Aufgerüttelt durch Medienberichte und verunsichert durch schräge Blicke in der Öffentlichkeit, fragt sich Roger, (Name geändert) Vater eines dreijährigen Sohnes und einer Tochter, vier Monate: «Darf ich beim Wickeln die Scheide meiner Tochter berühren, oder im Tram mit meinem Sohn kuscheln?»

Wenn Eltern Grenzen setzen, lernen das auch die Kinder

Die Unsicherheit vieler Eltern, wo sexuelle Übergriffe beginnen, hat damit zu tun, dass Erwachsene Berührung oft mit etwas Sexuellem gleichsetzen. Es geht darum, eine Berührung zu differenzieren.

Ein Kind zu berühren, kann Eltern durchaus sexuell erregen. Diese Reaktion allein ist noch kein Übergriff, aber es ist wichtig, sie sich einzugestehen und zu benennen. Das hilft, die Grenze zu wahren.

Übergriffe können im Frühstadium gestoppt werden, wenn Eltern ihre Bereitschaft signalisieren, miteinander über das Thema zu reden. Sie können einander beispielsweise fragen: «Erregt es dich, wenn du mit unsere Tochter badest?» Oder:«Hast du sexuelle Empfindungen, wenn unser Sohn mit dir herumschmust?»

Mütterfallen

Aber auch mit Kindern darf offen geredet werden. Ein Mädchen greift im Badezimmer nach Papis Penis, und will ihn neugierig untersuchen. Der Vater kann darauf reagieren, indem er sagt: «Mich erregt es, wenn du meinen Penis berührst. Ich möchte das aber nicht mit dir teilen. Bitte hör auf.» Damit signalisiert er einerseits, dass es grundsätzlich in Ordnung ist, einen Penis zu berühren, und setzt andererseits die Grenze, die seine Rolle als Vater verlangt. Wenn Eltern ihre Grenzen klar setzen, lernen auch Kinder ihre Grenzen zu setzen. «Ich möchte nicht, dass du das mit mir tust», ist ein wichtiger Satz in diesem Zusammenhang.

Sexuelle Übergriffe werden eher den Vätern zugeordnet. Aber es gibt auch «Mütterfallen». Diese Übergriffe laufen oft subtiler, und sind deshalb nicht auf Anhieb als solche zu erkennen. Es ist beispielsweise zu beobachten, dass Mütter gegenüber ihren Söhnen ihren Sexappeal hervorkehren. Das ist eine Rollenvermischung, welcher der Sohn hilflos gegenüber steht, und die ihn zutiefst verwirren kann. Verunsicherte Eltern können in der Regel darauf vertrauen, dass ihr Umgang mit dem Kind gut ist, und dass sie merken, was eine Berührung bei ihnen selbst auslöst. Eltern dürfen und können aber auch lernen, wieder wie ein Kind voller Freude herumzutollen, zu schmusen oder zärtlich zu kuscheln. Miteinander, oder mit ihren Kindern.