«Immer wieder deuten Sie an, dass es noch so etwas wie eine andere Art der Sexualität gibt. Letztes Mal war es der Orgasmus der aus Stille entstehen kann, ein anderes Mal ging es um zielloses Geniessen, oder Sie reden vom ureigenen Empfinden. Können Sie dazu mehr sagen?», fragt Michael Reber (Name geändert)

Bilder verunmöglichen das Erleben

Glauben wir dem, wie Sexualität in der Öffentlichkeit dargestellt wird, ist sie etwas Exhibitionistisches und Sensationelles, ist Lifestyle-Objekt, und besteht aus Techniken, Stellungen und Praktiken. Kurz: Sie soll ein dauerndes Feuerwerk sein, das in allen Farben sicht- und hörbar sprüht und knallt. Nur, diesem Anspruch wird kaum jemand auf die Dauer gerecht, bzw. mit diesem Anspruch wird man der Sexualität nicht gerecht.

Sexuelles Empfinden und Erleben ist ein innerer Vorgang und keineswegs spektakulär. Indem wir jedoch um die Ohren gehauen bekommen, wie Lust und Begehren auszusehen haben, halten wir uns an diese äusseren Bilder. Dabei geht das innere Erleben unter, und Sexualität spielt sich noch mehr oder weniger im Kopf ab. Das gilt heute als Normalzustand. Dieses Fixiert sein auf Äusseres, und das Sichvergleichen, schafft viel Druck. Das eigene Erleben und Empfinden wird als nicht richtig, zu unspektakulär, zu wenig leidenschaftlich usw. eingestuft, und zudem hinkt die eigene Libido in der Regel, ausser bei akuter Verliebtheit, der in Umfragen angegebenen Sex-Frequenz, meilenweit hinterher.

Überraschendes Erleben

Liesse man nun die Bilder, Vergleiche, und alles was man je über Sex gehört hat, weg, bliebe das ureigene sexuelle Empfinden und Erleben. Es könnte spannend sein, sich auf die Suche danach zu machen. Das könnte beispielsweise heissen, dass Lust ganz still daherkommt, und aus dieser Stille heraus eine ungeahnte Fülle entsteht, und dass die durch die übliche Reibung beim Geschlechtsakt abgestumpften Genitalien mit der Zeit zu viel tieferen Empfindungen fähig werden. Es könnte heissen, dass das Erzielen eines herkömmlichen Orgasmus nicht mehr im Vordergrund steht, sondern das Erleben dessen, was es in diesem Moment gerade zu erleben gibt. Ohne Ziel. Es könnte sein, dass das Gegenüber plötzlich auf einer tieferen Ebene erkannt wird. Es könnte heissen, dass Sex nur noch aus einer echten Bereitschaft heraus gelebt, und nicht kompensatorisch eingesetzt wird. Es könnte sein, dass ein Paar sich fast immer in der selben Stellung liebt, ohne dass es langweilig wird, usw. Auf dem Weg vom Aussen- zum Innenerleben der Sexualität könnte sich Überraschendes ereignen.