Juso-Forderung: Porno in der Schule

Die Juso arbeiten derzeit an einem Positionspapier, das einen neuen Umgang mit Pornographie fordert. Pointierteste Forderung: 10 bis 12 Jährige Kinder sollen im Sexualkundeunterricht Hardcore Pornos vorgesetzt bekommen, um den adäquaten Umgang damit zu erlernen. Eine Forderung, die deutlich macht, wie hilflos und unbedarft zum Teil mit den Thema Pornographie umgegangen wird.

Gleich vorneweg: Ja Pornographie muss im Sexualkundeunterricht – und selbstverständlich auch zu Hause – thematisiert werden, wie andere Aspekte der Sexualität auch. Aber doch nicht indem auch noch die letzen diesbezüglich unverdorbenen Kinder, mittels Pornographie vergewaltigt werden. Das ist ein krasser Übergriff auf die kindliche Integrität. Das ist Nötigung, das ist Missbrauch und es ist eine strafbare Handlung.
Pornographie zeigt einen bestimmten, sehr kleinen, Aspekt der Erwachsenensexualität. Meine Erfahrung als Körpersexualtherapeutin zeigt mir, dass sehr viele Erwachsene nicht klar kommen mit ihrem Pornokonsum, dass die Bilder zu belastend sind, dass Traumatisierungen geschehen, bzw. verstärkt werden, und dass auch die nicht beteiligten und oftmals nichtwissenden Partnerinnen, mitbetroffen sind. Genauer gesagt, dass auch sie Körperreaktionen zeigen, die auf traumatischen Stress schliessen lassen.

Bilder finden den Weg ins Gehirn

Und nun steht die Forderung im Raum, dass bereits Kinder solchem unadäquaten Bildmaterial ausgesetzt werden sollen, um einen adäquaten Umgang mit den Inhalten zu erlernen. Wie Komasaufen in der Schule, um einen adäquaten Umgang mit Alkohol zu erlernen, oder gelebte Gewaltorgien um den adäquaten Umgang mit Gewalt zu erlernen, nicht wahr?

Bilder finden via Körperempfindungen und Emotionen den Weg ins Gehirn. Das heisst, sie hinterlassen ihre Spuren sowohl auf der Körper-, wie auf der emotionalen-, wie auch auf der kognitiven Ebene.
Dazu kommt, dass sehr viele Kinder bereits sexuelle Übergriffe, sexuellen Missbrauch, sexualisierte Gewalt, Gewalt usw. erlebt haben, die in den meisten Fällen auch Traumatisierungen zur Folge haben. Wenn das Kind dann solchem für Kinder ungeeignetem Bildmaterial ausgesetzt ist, verstärken sich die Traumatas. Ein neues hockt sich auf ein schon bestehendes auf .
Auch von Aussen gesehen Unspektakuläres, oder das was ein Kind mit feinsten Antennen von Aussen aufnimmt reicht, um schon einen Boden zu legen, dass Pornographie noch verstärkt traumatisierend oder resignierend wahrgenommen werden kann. Der Onkelkuss den ein Kind erdulden muss, kann im Kind das Wissen hinterlassen, «was ich empfinde, was ich spüre etc. spielt keine Rolle, wichtiger und richtig ist, was von Aussen gesagt wird».
Die Juso Forderung zeigt einerseits, wie unwissend die Gesellschaft mit dem Thema umgeht. Andererseits, wie pornografisiert unsere Gesellschaft insgesamt bereits ist, im Sinne von «ist doch nichts dabei». Das sexuelle Verhalten von immer mehr Menschen orientiert sich an der Pornographie. Im Sommerloch werden in der Tageszeitung (Tages Anzeiger) Pornos besprochen, wie wenn’s ein Studiofilm wäre, Pornodarstellerinnen, interviewt wie Stars, beteuern in Interviews, dass sie bei der Arbeit jedesmal Orgasmen haben, und wie wertvoll diese Erfahrungen sind. An der Erotikmesse wird life kopuliert, oder um Rekorde geblasen. Und auch darüber wird dann wiederum berichtet, als handelte es sich um Sportrekorde.

