Susanne 35, ( Name geändert) seit sechs Jahren verheiratet, zwei Kinder im Alter von fünf und drei Jahren: «…Mein Mann und ich leben uns langsam auseinander. Ich habe das Gefühl, dass wir uns regelrecht verlieren. Auch Sexuell läuft nicht mehr viel. Vielleicht so alle zwei Monate mal. Ich bin zu müde, und ertrage seine Annäherungen immer weniger. Aber wenn wir miteinander schlafen, ist es schön. Dann fühle ich mich nahe»

Bewusster Entscheid

In diesen wenigen Sätzen sind verschiedene Themen angesprochen. Ich picke «Sehnsucht nach Nähe» heraus. Es fragt sich, ob in dieser Situation «miteinander schlafen» das richtige ist, um Nähe zu erleben?

Das Bild vom «einander verlieren» ist schön getroffen, auch wenn es in diesem Zusammenhang ein schmerzliches ist. Wenn ein Paar von einander nicht mehr weiss wo sie oder er steht, was schwierig ist, oder freut, dann kommt es zum viel zitierten «sich auseinander leben». In einer Beziehung, egal ob mit oder ohne Kinder, braucht es heute den bewussten Entscheid beider, wach zu bleiben, offen zu bleiben für einander, und dafür auch Zeit einzuräumen. Es geht aber nicht nur darum, gemeinsam etwas zu unternehmen, denn das ist oft einfach Ablenkung. Es geht darum, miteinander auch unverplante, von aussen ungestörte Zeit zu verbringen, wo etwas gemeinsames aus dem Moment heraus entstehen kann. Ganz wichtig ist auch Zeit für Gespräche. (Aber ums Himmels Willen keine Vorwürfe «immer tust tu, nie machst du», und kein Beziehungsgeknatsche, mit nachbohren, ausquetschen und belagern.) Nein, effektives mit einander reden, wo beide einander abwechslungsweise schildern, wo sie selber gerade stehen, was freut oder frustet. Der andere hört dabei einfach zu, bohrt nicht nach und erteilt auch keine Ratschläge. Das ist sehr heilsam, schafft gegenseitiges Verständnis, und dadurch entsteht emotionale Nähe.

Wenn diese Nähe fehlt, wird es in einer Beziehung auch zunehmend schwierig, gemeinsam schöne Sexualität zu leben. Denn unbemerkt wird sie eben oft dazu degradiert, sich fehlende emotionale Nähe zu holen, oder sich sexuell zu entladen. Sie entsteht dann nicht aus lustvoll freudigem Begehren. So wird Sexualität auf die Dauer schal und unbefriedigend, weil sie weder dem Mann noch der Frau gerecht wird. Sexualität beginnt also lange vor dem Bett. Nämlich im regelmässigen gemeinsamen Gespräch. Auch über Sexualität.