«Als die Kurtisane auftrat, sagte Buddha zu seinen Mönchen: Wirklich! Ausnehmend schön ist dieses Weib und könnte wohl gar den Sinn vom Geistlichen bezaubern. Nun denn, bleibt streng besonnen, lasst dem Zügel der Weisheit euren Sinn sich nicht entziehen! Des wilden Tigers Rachen und des Henkers geschärftes Messer sind nicht so verderblich wie weibliche Gesellschaft, die Gedanken der Lust in euch erregt. Ein Weib ist immer bemüht, beim Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, der Glieder Reiz und Schönheit zu entfalten.»

Der 76-jährige Rudolf Schwegler (Name geändert), schickte diesen Text, und fügt an: «Ich glaube es ist so! Wie sehen Sie das?»

Abgewertete Anziehung

Nun, in das Loblied über die Schönheit der Frau kann ich sehr wohl auch einstimmen. Und dass der Körper der Frau für den Mann sehr anziehend und verlockend sein kann, weiss wohl fast jede Frau aus eigener Erfahrung. Das muss doch auch so sein, sonst existierte womöglich die Menschheit schon längst nicht mehr. Schade nur, dass diese natürliche Anziehung, von Frauen oft als «Schwanzgesteuert» abgewertet wird, weil sie ihre eigene Schönheit weder erkennen noch achten können. Schade auch, dass diese Anziehung in der Rede Buddha¹s an seine Mönche abgewertet wird, indem er die Frau als das Verderben darstellt.
Ein Mann der diese Anziehung mit aller Kraft verleugnen muss oder will, muss ja gleichzeitig auch das Vorhanden sein seiner eigenen Sexualität verleugnen. So wird der Spiess umgedreht, und die Frau als die grosse Verderberin und Verführerin hingestellt, der der Mann so quasi willenlos zum Opfer fällt, sollte er in ihre Nähe geraten. Etwas gar passiv, finden Sie nicht auch? Dieses Denken war und ist in verschiedenen Kulturen zu beobachten, wo Frauen ihre Schönheit gar verstecken müssen, um nicht all die wehrlosen Männer ins Verderben zu stürzen.

Schönheit als Geschenk betrachten

Ein reifer Mann jedoch, der sich selber auch als sexuelles Wesen anerkennt, und in seiner Sexualkraft sicher verankert ist, wird sich von Herzen über weibliche Schönheit freuen können, ohne dieses Wesen gleichzeitig auch besitzen oder begehren zu müssen, oder seinen Geist mit entsprechenden Fantasien zu vernebeln. Losgelöst davon, ob er seine Sexualität auf herkömmliche Art lebt, oder sie spirituell transformiert hat, wird er diese Schönheit als Naturgeschenk freudig zur Kenntnis nehmen und achten, und sich dann gelassen wieder seinen eigenen Verrichtungen widmen. Hat er nicht den freien Willen zu entscheiden?