Offener Brief an meine Krankenkasse

Besten Dank für Ihr Schreiben vom Oktober 2011, das Sie meiner neuen Krankenkassenpolice beigelegt haben. Sie glauben, dass meine Wahl der Krankenkasse auf «Bauchgefühl und Fakten» beruhe, und Sie wollen mir, indem ich Sie «als Partner» gewählt habe, einen «wichtigen Teil der Verantwortung abnehmen». Damit bin ich gar nicht einverstanden.

 

 

Ich bin seit mehr als 50 Jahren Ihre Kundin, oder «Partnerin», wie Sie sich im Brief ausdrücken. Einerseits bin ich das, weil ich keine Lust habe, auf das seltsame, geldverschluckende jährlich wiederkehrende Prämienlotterie-Spiel einzusteigen. Andererseits ist es Pflicht, sich versichern zu lassen. Ob bei Ihnen oder anderswo spielt in meinen Augen letztlich nicht so eine Rolle. (pragmatisches Bauchgefühl) Klar, in all den Jahren haben Sie Ihren Anteil immer bezahlt (Fakten) – wenn eine Massnahme oder Behandlung in Ihrem Sinne war.

 

Und damit sind wir bei dem Punkt angekommen, wo ich Ihnen vehement widersprechen muss: Indem ich Sie als meinen Krankenversicherer wähle, gebe ich keinerlei Verantwortung an Sie ab. Da scheinen Sie etwas vollkommen falsch verstanden zu haben. Instanz was meinen Körper, meine Gesundheit und mein Wohlbefinden anbelangt bin ich. Instanz, was für mich ethisch vertretbare Behandlungen sind, bin auch ich.

 

Ich gehöre zu den Menschen, die ihren Körper überdurchschnittlich gut wahrnehmen, und dadurch in vielen Fällen vorbeugend Massnahmen ergreifen, so dass eine Krankheit gar nicht erst ausbricht. (Man geht übrigens davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Menschen so funktionieren. Das heisst ein knappes Fünftel Ihrer Klientel.) Bei mir ist es z.B. so, dass schulmedizinische Verfahren entweder nur selten wirken, oder happigste Nebenwirkungen haben. Vor allem Medikamente. Das kann heissen: Eine medizinische Diagnose kann hilfreich sein, aber die Behandlung muss ich dann meist wieder selber in die Hand nehmen und ausprobieren was hilft, ohne durch Nebenwirkungen einer Therapie die nichts nützt, komplett auszufallen.

 

Sie verstehen sicher, dass ich meine Verantwortung also nicht auf Sie abwälzen kann und will. Auch nicht auf Ärzte, denn im akademischen Bild des Menschen scheint es oft nur eine Art Mensch zu geben, aber dass es sozusagen noch eine Spezies innerhalb der Spezies gibt, deren Körper anders als wissenschaftlich vorgesehen reagieren, scheint noch nicht verbreitet zu sein, bzw. die Forschung nimmt sich dem erst laaaangsam an. Ist halt nicht so attraktiv, ähm lukrativ.

 

In diesem Punkt sind wir uns einig: Meine Gesundheit ist mir wichtig und meinen Körper erachte ich als ein Geschenk, dem ich möglichst Sorge tragen will: Esse gut und schlafe viel, bewege mich oft und gerne, lache mehrmals täglich, habe wenig Stress und eine Arbeit die mich erfüllt, ergreife vorbeugende Massnahmen, und lasse mir notwendig erscheinende Behandlungen zukommen – und bezahle davon vieles selber, weil es nicht in Ihrem Sinne ist. Sie würden mir viel lieber Arztbesuche, teure Medikamente und die von Ihnen als «die Richtigen für alle» erachteten Vorbeugemassnahmen bezahlen. Aber hochsensible Menschen funktionieren in vielem anders als die Mehrheit.

