«Es gibt einfach keine guten Männer. Entweder sind sie unentwickelt und unbewusst, festgefahren, oder schlicht nicht beziehungsfähig. Nicht einmal an Orten, wo man etwas bewusstere Männer erwarten könnte, gibt es sie wirklich. Es ist zum verzweifeln! Wo findet eine bewusste Frau im mittleren Alter einen Partner?», fragt die 45-jährige Susanna (Name geändert)

Achtung statt Missachtung

Solche und ähnlich abwertende Aussagen höre ich immer wieder von Frauen. Da rattert also bei jeder Begegnung mit einem Mann der innere Scanner los: Aha, beziehungsunfähig, unbewusst, festgefahren usw., bevor sie auch nur richtig hinschauen. Wenn John Lennon einst sagte: Leben ist das was passiert, während wir gerade damit beschäftigt sind, andere Pläne zu schmieden, könnte das übersetzt auf diese Situation heissen: Da ist ein Mann, aber ich sehe ihn nicht, weil ich gerade dran bin, ihn mir anders zu basteln. Wie können Sie einen «guten Mann» erwarten, wenn sie selber nicht bereit sind Achtung zu zeigen, das heisst hinzuschauen und sich auf das einzulassen was ist? Ein Mann ist nie einfach nur unbewusst, genauso wenig, wie eine Frau nie einfach nur bewusst ist. Jeder Mensch vereinigt ganz Verschiedenes und zum Teil sehr Gegensätzliches in sich.

Glaubenssätze verunmöglichen das Hinschauen

Begegnungen sind letztlich auch Spiegel. Die Frage ist, was wir bei uns selber und im anderen sehen und erkennen können. Da gäbe es Fragen, die Sie sich selber stellen könnten: Wie begegne ich dem anderen Geschlecht? Was habe ich für Erwartungen? Wer ist dafür zuständig, dass die erfüllt werden? Was sind meine Lebensmuster? Warum sehe ich eigentlich nur die «unbewussten» Männer, und alle anderen nehme ich offenbar gar nicht wahr? Glaubenssätze wie: «Männer sind so und so», verunmöglichen es hinzuschauen, wie sie denn auch noch sind. Grundsätzlich sind Männer Menschen wie Frauen auch, mit den Grundbedürfnissen nach Liebe, nach Achtung, nach Zärtlichkeit. Und sie brauchen kaum die Nacherziehung und das Genörgel der Frau, sondern genauso wie Frauen auch, ein Gegenüber mit einem offenen Herz.

Aber Achtung: Das Herz zu öffnen kann schmerzhaft sein. Denn plötzlich ist man vielleicht mit der eigenen Angst vor Beziehung konfrontiert, mit dem eigenen Festgefahren sein, mit der eigenen Unbewusstheit. Aber dadurch kommen Sie der Sache näher. Das kann nach dem ersten Erschrecken über sich selber befreiend sein, weil Sie so ihre eigene Verantwortung wahrnehmen, und sie nicht länger auf die Männer abschieben.