Re-Traumatisierende Gynäkologische Untersuche

Ich kenne keine Frau, die gerne zum Gynäkologen/zur Gynäkologin geht. «Augen zu und durch», ist offenbar eine weit verbreitete  Haltung, um diese Untersuche und Eingriffe durchzustehen. Ich möchte Frauen dazu ermutigen, auch bei der Ärztin/beim Arzt die Verantwortung für ihren Körper zu wahren.

«Sie hat das Spekulum einfach in meine Vagina reingewürgt. Es hat so weh getan, ich konnte nur noch stopp, aber sicher nicht so» rufen, erzählte mir kürzlich eine Klientin. Sie ist mit ihrer Schilderung kein Einzelfall.

Diese Frau hatte in jungen Jahren eine Vergewaltigung erlebt, später eine traumatisierende Geburt. Nach den Anfangsjahren ihrer Ehe, wo sie Sexualität eher aus Pflichtgefühl gelebt hatte, erlebte sie Ihre Genitalsexualität mittlerweile als beglückend, weil sie gelernt hat ihrem Körperempfinden und ihrem Tempo zu trauen, und das Ihrem Mann auch mitzuteilen.

Nach oben erwähntem Untersuch ist die Angst in Ihren Körper zurückgekommen, und nur schon der Gedanke daran, mit ihrem Mann zu schlafen, liess alles in ihrem Inneren sich zusammenziehen. Körper verkrampft, Vagina verschlossen, beschrieb sie ihr Empfinden. Und gleichzeitig hat sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als wieder mit ihrem Mann schlafen zu können.

Erste Hilfe: Realitätsüberprüfung

In solchen Situationen kann als «Erste-Hilfe-Massnahme» angezeigt sein, eine Realitätsüberprüfung zu machen. Was ist JETZT. Wo bin ich, wie alt bin ich, mit wem bin ich, wie riecht es, was sehe ich, was höre ich, usw. JETZT.

Und dann die Frage: Ist es adäquat, dass mein Körper JETZT mit sich zusammenziehen auf die liebevolle Annäherung meines Mannes reagiert? Die Antwort ist in diesem Fall Nein, weil sie ja mit ihrem Mann sein und mit ihm auch Sexualität leben möchte.

Im geschilderten Fall ist die zusammenziehende Körperreaktion eine Reaktion die sich auf frühere Ereignisse bezieht. Letztes auslösendes Ereignis war offenbar der als achtlos durchgeführt und als schmerzhaft erlebte Genitaluntersuch, und hat mit dem momentanen Ereignis, «Mann möchte sich ihr körperlich annähern»,  nichts zu tun. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen was geschieht: Ach ja, mein Körper reagiert solcherart, weil ich mich ausgeliefert gefühlt habe und weil es weh getan hat. Ist ja klar, dass sich mein Körper zusammenzieht. Aber jetzt, wenn mein Mann sich mir nähert, ist es nicht nötig.

Wenn sie sich das solcherart vergegenwärtigt, kann sich ihr System, das offenbar seit dem Untersuch in Alarmzustand ist, auch wieder entspannen. Ah ja, das ist ja mein Mann, ich habe ihn ausgewählt, ich bin mit vollem Bewusstsein mit ihm diese Ehe eingegangen, ich möchte ihm nahe sein können.

Der Partner kann die Frau unterstützen

Wenn die Frau die Realitätsüberprüfung gemacht hat, und in ihrem Körper, beim Gedanken an körperliche Nähe mit ihrem Mann, auch eine gewisse Entspannung spürt, dann kann als nächster Schritt langsame körperliche Annäherung geschehen. Eine ganz wirkungsvolle Art der sexuellen Nähe ist das still ineinander ruhen, das heisst, genital vereinigt zu sein, jedoch ohne sich zu bewegen. Wichtig ist, dass der Mann das Eindringen nicht forciert, sondern sich dem  Tempo der Vagina anpasst. So hat die Frau Zeit zu spüren was passiert, ihr Gewebe langsam wieder zu entspannen, den Mann anzuschauen, erneut eine Realitätsüberprüfung zu machen usw. und auch der Mann kann einmal in aller Ruhe all die feinen Regungen der Vagina spüren, und wie es ist, einfach umfangen zu sein. Wenn sich etwas löst, kann es gut sein, dass eine Reaktion kommt, beispielsweise ein heftiges Weinen. Schön wäre es, wenn der Mann diese Reaktion aushalten kann, im Sinne von: Ich bin bei dir, ich komme mit dir da durch. Und dafür muss er nichts tun, nichts sagen, sondern mit seinem Penis (ob weich oder hart) einfach präsent bleiben.

