Entschleunigung

Ich wünsche Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern,  von Herzen eine erfüllende Adventszeit und vor allem auch immer wieder Momente, wo Sie innehalten und vielleicht schauen und staunen. Warum nicht bei einem winterlichen Spaziergang?

Kra kra kra. Der Kleine schaut staunend in den Himmel und sein kleiner Finger, der sich gegen die ungewohnten Handschuhe gewehrt hat, zeigt auf den schwarzen Vogel. Immer wieder. Seine Augen fragend auf die Grossmutter gerichtet. «Vogel. Das ist ein Vogel», wiederholt sie ein ums andere Mal. Dann zeigt das Fingerchen auf das über ihm kreisende rotgefiederte  piuu, piuupiuupiuu ausstossende Etwas. «Ja das ist auch ein Vogel», sagt die Grossmutter. «Ogl», sagt der Kleine plötzlich ganz aufgeregt, das Fingerchen auf das Sportflugzeug gerichtet.

Vielleicht fragt sich der Kleine jetzt, warum etwas was unterschiedlich aussieht  gleich heisst. Und warum nicht alles was sich in der Luft bewegt, ein Vogel ist. So wie alles was Räder hat von ihm freudig mit «Otu» benannt wird. TraktorVeloAutoAnhängerPostautoBagger; alles «Otu». Wahrscheinlich fragt er sich aber gar nichts, denn plötzlich sind die Steinchen auf dem Weg das Zentrum seines Universums. Sie werden mit klammen Fingerchen aufgeklaubt und auf ein Häufchen gelegt. «Stein». «Stein». «Stein». «Ja das ist ein Stein». Das Bücken mit den hohen Stiefelchen und der wattierten Hose ist gar nicht so einfach. Die Grossmutter wartet und schaut.

Sonnenstrahlen pfeilen durch den Nebel auf die weissgrün gesprenkelten Felder. Grasschnee. Schneegras. Jedes  einzelne Gras ist von fransigem Reif umrandet, wie wenn Heinzelmännchen nächtens ihr Malerwerk getan hätten.  Und oben? Mosaikwolken, Wattebauschwölkchen, Schleierwolken, kra und piu und dann plötzlich winterliches Hellblau und Licht, das die Landschaft pastellig, wie eine altmodische schwarzweiss Aufnahme, die sorgfältig von Hand nachcoloriert wurde, erscheinen lässt.

Das Pferd. Riesengross. Der Kleine staunt rundäugig hinauf, schnaubt mit spitzem Mündchen und klackt mit der Zunge, Hufgeschräusche imitierend. Zeigt und lacht und klackt und springt weiter.

Die Treppe lockt. Mit den kleinen Beinchen erklimmt er Stufe für Stufe. Ächzt vor schierer Anstrengung. Stolz strahlt er von oben zur Grossmutter herunter und versucht den Rückweg. Abgründe vor jeder Stufe. «Versuch es Rückwärts. Umdrehen. Ja so.» Das ganze noch und noch und noch einmal. Strahlende lebendige Augen, rote Backen, rotes Näschen.

Warten. Schauen. Einlassen auf ein anderes Tempo. Nicht-Tempo. Mit staunen. Neu sehen. Winterliches Wolkenspektakel. Hellblaues Pastelloch. Wolken, flächig nun, in allen Graustufen bis hin zu Weiss.

«A ah», ruft der Kleine und beobachtet, wie  die Katze samtpfotig elegant im Gebüsch verschwindet. Er schaut ins Gebüsch. Aber weg ist sie. Im Stall marschiert er dann schnurstracks  und streckt Fingerchen vertrauensvoll den Mäulern entgegen. Die langen rauhen Zungen der Kühe und das fordernde Saugen der Kälber erkundet er mit einer Mischung aus freudiger Neugier und Schaudern. «Mmm», sagen die Kühe. «Mmm».

Vor dem Stall eine  Pfütze. Die Stiefelchen wollen auf die versprochene Wasserdichtheit überprüft sein, denkt die Grossmutter. Den Kleinen interessiert viel mehr das Spritzen und Pflotschen  und Schwappen und Schillern der Tropfen. Juchzen.

Mit einem warmen Gefühl auf der Brust nimmt die Grossmutter den Kleinen bei der Hand und gemeinsam verlassen sie diese kleine Welt, die für den Kleinen wahrscheinlich das Universum bedeutet und zusammen betreten sie die nächste kleine Welt, die entdeckt und erobert werden will.

Frohe Weihnachtszeit und einen freudigen Übertritt ins neue Jahr; das  allererste Jahr 2014. Ein neues kleines Universum.

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