Höfliches Ingnorieren ist Toleranz der Unhöflichkeit

Ein Interview mit dem Autor eines neuen Benimmführers hat für mich Kurioses zu Tage gebracht: Spuckende und andere Rüpel sollen ignoriert werden, dafür ist es äusserst wichtig, dass bei Tische ein Brötchen gebrochen und nicht etwa geschnitten, oder Gott bewahre, gar herzhaft reingebissen wird.

 

Also eins gleich vorweg: Ich mag angenehme Umgangsformen. Diesbezüglich habe ich an mich selber sowie an meine Mitmenschen gewisse Ansprüche. Aber bitte nicht übertreiben! «Anstand ist das Schmiermittel der Gesellschaft», wird Christoph Stokar, Autor von «Der Schweizer Knigge» im Interview zitiert. Ja, nur fragt sich, was Anstand überhaupt ist, oder alles sein kann. Ist es Anstand, der Frau mit der Mann seit 20 Jahren verheiratet ist, seine Seitensprünge zu verheimlichen, dafür wird die Form gewahrt und er schlurft nie – NIE – in Adiletten an den Frühstückstisch. Oder im Pijama. Uiuiui welche Blösse sich ein Paar gäbe, wenn es nach einer kuschligen oder gar erotischen Nacht, zufrieden und noch bettwarm in die Küche schlurfen und frühstücken würde. Nicht auszudenken.

Iss, und ich sag dir wer du bist

«Sie können zwar zu Prada gehen und einen schönen Tschopen kaufen. Am Restauranttisch kommt aber schnell heraus, wer Sie wirklich sind und wie Sie geprägt wurden», sagt Stokar. Proletin, wenn nicht gar Marxistin oder Ignorantin, wer im noblen Lokal das Brötchen schneidet, oder die Gabel mit den Zinken nach unten – ähm oder war’s jetzt gerade umgekehrt – in den Teller legt? Wer den Salat – und sei das Blatt auch tellergoss – zerschneidet, oder hinter vorgehaltener Serviette den Zahnstocher benutzt? Ist es wirklich so, dass wer diese Formen fliessend kalt und warm beherrscht, ein anständiger Mensch ist?  Iss, und ich sage dir wer du bist. Das ist natürlich Ihr Recht, auch wenn es möglicherweise sehr sehr unhöflich ist, andere Menschen einfach so in Schubladen zu stecken. Das müsste ich direkt mal in diesem Knigge nachlesen.

Sind die Höflichen die wahren Unhöflichen?

Aber etwas anderes hat mich noch beschäftigt. Auf die Frage des Journalisten, die laut dem Benimm-Ratgeber kleidermässig übrigens oft ein wenig verkommen seien, ob man spuckende Secondos als Kulturimport akzeptieren müsse, meint Stokar: «Der Höfliche schweigt und geniesst. Können Sie das nicht, ignorieren Sie es». Wie meint er das? Geniessen, dass Jugendliche in der Gegend rumspucken? Schweigende und ignorierende sind auf Zürichs Strassen ja täglich zu beobachten. Also lauter höfliche Menschen. Aber wie sollen denn diese Spucker und Husterinnen wissen, dass dieses Verhalten nicht erwünscht ist, wenn alle höflich geniessen? Dass es schlicht weg gruusig und unhöflich ist? Und wer ist jetzt unhöflicher, der oder diejenige die Spuckende auf ihr Tun hin ansprechen, oder die Spuckenden?

Da ist es dann geradezu wohltuend, wenn es gegen Schluss des Interviews heisst, dass Höflichkeit nicht aufgesetzt sein sollte. Dass nicht das Lächeln sondern das Herz trainiert werden sollte. Genau. Und da beiss ich lieber auch mal herzhaft in ein Brötchen (jessas, danach ist zwar eventuell auf dem Brötchen mein Zahnabdruck zu sehen, wie unerwartet) und zeige dafür Spuckenden was ich davon halte. Auch auf die Gefahr hin, manchmal von Herzen unhöflich zu sein und mich von mir aus auch als Proletin zu outen.

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