Kens Geheimnis

Seit Jahren touren die Chippendales, die strippenden Muskelpakete,  durch die Welt. Vor 14 Jahren, damals noch Redaktorin bei der Züri Woche,  war ich auch unter den Zuschauerinnen. Als ich heute im Züri Tipp über die Gründungsgeschichte der Stripper las, war ich neugierig, was ich damals über die Show schrieb, und kramte in der Kiste mit den Belegexemplaren herum.

 

Zwei Tickets für die Männerstripshow der Chippendales lagen für mich unter dem Weihnachtsbaum.

Drei Monate später. Rund ums Volkshaus lauter Frauengruppen. Ausgelassen bis angeregt, lachend und plaudernd. Vor dem Volkshaus die «Christen für die Wahrheit».  «Mama, wo gehst du hin?» oder «Sie hier?», fragen anklagend ihre Plakate. Ja ich hier. Und ich habe im Sinn, mich zu amüsieren.

Plastik oder Vermicelles?

Punkt acht Uhr. Peitschender Sound. Lee, der Blonde mit Mausgesicht, begrüsst seine «Schatzis». Erstmals kreischen die Frauen. Und erstmals bin ich nicht mehr sicher, dass ich mich amüsieren werde. Die Männer tanzen auf der Bühne. Ohne Gefühl für Bewegung. Sie kommen mir vor wie aus Plastik. Ihre Körper unnatürlich glattrasiert und  gebräunt. Muskeln wie Vermicelles-Würstchen, zeihen sich über Rumpf und Arme. Stupides Grinsen im Gesicht. Nümmerchen an Nümmerchen , immer diese aufgesetzt wirkende Tanzerei. Szenen von einsamen Nächten in der Armee, bis zum Duschen nach dem Fussballmatch. Wie wild Luft, Badetücher oder Kissen kopulierend. Immer darauf bedacht, das Geschlecht zu verdecken. Vielleicht haben sie gar keins? Als Kind war ich enttäuscht, als ich das erste Mal Ken, den Barbiemann, entkleidete, in der Hoffnung, endlich hinter «Das Geheimnis» zu kommen. Dieses Rätsel musste ich anders lösen.

Kens Geheimnis wird nicht gelüftet

Die Chipendale-Männer haben auf mich weder eine erotische noch «pur Sex»-Wirkung, wie versprochen wird. Eher wirken sie überhaupt nicht. Zu künstlich  ist alles. Eher fürs Vitrinenschränkchen geeignet, als fürs Bett. Aber damit scheine ich in der Minderheit zu sein. Denn: Was auch immer die Chipendales tun, die Frauen kreischen. Es reicht, ein Eckchen des Hemdes hochzuheben. Es reicht, die lange Mähne über die Schulter zu werfen. Es reicht, den Waschbrettbauch zu entblössen. Es reicht, eine Frau auf die Bühne zu holen, und auch an ihr die selben mechanischen Kopulationsbewegungen zu vollziehen, wie vorher an Kissen und Bedetüchern. Alle Frauen auf der Suche nach Kens Geheimnis?

Etwas muss man diesen Kunstmännern lassen: Sie ziehen sich eleganter aus, als die richtigen. Na ja, kein Wunder. Sie tragen auch keine Socken. Ihre Strings haben seitliche Hakenverschlüsse. Die hautenge Jeans liegt dank Klett mit einem Griff am Boden. Aber nach der x-ten Entkleidungs-Szene wird es auch noch langweilig, denn gerade variantenreich sind sie nicht. Auch nichts Verspieltes oder von Innen heraus Erotisches ist auszumachen. Viel eher klischeehaft Mechanisches. Hemd auf, Brust raus, Bauch rein. Hose auf, umdrehen, Hose runter Hintern raus, umdrehen, Licht aus. Kens Geheimnis wird nicht gelüftet.

Fazit: Ein knackiger Po allein macht noch keinen Frühling. Auch bei Männern nicht. Aber ich möchte keine Spielverderberin sein, vielleicht macht Ihnen diese Show ja Spass! Heute, morgen und übermorgen im Volkshaus Zürich.

2 Gedanken zu “Kens Geheimnis

  1. Kens Geheimnis wurde bei mir auch nicht gelüftet. Auf Weihnachten wünschte ich mir von der Grossmutter, einen Puppen-Buben, im Spielzeugkatalog las ich über ihn. Als erstes zog ich ihm die Hosen aus,(selbstverständlich nicht unter dem Weihnachtsbaum),zwischen den Beinen war ein komischer Ringelknopf, wie beim Sparschweinchen. Der einzige Unterschied war, der Puppen-Bub musste in den Schrank geschlossen werden, wenn Besuch kam, das Sparschweinchen durfte auf dem Büchergestell bleiben. Irgendwie wusste ich, dieser Ringelknopf war nicht das Geheimnis, dass ich mir erhofft hatte.
    Zu der Show denke ich, wie alles, was v.a. die Sexualität und Werbung betrifft, es wird widernatürlich aufgebauscht und entspricht so nicht dem Menschen. Hauptsache es bringt Geld ein, es gibt ein paar Schlagzeilen und füllt die leeren Seiten oder Abende.

  2. Ein Blick auf Youtube zeigt, dass es auch heute noch eine recht technische Show ist. Für sinnliche Erotik fehlt mir die Ruhe und das Knistern. Die Erotik steht für mich nicht im Zentrum, sondern die Show, die Action und die Perfektion.

    Wie müsste denn eine Show für das Zielpublikum „Frauen“ aussehen, die mal wirklich auf die Erotik zielt?

Schreibe einen Kommentar