Homo-, Heterosexuell oder einfach Mensch?

Mein Wunsch zum zweiten Advent: Möge Herzensliebe beengende Schubladen öffnen.

Letzthin las ich die Schlagzeile «Mehr Gay-Touristen in der Schweiz – dank Werbung». Aha, dachte ich, dann muss ich also in Zukunft an der Hotelrezeption ankreuzen, für wen mein Herz höher schlägt. Oder woher wissen die das? Sieht man dieses «höhere Herzschlagen» den Menschen an?

Ich las weiter, dass  Gays besonders auf Städtereisen, Kultur, Design und Schneesport abfahren und viel mehr Geld für all das ausgeben als Heteros, so wurde jedenfalls Schweiz Tourismus zitiert. Aha, dachte es in mir.

Und dann dachte ich weiter: Homosexualität ist eigentlich kein besonderes Merkmal bestimmter Menschen, sondern eher ein von der sozialen Norm abweichender Status, der ihnen von anderen  zugewiesen wird. Per Definition ist diese Art der Abweichung also nur in Gesellschaften möglich, die gleichgeschlechtliches Verhalten als exotisch betrachten. Also z.B. hierzulande.

Im Verlaufe des Befreiungskampfes haben sich Schwule deutlicher definiert und sind verstärkt als getrennte soziale Gruppe auftreten. Aber sind solche Trennungen noch zeitgemäss? Ferien für Schwule, Ferien für Lesben, Ferien für Heteros. Worüber definiert sich ein Mensch? Über seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, oder über sein inneres Wissen, seine momentane oder dauerhaftere Realität?

Homosexualität ist kein besonderes menschliches Merkmal

Diejenigen die in unserer Gesellschaft als «homosexuelle» bezeichnet werden, oder die sich selber so bezeichnen, haben unter Umständen ausser dieser Kennzeichnung nur wenig gemeinsam. Oder sind etwa alle Schwulen Design-interessiert, besonders einfühlsam, und gutverdienend? Oder sind etwa alle Lesbischen kurzhaarig, Männer hassend und an Motorrädern interessiert? Oder gibt es auch Heterosexuelle, auf die solches zutreffen könnte? Und was sagt es denn aus, wenn alles auf alle Menschen zutreffen könnte?

Wenn Äusserlichkeiten zur Definition «was ist schwul, was ist lesbisch?» nicht weiter helfen, was denn? Wie muss man sein, um als schwul zu gelten, wie muss frau sich verhalten um lesbisch zu sein. Ab wann ist man denn schwul oder lesbisch? Reicht es, jemanden des gleichen Geschlechtes von ganzem Herzen zu lieben? Ist man dann schwul? Wenn jemand sexuelle Gefühle und Anziehung für Gleichgeschlechtliche empfindet, diese jedoch nicht auslebt, ist er oder sie dann Homosexuell? Reicht es, mit jemandem des eigenen Geschlechts einfach mal Sex zu haben? Ist frau dann lesbisch? Und welche Form von Sexualität macht schwul oder lesbisch sein aus? Und wer bestimmt, ob jemand schwul oder lesbisch ist? Sind es die Betroffenen selber, oder ist es die Gesellschaft?

Ist eine Frau lesbisch, wenn sie vor zwei Jahren noch einen Mann geliebt hat, und heute die gleichen Gefühle und die gleiche Anziehung für eine Frau empfindet?

Liebe ist ein Geschenk

Damit wurde ich in letzter Zeit gerade mehrmals konfrontiert. Und ich habe von allen beteiligten Frauen gehört: Ich bin nicht lesbisch, ich bin einfach meinem Herzen gefolgt. Nie im Traum hätte ich an so was gedacht, nie hätte ich gedacht, dass ich mich in eine Frau verlieben könnte. Aber jetzt ist es so, und ich bin sehr dankbar für dieses wunderbare Geschenk.

In den Augen der Gesellschaft sind sie jetzt also lesbisch, obwohl sie sich selber nicht so bezeichnen. Was gilt? Wie wichtig ist es, in einer Schublade zu sein? Und, muss man sich schubladenmässig klar festlegen? Und was ist, sollten sich diese Frauen in ein paar Jahren wieder in einen Mann verlieben? Oder sind diese «wankelmütigen» sowieso keine richtigen Lesben? Oder könnte es sein, dass für manche Menschen in gewissen Lebenslagen ein gleichgeschlechtliches, liebendes Gegenüber wichtig ist?

