Licht ins Dunkel

Mein Wunsch zum ersten Advent: Mögen die missbräuchlichen Aspekte der Sexualität den Weg ans Licht finden!

Ich bin fast jeden Tag mit den düsteren, nicht selbstregulierten Seiten der Sexualität konfrontiert: Mit den Auswirkungen die Missbrauch, Gewalt, Übergriffe usw. oft ein Leben lang haben können. Wie viel Leid und Leiden könnte verhindert werden, wenn der Sexualität in Familie und Gesellschaft ein Boden bereitet würde, der es ermöglicht, sie freudig und selbstbestimmt zu leben. Einen Boden, der es ermöglicht, die eigenen Bedürftigkeiten wahrzunehmen und dafür Verantwortung zu übernehmen, statt sie auf Kosten anderer zu stillen. Auf solch einem Boden, wäre es nicht mehr an der Tagesordnung, mittels sexueller Handlungen die eigenen Kinder, das Patenkind, den Neffen, die Schülerin usw. zu missbrauchen. Gewachsen auf diesem Boden, wüssten Mann  und  Frau, dass nicht das Gegenüber dafür zuständig ist, Bedürftigkeiten zu stillen. Und sie wüssten: Gewalt hat mit Sexualität nichts zu tun. Ein guter Boden böte Sicherheit, damit die Missbrauchslinie, die sich oftmals von Generation zu Generation weiterzieht, durchbrochen werden kann.

Das wünschte ich mir sehr, gerade jetzt in der Adventszeit, der Zeit des Wartens auf das Licht.

Denn Vater, bist du dir bewusst, dass du deiner Tochter verunmöglichst, ihren eigenen Körper zu bewohnen, wenn du deine Bedürftigkeiten auf ihre Kosten zu nähren suchst? Mutter bist du dir bewusst, dass du deinen Sohn in tiefer Verwirrung zurücklässt, wenn du deine Reize an ihm erprobst? Götti, du hinterlässt eine Spur der Scham und Verzweiflung, wenn du das Vertrauen deiner Patentochter für deine Zwecke missbrauchst. Tante, deine erzwungenen Küsse, prägen das Wissen, nicht selber über den Körper bestimmen zu dürfen.

Und ihr Medien? Ist es notwendig, zur Illustration eines Inzests seitenfüllend mit einer Gruppensex-Darstellung aufzumachen? Inzest ist keine Sensation, sie ist bittere Realität. Seid ihr euch nicht bewusst, was so ein Bild auslösen kann, ungefragt dargereicht in einer Tageszeitung? Bei den Betroffenen, bei anderen Betroffenen?

Und warum wird eine Lesung als «Erotische Lesung»  angekündigt, wenn dann eine Geschichte von Kindsmissbrauch aus Sicht des Täters gelesen wird?  Missbrauch muss als solcher benannt, und darf nicht verpackt als Erotik schön geredet werden.

 Weiss die Gesellschaft denn nicht, was die Auswirkungen von Missbrauch, von sexualisierter Gewalt, von vermeintlich harmlosen Anzüglichkeiten, von vermeintlich harmlosem Zeigen von Pornografischem, vom vermeintlich harmlosen – vom Kind unerwünschten – Onkelkuss usw. sein können?

Diese Menschen werden oftmals unberührbar.

Vereinfacht gesagt gibt es zwei Arten auf solche Vorkommnisse zu reagieren. Entweder mit einer völlig überbordenden, grenzenlosen, pornomässigen Sexualität, oder dann indem sich die oder der Betroffene alles körperlich/sexuelle vom Leibe hält. Beides sind die Handlungen Unberührbarer. Sie lassen nichts wirklich an sich heran. Und die anderen, die den Weg in die sogenannte Normalität gefunden haben, die verheiratet sind, die Kinder haben? Sie lassen Sexualität so gut es geht zu, aber oft weit davon entfernt, darin wirklich Freude und Erfüllung zu finden.