Sexualität hat altersmässige Gesetzmässigkeiten

Wenn nun schon Erwachsene nicht wirklich klarkommen mit all diesen Bildern, und den damit vermittelten Inhalten, wenn sie überfordert sind damit, wenn sie oft nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können, wie sollen Kinder diesen Spagat bewerkstelligen können?
Sexualität kann ganzheitlich sein, und alle Aspekte des menschlichen Seins berücksichtigen. Sexualität hat auch altersmässige oder lebensphasenmässige Gesetzmässigkeiten, und Pornographie gehört definitiv nicht zur Kindheit und auch nicht zum Teenageralter.
Pornografie zeigt eine abgespaltene kleine Facette der Erwachsenensexualität, losgelöst von Gefühlen, Beziehung, Lebensrealitäten, Körperempfindungen etc. Aus diesem Grund birgt Pornographie Suchtpotenzial. Sie lässt den Menschen allein mit seinen wirklichen Sehnsüchten und Wünschen und Bedürfnissen. Vom geilen harten bumsen, wilden abspritzen und all den zielgerichteten Handlungen, Verkleidungen und Spielarten allein hat niemand wirklich gelebt. Porno macht einsam, Porno ist reduziert, Porno sättigt nicht.

Klar, Kinder haben heute schnellen Zugang zu Pornografie und oftmals werden sie auch ungefragt damit konfrontiert. Klar, Kinder sind neugierig was Körper und Sexualität anbelangt.
Kinder können schon von klein an darin bekräftigt und befähigt werden, dem eigenen Körperempfinden, dem eigenen Erleben, den eigenen Wünschen, im eigenen Tempo zu vertrauen, und dass es im Leben nicht darum geht, bestimmten Bildern zu folgen und die zu erfüllen, sondern dass sie immer und jederzeit selber herausfinden dürfen und können, was sie möchten und wie es sich für sie anfühlt. Es kann auch heissen, dass Kinder ihren Eltern erzählen, wenn sie mit Pornografischem konfrontiert wurden. Wie geht es dir damit, was hast du gesehen, wie hat es sich für dich angefühlt usw., das könnten Fragen sein, die dem Kind helfen, das Gesehene zu verarbeiten und einzuordnen. Eltern können ihren Kinder auch sagen, was Porno ist und was nicht. Eltern können auch die Verknüpfung zur Realität schaffen, indem sie sagen weißt du, aber in Realität gehen Männer und Frauen nicht so miteinander um, und in Realität werden Frauen wund und haben Schmerzen, wenn ein Mann das und das mit ihr tun würde, in Realität hat ein Mann nicht immer einen steifen Penis, wenn er mit einer Frau zusammen ist, in Realität sind Brüste ganz empfindlich, die darf Mann nicht so drücken und kneten wie im Film, in Realität kann das auch ganz fein und langsam sein und der Mann schimpft nicht mit der Frau usw.
Kinder sind neugierig, aber warum sollte diese Neugier mit pornografischen Inhalten beantwortet werden? Das heisst mit Bildern, die bestimmte menschenverachtende und -unwürdige Aussagen transportieren?
Warum nicht Fotos oder Zeichnungen in neutraler Pose von Menschenkörpern jeden Alters jeder Figur auch von Menschen mit Behinderungen? Das ist zu brav, das entspricht nicht der Realität, ist zu lesen. Und genau solche Aussagen zeigen, wie sehr der Bezug zum Menschen verloren gegangen ist, in diesem Beispiel auch der Bezug zum Kind und seinem Erleben und seiner altersgerechten Realität. Wie pornoverdorben auch Journalisten reagieren, wie zeitgeistgesteuert, statt am Menschen orientieret. Und manchmal habe ich den Verdacht, dass da noch zusätzlich eins drauf gegeben wird, um bei Leserinnen ja nicht den Eindruck zu erwecken, ein Medientätiger können gar am Ende prüde sein.