 

Sie werden also sicher verstehen, dass ich mich manchmal darüber ärgere, dass ich zwangsversichert bin, aber nicht darüber bestimmen darf wie ich behandelt werde, und in Zukunft wohl auch immer weniger, wer mich behandeln soll. Finden Sie es richtig, dass Sie sich als meinen Partner bezeichnen, aber mir Verantwortungen, die nur ich selber tragen kann, absprechen? Beispielsweise den saisonalen, sehr starken Heuschnupfen, muss ich doch nicht jährlich diagnostizieren lassen, und behandeln nützt leider auch nichts, ausser man wäre so zynisch, und würde die starken Nebenwirkungen der Medikamente als Nutzen bezeichnen. Die Massnahme die mir hilft, diese jeweils 3 Monate einigermassen zu überstehen, die steht in diesem Zusammenhang nicht in Ihrem Pflichtenheft. Also ist selber zahlen angesagt.

 

Es ist also offensichtlich: Sie glauben tatsächlich, dass ich Ihnen ein Stück meiner Verantwortung abgetreten habe. Sie bestimmen was gut ist für mich. Sie haben Listen und Kataloge wo alles schön aufgeführt ist, was sein darf und was nicht. Nur: Was ist, wenn nicht ist was sein sollte?

 

Ich halte also noch einmal in aller Deutlichkeit fest: Ich möchte vorbeugend und behandelnd selber bestimmen können, und wenn ich schon zwangsversichert bin, wünschte ich mir, dass Sie Ihren Teil der Verantwortung als Partner tatsächlich nehmen und Notwendiges auch bezahlen, auch wenn es nicht im Katalog steht. So wie ich meinen Teil der Verantwortung auch trage. Das wäre Partnerschaft. Das andere ist ein Machtspiel, und das hat mit Partnerschaft nichts zu tun.

Hochachtungsvoll

Ihre treue Kundin (Partnerin)

 

3 Gedanken zu “Offener Brief an meine Krankenkasse

  1. Frau Santiago, Ihr Thema spricht mir aus dem Herzen .
    Als chronisch kranker bin ich sehr froh über die „Zwangsversicherung „ aber nicht glücklich damit. Mehr Freiheit und Veranwortung für meinen Körper zu übernehmen, ermöglicht mir die Zusatzversicherung für Komplementär- oder Alternativmedizin. Mit der bin ich zwangsverheiratet bis der Tod uns scheidet oder bis ich es mir finanziell nicht mehr leisten kann. Für einen Wechsel dieser Versicherung muss man ein prachts Partner sein, die letzte Zeit nicht in ärztlicher Bahndlung, an keiner schweren oder chronischen Krankheit leiden, keinen Spital- oder Klinikaufenthalt gehabt haben und wenn möglich unter 25 Jahren sein. Sonst werden einem Vorbehalte aufgebrummt. Zukünftig denke ich ist NichtraucherIn und BMI von 19 Vorschrift.
    Sprich, nur gesunde Menschen sind erwünschte PartnerInnen, die auch reich sind und sich die Freie Arztwahl und Zusatzversicherungen leisten können.

    Für mich sollten Krankenkassen für die kranken Menschen da sein, die indivuell behandelt werden und nicht nach Katalogen abgefertigt, egal ob sie zu der Schicht „working poor“ gehören oder zu den gut Verdienenden.

    Nicht nur die kranken Menschen würden von einer individuelleren Behandlung provitieren sondern lägnerfirstig gesehen auch die Kassen.

    Dank Ihrer Therapie konnte ich die jahrelang verschriebe Medikamentation absetzten, die das 4-fache pro Monat gekostet hat als ihre Therapie. Leider wird Ihre Leistung nicht von der Kasse ankerkannt! Medikamente und die dadurch nötigen Laboruntersuchungen schon.
    Dank Ihnen erholen sich meine Leber, Nieren und Magen wieder und die Lebensfreude kehrt zurück. Lieber verzichte ich auf Ferien, Weiterbildung usw. gönne mir aber Ihre wohltuende und heilende Therapie.

