«In langjährigen Beziehungen soll es normal sein, dass die Lust abnimmt. In meinem Inneren ist aber etwas, das mir sagt, es könnte auch anders sein. Es müsste doch gerade in der Vertrautheit einer langen Beziehung möglich sein, dass Lust und Liebe bleiben. Was meinen Sie?», fragt Klaus Meier, 36, (Name geändert)

Kleinster gemeinsamer Nenner der Sexualität

Das Fremde, Ungewisse, Unverbindliche, einer neuen Begegnung, verhilft zu einer Unbeschwertheit. Es ist die Zeit, wo zwei sich ohne Worte verstanden fühlen, und in diesem «verstanden sein Kokon», begegnen sie sich auch sexuell. Entweder sagen sie einander nun haargenau was sie wollen, so dass keine wirklichen Überraschungen und Entdeckungen möglich sind, und die Sexualität sich schnell abnützt, weil sie auf Mach-Ebene stattfindet. Oder man nimmt die eigenen Bedürfnisse nicht ganz ernst, sagt nicht viel, in der Annnahme, dass sich das mit der Zeit von selbst ergibt. So entstehen die ersten sexuellen Geheimnisse, und der meist übliche «kleinste gemeinsame Nenner der Sexualität».

Ausgesprochen oder auch nicht: die Begegnung wird langsam zur Beziehung, wird verbindlicher, und damit kommt etwas neues ins Spiel. In der Sexualität geht es unter anderem um Bedürftigkeiten wie Anteilnahme, Nähe, Zärtlichkeit usw. Und damit erwachen unbewusst auch tiefe Ängste. Beispielsweise, dass man erkannt werden könnte in dieser Bedürftigkeit, oder die Angst vor Abhängigkeit. Und so nimmt das Kultivieren kleiner Geheimnisse seinen Lauf. Sie kann nicht sagen, dass sie Zärtlichkeit braucht, er kann nicht sagen, dass er einfach nur ganz lange an ihrer Brust liegen möchte. Er kann ihr nicht anvertrauen, dass es ihn oft erregt, wenn er Frauen auf der Strasse sieht, sie kann ihm nicht von ihrer wilden Phantasie mit einem derben unbekannten Mann erzählen. Mit der Zeit wiegen diese Geheimnisse immer schwerer, und beide fühlen sich zunehmend unverstanden, und sind verstrickt in gegenseitigen Annahmen, Vorstellungen und Vorwürfen. Die Trennung oder der Sprung nach aussen liegt nun nahe.

Sich einfühlbar machen

Meiner Meinung nach geht es darum, wahrhaftig zu sein, sich im Gespräch gegenseitig einfühlbar zu machen, und sich auch schwach und bedürftig zu zeigen. Dieses sich zeigen auf einer tieferen Ebene, schafft Mitgefühl – nicht zu verwechseln mit Mitleid – und aus diesem Mitgefühl entsteht Intimität. Und aus dieser Intimität entsteht Begehren. In dieser Reihenfolge. Nun neigen wir jedoch dazu, direkt auf das Begehren loszusteuern, und wundern uns, wenn es nicht mehr da ist.