«Ich (63) bin seit acht Jahren verwitwet, und hatte nach dem Tod meines Mannes enormes Verlangen nach Zärtlichkeit. Seit bald drei Jahren habe ich nun Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Mann. Nur bin ich manchmal nicht sicher, ob er nur Zärtlichkeit will oder doch mehr », schreibt Ulrike Berger (Name geändert)

Zärtlichkeit wird lächerlich gemacht

Sie sprechen etwas aus, wofür sich viele Frauen und Männer schämen: Das Verlangen nach Zärtlichkeit. Wir leben in einem berührungsfeindlichen Umfeld. Berührung geschieht vorwiegend in einer Beziehung, und ist dann meist mit einer Absicht verknüpft. Es geht selten um uns als ganzen Menschen. Und so wie in der Öffentlichkeit über Sex geredet wird, könnte man meinen, Zärtlichkeit sei etwas für unbeholfene Teenager, oder liebevolle Sexualität wird als naiven Blümchensex abgetan, oder man beargwöhnt und belächelt Kuschelpartys usw. Aber wir wollen ja nicht unbeholfen sein, nicht naiv, nicht bedürftig. Im Bett gilt es also genauso den Lifestyle zu erfüllen, wie auch sonst im Leben. Nur, vor lauter trendigem Getue, verleugnen wir unsere echten Gefühle und Bedürfnisse.

Ich behaupte, die Übersexualisierung hat genau mit diesem Manko an Berührung, an Nähe, an Zärtlichkeit zu tun. Ich betrachte das als Hilfeschrei einer Gesellschaft: «Hilfe wir sind sexuelle Wesen, aber wir wissen gar nicht mehr was das heisst.» Die wahren Bedürfnisse werden sehr oft mit Sex überdeckt, bzw. erkauft. Anders kennen wir es kaum noch: Eine herzliche Umarmung, ein Lachen, ein liebevoller Händedruck, ein Kuss auf die Wange usw. Einfach so, ohne Hintergedanken. Auch in der Beziehung wird abgewogen: «Ich kann jetzt keine Zärtlichkeit zulassen, ich habe keine Lust auf Sex», oder: «Ich darf sie jetzt nicht in den Arm nehmen, sonst glaubt sie wieder…» Und so dreht sich die Spirale immer weiter, und Zärtlichkeit wird immer unerreichbarer, und Sex letztlich immer frustrierender, weil er Mittel zum Zweck ist.

Sex der Sex ist

Berührung heisst Leben! Säuglinge, die nicht berührt werden, sterben. Kinder, die nicht berührt werden, stehen in ihrer Hirnentwicklung zurück. Jugendliche die nicht berührt werden, werden aggressiv und gewalttätig. Erwachsene, die keine Zärtlichkeit erleben, werden im innersten freudlos. Wenn Sie mit ihrem Partner Zärtlichkeit leben, ist der grösste Teil der Sexualität bereits abgedeckt. Daraus kann herzhaftes sexuelles Begehren erwachsen, und dann erst ist mit Sex wirklich Sex gemeint. Reden Sie miteinander über Ihre wahren Bedürftigkeiten, und Unsicherheiten.