Eins, zwei, drei – vielerlei Liebe

Der neue Beziehungs-Life-Style für spirituell Suchende heisst «Polyamorie», das zumindest ist Hauptthema der neuen Ausgabe der Zeitschrift Spuren. Beinahe ehrfürchtig werden darin Menschen porträtiert, die sich auf «Viel-Liebe-Beziehungen» einlassen. Ein bisschen viel der Ehre für diese Lebensform?

Gerade vorweg: Ich bin sehr dafür, dass sich Paare immer wieder über die Form ihrer Beziehung austauschen, in effektiver Art und Weise. Dass beide überprüfen, ob die gewählte Beziehungs-Form sie in ihrem persönlichen Weiterkommen stützt oder schwächt. Dass beide sich zeigen, auch mit ihren vom gängigen Beziehungs-Klischee abweichenden Bedürfnissen und Sehnsüchten. Das heisst, ich plädiere für eine erwachsene Art der Beziehung wo nicht das Gegenüber für das eigene Wohlergehen verantwortlich ist. So weit so gut.

Wie sieht es in der Realität aus? Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Beziehungskonflikte und  Trennungen stattfinden, weil nicht Erwachsenen- Beziehungen gelebt werden, sondern Mann wie Frau sozusagen in ihren Kinderschuhen stehen geblieben sind. Durch Verletzungen in der Kindheit entwickelt der Mensch Urängste, und diese Ängste bestimmen oftmals das Verhalten auch im Erwachsenenalter.  Aber freilich wissen das Mann und Frau meist nicht.

Kopf sei Dank – da ist noch Liebe

Auch in meiner eigenen Beziehung gerate ich hie und da in diese Kinder-Verletzungs-Geschichte, und dann wird’s ungemütlich, denn dann habe ich definitiv nicht den richtigen Partner, dann müsste er und dann müsste er und dann und dann und dann.

Und dann spüre ich auch keine Liebe. Dann bin ich froh, dass ich einen Kopf  habe, der mir sagt, ich liebe meinen Mann, spüre es jetzt zwar gerade nicht weil ich aus einer alten Geschichte heraus reagiere statt adäquat auf die jetzige Situation.

Und dann – wenn ich mich zurücklehne und ein paar tiefe Atemzüge nehme und genau hinspüre was jetzt gerade vor sich geht, dann kommt schon mal ein bisschen Entspannung auf, und es kann wieder gemütlicher werden zwischen uns.

Ich glaube nicht daran, dass sich Liebe einfach so aus einer Beziehung verabschiedet, wie man oft hört. Liebe kann wohl unter einer emotionalen Staubschicht verschwinden, überlagert sein von Kinderdramen, weggedrängt werden aus purer Angst,  abgewürgt aus Trotz, verschmäht aus Rachelust usw. Aber Liebe an sich ist viel grösser. Sie ist da und fliesst. Von Mensch zu Mensch. Ich  gehe davon aus, dass fliessende, vor allem absichtslose Liebe der Normal- oder Urzustand zwischen Menschen sein könnte, wenn wir es nur zulassen und unsere Schleusen öffnen würden. Dann ist es wunderbar und spürbar als etwas Ruhiges, Stilles, auch Heiliges.

Nur frage ich mich, warum dafür so ein Life-Style-Schublädchen gebastelt, und  mit dem Schildchen «Polyamorie»  versehen werden muss? Und warum muss aus dieser Liebe denn auch grad noch eine Zweit- und Dritt-Liebesbeziehung werden? Warum reicht es nicht, dass die Liebe einfach fliesst, dass Liebesgefühle auch für andere als den Partner oder die Partnerin empfunden werden? Warum muss Sex dazukommen? Warum muss Beziehung dazukommen? Und warum soll weniger Besitzdenken dahinter stecken, wenn ich statt nur mit einem, mit zwei  Männern eine intime Liebesbeziehung lebe?

Liebe ist der Urzustand zwischen Menschen

Kann es sein, dass da einmal mehr etwas verwechselt wird? Vor noch nicht so vielen Jahren wurde Frau und Mann unter dem Deckmantel «Freie Liebe» fast zur Sexpflicht «alle mit allen» verknurrt. Das hat nebst einer gewissen Befreiung und im besten Falle schönen und geilen Erlebnissen vor allem viele Verletzungen hinterlassen. Verletzungen, die bis heute nachwirken. Heute ist es weit verbreitet, dass unter dem Deckmantel «sexuelles ausleben», die Seitensprungkultur zelebriert, und vor dem Partner oder der Partnerin meist verheimlicht wird. Ist ja nichts dabei, bloss ein bisschen Sex. Dieses oftmals gewohnheitsmässige Seitenspringen beruht meines Erachtens auf tiefer liegenden Bedürftigkeiten und hat somit mit freiem Ausleben oder freiem Entscheiden auch wieder nichts zu tun.

