«Ich bin seit drei Jahren Querschnittgelähmt. Reha, Umschulung und alles, hat viel Energie in Anspruch genommen, so dass Sexualität nie mehr gross ein Thema war. Jetzt wünsche ich mir langsam wieder etwas Sexuelles, aber ich weiss nicht wie. An Geschlechtsverkehr ist wohl nicht mehr zu denken. Mit einer Spritze wäre zwar Erektion möglich, aber was bringt es schon, wenn ich nichts spüre?», fragt Matthias (Name geändert) 32-jährig.

Alte Sexualität verabschieden

Es heisst Abschied nehmen von der Sexualität, die Sie früher gelebt haben, und von Bildern und Vorstellungen, was «richtige» Sexualität ist. Es geht jetzt darum, dass Sie Ihre ureigene Form der Sexualität entdecken.

Selbstliebe kann ein Schlüssel dafür sein. Das beginnt mit dem Anschauen und Aushalten des eigenen veränderten Spiegelbildes, geht weiter mit dem Berühren des Körpers. Sie werden staunen, was für Empfindungen sich entfalten, wenn Sie das ganz bewusst tun, und Ihre ganze Aufmerksamkeit darauf legen. Wer sagt denn wo die sensitiven Zonen sein müssen? Durch die volle Präsenz einer Berührung kann sich ein Körpergefühl mit der Zeit ausdehnen und verstärken. Versuchen Sie auch verschiedene Materialien. Wie fühlt sich eine Feder an, ein Stück Seide, die Zahnbürste, ein Eiswürfel? Berühren Sie aber auch Körperstellen, wo sie nichts mehr spüren, denn die gehören nach wie vor zu Ihrem Körper. Und wer sagt denn, dass nur das was man spüren kann, auf Resonanz trifft? Stärken und wecken Sie auch Ihre Sinne, denn die sind ein Tor zum Moment. Wenn Sie ganz in einer Sinneswahrnehmung aufgehen, schweigt der Kopf für einen Moment. Und das ist eine ganz wesentliche Voraussetzung für das Entdecken Ihrer Körperempfindungen und Sexualität.

Restempfindungen ausdehnen und geniessen

Wenn Sie die Spielarten der Sinnlichkeit beherrschen, ist der grösste Teil der Sexualität abgedeckt. Sei es mit sich selber, aber auch mit einem Gegenüber. Befriedigung entsteht nicht in erster Linie durch den körperlichen Orgasmus, sondern durch Anteilnahme, Nähe, Zärtlichkeit, Berührung usw. Und was spräche dagegen, ausser gesundheitlichen Gefahren, wenn Sie hie und da medikamentös eine Erektion herstellen, wenn eine Partnerin Ihren erigierten Penis in sich spüren möchte? In der Paarsexualität ist das Gespräch das wichtigste. Ein Gegenüber kann durch eine körperliche Behinderung verunsichert sein. Was geht, wie geht es, was darf ich, was spürst du, welche Vorkehrungen sind nötig, was könnte passieren?, usw. Reden Sie darüber, und leben Sie Lust statt Leistung.