 Homosexuell heisst nicht in erster Linie Sex

Das Wort «Homosexuell», lässt viele Menschen in erster Linie an Sex denken. Deftigen Sex. Dabei geht leicht vergessen, dass es erst mal um zwei gleichgeschlechtliche Menschen geht. Ob diese beiden Menschen Sex leben, oder welche Art der Sexualität, ist damit nicht definiert. Die Sexualität von gleich- und gegengeschlechtlichen Paaren muss sich keineswegs unterscheiden, und das sexuelle Verhalten ist immer geprägt von unterschiedlichen Faktoren und kann deftig, zärtlich oder auch selbstzerstörerisch sein.

In meinen Augen wäre es an der Zeit, diese Schubladen zu öffnen und allen Menschen die Freiheit zu geben, die Herzensqualitäten, ebenso wie auch die sexuellen Fähigkeiten, zu entwickeln wo immer diese liegen mögen. Denn das Geschenk der Liebe ist immer auch ein Herzensöffner, und viel Leid könnte erspart werden, wenn einfach sein dürfte was sein kann.

Welche Schubladen möchten Sie im neuen Jahr gerne öffnen?

5 Gedanken zu “Homo-, Heterosexuell oder einfach Mensch?

  1. Einfach Mensch! – würde viel unnötiges Leiden vermeiden! Heute denke ich oft, es war viel Lärm um nichts! Während der Pubertät fühlte ich mich zu Frauen hingezogen, ich dachte noch gar nicht an Sex und wie der bei gleichgeschlechtlichen Paaren gelebt wird. Die Eltern machten sich schon Sorgen um meine Entwicklung, direkt angesprochen haben sie es nicht. Aber es wurden immer häufiger, die Bibeltexte vorgelesen, in denen die Homosexualität verpönt wird. Immer wieder wurde geäussert, dass Homosexualität eine Todsünde sei. Mit der Hölle und dem Jüngsten Gericht wurde gedroht. Irgendwann kam die Zeit, da war es eine Krankheit, Zeitungsartikel wie „Homosexualität ist therapierbar“ lagen auf dem Esstisch, Homosexualität war also nun eine heilbare Krankheit. Zum Glück folgten dann die Gene, diese brachten etwas Ruhe, niemand fühlte sich mehr schuldig. Es war also naturgegeben, die Gene sind dafür verantwortlich für die Homosexualität.
    Ich verstand nie, warum um die gleichgeschlechtliche Liebe so ein Drama gemacht wurde, warum einen Menschen zu lieben eine Todsünde seine soll? Ich fühle mich zu Frauen hingezogen und wünsche mir eine Partnerin, aber lesbisch nenne ich mich nicht. Lesbisch wird oft mit „maskulinen“ Frauen gleichgesetzt, wie schwul mit „femininen Männern“ und Analsex. Dies stimmt für mich nicht, darum brauche ich die Wörter lesbisch, schwul und homosexuell wenn möglich nicht.
    Es wäre wirklich schön, wenn sich die Schubladen öffnen würden, die Unterteilung in Hetero- und Homosexuelle ein Ende nähme. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen nach Liebe, Zärtlichkeit und Sexualität respektiert würde, egal ob sein Liebe gleichgeschlechtlich ist oder nicht. Einfach Mensch!

  2. Sehr schön geschrieben, da sieht man wie oft wir in der Gesellschaft schubladisiert wird. Ich war mal etwas unsicher ob ich lesbisch bin. Ich kannte eine Frau, die war mir sehr sympathisch, wir machten viel zusammen. Obwohl die Umstände vielleicht nicht gerdade einfach waren. Wir lernten uns in einer Psychiatrie kennen. Das war so dass es einmal dazu kam dass ich diese Frau mit einer anderen habe sprechen sehen, nichts besonderes. Aber ich hatte ein schlechtes Gefühl dabei. Es gab welche, die sagten mir “ du bist eifersüchtig“. Ich kannte dieses Gefühl nicht und dachte die anderen nehmen mich nicht ernst. Und so sank meine Stimmung weiter. Sogar die Therapeutin nahm mich nicht ernst und so wie es mir rüberkam, dachte Sie wohl ich sei lesbisch. Das war nicht sehr schön, denn ich dachte nicht an Sex oder so. Ich fand diese Frau nur sympathisch. Es war auch sonst sehr schwierig, denn ich war dort wegen Posttraumatischen Belastungsstörungen, nach Missbrauch in Kind und Jugendzeit. Und hatte wohl auch so was erlebt. Obwohl ich jetzt mit einem Mann verheiratet bin, wäre es für mich nicht schlimm lesbisch zu sein, nur ohne Sex. Ich bin aber glücklich mit meinem Mann, nur Sex kommt bei uns sehr selten vor. Aber ich frage mich schon warum macht die Gesellschaft so ein Drama um Homosexualität? Jeder iist für dein Glück selber verantwortlich. Und jeder Mensch ist anders, akzepiert das!