Das Schweigen brechen

Ja klar, das ist ein bisschen ein düsteres Bild, das ich hier zeichne. Und ich weiss, dass es auch ganz viele Menschen gibt, die einen Weg gefunden haben, um heil zu werden. Aber der hat immer damit begonnen, das Schweigen zu brechen, und Licht ins Dunkel zu bringen. Um nicht länger Opfer zu bleiben ist der klare Entscheid fällig, jetzt das Heft selber in die Hand zu nehmen und mit Unterstützung für die eigene Heilung  zu sorgen. Auch Täter sollten das Schweigen brechen,  und die Konsequenzen ihres Handelns tragen. Denn durch ihr Schweigen und Leugnen wird die Last des Opfers noch grösser. Und auch wenn Mütter ohne Wenn und Aber sagen würden: Ja ich habe es gewusst, würde die Last vermindert, weil somit alle – auch indirekt – Beteiligten den Teil tragen würden, für den sie zuständig sind.

Drum noch einmal mein Wunsch: Möge das Licht des Advents auch mehr Licht in die Sexualität bringen.

3 Gedanken zu “Licht ins Dunkel

  1. Als ich Ihren Wunsch las, musste ich die Tränen zurück halten. Wie oft wünschte ich mir, unsere Familie könnte Licht ins Dunkle bringen. Aber es wird geschwiegen und das Geschehene verharmlost, abgetan. „Das war nicht schlimm, Ihr Kinder habt fantasiert und überhaupt, der Grossvater ist lange tot, über Tote spricht man nicht schlecht. Mit dem Tod ist die Sache erledigt“.
    Die Sache steht immer zwischen unseren Eltern und uns Erwachsenen „Kindern“, eine kalte, dunkle Mauer, die einen herzlichen Umgang verunmöglicht, kein Vertrauen mehr zulässt. Schuldgefühle bleiben auf beiden Seiten zurück, was haben wir als Kinder falsch gemacht, dass der Grossvater mit uns so Sachen gemacht hat, warum hat uns damals niemand geholfen? Die Eltern äussern ihre Schuldgefühle nicht, spürbar sind sie in ihrer Abwehr, über die Sache wird nicht gesprochen, die ist vorbei!!!
    Für mich war es eine grosse Erleichterung, als ich das erste Mal hörte, dass Kinder nie schuldig sind, wenn sie sexuelle Übergriffe erlebt haben. Die Schuldgefühle werden weniger, der Wunsch nach einer Partnerschaft in der Sexualität gelebt wird grösser. Licht ins Dunkle brachte mir, mein Therapieweg (Psychotherapie und Körpersexualtherapie). Es ist ein langer Weg, der sich lohnt, die Lebensqualität wird immer besser.

  2. Es ist als läse ich meine eigene Geschichte, es ist so wahr. Auch ich habe Mühe mit der Sexualität. Und obwohl ich seit einem Jahr verheiratet bin kommt dies bei uns sehr selten vor, auch weil ich ein schlechtes Gewissen in der Hinsicht habe. Ich darf es nicht geniessen, sagt mir mein schlechtes Gewissen, und ich hasse mich immer noch sehr dafür dass ich dies als Kind zugelassen habe.

