Klöppelspitzen oder gruusige Falten

Eine etwas andere Körperbetrachtung

 

Ich bin etwas Blog-faul geworden. Das liegt nicht nur daran, dass es mich in der Freizeit vorwiegend in die Natur hinaus zieht, hinaus zu Wind und Wetter und Sonne auf der Haut, sondern auch daran, dass ich einmal die Woche meinen Enkel hüte. So bleibt das Schreiben etwas auf der Strecke. Item.

Letzte Woche war ich im Theater. Ursus und Nadeschkin präsentierten ihre Lieblingskünstler und es war ein sehr gelungener und abwechslungsreicher Abend. Bis Fräulein Da Capo darüber sang wie gruusig es aussieht, wenn bei alten Frauen die Brüste so runterhängen, wie wehleidig kranke Männer sind und wie alle Frauen dann flugs zu Krankenschwestern mutieren, sie sang über die schlaffen Oberarme der Frauen jenseits der 30 und so. Und der Saal, bzw. die Frauen und Männer im Publikum kugelten sich vor lachen.

Mir bleibt ob solchem jeweils das Lachen im Bauch stecken und ich werde dann sehr sehr humorlos, denn solch klischeehafte Bilder sind meines Erachtens das Resultat von flüchtigem Hinschauen und von Blicken durch uralte und verdreckte Brillen. Ich wünsche mir, es irgendwann einmal erleben zu dürfen, dass es mucksmäuschen still bliebe im Publikum, so dass  auch Künstlerinnen und Künstler merken würden – ob nun als Parodie dargeboten oder gar ernst gemeint – dass es langsam ausgereizt und absolut unnötig ist, weiterhin solch Respektloses und Zerstörerisches zu verbreiten. Für diese Themen gäbe es ganz andere Worte, wenn sich Künstlerin oder Künstler nur getrauten wirklich hinzuschauen, und das Gesehene auch auf sich wirken zu lassen.

Gestern las ich im Roman «Die Schule der Nackten» von Ernst Augustin eine wunderbare Passage, die ich euch nicht vorenthalten möchte: «Sie bestand nur aus Runzeln, niemals im Leben hatte ich so viele Runzeln an einem Platz gesehen. Man kennt die delikate, hochgeehrte Haut der alten Damen, die sich zartblass eintausendmal in haarfeine Falten gelegt hat, und man kennt sie bis zu den weissen Krägelchen. Man denkt, hier endet die Dame. Hier endet sie aber nicht. (Nein sie hat auch einen Körper!) … Bis sie sich ausgezogen hatte, und da war sie das reinste Wunder. Denn unterhalb des Krägelchens setzte sich das delikate Netzwerk der feinen und feinsten Runzeln tausendfach fort, zehntausendfach. Was sage ich, Runzeln? Sie war eine kostbare Klöppelarbeit, jeder Zentimeter. Das Knie, die Oberschenkel, die Bauchhaut waren feinste Brüsseler Spitze, und der Rücken mit dem geraden Gesäss reinstes bestes Kroningen, sogar formal symmetrisch ausgelegt. … Sexy? Natürlich waren sie sexy. … Alle Damen waren sexy.»

Balsam in meinen Ohren. Da nimmt sich der Autor Zeit einerseits zur ausgiebigen und respektvollen  Betrachtung der alten Frauen. Zudem findet er poetische Worte für dieses Gesehene und zeichnet somit ein Bild das wohl noch kaum so gezeichnet wurde. Ein neues Bild ist entstanden. Eines weit jenseits des beleidigenden Klischees. Solche Worte würden, wenn sie denn nur verbreiteter wären, mit Bestimmtheit dazu beitragen, dass wir lernten unsere verdreckten Brillen zu putzen und mit eigenen Augen zu sehen. Und dass wir auch alter Haut zugestehen würden, sich lustvoll Wind und Wetter und der Sonne auszusetzen. (oder sich  im ärmellosen Sommerkleid in der Öffentlichkeit zu bewegen) Gerade alte Haut ist sehr empfänglich für solch sinnliche Zärtlichkeiten – denn Herbst wird es bald.

 

Ein Gedanke zu “Klöppelspitzen oder gruusige Falten

  1. Ich warte immer mit Spannung auf Ihre neuen Einträge im Blog und lese sie sehr gern. Sie haben schon so viel geschrieben, dass ich immer noch nicht ganz sicher bin, ob ich wirklich alle gelesen habe. Und das Besondere ist, wenn ich sie mal gelesen habe und nach langer Zeit wieder lese, so entdecke ich immer wieder neues oder verstehe es nochmal besser. Ich glaube nicht, dass Sie Blog-faul sind, sondern dass einfach eine neue Zeit für Sie angebrochen ist. Vielleicht werden Sie eines Tages keine Blogs mehr schreiben, genau, wie Sie aufgeghört haben für die Zeitung zu schreiben. Weil alles seine Zeit hat, wie der Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ich frage mich nur, wie Sie reagiert hätten, wenn Sie Ursus und Nadeschkin mit 20jahren gehört hätten. Über die Belustigung über die alten gruusigen Falten, hätten Sie vielleicht damals doch auch gelacht. (ich nicht, denn ich lache höchst selten). Und ich muss ehrlich sagen, unser Auge ist schon mehr auf das Ästhetische ausgerichtet. Ich bin nur noch sehr selten an einem Badestrand und erinnere mich noch, wie der Anblick alter schwabeligen, unförmiger Körper der halbnackten Badenden auf mich abstossend wirkte.(Jetzt wirkt es nicht mehr astosssend, sondern betrachte es einfach als eine natürliche Erscheinung.) Ich liebe auch Sonne, Wind und Regen am Körper, aber ich könnte mich trotzdem nicht öffendlich zeigen. Dennoch mache ich mir Gedanken über den Text von Augustin, mir hat es gefallen und ich kann mir innerlich bildlich vorstellen, dass dieser beschriebener Anblick durchaus „schön und sexy“ sein kann, weil ich bei dieser Beschreibung eine würdevolle, respecktvolle Person sehe. Aber da es ein Roman ist, ist es eben ein Bild, eine „Schönmalerei“ die nicht der wirklichkeit entspricht. Und da ich selber immer mehr dem Herbst nähere ist es für meine Ohren natürlich auch viel mehr Musik als das von U+N gepläre…aber ich spüre auch ganz genau, was Sie sagen wollen, oder worum es geht, nämlich; Respeckt, Wertschätzung, Achtsamkeit und Würde und Sorgfalt, sich selber gegenüber, dem Mitmenschen gegenüber, der Natur und den Tieren gegenüber. Warum ist das alles verloren gegangen? Seit wann ist es verloren gegangen? Seit der Ausrottung der Indianer, der Naturvölker??? Warum findet Ihre (unsere) Bemühung keine Beachtung, kein Gehör? Ich staune über Ihre konsequente, gradlinige beharrliche Hartnäckigkeit und wünsche es mir innig, dass Ihren Wunsch sich erfüllt, wenn es einmal in einem Saal still wird…Robbin und Co

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