  3. Wie ich feststelle, ist es nicht nur die Umwelt, welche schubladisiert. Ich merke, dass ich mir öfters selber im Weg stehe. Bis vor kurzem war ich auf Männer eingestellt, nun habe ich mich auf einmal in eine Frau verliebt. Fazit: emotionale Achterbahn! Hatte ich mir diese neuen Gefühle nur eingebildet? Was wollten mir die unzähligen Zeichen sagen, welche mich während dieser Zeit begleiteten? Warum begegneten mir auf einmal gehäuft gleichgeschlechtliche Paare oder Personen, welche parallel Mann und Frau liebten?

    Aus Distanz sieht alles verklärt und rosarot aus; doch wenn man persönlich betroffen ist, dann ist man nur verwirrt und von einem grauen Schleier umgeben. Denn von einem Tag auf den anderen, von einer Stunde auf die andere stand meine Welt Kopf und nach vier Jahrzehnten war nichts mehr wie vorher: War ich tatsächlich im Begriff, mich in eine Frau zu verlieben? Was/wer bin ich nun? Hetero? Bi? Homo – mit dem Wort Lesbe hatte ich schon immer meine persönlich Mühe. (Ich habe sogar schon vor Jahren eine richtige Aversion gegen dieses Wort entwickelt.)

    Nach rund drei Monaten emotionaler Achterbahn ist es mir mittlerweile – meist – egal, was/wer ich bin. Ich bin immer noch die, die ich bin – egal, wie die Definition dafür heisst. Und eine Definition ist immer auch mit falschen Klischees behaftet: Weder habe ich kurze Haare, ich hasse Fussball, ich habe keine Ahnung von Autos, ich schminke mich, ich schaue mir immer noch gerne einen attraktiven Mann an und würde auch Clooney nicht von der Bettkante stossen. Klar, manchmal kommt Traurigkeit hoch; eine tiefe Traurigkeit – eine gewisse Angst – dass man von vielen nicht als „normal“ wahrgenommen wird – wie auch immer diese Norm per se definiert wird. Doch mein Prinzip heisst Ehrlichkeit, dies verpflichtet, und ich stehe zu meinen Gefühlen. Es war im ersten Augenblick ein komisches Gefühl, sich in der Öffentlichkeit zärtlich zu umarmen; sich in einem Restaurant frisch verliebt die Hände zu halten und dem ersten inneren Reflex zu widerstehen, zurückzukrebsen, wenn sich jemand näherte. Ich kam mir vor wie ein Teenager, welcher auf frischer Tat in einer nicht erlaubten, unflätigen Pose ertappt wurde.

    Meine persönliche Erkenntnis: ich selber bin mir aktuell mein grösster „Feind“. Das Umfeld beäugt mich in solchen Momenten vielleicht eine Sekunde länger als andere. Ich hatte mich in den letzten Tagen ebenfalls gegenüber einigen langjährigen Freunden geoutet. Überall dieselbe Reaktion. Na und? Wir lieben Dich, so wie Du bist, egal ob Du mit Frau oder Mann zusammen bist! Klar, meine Reaktion gegenüber meinen Freunden wäre genau gleich ausgefallen und doch ist es anders, wenn man selber betroffen und Hauptakteurin in diesem Stück ist.

