Ewiges Leben dank Geflügel

Man ist was man isst, heisst es, und so ist Ernährung natürlich auch immer wieder ein gefundenes Fressen für die Presse. Von der Frauenzeitschrift bis zur Tageszeitung; alle kochen mit.

Da gibt es langjährige Renner wie Mittelmeerküche, belehrendes wie die Lebensmittelpyramide, exotisches wie vegane Ernährung, Diäten wie die Bärlauch-, Ananas- oder Ei-Diät. Life-Style geprägtes wie Models, die in Interviews beteuern, dass sie extrem viel Schokolade essen, wahrscheinlich um damit zu beweisen, dass sie im Fall kein Essproblem haben. Oder die anderen Promis, die sich gesund ernähren, selbstredend immer nur mit Salat und Fisch und waaahnsinnig viel Obst. Oder die Miss Schweiz-Finalistinnen, die Jahr für Jahr für Light-Produkte vor den Karren gespannt werden, und dabei schon mehrfach verdaute Ernährungsweisheiten wiederkäuen, usw. Das Grosse Fressen all überall. Und mir scheint, beim Essen ist es wie mit der Sexualität; alle sind irgendwie Expertinnen und Experten und reden mit.

Aber es gibt auch die richtigen Experten, und die werden dann von den Journalisten befragt und von Journalistinnen zitiert. Gestern berichtete Blick am Abend über die Gefahren des Fleischkonsums, und dabei wurde rotes Fleisch, verarbeitetes Fleisch wie Wurst, Aufschnitt oder Hamburger und einfach Fleisch, in den selben Topf geworfen, und zu einem ungeniessbaren Brei verkocht. Sozusagen als Dessert des Artikels wurde dann empfohlen: Statt Fleisch gelegentlich Fisch, Geflügel – ist Geflügel neuerdings kein Fleisch mehr? – Nüsse, Gemüse – ich dachte, das müsse zusammen mit Obst fünf Mal täglich auf den Tisch – und Getreide zu essen. Aber nachdenklich macht dann der Schlusssatz: Wäre der Fleischkonsum so halbiert worden, hätten sich 9,3 Prozent der Todesfälle bei Männern und 7,6 Prozent bei Frauen hinauszögern oder – man lese und staune – verhindern lassen! Ewiges irdisches Leben durch gelegentliches geniessen von Gemüse und fleischlosem Geflügel. En Guete!

Und da Essen ohne Getränk in der Regel eine etwas trockene Angelegenheit ist – ausser für Suppenkaspare natürlich – soll an dieser Stelle auch der Tipp von Dr. Albert Wettstein nicht fehlen, der letzten Sonntag zum Besten gegeben wurde. Wettstein ist ein Verfechter der Mittelmeerküche. Dazu gehört selbstverständlich das tägliche Glas Wein. Und weil Alkohol in geringen Mengen vor Arterienverkalkung schütze, hat der Altersforscher keine Einwände gegen den abendlichen Drink. Ob Wein, Bier, Gin-Tonic oder Whisky spiele dabei keine Rolle. Für abstinent Lebende hat er einen besondern Tipp: Drei Mal wöchentlich je drei Kirsch- oder Williams-Stängeli oder ein Stück Kirschtorte. Ohne Alkohol im Alter geht’s offenbar nicht und so soll sich Mann und Frau die Trinkerei zuckerummantelt angewöhnen. Die Arterien werden sich vor allem über letzteres freuen. Es lebe die Mittelmeerküche!

Und alle anderen Küchen auch.

2 Gedanken zu “Ewiges Leben dank Geflügel

  1. Allen ExpertInnen besten Dank fürs gut Meinen, aber bedenkt bitte, das Gegenüber kann meistens lesen und hören, hat die grandiosen „Fach-Hobby-ExpertInnen-Tipps“ schon hunderte Mal auf irgendeine Art vernommen.

    Zum Beispiel sollen Migräniker keine Schokolade essen, auch dunkle Schokolade ist verboten. Kaffee trinken ist für sie ungesund, ausser bei einem Anfall, dann aber bitte schwarz mit Zitronensaft. Pfui Teufel!
    Jeder Mensch soll und darf herausfinden was ihm gut tut, in welcher Menge und zu welcher Zeit. Lernen Verantwortung für sein eigenes Wohlbefinden übernehmen, erforschen und erfahren was ihm persönlich hilft.
    Tun wir uns so schwer damit weil wir uns dieses Erfahren und Erforschen nicht mehr zutrauen oder gar nicht mehr können? Sich lieber an „unnatürliche“ Regeln klammern wie: gut ist 3x Sex pro Woche, Migräniker 0x Schokolade pro Leben, 3x Rohkost pro Tag, ab 17 h keine Rohkost, Abnehmenden wieder – ganz neu – nur 3 Mahlzeiten pro Tag.
    Heute gilt diese Regel, übermorgen eine andere oder sonst die Ausnahme der Regel? Oder die Regel, die genau das Loch stopft, damit die Zeitung voll ist.

    Leben und leben lassen, selber erfahren und ausprobieren, was tut mir gut und was nicht.

  2. Selbsternannte ExperInnen müssten eigentlich alle sein 🙂 aber nur in Bezug auf den eigenen Körper.

    Leider ist das für einige Leute oft verbunden mit einer Leidensgeschichte. Beispielsweise sind sie jahrelang „immer irgendwie müde“, bis sie mal merken, dass sie den Nahrungsmitteltyp XY nicht ertragen. Dann stellen sie um und entdecken eine neue Lebensqualität. Ziel erreicht. Von daher finde ich es nicht schlecht, dass viele Ideen wenigstens einfach offen herumliegen und man sich inspirieren lassen kann. Man könnte die Ideen etwas mehr als „nur Ideen“ präsentieren.

    Denn in Bezug auf die Ernährungsnotwendigkeiten anderer Menschen landet man wahrscheinlich bei der Einsicht, dass sich kategorisch nichts Verbindliches sagen lässt. Für jede Theorie findet man eine Gruppe von Leuten, für die sie funktioniert, und eine Gruppe von Leuten, die damit nicht klar kommen. Ich sehe seit langem jede öffentliche Aussage zur Ernährung nur noch durch diese Brille.

    Es bleibt als LeserIn nichts übrig als aussortieren, aussortieren, aussortieren… und sich gelegentlich über die Flut von Widersprüchen zu wundern 🙂

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