Kinderfragen sind nicht Erwachsenenfragen

Tatsache ist, dass nur solche neutralen Bilder wirklich besprochen werden können, eben weil sie nicht noch mit zusätzlichen Informationen überfrachtet sind. Kinder könnten die Fragen stellen, die sie beschäftigen, und die sind oft anders, als wir Erwachsene sie uns vorstellen: warum hat der nur ein Bein, warum hat diese Frau so lange Brüste, warum hat das Mädchen keine Haare an der Muschi aber die Frau schon, wann werden Knaben zu Männern, warum hat dieser Mann so knittrige Haut, warum sind die alle nackt schämen die sich nicht, bei dir sieht es aber anders aus, was ist, wenn ich wie die Königin im Märchen kein Kind bekomme, bist du mit dem Papi auch manchmal nackt, warum machen die sexy Frauen auf den Kioskheftli-Bildern immer so blöde Gesichter, was ist sexy, wie kommen denn die Samen ais dem Pimmel heraus, muss ich als Mann immer den Bauch einziehen, muss ich als Frau immer ein Bein vor das andere stellen, wie lerne ich ein Mädchen kennen, bin ich auch schön, warum muss man die Muschihäärchen weg machen, können dicke Frauen auch Babys bekommen, kann bei der Selbstbefriedigung ein Fingernagel stecken bleiben, erregt es eine Frau, wenn sie den Tampon einführt, wachsen meine Brüste noch, wie gross muss ein Pimmel werden, damit ein Mann Sex haben kann…
Kinder sehen viel mehr als Erwachsene, sie nehmen auch mehr und anders auf, und sie beschäftigen sich mit Fragen, die Erwachsene sich nicht für sie ausdenken. Lassen wir sie das doch auf Ihre Art und Weise tun, und unterstützen sie dabei in kindsgerechter Form.

Wie sehen Sie das?

4 Gedanken zu “Juso-Forderung: Porno in der Schule

  1. So schön gibt es Ihren Blog. Einen Blog, der sich mit dem wirklichen,menschlichen Wohlbefinden befasst. Ihre drei Kommentare in den Kategorien:aus dem Leben, aus den Medien und aus der Politk haben mich sehr beeindruckt. Keine provozierenden Antworten auf die Frage, soll man Fremdgehen gestehen? ja/nein, schwarz/weiss oder religiöse, moralische Ratschläge. Nein, Sie geben Hinweise, stellen Fragen, die zur Selbstverantwortung für das eigene Wohlergehen in der Beziehung anregen. Wie soll die Treue in meiner Partnerschaft gelebt werden? Was verstehe ich unter treu sein?

    Verstümmelung der Geschlechtsteile. Endlich wagt sich jemand aufzuzeigen, dass ein glückliches, zufriedenes Körpergefühl und Sexualität nicht durch chirurgische Eingriffe, Medikamente usw. erreicht werden kann, sondern von innen kommt und ganz individuell ist.

    Sehr schön, wie Sie Stellung nehmen betreffend Pornografie, aufzeigen, wie schädlich Pornokonsum ist und die daraus verherenden Wirkungen in einer Partnerschaft. Wie sollen Kinder mit so abstrusen, realitätsfremden Porno-Bildern umgehen können, wenn wir Erwachsenen schaden davon tragen?

    So gut gibt es Ihren Blog, in dem Sie wagen zu hinterfragen, zum Denken anzuregen. Hoffentlich geht es weiter so! Ich würde mich sehr freuen. Ihr Buch habe ich bestellt und freue mich, auf die sicher, interessante und hilfreiche Lektüre.

