beziehung lässt sich jedoch weder rein hormonell, akademisch/wissenschaftlich noch psychologisch erfassen. Denn in einer Beziehung umfasst Sexualität alle Bereiche des Mensch-Seins und des Lebens.

Ich möchte gleich mit ein paar Fragen einsteigen: Was ist falsch daran, ein Mal im Monat Sex zu haben? Das «nur» lasse ich selbstverständlich weg. Wer sagt wie oft dieser Akt stattfinden muss? Woher kommt die Vorstellung, dass Sexualität in jeder Lebenslage und in jedem Alter immer gleich leidenschaftlich daherzukommen hat? Was ist überhaupt Leidenschaft und was ist Begehren? Sind es die Kinobilder vom «Kleider vom Leib reissen»? Und woher kommt das Bild, dass der Einen oder dem Anderen in einer Beziehung ein gewisses Mass an Sex zustünde? Wer sagt, dass sexuelles Fordern mit emanzipierter Sexualität zu tun hat? Wer sagt, dass Geschlechtsverkehr nur erfolgreich war, wenn der Mann ejakuliert oder die Frau einen Orgasmus hat? Woher kommt die Vorstellung, dass Partnerin oder Partner durch das Begehren des Gegenübers im Selbstwert als Mann bzw. Frau bestätigt sein müssen? Warum erstaunt es Paare, wenn dem Mann die Lust abhanden kommt, wenn seine Nähe nur an den fruchtbaren Tagen, zwecks Zeugung gewünscht ist?

Herz statt Hormon

 

Im Artikel wird ein 39-jähriger zitiert, seit sieben Jahren verheiratet, drei kleine Kinder, beruflich voll ausgelastet, bis in die Nacht hinein jeweils noch Mails beantwortend. Seine Frau ist in leitender Stellung tätig. Seit er nicht mehr den Anfang mache, schlafen sie noch ein Mal im Monat mit einander. Warum wundert er sich darüber? Wann sollte bei diesem Tagespensum noch Platz sein für ein trautes tête-à-tête, oder eben body to body? Warum sollte sich bei diesem Voll-Programm überhaupt Lust und Begehren einstellen müssen? Zu mehr als einem «Quickie» würde die Zeit eh nicht reichen.

Statt der ewig gleichen Hormon-Erklärungen, plädiere ich für ein bisschen mehr Herz. Libido, Lust, Begehren hängen in einer längeren Beziehung nie allein von den Hormonen ab. Anders als bei One-Night-Stands, spielen hier alle Bereiche des Mensch-Seins eine Rolle. Angefangen von der Lebensgeschichte und der sexuellen Entwicklungsgeschichte der beiden Individuen, den damit verbundenen Grundängsten, und den sich daraus entwickelnden Charakterstilen mit all den Annahmen und Verhaltensweisen, bis hin zur momentanen Lebenssituation, kommt ein ganz schönes Paket Mensch zusammen. Besser gesagt zwei Pakete. Und je besser es den beiden gelingt, diese Pakete zu öffnen, und sich gegenseitig und immer wieder mit dem jeweiligen Inhalt vertraut zu machen, und je besser es gelingt, den jeweiligen Inhalt als solchen dem Anderen zugehörig stehen zu  lassen, desto grösser ist die Chance, dass eine Beziehung lebendig bleibt. Sehen und gesehen werden als Grundlage der Intimität.