Und nun also die spirituell reife Polyamorie. Schön, wem das zu leben aus tiefstem Herzen gelingt, schön, wer die entsprechenden Menschen dafür findet. Aber warum einen Trend daraus machen? Warum sollte poly amor zu leben erstrebenswerter sein, als eine erwachsen und mit grösst möglicher Bewusstheit gelebte Zweierbeziehung?

Lernen wir doch erstmals mit uns selber wirklich in Beziehung zu treten, unsere eigenen Bedürfnisse und uralten Bedürftigkeiten nicht auf andere abzuschieben, sondern selber dafür gerade zu stehen. Und lernen wir doch auch auszuhalten, dass eine Liebesbeziehung keineswegs immer ein Schönwetter-Sonntags-Spaziergang ist, sondern manchmal auch eine Bergtour – in der Gewitterfront, nahe am Abgrund – sein kann. Aber solange nicht nur die Emotionen reagieren, sondern auch der Kopf eingeschaltet ist, der sagt, «ja ja ist halt wieder mal ein kleines Drama, da kommen wir schon wieder raus, wie jedes Mal, wenn wir beide es wollen» oder «ja ja, ich habe wieder einmal dafür gesorgt, dass ich die Liebe angestaut habe, aber ich weiss, sie ist noch da und wird auch wieder fliessen, wenn ich es dann zulassen kann» , dann steht nichts im Wege, dass eine Liebesbeziehung auch immer wieder ein Sonntags-Schönwetter-Spaziergang sein kann. Ob zu zweit, zu dritt oder wie auch immer sollte den beteiligen Menschen überlassen bleiben, und nicht ehrfürchtig mit Etikettchen versehen werden.

Poly Amor: Ein Herz will mehr www.spuren.ch

4 Gedanken zu “Eins, zwei, drei – vielerlei Liebe

  1. Den Artikel „Poly Amor: Ein Herz will mehr“ habe ich auf dem Internet gefunden und gelesen. Die Zeitschrift Spuren kenne ich ansonsten nicht.

    Ich bezweifle sehr, dass die Gründe der hohen Scheidungsraten und der Seitensprüngen in der „engen“ Zweierbeziehung zu suchen sind. Noch mehr bezweifle ich, dass eine Poly Amore Lebensweise, eine nährende und bereichernde Liebe, Wärme und Geborgenheit bieten kann.

    Beim Lesen des Textes kam es mir vor – nun hat unser unersättliches Streben nach immer „Mehr“, immer schneller, immer besser, immer grösseren Auswahl , alle Bedürfnisse jederzeit abdeckend zu können nun auch die Zwischenmenschlichen Beziehungen erreicht. Es braucht also mehrere LiebesparterInnen und auch riesige Freundschaftskreise, so à la Facebook nur einige hunderte sind cool. Werden wir Menschen nun wie Handy’s, iPad & Co.und alle anderen materiellen Güter benutzt, „Mehrere“ davon zu besitzen ist besser, falls eines mal ausfällt oder nicht alle Bedürfnisse abdeckt, kann man schnell zum anderen greifen. Alles geht schnell, schnell.

    In den zwischenmenschlichen Beziehungen erlebe ich, dass das schnell, schnell und immer „Mehr, Mehr“ nicht funktioniert, nicht sättigen ist. Wo nehmen wir die Zeit und Ruhe für uns selber, für unsere Partnerin oder Partner, für unsere Freunde her?
    Eine vertrauensvolle, bereichernde, nährende und tragende Partnerschaft und auch Freundschaften benötigen Ruhe und gemeinsame Zeit. Gegenseitiger Austausch ist wichtig, sich kennenlernen und Vertrauen aufzubauen braucht Zeit, wie auch Liebe und Zärtlichkeit zu pflegen. Auch der eigene Körper, Gefühle benötigen Zeit, Ruhe und Gelassenheit.

    “ Poly Amor – Ein Herz will mehr“? Mein Herz, will nicht mehr, es wünscht sich eine bereichernde Zweierbeziehung für die es schlägt, bei mehreren wäre es völlig überfordert, ich vermute es würde nach „schneller“ Zeit still stehen.
    Jedes Herz kann zum Glück selber wählen, wie viele Liebesbeziehungen ihm gut tun, für welche und wie viele es schlagen kann, wie enorm gross oder klein sein Freundeskreis sein soll.