  2. Wo kommen wir hin, wenn schon Schüler mit Hardcore Pornographie konfrontiert werden, bevor sie überhaupt gelernt haben, liebevoll miteinander umzugehen und sich zu respektieren? Wie sollen die Kinder verstehen, was wahre Liebe ist, wenn gefühlsloser Sex gezeigt wird? Wie fühlt sich ein junges Mädchen, wenn es beim Sex partout noch keine Lust empfindet, wo doch in jedem Porno gezeigt wird, dass frau vor Lust stöhnen und schreien muss – mit Betonung auf „muss“. (Wie viele Frauen wurden nicht schon selber irritiert von ihren Partnern gefragt, warum man keine Laute von sich gibt?) Warum fühlen sich sensible Jungs wie Warmduscher, wenn sie zarten und langsamen Sex wollen, ihnen aber im Porno harter und schnelles Bumsen vorgezeigt wird? Wie sollen die Kinder mit Nahaufnahmen der Genitalien umgehen, wenn sie ihre eigenen Geschlechtsteile noch nicht selber erforscht haben?

    Leider wird vergessen, dass Kinder sehr gerne Erwachsene nachahmen, sei es nun im Alltag oder auch beim Sex. Sexuelle Aufklärung – ob in Primar- oder Mittelschule- via Pornographie wäre eine Zumutung und nicht mit meiner Ethik vereinbar. Wenn wir schon als junge Erwachsene selber damit traumatisiert wurden, wie sollen dann erst die Kinder damit umgehen?! Viele Pornos verbinden den emotionslosen Sex zudem mit Gewalt, was die Sachlage verschlimmert und meiner Ansicht nach zu vermehrten sexuellen Übergriffen – schon unter Kindern und Jugendlichen – führt. Auch wenn viele meinen, sexuell emanzipierter zu sein, so wäre das Zurück zum liebevollen Blümchensex bei weitem fortschrittlicher und authentischer!

  3. Als kleiner Junge spürte ich, Sexualität war vorhanden, lag in der Luft, war aber nie sichtbar. Die Eltern zeigen sich, vor den Kindern, nie zärtlich. Man wusste, wenn Mann und Frau zusammen schliefen gab es Kinder, mehr nicht.
    Im Fernsehen sah ich die erste Sexualität, Mann und Frauen rissen sich die Kleider vom Leibe, der Mann packte Frau, hob sie auf den Tisch, heftige Bewegungen mit Stöhnen und Schreien folgten. Aus dem Worten verstand ich, dass das auf dem Tisch Sexualität war, miteinander schlafen. Ich war schockiert, verängstigt, so etwas Gewalttätiges war also Sexualität. Ich wusste, wie schmerzhaft es sich anfühlte, wenn der Vater uns Kinder auf den Tisch legt und uns den Po versohlte.
    Kinder und Jugendliche können nicht mit allen Bildern umgehen und sie einordnen. Mir als Junge genügten diese Fernsehbilder, ich hatte jahrelange Angst und Abscheu vor der Sexualität. Wie sollen Jugendliche mit gewalttätigen, abstrusen Pornobildern umgehen können, wenn wir Erwachsenen darunter leiden. Wie sollen sich jugendliche getrauen, sich gegen sexuelle Belästigung / Gewalt zu wehren, wenn sie die Gewalt in den Pornofilmen als Normalität verstehen?
    Wichtig finde ich, dass die Jugendlichen wissen, dass eine dem Menschen entsprechende Sexualität etwas Schönes, Nährendens ist. Die Jugendlichen, die Möglichkeit haben ihren Körper, ihre sexuellen Gefühle, in Ruhe zu erkunden und zärtlichen Umgang damit lernen, auch Grenzen kennen.
    Pornofilme gehören nicht in die Klassenzimmer.

  4. Wie schwierig ist es immer wieder einen richtigen Weg zu finden. Ich glaube auch, das viel Kinder damit überfordert werden.
    Aber wie erschreckend ist das Internet??? Das es zum Fernsehen eine schlechte Steigerung gibt?? Wieso gibt es so viel Pädophile?? Erwachsene Männer, Väter, Intellektuelle?? Missbrauch in den Familien und irgendwie scheint es zuzunehmen?
    Ich weiss wirklich nicht, was richtig ist, leider.
    Ich glaube aber, je mehr man weiss und öffentlich macht, um so mehr kann man Tabuthemen knacken und den Opfern eine Chance geben.

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