Sexueller Entwicklungsbogen

Heute steht uns nur ein Bild, darüber was «richtiger Sex» ist, zur Verfügung: Spektakulär, Tabu los, allzeit bereit. Und diesem Bild glauben immer mehr Menschen entsprechen zu müssen. Lebenslänglich. Nur leider – oder je nach Standpunkt auch zum Glück – lässt sich dieses Bild nicht in die Realität einer längeren Beziehung einsetzen, oder wenn, dann nur punktuell. Ausserdem hat auch Sexualität so etwas wie einen Entwicklungsbogen. Vereinfacht gesagt, entwickelt sich in der Kindheit die sexuelle Identität. Auch das erste Vertraut werden mit dem eigenen Körper  und seinen vielfältigen Empfindungen geschähe an sich in dieser Zeit. Das Vertraut werden mit dem Erwachsenenkörper und seinen sexuellen Empfindungen und Reaktionen gehört in die Pubertät, wobei das idealerweise zuerst für sich allein erprobt, und erst später mit einem Gegenüber ausgetauscht würde. Die spätere Pubertät, bzw. das frühe Erwachsenenalter diente dem Erfahrungsaustausch und dabei sich selber kennen zu lernen. Ab ca. Mitte 20 steht die Zeit der ernsthaften Beziehung mit Zukunftsperspektive an. Das können Kinder oder Projekte sein. Dann kommt oft die Familienphase und/oder die Zeit der hohen beruflichen Anforderungen. Diese Phase wird von einer Zeit, die wieder eher dem Paar gehören könnte, abgelöst. Auch das älter werden und das Alter könnte unter einem ganz anderen Aspekt gesehen werden; als eine Zeit die nicht mehr allein dem Eigen- und Familiennutzen unterstellt ist. Versteht sich eigentlich von selbst, dass Sexualität in diesen verschiedenen Phasen auch verschieden daher kommen würde. Dass sich Bedürfnisse verändern, dass Lebenssituationen, Schicksalsschläge usw. einen Einfluss auf das Begehren haben.

Leitungssport oder lustvolles Zusammensein?

Nur, wir sind tagtäglich mit diesem einen Bild der Sexualität konfrontiert. Dieses Bild wird in derart penetranter Art auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen verbreitet, dass eine Übersättigung statt findet. Ich höre von Frauen: Es ist zum Kotzen, ich habe all die Weiber mit ihren Posen so satt. Ich fühle mich zum Objekt degradiert. Vom Männern höre ich: Was da gezeigt wird; als Mann kannst du nur verlieren, das bringst du nie. Mann und Frau werden zu Objekten. Liebe und Begehren zu einem Kuhhandel: Wenn ich dir das und das gebe, erwarte ich – meist unausgesprochen natürlich – das und das. Wenn er nicht auf ihre sexuellen Avancen einsteigt, fühlt sie sich dick und ungeliebt und hat das Gefühl nicht zu genügen. Sex als Vehikel, sie in ihrem Selbstwert als Frau zu bestätigen. Wenn sie nicht einsteigt, weiss er nicht wie seine Spannung und seinen Stress abzubauen und fühlt sich als Mann missachtet usw.

Sex wird dauernd missbraucht. Sexualität, einfach aus reiner Lust und Freude aneinender scheint selten geworden zu sein. Auch Sexualität ohne Druck etwas Bestimmtes erreichen zu müssen – sei es die Zeugung eines Kindes zum gewünschten Zeitpunkt oder das Erzielen des obligaten Orgasmus – ist eher selten. Die Objektivierung fördert auch das Verständnis dafür, wonach das Gegenüber für die Lust und das Begehren zuständig sei. Die Lust wird im Aussen gesucht, in Bildern, in der attraktiven Frau, im potenten Mann. Wenn sie den Mann durch ihren tollen Körper oder ihr geiles Verhalten zu erregen vermag, dann ist sie eine «gute Frau», und das wiederum verschafft ihr Lust und vielleicht auch das Gefühl geliebt zu sein.

Mensch oder Objekt?

Dem sagt man heute emanzipierte Sexualität. Wenn auch eine Frau ihr Recht einfordert. Welches Recht? Ist es wirklich befreit, wenn ein Gegenüber gebraucht/benutzt wird? Ist es befreit, wenn sie den Mann braucht um sich zu bestätigen, wenn er die Frau braucht, um erregt zu werden? Befreit zu sein hiesse doch Selbst-Reguliert zu sein.