  2. Wau….. das nenne ich klaren Durchblick zum Thema „Partner“ Krankenkasse und „Verantwortung abnehmen“ 🙂 Auch ich kenne und habe solche Situationen seit Kindheit. Ich reagiere eigentlich immer nicht „normal“ und habe heftigste Reaktionen. Seit 30 Jahren habe ich die Verantwortung für meinen Körper übernommen, so gut es mir jeweils in diesem Moment bewusst und möglich war. Natürlich habe ich viiiieles ausprobiert und mit der Zeit festgestellt was mir gut tut oder eben eher schadet. Und das war eben nicht die schulmedizinische Unterstützung.
    Vor einem Jahr kam ich in eine Lebenssituation, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Aus beruflichen Sicherheitsgründen, finanziellen Aspekten und wegen dem System, musste ich natürlich das schulmedizinische Verfahren in Anspruch nehmen. Es war sicher soweit gut, doch was mir wirklich geholfen hat waren die therapeutischen Behandlungen bei Frau Santiago, die natürlich nicht von der Krankenkasse bezahlt wurden. Schon mein Leben lang habe ich immer hilfreiche Behandlungen erfahren dürfen, die ich doch immer von meinem eigenen Geld bezahlen musste. Manchmal konnte ich es durch die Zusatzversicherung abdecken.
    Auch mir geht es so, dass ich lieber auf Ferien verzichte und dafür mir etwas Gutes tue. Schade, dass nicht mehr Menschen, die so dringend Hilfe benötigen und es sich evtl. finanziell nicht leisten können, von so wertvoller, ganzheitlicher Therapie profitieren können. Mein Wunsch wäre, dass die Krankenkassen mehr offen wären für individuelle Abklärungen. Noch besser wäre, wenn es eine qualifizierte Testperson gäbe, die einige Therapien besuchen würde.
    Ich bin der Meinung, dass man es erst wirklich versteht was beraten-berühren heisst, wenn man es am eigenen Leibe erfahren hat. So eine Testperson wär doch toll, nicht wahr?!?!
    Aus meiner Sicht wäre es grossartig, wenn Frauen zum Thema Missbrauch und anderes……von der Krankenkasse unterstützt würden für eine ganzheitliche Therapie mit hochprofessioneller sensibler Art, so wie sie Frau Santiago anbietet. Ich bin der Meinung, dass das finanziell der Krankenkasse viiiiiel günstiger käme. Ein weitere Vorteil sehe ich darin, dass man durch diese Therapie Eigenverantwortung lernt für sich, sein Leben, sein Körper……

  3. Ich finde das Thema in unserer Gesellschaft äusserst wichtig, auch dass es kritisch hinterfragt wird. Nur schon die finanzielle Belastung durch Krankenkassen ist für viele Leute ein ernsthaftes Problem.

    Verantwortungsbewusstsein und Fahrlässigkeit: Ich habe Leute kennengelernt, die z.B. 18 Stunden lang nichts trinken. Mit dem „leichten Schwindelgefühl“, dass sie dann im Kopf haben, gehen sie zur Notaufnahme ins Spital. Andere Leute gehen zur Notaufnahme ins Spital, weil sie den Bierverschluss nicht mehr vom erigierten Schniedel weg kriegen. Ich kenne Leute, die mit ihren Medis wie auf Krücken „vorwärts humpeln“ können, aber eine echte Verbesserung ihrer Lebensqualität kriegen sie so nicht hin.

    Die Idee einer Versicherung ist, dass das Kollektiv die Einzelfälle trägt – doch was ist, wenn die Vorstellungen von Fahrlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein, und auch die Vorstellung gültiger Lösungswege in diesem System zu weit auseinander driften? Ungerechte Situationen sind vorprogrammiert.

    Aktuell ist hier eines der krassesten Beispiele von Ungerechtigkeit, die ich mir denken kann:
    http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Operation-fuer-77000-Franken-selber-bezahlt/story/21063497

    Wo will man ansetzen? Es heute beispielsweise politisch kaum durchsetzbar, Risikogruppen anders zu behandeln als nicht-Risikogruppen. „Krankenkasse bestraft Übergewichtige“, titeln dann die Zeitungen. Die Debatte, ob ein 80-Jähriger Patient tatsächlich noch eine Herzoperation braucht, dürfen wir mit unserem Moralverständnis kaum öffentlich führen. Natürlich möchte ich auch meiner 80 jährigen Mutti die Herzoperation gönnen, wenn es mich selber betrifft.

    Eventuell sollte ein anderes Nutzenverständnis zugrunde gelegt werden. „Nutzen“ = „messbare, dauerhafte Verbesserung der Lebensqualität“. Die Massnahme, die das schafft, trägt die Krankenkasse grundsätzlich mit.

    Schwierig…

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