 Um nach einem traumatisierenden Ereignis den eigenen Körper wieder bewohnen zu können, ist ein Entscheid nötig. Ja ich will. Oftmals braucht es dazu natürlich Hilfe von Aussen, da sich traumatisierende Ereignisse kumulieren, das heisst mit jedem Ereignis verstärkt sich ein vorausgehendes, und so kommt es, dass z.B. ein Genitaluntersuch bei der einen Frau eine traumatische Stressreaktion auslöst, und bei einer anderen Frau einfach ein ungehalten sein, über die Unsorgfalt.

Selber Verantwortung übernehmen

• Ich ermutige Frauen dazu, dem Arzt/der Ärztin zu sagen, wenn sie z.B. berührungsempfindlich sind oder Missbrauch etc. erlebt haben. Etwas was Frauen aus Scham leider oft unterlassen, und den Untersuch einfach über sich ergehen lassen.

• Ich ermutige Frauen dazu, beim Arzt/bei der Ärztin zu verlangen, dass medizinische Geräte wie Spekulum oder Ultraschallkopf selber eingeführt werden können, im eigenen Tempo, in der eigenen Zeit. (Ich weiss, dass dieses Angebot von vielen Frauen  auch abgelehnt wird, weil sie es nicht gewohnt sind, selber Verantwortung zu tragen)

• Ich ermutige Frauen dazu, körperlich voll präsent zu bleiben und zu spüren wie sich der Untersuch anfühlt, auch was für Gefühle und Gedanken sich allenfalls einstellen.

Und wichtig ist auch, vor allem für Frauen die bereits traumatisierende Erlebnisse hatten, im Wartezimmer innerlich die Realitätsüberprüfung durchzuführen: Ich sitze im Wartezimmer,  habe mit Dr. sowieso diesen Termin vereinbart, ich fühle mich gerade so und so. Einbezogen werden alle über die Sinne wahrnehmbaren Reize, Geruch, Wetter, Kleidung etc. Wenn das Gefühl entsteht, ganz im JETZT zu sein, dann kann gedanklich auch der Untersuch vorweg genommen werden: ich stelle mir alles vor was ich sagen/fragen möchte,  ich gebe ihm/ihr auch ganz konkret die Erlaubnis, mich zu untersuchen. Ich gebe mir selber die Erlaubnis mich zu entspannen und ganz präsent zu bleiben und sofort zu sagen, wenn mir etwas unangenehm ist, und ich werde auch darauf beharren, dass notfalls der Untersuch abgebrochen wird.

• Und Ärztinnen und Ärzten gebe ich bedenken: Durch Ihre Arbeit betreten Sie bei der Mehrheit der Frauen ein in irgendeiner Weise verletztes Gebiet. Wie wäre es, wenn Sie Ihre Patientinnen, statt nur darüber zu informieren was Sie tun, auch ganz konkret um Erlaubnis bitten würden, bevor sie zum Untersuch übergehen?

 Wie ist Ihre Erfahrung als Frau, als Partner, oder als Ärztin/Arzt?

4 Gedanken zu “Re-Traumatisierende Gynäkologische Untersuche

  1. Was ist der grössere Greuel: Frauenarzt oder Zahnarzt!? Bei beiden Terminen bin ich immer unheimlich froh, wenn die jährliche Kontrolle vorbei ist und ein Seufzer der Erleichterung geht durch meinen Körper. Nach meiner kürzlichen diesjährigen Gynäkologischen Untersuchung bin ich noch froher als sonst, nun zwei Jahre Ruhe zu haben. Ich kam mir vor wie ein Abflussrohr, welches unzimperlich vom Sanitär mit einem Werkzeug aufgesperrt, auf Schäden untersucht und saniert wurde. Sogar ein Pferdemetzger hätte mehr Feingespür an den Tag gelegt. Und einmal mehr heisst es für mich, eine neue Gynäkologin zu suchen. (NB: Tipps für gute Adressen in/um Zürich sind herzlich willkommen!)