    Ich habe mittlerweile gelernt, die wunderschönen Momente dieser neuen Liebe zu geniessen. Ich habe gelernt, was wahre Freunde sind und darf mich wirklich glücklich schätzen, von so vielen wertvollen und liberal denkenden Menschen umgeben zu sein. Ich habe gelernt, mich selber so anzunehmen wie ich bin … 😉 oder zumindest arbeite ich noch dran! Ich habe gelernt, dass „Normalität“ viele verschiedene Facetten hat, je nachdem, was als Basis für die Normalität verstanden wird. Ich habe im 2010 enorm viel gelernt. Ich werde auch im 2011 weiter daran arbeiten, meine Schubladen umzuräumen, auszuweiten und mich selber durch diese neue einzigartige Herzenswärme neu zu definieren, darin zu wachsen und mich weiter zu öffnen!

  4. So wie ich mich im Alltag erlebe, bin ich durch und durch „hetero“. Aber ich hatte meine Zeit, wo ich nicht ganz sicher war, an welches Ufer ich gehörte. Das war, als ich das erste Mal „Schwulenbars“ kennenlernte; man wird da natürlich entsprechend angeguckt und merkt ein gewisses „Ziehen“ und alles ist neu. Aber ich kann das Ziehen nicht entgegnen, es funktioniert nie und nimmer. Von daher muss ich mir über meine Schublade keine Gedanken machen. Aber ich kann nachvollziehen, was für gewaltigen Stress ein Interessenwechsel nach sich zieht. Die Frage, ob man es zuerst der Mama oder dem Papa sagt und wie gross die Enttäuschung in den Gesichtern sein wird, ist nur die erste Dutzender brutaler Fragen.

    Ich beschäftige mich aber mit Kategorien resp. Schubladen, weil es mich aus Sicht der Logik interessiert. Meine Feststellung ist, dass nur der Mensch Schubladen macht, und dass diese Schubladen immer ungenügend für grosse Weltbilder sind. Sie haben einen Alltagswert, indem man mit ihnen gut aufräumen, Dinge ordnen, essen, sich anziehen oder arbeiten kann. Aber mir scheint, es gibt immer mehr Fälle, die nicht in die vorgesehenen Schulbaden passen, als solche, die passen; oder anders gesagt geben die nicht passenden Fälle immer unverhältnismässig viel mehr Arbeit als die passenden. Der Artikel zeigt mE genau diesen Mängel und bekräftigt mich in der skeptischen Haltung. Ich wusste nicht, dass Menschen auch sozusagen „vorübergehend schwul oder lesbisch werden“ können.

    Dazu möchte ich (als Laie ganz vorsichtig) die Erkenntnis des Mathematikers Gödel zitieren. Wird ein logisches System hinreichend gross, entstehen darin Aussagen, die sich weder als wahr noch als falsch beweisen lassen. Das heisst, eine gewisse Widersprüchlichkeit ist immer schon absehbar. Das hat mir geholfen, die strenge Suche nach einem vollkommenen, holistischen Weltbild zu relativieren und schon fast zu vergessen. Denn das Weltbild wäre ein sehr grosses System der Begriffslogik, und als solches kann es nicht widerspruchsfrei sein. Ende des religiösen Fanatismus.

    Fazit: Die Gesellschaft macht Schubladen wie „männlich“ und „weiblich“, und für die tausend Spielformen dazwischen, die die Natur einfach so macht, hat sie oft nur die dritte Schublade „krank“. Ich respektiere die „Schubladensysteme“ meiner Mitmenschen, weil sie ihnen Sicherheit geben: so war es, so ist es gut, so bin ich erzogen, so schütze ich mich, so funktioniert die Welt. IIch weiss aber im Hinterkopf immer, dass diese Systeme nicht adäquat sind. Sie stellen mitunter das eigentliche Problem dar, und nicht die „schubladisierten Menschen“.

    Ersetzen wir doch die Schubladen durch Fliessgleichgewichte, Arbeitspunkte, Spannungsbögen, lokale Gebiete und Vielschichtigkeit. Das sind zwar auch wieder nur Schubladen, aber viel weiter gefasste, zur Toleranz geradezu prädestinierte.

  5. ..Viele Madchen fuhlen sich in der Pubertat sexuell zu Madchen oder Frauen hingezogen. Dass Madchen sich in eine Lehrerin oder eine Freundin verlieben kommt haufiger vor als allgemein angenommen – und naturlich zugegeben wird… Doch trotz besseren Wissens kann es ganz schon verunsichern oder gar Angst machen plotzlich festzustellen dass man bisexuell oder lesbisch ist…

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