  3. Als ich diesen Artikel las, löste er eine grosse Resonanz aus und mein Unterleib verkrampfte sich. Ich stimme dem Wunsch zu, dass viel Licht ins Dunkel kommen soll. Auch wenn ich diverse Male mit einem blauen Auge davon gekommen bin, so haben die Übergriffe doch Spuren hinterlassen. Als ich zehnjährig war, wurde ich während einigen Wochen von sieben Klassenkameraden in jeder Pause und auf jedem Nachhauseweg „gefangen gehalten“, in eine dunkle Garage oder einen Zivilschutz-schacht gesperrt. Sechs Jungs hielten mich jeweils fest und einer nach dem anderen küsste und knutschte mich gegen meinen Willen ab. Mit der Zeit wagten sie sich weiter vor und betasteten mich. Ich konnte mich zu Hause niemandem anvertrauen, meine Eltern waren gerade in Trennung, meine Mutter viel am weinen, und ich musste stark sein. Ich löste es auf meine Weise. Ich wusste, wenn ich nichts unternehmen würde, dann würde dies noch Wochen so weitergehen und die Jungs wurden von Tag zu Tag forscher. Ich wollte nicht länger schweigen. Somit vertraute ich mich meinem Klassenlehrer an, auch wenn sich in mir alles dagegen sträubte, doch er schien die einzige geeignete Person dafür. Ich bat ihn um Stillschweigen und dass er ja nichts meinen Eltern erzählen sollte. Es brauchte Mut – ich war erst zehn Jahre alt – und ich fühlte mich sehr blossgestellt. Alle Jungs meiner Klasse erhielten im Anschluss eine Standpauke (komischerweise auch jene, welche nicht darin verwickelt waren.) Während den Pausen patroullierte fortan eine Lehrkraft, welche schaute, dass sich die Mädchen und Jungen meiner Klasse immer an verschiedenen Orten aufhielten. Unsere Klasse war in der Folge gespalten, und ich fühlte mich schuldig dafür. Nach meiner „Beichte“ gegenüber meinem Klassenlehrer wurde nicht mehr darüber gesprochen.

    In den Folgejahren machte ich weitere negative Erlebnisse und entkam auch einer Verfolgung mit versuchter Vergewaltigung … glücklicherweise hatte ich immer einen Schutzengel an meiner Seite, welcher mich vor dem Schlimmsten bewahrte. Meine Eltern liessen sich letztendlich scheiden, mein Vater ging mit Kumpels in Männerferien nach Thailand, Brasilien etc …. Mein generelles Männerbild war auf dem absoluten Tiefstand. Klar, mir war bewusst, dass es auch die anderen – für mich „charakterlich guten“ – Männer gab. Doch was mich am meisten belastete war der begangene Vertrauensbruch. Unter den sieben Jungs befand sich einerseits mein bester Kindergartenfreund – wir waren während einigen Monaten unzertrennlich – und andererseits mein erster „Schulschatz“. Ich konnte es nicht fassen, dass sie mitmachten; dass sie sich dem Gruppenzwang beugten, denn im Kollektiv waren sie stark. Ich hatte jahrelang Mühe, Vertrauen zu fassen, Nähe zuzulassen, Küsse zu erwidern und litt unter Beziehungsängsten.

    Gegen aussen wirke ich selbstbewusst, doch innerlich sieht es öfters anders aus. Mein Umfeld nimmt immer automatisch an, dass ich diverse Beziehungen hatte oder in einer Partnerschaft lebe – wenn die wüssten, dass ich absolut beziehungs-unerfahren bin. Ich bin immer heilfroh, wenn niemand auf das Thema „Beziehung“ zu sprechen kommt. In mir ist eine tiefe Traurigkeit diesbezüglich vorhanden, dass ich mich bis anhin nicht darauf einlassen konnte. Ich fühle mich so was von zurückgeblieben, nicht richtig „Frau“, absolut unerfahren und manchmal zerreisst es mich innerlich fast. Doch Heilung braucht Zeit. Man muss zu Beginn selber bereit sein, das Ganze nochmals anzuschauen und es dann einfach sein lassen – denn ändern kann man die Vergangenheit nicht mehr. Heilung kann nur erfolgen mit dem Fokus auf das Jetzt und auf die Zukunft. Was war, das war. Man muss aus der Opferrolle herauskommen, Eigenverantwortung übernehmen und sich an die glücklichen Momente erinnern.

    Ich wünsche allen ganz viel Durchhaltevermögen und den Mut, darüber zu kommunizieren – ob gesprochen oder geschrieben! Die Themen sollen kein Tabu mehr sein und vielleicht wagt es der/die eine oder andere, sein/ihr Schweigen zu durchbrechen. Nur so kann Licht ins Dunkel kommen!

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