    Einige Frauen können folgendes sicherlich nachvollziehen: kaum hat man das Gefühl, in guten Händen zu sein – wechselt die Ärztin! Man wartet die Nachfolge ab, erlebt einen tiefen Rückschlag und muss wieder von neuem suchen. Meine persönliche Ausbeute: 5 Frauenärztinnen in nur 10 Jahren, Tendenz steigend! Leider fehlt mir persönlich sehr oft das nötige Vertrauen, mich der Ärztin zu öffnen. Einerseits bin ich immer wieder erstaunt – im negativen Sinn – dass die Frauenärzte infolge Zeitmangel ihre Standardfragen nur so herunterleiern, andererseits bin ich aber auch gerade darüber froh, dass nicht mehr nachgefragt und nachgebohrt wird, damit ich so schnell wie möglich vom „Traumastuhl“ runter kann, denn ich will nur „nix wie weg“. Und, soll/muss ich wirklich bei jeder neuen Frauenärztin Seelenstriptease machen und reicht es nicht, wenn ich dies auf anderen Wegen kläre? Kann man innerhalb von +/- einer Viertelstunde wirkliches Vertrauen aufbauen, wenn man sich im Schnitt nur alle 1 – 2 Jahre sieht?

    Ich persönlich bin der Meinung, dass traumatische gynäkologische Erlebnisse nicht erst beim ersten Gang zum Frauenarzt beginnen, sondern schon beim Kinderarzt – gilt für Mädchen wie für Buben! Ich empfand es als erniedrigend, beschämend und nicht okay, als mir einmal ein männlicher Kinderarzt einfach ohne zu Fragen in meine Unterhose schaute – und dies bei einem Arztbesuch infolge einer normalen Kindergrippe! Schon als Kind fühlte ich mich total unwohl dabei und spürte instinktiv, dass dies nicht der gängigen Praxis entsprach – denn was hat eine Kindergrippe mit meiner Unterhose und einem Blick auf meine weiblichen Geschlechtsteile zu tun, und dies ungefragt? Auch ein Kind hat eine Seele und empfindet Scham. Doch als Kind ist man noch unsicher, der Situation ausgeliefert und auch den Eltern wollte man nichts erzählen. Mein Fazit auf dieses Erlebnis war, dass für mich nur weibliche Gynäkologinnen in Frage kommen. (Auch wenn mein Verstand weiss, dass ein Mann ein noch besserer Frauenarzt als eine Frau sein kann – siehe Beispiel meines diesjährigen weiblichen „Sanitärs“.) Aber so oder so, ich kann aktuell den Satz nur unterschreiben „Augen zu und durch“. Doch der Anstoss vom „medizinische-Geräte-selber-einzuführen“ hat etwas und ist beim nächsten Kontrollgang einen Versuch wert – danke für den Tipp!

  2. Wenn ich diesen Artikel lese, dann bewegt und berührt es mich auf verschiedenen Ebenen. Einerseits habe ich selber traumatiesierende Erlebnisse zum Thema Sexualität, doch anderseits habe ich keine so schlimmen Erfahrungen mit Gynäkologen. Ich hatte bis jetzt zwei verschiedene Ärzte die glücklicherweise sehr einfühlsam, unterstützend und sehr menschlich waren. Ich hab natürlich auch geäussert, dass es mir weh tut und durch die aufmunternde Art des Gynäkologen, dass ich tief und entspannt Atmen soll, war es erträglicher. Ich war sicher nicht begeistert zu gehen und mein Körper rebellierte an verschiedenen Stellen, doch muss ich sagen, sie haben bei mir ihr Bestes gegeben und es liegt an mir die Verantwortung für mich und meinen Körper, mein Wohlbefinden zu übernehmen.
    Ich bin sehr dankbar für diese wertvollen Tipps und Erfahrungen von Marlise Santiago und werde sie auch anwenden und üben. Tja… ich bin seit längerer Zeit auf dem Weg das Thema Beziehungen, Sexualität und Traumatas anzugehen und für mich war es ein absolutes Geschenk, als mir die Adresse von M. Santiago buchstäblich „zugefallen“ ist. Für mich gibt es keine Zufälle! Ich kann von mir her sagen, dass ich durch ihre starke Präsenz bei der Therapie, ihre Lebenserfahrung, ihre ganzheitliche, einfühlsame und hoch professionelle Arbeitsweise sich bei mir schon einiges geheilt und positiv verändert hat. Es ist sicher nicht einfach, sich diesem Thema zu stellen, denn die tiefe Verletzungen, Angst, Scham, Ohnmacht… machen es einem nicht gerade leicht.
    Ich möchte allen Frauen Mut machen, die Verantwortung für ihr Leben, ihre Sexualität und ihren Körper zu übernehmen. Es lohnt sich. Die anderen kann ich nicht ändern, aber ich kann mir damit etwas Gutes tun und es macht so was von Freude, wenn sich was löst und man schönere Erfahrungen macht. Ja es ist mit der Zeit sogar spannend und ich finde es abendteuerlich was ich alles für neue Erfahrungen machen darf. Tja… manchmal ist es einfach zum heulen oder zum lachen… Ich auf jedenfall bin motiviert und begeistert diesen Weg zu gehen! Alleine schaffe ich es nicht doch mit dieser professionellen Unterstützung, auch ihrem Buch (!) und natürlich mit meinem eigenen Einsatz werd ich bestimmt irgendwann eine ganzheitliche, lustvolle, berührende und nährende Sexualität erleben dürfen. Ich glaube fest daran.

