«Im Gespräch mit bekannten Eltern, erzählte uns die Mutter, dass ihr 14-Jähriger häufig onaniere. Sie hat ihn schon öfters dabei «ertappt», ohne ihn zu stören. Sie weiss, dass die Jugend in diesem Alter ihren Körper entdeckt und auch die Sexualität, und findet das völlig in Ordnung. Was ihr aber aufgefallen ist, sind die Augenringe am nächsten Morgen. Meine Frau und ich haben nun Zweifel, ob man «davon» Augenringe bekommt», schreibt Herr R.

Unsicherheit trotz Aufklärung

Ihre Zweifel sind berechtigt. Wenn Jugendliche Augenringe haben, kann das verschiedene Gründe haben, aber sicherlich nicht die Selbstbefriedigung! Masturbation galt vor allem im 18. und 19. Jahrhundert als krankhaftes, unmoralisches, abartiges Verhalten, gegen das fanatisch vorgegangen wurde. Das ging soweit, dass den Jugendlichen nachts die Hände oberhalb der Bettdecke fixiert wurden. Ausserdem drohte man ihnen mit Erkrankungen von Schwindsucht, über Schwachsinn, bis zu Blindheit. Noch in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, haben Ärzte die Masturbation als Problem thematisiert, und Eltern auf die möglichen Symptome hingewiesen: Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, Alpträume, unnatürliche Direktheit, Appetitstörung, Freude an Obszönitäten und perverser Sprache usw. Bei so viel Drohung und Aufruhr wundert es nicht, dass trotz Aufklärung, in Bezug auf die Selbstbefriedigung noch immer Unsicherheiten, Scham oder Ängste bestehen.

Eigenständige Form der Sexualität

Die heutige Psychologie und Sexualwissenschaft betrachtet Selbstbefriedigung und das Bedürfnis danach als sinnvolle Äusserung eines gesunden Sexualempfindens. (Erst wenn das Onanieren zwanghaft zum zentralen Lebensmittelpunkt wird, kann es ein Hinweis auf unbewältigte psychische Probleme sein). Selbstbefriedigung ist mehr als «Notlösung» in partnerschaftslosen Zeiten, oder jugendliches Dampfablassen. Sie ist eine eigenständige Form der Sexualität, die auch von sexuell zufriedenen Frauen und Männern, die in einer Beziehung leben, praktiziert wird. Jugendlichen dient sie dazu, den Körper und die sexuellen Gefühle, Empfindungen und Reaktionen zu entdecken. Und sie hat keinerlei negative gesundheitliche Auswirkungen.

Selbstbefriedigung kann sorgsam und liebevoll wie ein Ritual ablaufen, kann den ganzen Körper mit einbeziehen, und muss keineswegs auch zum Orgasmus führen, oder sie kann der schnellen Triebbefriedigung dienen. Egal wie, die Sexualität mit sich selber ist Privatsache, und geht weder Eltern noch Partnerin oder Partner etwas an.