Auch nach der Geburt eines Kindes braucht ein Paar emotionale Nähe und Zärtlichkeit. «Nie hat sie Lust, dauernd weist sie mich ab», klagt er. «Er will dauernd Sex, nie ist er einfach nur zärtlich», jammert sie. Nach der Geburt des ersten Kindes sind solche Vorwürfe oft besonders deutlich hörbar. Zum Entscheid ein Kind zu bekommen, gehört deshalb der genauso bewusste Entscheid beider, auch weiterhin ein Liebespaar zu sein. Das heisst wach und für einander offen zu bleiben, und bei Bedarf liebevoll daran zu erinnern: «Achtung Alltag!» Und das heisst auch, sich ganz bewusst Zeitinseln zu schaffen, die nur ihnen beiden als Paar gehören.

Gespräch und Fantasie

In dieser neuen Lebenssituation ist das effektive Miteinanderreden, wo beide einander schildern, wo sie gerade stehen, was freut oder frustet, das allerwichtigste. Gut geeignet ist die Form des Zwiegespräches. (Siehe InfoPlus) Es ist einfach zu lernen, und wirkt mit der Zeit weit über die Beziehung hinaus. Die Regeln lauten: Regelmässigkeit, beide haben gleich viel Zeit, reden nur von sich, hören kommentarlos zu, kein Nachbohren, kein Abwiegeln, keine Ratschläge, keine tröstenden Berührungen. Dank diesen klaren Strukturen kommen auch Menschen, die einen weiten Bogen um Beziehungsknatsch-Gespräche machen, ins Reden. Statt der oben genannten Vorwürfe kann es beispielsweise so tönen, wenn beide das aussprechen, worum es ihnen eigentlich geht. Sie: «Ich habe Sehnsucht nach deiner Zärtlichkeit.» Er: «Ich wäre dir so gerne nahe, aber ich weiss nicht wie.» Solche Gespräche sind wahre Herzensöffner, schaffen gegenseitige Aha-Erlebnisse, und helfen über schwierige Situationen hinweg.

Weiter ist Fantasie zur Neugestaltung des Tagesablaufes gefragt. Babysitting oder Hüteabtausch mit anderen Eltern, verhelfen zu einem freien Abend auswärts. Aber wichtig ist, auch zu Hause unverplante Zeit miteinander zu verbringen, so dass etwas Gemeinsames aus dem Moment heraus entstehen kann. Diese Zeit ist garantiert vorhanden, wenn die Prioritäten etwas verschoben werden. Wer sagt denn, dass weiterhin Stunden vor dem Fernseher verbracht werden müssen, die Zeitung auswendig gelernt, und jedes Mail postwendend beantwortet sein muss? Und wer sagt denn, dass Sexualität genau dann erwachen sollte, wenn beide endlich todmüde ins Bett fallen? Eine Mutter von vier Kindern hat mir von ihrer ungewöhnlichen Lösung erzählt: Sie trifft sich mit ihrem Mann zwei Mal die Woche morgens um zwei zum Dessertschmaus und Gespräch.

Emotionale Nähe und Sinnlichkeit

Ein solches Ritual schafft emotionale Nähe, und daraus wächst auch die Lust auf körperliche Nähe, sofern darunter nicht nur Geschlechtsverkehr verstanden wird. Ist der Alltag eines Paares von zielloser Zärtlichkeit, und von gegenseitiger Anerkennung und Achtung geprägt, dann wird eine Frau die Zärtlichkeit des Mannes kaum abweisen. Aber nähert er sich ihr nur, um etwas bestimmtes zu erreichen, wird sie ihn immer öfter abweisen. Und schon stecken beide im anfangs zitierten Teufelskreis.

Paare sollten deshalb ihren sexuellen Radius erweitern, und alles was die Sinne erfreut und öffnet zusammen erlernen und leben. Dazu gehören Massagen in bewusst schön gestalteter Atmosphäre, zielloses Streicheln, Entdecken und Schmusen, Kuscheln und Kugeln. Und daraus wiederum kann – nicht muss! – dann die Lust auf genitale Sexualität wachsen, die sich in lustvoll freudigem Begehren äussert, und nicht dazu missbraucht wird, emotionale Nähe zu schaffen, oder einen Streit zu schlichten, oder sich am Partner/an der Partnerin sexuell abzureagieren usw.

Und zur medizinischen Seite der nachgeburtlichen Sex-Abstinenz: Gynäkologen empfehlen, während vier bis sechs Wochen auf genitale Penetration zu verzichten. So lange, bis der Wochenfluss versiegt, und eine allfällige Dammnaht, oder vaginale Schürfung verheilt ist. Ein Grossteil der Frauen braucht jedoch viel länger Zeit, bis sie von ganzem Herzen auch diesen Teil der Sexualität wieder leben möchten. Denn eine Schwangerschaft und Geburt ist ein derart immenses Erlebnis, dass Seele und Körper Zeit brauchen, sozusagen wieder zum «Normalzustand» zurückzufinden. Aber wenn ein Paar sich emotional nahe ist, und all die anderen Aspekte der Sexualität lebt, ist die Zeit ohne genitalen Sex keineswegs geprägt von mühsamer Entbehrung, sondern eine Chance, eine genussvollere, sinnlichere Sexualität miteinander zu entdecken und zu leben.