«Ist es erlaubt, dass Verliebte vor der Ehe geschlechtliche Gemeinschaft haben? Ist dies Sünde?», schreibt Anton Füller (Name geändert)

Der Mensch ist ein sexuelles Wesen

Hm, da stellen Sie mir eine Frage. Ich kann Ihnen nur aus meiner Sicht antworten, aber was Sünde ist und was nicht, kann ich nicht beantworten.

Ich gehe davon aus, dass wir Menschen sexuelle Wesen sind. Aus der Kraft der Sexualität sind wir entstanden, und die Sexualkraft ist es auch, die uns am Leben hält. Als Kinder lässt sie uns die Welt und unseren Körper entdecken, als Jugendliche, bzw. junge Erwachsene das elterliche Nest verlassen, als Erwachsene – bis ins hohe Alter – nach einem Gegenüber Ausschau halten usw. Ein tibetischer Mönch hat geschrieben, dass die Sexualkraft auch das Pferd ist, das uns von einer Dimension in die andere bringt. So begleitet uns diese Kraft durchs Leben. Sie lässt sich wohl verdrängen und verstecken, aber verleugnen lässt sie sich letztlich nicht. Sexualität ist eine Gabe und ein Geschenk.

Sexualität ist eine Gabe

Nur, so wie heute über Sexualität geredet, und wie sie oft auch gelebt wird, wird dieser Gabe nicht die ihr gebührende Achtung geschenkt. Es geht mehr um Lifestyle, um Spektakuläres, um Techniken, Praktiken, um Geilheit, um vermeintliche Tabulosigkeit usw. Aber das alles hat mit dem Wesen der Sexualität nicht allzu viel zu tun, und macht sie letztlich schal und leer. Ob mit oder ohne Trauschein. Sexualität, die den ganzen Menschen mit einbezieht und nährt, beginnt mit Anteilnahme zum Beispiel im Gespräch, geht weiter mit liebevoller Zärtlichkeit auch im Alltag. Wenn diese beiden Aspekte der Sexualität gut genährt sind, kann auch genitale Sexualität mehr als blosse Triebbefriedigung sein. Sie kann tief berühren und den ganzen Menschen nähren und befriedigen.

Ich wüsste nicht, was dagegen spricht, sich in Liebe und Achtung und aus Herz- und Körperhaftem Begehren auch geschlechtlich zu vereinen. Ich denke es geht darum, mit dem Geschenk der Sexualität sorgsam umzugehen. Es geht auch darum, Verantwortung zu übernehmen, vor allem für sich selber. Dazu gehört es, sich selber treu zu sein. Nur das zu tun, wozu man wirklich von Herzen bereit ist, und nicht weil man glaubt es tun zu müssen, um einem bestimmten Bild zu entsprechen. Und dass das gelingt, hat mit dem Zivilstand gar nichts zu tun. Eine Ehe ist weder Garant noch einzige Legitimation dafür, dass diese Gabe mit Achtung und Respekt genutzt wird, oder werden darf.