So wie früher und auch heute noch, den Frauen die Lust vergeht, wenn sie vom Mann nur benutzt werden, so bleibt heute dem Mann die Lust weg, wenn er von der Frau benutzt wird. Warum sollte es anders sein? Wir sind nicht Objekt sondern Mensch, und unsere tiefste Sehnsucht ist es, gesehen zu werden. Als Ganzes. Nicht nur als Schwanz und Möse, gekoppelt mit Erwartungen. Auch der Mann hat das Recht darauf keine Lust zu haben wenn er missbraucht wird – und auch sonst. So ist die Nicht-Lust kein Nein zur Sexualität, sondern ein Nein zum Missbrauch.

Der eingangs zitierte Mann hat mit seiner Frau abgemacht, dass sie in Zukunft miteinander schlafen werden, auch wenn die Lust dazu nicht unbedingt spürbar da ist. An sich ein guter Entscheid. Denn in jeder Beziehung braucht es den bewussten Entscheid beider, dass sie auch ein sexuelles Paar blieben wollen. Der Alltag ist gnadenlos, und Lust und Begehren sind flüchtig. Nur, wenn es allein der Sex-Akt ist, auf den die beiden sich in Zukunft wieder vermehrt einlassen wollen, dann reicht das auf die Dauer nicht. Damit sich Lust, Begehren und Freude aneinander immer wieder entfalten können, braucht es Intimität auch auf anderen Ebenen. Geistig, emotional/seelisch und auch nichtsexuell/körperlich. Und es braucht genauso auch das Wissen: Sexualität in einer längeren Beziehung kann kein dauerndes Feuerwerk sein, sondern will gefeiert werden, dann wenn die beiden ihr Raum geben.

Wie geht es Ihrer Lust oder Nicht-Lust?

2 Gedanken zu “Die Unlust des Mannes

  1. Ihren Artikel zu lesen war eine Wohltat. Wie Sie die Frauen und Männer respektieren, als Menschen, nicht als verschieden, funktionierende Hormonwesen. Ihre Darstellung der Sexualität, die alle Bereiche des Mensch-Seins und des Lebens umfasst überzeugt mich. Das Herz, Intimität und Vertrauen wichtig sind für das Lustempfinden.

    Glückliche Herr und Frau Schweizer haben 2 x pro Woche Sex (Geschlechtsverkehr) las ich letzthin, Italiener und Franzosen noch häufiger usw. Bei solchen Texten muss ich lachen und doch spüre ich auch eine gewisse Unsicherheit, bin ich noch fähig eine Beziehung mit Sexualität zu leben, wenn meine Lust nur selten spürbar ist? Ist mein Empfinden normal? Wo würde ich eingestuft? Bei den unglücklichen Ausserirdischen, die täglich das Bedürfnis nach Kuscheln und Zärtlichkeit haben, aber Lust auf Sex nur alle 2 Monate?

    Ihr Text ist eine ermutigende Hilfe, zu sich und seinen Bedürfnissen zu stehen, zur eigenen Lust oder Unlust. Alle Statistiken und Hormone zu vergessen, dafür sich dem Menschen von Herzen zuwenden und die eigene Sexualität entdecken. Freue mich, weitere Text von Ihnen zu lesen!

  2. Hoi Andy,
    Ich glaube es ist nicht nur die Unlust bei den Männern es gibt sie auch bei den Frauen.Aber ich glaube Unlust oder Lust,kommt es darauf an?Ich wünschte mir viel lieber eines Tages eine schöne Sexualität zu erleben mit meinem Lebenspartner,ob da man 2,3 oder 4 aml Sex(Intim ist) hat in der Woche ist das das wichtigste,ich denke nicht,denn zur Sexualität gehört auch das gegenseitige Achtsamsein und Kuscheln,miteinander reden, sich austauschen u.s.w. dazu,oder?Und falls man in einer Partnerschaft lebt und Sexualität lebt miteinander und vielleicht der eine wirklich keine Lust hat,dann sollte man miteinander den Weg gehen und einander finden lernen in der Sexualiätät.Ich bin jetzt auf dem Weg mich in der Sexualität zu finden und es ist ein harter Weg für mich,den ich kannte mich bis jetzt garnicht,mein Körper war mir fremd,ist immer noch ein wenig.
    lg
    Hope

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