    • Ich war mit einem Mann zusammen, der polygam (Dreieck)lebte, bin dabei aber selbst überwiegend monogam geblieben. War keine schöne Erfahrung, vor allem weil ich vermisst habe, dass es sich wirklich wie Liebe anfühlt.
      Dazu würde für mich gehören, auch von der dritten beteiligten Person (andere Frau) geliebt zu werden, was ganz offenbar nicht der Fall war. Die Polygamie wurde mir so präsentiert, dass nur das eine reife, erwachsene Form der Liebe sei, und die Zweierbeziehung dagegen einengend und kleinkindlich-besitzergreifend. Und zu überwinden.
      Heute ist mir klar: auch aus psychologischer Sicht kann diese erwachsene Wiederholung des ödipalen Traumas= Dreieck Mutter-Vater-Kind wohl kaum zur Heilung desselben führen. Eifersucht wird durch Erfüllung der Liebessehnsucht überwunden, und durch Auflösung des Dreiecks – in einer möglichst erfüllten Zweierbeziehung. Und nicht indem man Dreiecks- oder Mehrecksbeziehungen lebt. So etwas bestätigt und vertieft nach meiner Erfahrung nur die Eifersucht, daslöst garnichts.

  2. Die allgemein gültige, richtige Beziehungsform gibt’s wohl nicht. Wir haben in unserer pluralistischen Zeit die wertvolle Möglichkeit zu experimentieren, herausfinden, kennen lernen – vor allem sich selbst kennen lernen, auf dem persönlichen Pfad der Selbsterkenntnis.

    Je nach Lebensphase, bzw. je nach dem, was ein Mensch mit seinem Leben, seinem Herzen und seiner Sexualität anfangen möchte, ist eine entsprechende Beziehungsform die „richtige“. Für einen jungen Menschen, der in möglichst kurzer Zeit (ja, alles muss schnell gehen in unserer Zeit…) erleben will, wie es sich mit PartnerIn A, B und C anfühlt, kann Polyamor das Richtige sein. Für einen reiferen Menschen, der vielmehr die Sehsucht nach Geborgenheit, Vertrauen und einer tieferen Verbindung spürt und sich eine eher tantrische, von gemeinsamen Wachstum und Aufbau geprägte Beziehung wünscht, ist die Zwierbeziehung richtig.
    Ob Polyamor, Familie, Zweierbeziehung oder etwas anderes das Stimmige wäre, hängt von der individuellen Lebenslage ab.

    Oft wird aber die eigene Beziehungsform als die „Richtige“ angepriesen, und andere Lebenswege werden verurteilt oder belächelt, beispielsweise wenn Polyamoröse die Zweierbeziehung als Zwierkiste bezeichnen… Auch aus Angst, dass die eigene Beziehungsform verurteilt wird, begegnet man anders denken und anders leben mit Abwertung – als Verteidigungdtaktik.
    Der Zweierbeziehung wird dann auch Besitzdenken unterschoben. In einer reifen, erwachsenen Zweierbeziehung geht es jedoch nicht ums Besitzen eines anderen Menschen, genauso wie zwei Geschäftspartner sich nicht gegenseitig besitzen, nur weil sie gemeinsam ein Geschäft betreiben und dabei gegenseitige Treue und Loyalität pflegen.

    Vielmehr geht es in einer erwachsenen Zweierbeziehung um zwei freie, reife Menschen, die sich zusammen freiwillig entschieden haben, etwas Drittes – die Beziehung (analog im Berufsleben: das Geschäft) – gemeinsam zu kreieren, zu pflegen und zu gestalten. So gesehen ist die Beziehung wie ein Tempel, der aus Liebe und Wertschätzung von beiden Partnern geschützt und getragen wird – und nicht aus Pflicht oder aus der Meinung, es wird so erwartet (vom Anderen oder von der Umgebung). Dabei sind die Beziehende frei, sie sind wie Göttin und Gott im Tempel der gemeinsamen Beziehung.

  3. Eins,Zwei,Drei – Vielerlei Liebe,

    Ich glaube es gibt nur die „LIEBE“die man mit einem Menschen zusammen teilt oder teilen will.
    Gibt es das das man drei Menschen(also eine Frau und drei Männer oder umgekehrt,oder drei homosexuelle zusammen leben und sich echt lieben?) gleichzeitig so lieben kann,ist das LIEBE“?Und was sagen die Kinder dazu?Hallo ich habe drei Papis oder drei Mamis?Geht es dann hier nicht nur um den Sex?
    Ich bin irritiert,was ist dann nun wirkliche Liebe,nicht das zwei Menschen zusammen gehören,sondern mehrere die eine zweier,dreier oder vierer Beziehung leben?
    Im Tempel der gemeinsamen Beziehungen?Gabs eine Göttin? Gott ja,aber Göttin?Gott hatte nicht mal eine Frau.
    Also ist es heute in Ordnung das man mehrere Liebesbeziehungen hat,parallel?
    Unvorstellbar!

    In Gedanken

    Sky

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