  3. Der Besuch bei der Frauenärztin erlebte ich als sehr unangenehm, schob ihn 2-3 Jahre hinaus. In der Kindheit erlebte ich sex. Übergriffe. Jedes Mal lief es gleich ab, den Blick in die Krankengeschichte, dann die Äusserung: „Hoffentlich haben sie in der Zwischenzeit Geschlechtsverkehr gehabt, es ist fast unmöglich sie zu untersuchen. Tut mir leid, dass ich ihnen Schmerzen zufügen muss.“
    Die menstrualen Beschwerden wurden immer schlimmer, als mir Morphium verschrieben wurde, wechselte ich die Frauenärztin. Da übernahm ich endlich etwas Verantwortung für meinen Körper. Ich meldete mich beim Frauenambulatorium an. Da war alles anders, ich bekam einen ca. 3-5 seitigen Fragebogen, darin konnte ich ankreuzen ob und über was ich mit der Ärztin sprechen möchte. Der Untersuch war völlig schmerzlos, obwohl ich es nicht schaffte, vor Nervosität und vor zittern, das Spekulum selber einzuführen, es landete auf dem Boden. Ich getraute mich auch nicht, während der Untersuchung, in den Handspiegel zu schauen, damit ich sehen konnte was die Ärztin machte. Die Ärztin blieb völlig ruhig, kein Stress kam auf, sie nahm sich Zeit für mich. Von dieser ruhigen Behandlung war ich so überrascht ich konnte es kaum glauben und leider nicht nutzen, ich Stellte keine Fragen, obwohl ich viele gehabt hätte. Ich musste operiert werden, was die Frauenärztin leider nicht mehr macht, ich wurde also weiter überwiesen. Da ging es wieder nach der alten Methode los, doch ich wusste nun, der Untersuch muss überhaupt nicht weh tun, und es liegt nicht nur an mir, wenn es schmerzt.
    Zum Glück lernte ich drei Wochen vor der Operation Frau Santiago kennen. Sie half mir nach der Operation mit meinem Narben-Bauch und mit dem Fehlen der Geschlechtsorgane der Frau umzugehen. Das Annehmen, von meinem veränderten Körper, zeigte mir Frau Santiago in aller Ruhe und mit viel Geduld.Ich bin sehr glücklich, gelingt es mir immer mehr, für meinen Körper Verantwortung zu übernehmen. Die Realitätsprüfung ist für mich ein super Hilfsmittel, auch in ganz anderen Lebenssituationen. Alle Fragen, die ich bei der Frauenärztin nicht zu stellen getraute, habe ich nun mit Frau Santiago besprechen können.

  4. Frauennetzwerke tragen. Ich freue mich über das indirekte feedback. Ich wünsche mir Kolleginnen, die auch daran interessiert sind, feministischen Maximen zu folgen. Es sollte nicht jede Ärztin unbedingt wieder ganz von vorne anfangen müssen. Feministische Erkenntnisse gehören zur Geschichte, sie sind aber keinesfalls überholt und sind nicht Geschichte geworden… Sie sollten nicht von jeder an Gynäkologie interessierten Ärztin neu für sich selbst entdeckt werden „dürfen“, sondern sollten verfeinert und unter Kolleginnen diskutiert werden. An der Uni und in den Spitälern kann eine Medizinerin Grundlagen, jedoch leider eher nicht den Umgang mit den verschiedenen Vorstellungen, Traumen, Einschränkungen, Befindlichkeitsstörungen, den spezifischen Frauenbedürfnissen….. lernen. Diese Auseinandersetzungen mit dem Körper lernt eine von ihren Klientinnen und Patientinnen oder in der Zusammenarbeit, auf Augenhöhe mit Fachfrauen, die auch einen Zugang zum Körper, wenn auch einen anderen -aber gleichwertigen- erlernt haben.

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